Kommentar

9-Euro-Ticket: Darum ist das Angebot immer noch viel zu teuer

Ab sofort gilt in den regionalen Verkehrsnetzen das 9-Euro-Ticket, auch in Berlin und Brandenburg. Das ist immer noch viel zu happig – denn eigentlich müsste das Billet gratis sein. Es fehlt bloß der Mut für diesen konsequenten Schritt, der noch mehr Autofahrer zum Umstieg auf Öffis bewegen würde, findet unser Autor.

9-.Euro-Ticket schön und gut. Aber eigentlich sollte der öffentliche Personennahverkehr Gemeingut für lau sein. Foto: Imago/Shotshop

Das 9-Euro-Ticket: Ein großer Etikettenschwindel

Das 9-Euro-Ticket ist ein Phänomen, das die Gesellschaft zu einen scheint wie früher nur „Wetten, dass“, Grönemeyer und Bratwurst. Selbst überzeugte Autofahrer kaufen es, warum auch nicht.

Von heute an gilt dieses Billet, das einen Flatrate-Zugang für sämtliche Bahnen und Busse in den regionalen Verkehrsnetzen bedeutet. Für die Dauer eines Monats, von Kiel bis Konstanz. In Berlin dürften sich sogar einige Porsche-Cayenne-Fahrer aus Frohnau mit Geiz-ist-geil-Mentalität diesen vermeintlichen Hit der Mobilitätsgeschichte zulegen, um ein paar Extra-Runden auf der Ringbahn zu drehen.

Dabei ist das 9-Euro-Ticket, das die Bundesregierung um Scholz, Habeck & Co. mittels Subventionen ermöglicht hat, eigentlich ein Etikettenschwindel. Blendwerk, um zahllose Menschen einzulullen – damit sie sich in dem Gefühl wähnen, dass sie ihre Portmonees schonen und nebenbei ihre CO2-Ausstöße drosseln. Ein Nudging, das an die Sparbedürfnisse im Land der soliden Haushalte appelliert. Und dennoch viel zu kurz greift.

Denn es gibt nur einen verkehrspolitischen game changer, der die ökologischen und ökonomischen Verheerungen unserer Zeit dämpfen könnte – etwa die Hitzewellen und Dürrekatastrophen, getriggert vom Klimawandel, die austrocknenden Reservoirs von Energieträgern wie Erdöl.

Die Rede ist von dem Entschluss, dass der ÖPNV gratis wird wie Luft und Liebe. Und nicht erst 2029, 2033 oder 2037 – oder wann auch immer die Prime-Time-Nachricht verkündet werden könnte, dass Brandenburg endgültig versteppt sei. Oder die News sich verbreitet von verzweifelten Trecks mit abertausenden Klimaflüchtlingen wegen unbestellbarer Felder im globalen Süden.

Nur mit einem solchen Coup ließe sich eine kritische Masse von Autofahrern dauerhaft zum Umstieg auf Öffis bewegen. Die Folge der von weniger Kolonnen von Benzinschluckern: weniger CO2-Ausstoß und günstigere Bedingungen, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Außerdem wäre die Unabhängigkeit von Öl-Importen aus Schurkenstaaten größer.

Nichts ist unmöglich: Warum mehr drin ist als nur das 9-Euro-Ticket

Nie war der Zeitpunkt so günstig wie jetzt für einen Bocksprung dieser Art. Wegen der stockenden Zufuhr aus Öl- und Gas-Pipelines sind Politiker zu einer kreativen Energie- und Infrastrukturpolitik gezwungen. Und wenn schon in einer anderen politischen Sphäre, ganz konkret auf dem Parkett der internationalen Beziehungen, plötzlich Tabus gebrochen werden, genau genommen die Lieferung schwerer Waffen in eine Konfliktregion – nämlich in die Ukraine: Warum sollte dann nicht auch in der Verkehrspolitik auf einmal mehr Mut einkehren?

In der Berliner Landespolitik würde ein kostenloser ÖPNV übrigens viele Unterstützer finden – vor allem unter den Mitgliedern von Linken und Grünen. Die Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) hat vor Kurzem schon ein Null-Euro-Ticket für ÖPNV-Abonnenten erwogen. So traumtänzerisch, wie das Ansinnen vielleicht dem FDP-Vorstand oder dem Verband der Automobilindustrie (VDA) erscheint, sind die Lifts für lau also nicht. Das Ganze würde vollends zur runden Sache, wenn zugleich Fernverbindungen, ob mit dem ICE oder Intercity, erschwinglich würden.  

Die Einführung von Gratis-Tickets würde auch die politische Kultur hierzulande beleben, wo jeder Amtsträger als weise gilt, wenn er nur einen populären Glaubenssatz befolgt. Dass nämlich derjenige zum Arzt gehen solle, der Visionen hat. Ein Kalenderspruch, den sich einmal der unterkühlte Ex-Kanzler Helmut Schmidt, SPD, ausgedacht hat. Das Talent zum utopischen Denken ist unter deutschen Politikern daher oft so ausgeprägt wie das Fantasievermögen unter Notariatsfachangestellten.

So kann es auch vor diesem Hintergrund nur eine Lösung geben: freier Eintritt an den Türen von öffentlichen Beförderungsmitteln! Es wäre ein Angebot der Daseinsvorsorge, das gemeinwohlorientiert ist – in jeder Hinsicht.


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Auch wenn der öffentliche Regionalverkehr noch nicht kostenlos ist, kann man dank des 9-Euro-Tickets immerhin für wenig Geld von Berlin in andere Bundesländer reisen – für Urlaubstrips nach Ratzenburg oder ins Ruhrgebiet. Man kann auch hier bleiben und stattdessen mit den BVG-Fähren über idyllische Gewässer schippern, ob Wannsee oder Müggelspree – da gilt das neu eingeführte Ticket nämlich auch. Bleibt noch zu hoffen, dass man künftig auf den U-Bahnhöfen der BVG von musikalischer Beschallung verschont wird. Die kann nämlich ziemlich nerven.

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