Berlinale 2022

„Alcarràs“ von Carla Simón: Abgesang auf das bäuerliche Katalonien

In ihrem Drama „Alcarràs“ verarbeitet die katalonische Regisseurin Carla Simón autobiografische Erlebnisse und erzählt von einer Bauernfamilie, die im Kampf um ihre Pfirsichplantage auf verlorenem Posten steht. Laiendarsteller:innen sorgen für authentisches Flair in einer Geschichte, die auch grundsätzliche Probleme der spanischen Gegenwartsgesellschaft aufgreift. tipBerlin-Autorin Alexandra Seitz hat den überzeugenden Film im Berlinale-Wettbewerb gesehen .

Was bekommen die Kinder mit von den Problemen der Großen im Drama „Alcarràs“? Foto: LluisTudela

„Alcarràs“: Solarpaneele statt Pfirsichplantage

Es sieht so aus, als sei das letzte Jahr der Pfirsichplantage angebrochen, die die Solés in Alcarràs, einem kleinen Ort in Katalonien, unterhalten. Der Don, dem ihr Land gehört, will es verpachten an ein Unternehmen, das dort wiederum Solarpaneele aufstellen will. Das machen jetzt viele so. Die Landwirtschaft wirft schließlich nicht mehr genug ab, jedenfalls nicht für Familienbetriebe.

Auch die Solés kommen kaum noch über die Runden: Papa Quimet rackert sich seinen Rücken kaputt, Mama Dolors versucht, den Laden zusammenzuhalten, bekommt es aber auch immer wieder mit dem landestypischen Machismo zu tun, Sohn Roger hilft, wo er kann, sollte aber eigentlich die Schulbank drücken, und Tochter Mariona steckt in der Pubertät und hat keinen Bock. Außerdem sind da noch die drei Kleinen sowie Oma und Opa. Oma erzählt Geschichten von früher und Opa versteht die Welt nicht mehr: Die Sache mit dem Land, die hatte er doch seinerzeit während des Spanischen Bürgerkrieges per Handschlag mit dem Opa vom Don geregelt! Wieso will dessen Enkel jetzt plötzlich einen Vertrag sehen?! Was nutzt ein Handschlag in Zeiten wie diesen?

Regisseurin Carla Simón. Foto: David Ruano

Das Ende der traditionellen bäuerlichen Lebensweise im Drama „Alcarràs“

Wie schon in ihrem Debütfilm „Fridas Sommer“ (ausgezeichnet bei der Berlinale 2017) greift die katalonische Regisseurin Carla Simón auch bei ihrem zweiten Langfilm „Alcarràs“ auf autobiografische Erfahrungen zurück. Im titelgebenden Alcarràs bauen ihre Onkel Pfirsiche an und dort pflegt die große Sippe der Simóns sich sommers und zur Weihnachtszeit zusammenzufinden. Und wenngleich auch nicht mit Mitgliedern der eigenen Familie besetzt, so sind es doch Laien-Darsteller:innen, die dem Leben der Solés und der Arbeit auf der Finca die authentische Anmutung verleihen.

Am Beispiel der Drei-Generationen-Bauernfamilie, die sich mit dem Ende ihrer traditionellen Lebensweise konfrontiert sieht, dröselt Simón aber auch einige grundsätzliche Probleme der spanischen Gegenwartsgesellschaft auf: das nach wie vor quasi-feudalistische System von Großgrundbesitzern und pachtenden Kleinbauern, in dem Überheblichkeit auf Unterwürfigkeit trifft; die skandalöse Agrarpolitik, die mit Dumping-Preisen kleinen Betrieben das Überleben unmöglich macht; Solarpaneele, die Kulturlandschaften vernichten; Familienbande, die den rasanten Veränderungen nicht mehr standhalten.

Und da das alles wichtig und richtig ist und ihr außerdem sehr nahe geht, erzählt es Simón in „Alcarràs“ vielleicht ein kleines bisschen zu ausführlich. Aber das ist schon fast Jammern auf hohem Niveau. Schließlich wünscht man mit Simón unbedingt, dass diese Pfirsichplantage überlebt. Happy End? In Zeiten wie diesen?


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