• Kino & Stream
  • Filme
  • Filmstarts der Woche: Von „Lieber Thomas“ bis „Last Night in Soho“

Neu im Kino

Filmstarts der Woche: Von „Lieber Thomas“ bis „Last Night in Soho“

Was läuft diese Woche neu im Kino? Über Thomas Brasch, den Schriftsteller und Filmemacher aus einer bekannten DDR-Familie, gibt es schon eine Reihe von Filmen. Nun hat Andreas Kleinert einen biografischen Spielfilm über ihn gemacht, mit Albrecht Schuch in der Hauptrolle und Jella Haase in der Rolle der Katharina Thalbach. Neben diesem deutschen Film startet diese Woche im Kino noch der Psychothriller „Last Night in Soho“ von Edgar Wright. Unter den kleineren Starts finden sich auch sehenswerte Titel, zum Beispiel der argentinisch-italienische Autorenfilm „Material“ oder das Porträt „Billie – Legende des Jazz“ über die große Billie Holiday. Die Filmstarts der Woche im tipBerlin-Überblick.


Lieber Thomas

„Lieber Thomas“ von Andreas Kleinert. Bild: Wild Bunch Germany

BIOGRAFIE Porträt eines Unangepassten, des Schriftstellers Thomas Brasch, der in der DDR aneckte, sich aber auch im Westen nicht vereinnahmen lies. Erzählt in atmosphärisch dichten Schwarzweißbildern, getragen von einem exzellenten Darstellerensemble, angeführt von Albrecht Schuch. Frank Arnold

D 2021; 150 Min.; R: Andreas Kleinert; D: Albrecht Schuch, Jella Haase, Ioana Jacob, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Emma Bading; Kinostart: 11.11.

Über „Lieber Thomas“ und die Erinnerung an Brasch sprachen wir mit Regisseur Andreas Kleinert.


Last Night in Soho

„Last Night in Soho“ von Edgar Wright mit Matt Smith und Anya Taylor-Joy. Foto: 2021 Focus Features LLC

PSYCHOTHRILLER Regisseur Edgar Wright, der seine Ausflüge in das Horror-Genre bislang immer mit einem Augenzwinkern unternommen hatte, meint es diesmal ernst: „Last Night in Soho“ ist gleichermaßen eine Hommage an die Swingin‘ Sixties wie eine Dekonstruktion des poppigen Mythos. Man kann sich an der Musik, den schicken Kleidern und Frisuren erfreuen, doch unter der Oberfläche lauern in Londons altem Vergnügungsviertel Blut, Tränen und sexuelle Ausbeutung. Dabei hält der Film geschickt in der Balance, ob die Ereignisse nur die Einbildung einer psychisch labilen Persönlichkeit sind, oder ob da ein ganz realer Horror nach der Hauptfigur Eloise greift. Lars Penning

GB 2021; 116 Min; R: Edgar Wright; D: Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Joy, Diana Rigg, Rita Tushingham; Kinostart: 11.11.

Sehenswert? Ja! Unsere Kritik zu „Last Night in Soho“ lest ihr hier.


Maternal

Neu im Kino: „Maternal“ von Maura Delpero. Bild: missingFILMS

DRAMA Josef und Maria, das seien die Adoptiveltern von Baby Jesus auf Erden. Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem, wie auch Novizin Paola (Lidiya Liberman), die es aus Italien nach Buenos Aires verschlagen hat, um in einem sogenannten Hogar zu dienen. „Hogar“, das heißt auf Deutsch so viel wie „Zuhause“. Und tatsächlich haben hier einige kleine Familien Unterschlupf gefunden: Mütter mit ihren oftmals noch ziemlich kleinen Kindern. Die Nonnen stellen den Rahmen, bieten Dach und Brot, nehmen die nach Obhut Suchenden dafür aber auch in die Mangel. Das Regelmaß ist hart, auch wenn hin und wieder Gelegenheit für eine Party unter den Müttern besteht, und die Kinder, ausnahmslos ins christliche Einmaleins eingewiesen, süße Bilder der heiligen Familie kritzeln.

Kein Ort für Luciana, genannt Lu (Augustina Malale), noch nicht volljährig und mit ihrer Tochter Nina im Hogar. Vielmehr sehnt sie sich nach einem Leben mit einem Mann, dessen Namen sie in Herzchen an die Wand neben ihrem Doppelstockbett schmiert. Wenig später ist Lu getürmt. Ohne Nina.

Regisseurin Maura Delpero inszeniert in ihrem Debütfilm, der vor zwei Jahren Premiere in Locarno feierte, weniger einen Clash zwischen Frauen als vielmehr eine spannungsgeladene Begegnung zwischen weltlichem und religiösem Milieu. Bindeglied ist besagte Paola, welche in der Entdeckung ihrer eigenen Muttergefühle eine Grenze überschreitet und der damit ein eigenartiges Paradox gelingt: indem sie sich von Konventionen ihrer Rolle löst, nähert sie sich gewissermaßen der Gottesmutter Maria an – sie empfängt Nina unbefleckt.

„Maternal“ ist reich an verschiedenen Deutungsmöglichkeiten, die durchdachten, häufig symbolisch aufgeladenen Bilder werden nüchtern, fast distanziert präsentiert. Wirklich nah kommt einem keine der Figuren, auch wenn sich situativ immer wieder Sympathien einstellen. Es ist eine ästhetische Starrheit, hinter der sich viel Bewegung verbirgt. Carolin Weidner

I 2019; 91 Min.; R: Maura Delpero; D: Lidiya Liberman, Denise Carrizo, Agustina Malale; Kinostart: 11.11.


Speer Goes to Hollywood

„Speer Goes to Hollywod“ von Vanessa Lapa. Bild: Salzgeber

DOKUMENTARFILM Albert Speer inszenierte Reichsparteitage der Nazis, baute  als Architekt die protzige Reichskanzlei für Hitler, entwarf die Reichshauptstadt Germania (mehr zu NS-Architektur in Berlin lest ihr hier) und organisierte als Kriegsminister ab 1942 die Rüstungswirtschaft des Dritten Reichs – wobei zigtausende KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter den Tod fanden. Im Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg kam Speer mit 20 Jahren Gefängnis davon, weil er sich geschickter als andere verteidigte: Er erkannte eine generelle Schuld für die Verbrechen der Naziära an und stritt die persönliche Schuld ab. In der Haft verfasste er geschönte Erinnerungen, die nach seiner Entlassung nicht nur zum weltweiten Bestseller avancierten, sondern 1971 von der Paramount auch als Biopic verfilmt werden sollten. 

Die (nachgesprochenen) Tonaufzeichnungen von Treffen des britischen Drehbuchautors Andrew Birkin mit Speer sind die Grundlage dieses Dokumentarfilms, in dem die Regisseurin Vanessa Lapa entlarvende Aussagen des Ex-Naziministers mit Aufnahmen aus dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal kontrastiert. Dass Speer nicht der „gute Nazi“ war, als der er sich stilisierte, sondern ein karrieregeiler Technokrat, dem die Opfer egal waren, ist allerdings längst Stand der Geschichtsschreibung. Insofern wenig Neues von dieser formal eher holprigen Doku. Lars Penning

Israel 2020; 97 Min.; R: Vanessa Lapin; Start: 11.11.


Mit eigenen Augen

„Mit eigenen Augen“ von Miguel Müller-Frank. Bild: Real Fiction

DOKU „Bis dahin, machen Sie’s gut und bleiben Sie freundlich“, verabschiedet sich Georg Restle aus der Sendung „Monitor“ im WDR. Ein Aufruf zur Gelassenheit. Dass die Gemüter in den vergangenen Minuten eher heißer als kühler geworden sind, ist dennoch gewollt. Seit 1965 deckt das Politmagazin Skandale auf, arbeitet sich investigativ an den Problemzonen der Gegenwart ab. In der Ausgabe vom 27. Juni 2019 wären dies: ein mutmaßlich pädophiler Straftäter im Gewand eines Assistenzarztes in einem saarländischen Klinikum, rechte Terrorstrukturen in Deutschland um den Mord an Walter Lübcke sowie der schwere Stand von kritischen Polizisten in den eigenen Reihen.

Der Entstehung zweier dieser Beiträge durfte Dokumentarfilmregisseur Miguel Müller-Frank in „Mit eigenen Augen“ beiwohnen. Drei Wochen bleiben der Redaktion jedes Mal bis zum nächsten Sendetermin, die Arbeit gleicht einem „Kampf bis zum letzten Tag“.  Im Film wird die steigende Anspannung im Büro als Countdown inszeniert. Wenn sich zwei Bildforensiker uneinig über die Identität eines Mannes sind, DER SPIEGEL mit ins Wettrennen um eine Erstveröffentlichung einsteigt, noch „der parlamentarische Raum abgeklappert“ werden muss und das Voiceover erst kurz vor Ausstrahlung im Tonstudio eingesprochen wird, möchte man nicht in der Haut der Beobachteten stecken.

Dabei fängt der Film einen nahezu magischen Prozess ein: wie sich aus einem großen Durcheinander zum letztmöglichen Zeitpunkt doch Ordnung und Kohärenz einstellen. Als Zuschauer ist man mittendrin, denn auch für ihn müssen sich die „konzentrischen Kreise“, wie sie sich etwa um ein rechtes Festival in Sachsen legen, erst einmal klären. Vieles bleibt trotz dessen verschwommen. Die Journalistinnen und Journalisten diffundieren von einem Büroraum zum nächsten, verwechseln mitunter auch ihren eigenen Arbeitsplatz. Das ist alles ein bisschen neben der Spur. Darin aber auch nicht wenig faszinierend.  Carolin Weidner

D 2020; 110 Min; R: Miguel Müller-Frank; Kinostart: 11.1.


Billie – Legende des Jazz

„Billie – Legende des Jazz“ von James Erskine. Bild: Prokino

STARPORTRÄT Erst durch ihre Interpretation wurde 1939 der Song „Strange Fruit“, eine düstere Anklage gegen Rassismus und Lynchjustiz, wirklich bekannt, ein Lied, das mit dem 2020 so offensichtlich gewordenen, immer noch weit verbreiteten Rassismus in den USA eine neue, traurige Bedeutung gewann. Nach dem Spielfilm „The United States vs. Billie Holiday“ würdigt jetzt ein Dokumentarfilm die frühverstorbene Sängerin.

Dem britischen Dokumentaristen James Erskine kam es dabei zugute, dass sein Produzent unveröffentlichtes Material über Holiday aufspüren konnte: 125 Audiocassetten mit über 200 Stunden aufgezeichneter Interviews aus den siebziger Jahren. Dieses Material fügt der Film zu einer ‚oral history‘ zusammen, die das Leben und die Kunst der Billie Holiday würdigt.

Es ist eine Lebensgeschichte, deren Tragik sich in den Lebensgeschichten vieler anderer Künstlerinnen widerspiegelt, man denke nur an Whitney Houston: eine junge Schwarze mit einer schweren Kindheit, die schließlich dank ihres Gesangstalents den Durchbruch schafft, die von den Männern ausgebeutet wird, die Drogen nimmt und einen frühen Tod stirbt. Billie prostituiert sich in jungen Jahren, kommt von Marihuana zu Kokain und Heroin, verbüßt dafür 1947 eine einjährige Gefängnisstrafe, sie liebt nicht nur Männer, sondern auch Frauen, auch wenn es immer die Männer sind, von denen sie nicht loskommt, auch wenn sie sei schlecht behandeln. Der Film verdichtet das eindrucksvoll mit ihrem Song „My Man“, in dem sie davon singt – aber auch davon, dass sie sich ihm trotzdem unterordnen würde.

Sie deshalb nur als Opfer zu sehen, wäre falsch. Aus einigen wenigen Gesangsauftritten von Billie Holiday, die auf Film festgehalten wurden, spricht ihr Selbstbewusstsein, das akzentuiert wird durch die behutsame Kolorierung der Aufnahmen. Widersprüche in den Aussagen der Gesprächspartner lässt der Film als solche stehen, schneidet sie mehrfach sogar pointiert zusammen.

Am Ende wird „Billie“ zu einem Doppelporträt, würdigt nicht nur die Sängerin, die 1958 mit nur 44 Jahren starb, sondern auch die Journalistin Linda Lipnack Kuehl, deren achtjährige Recherchen das Fundament legen sollten für eine definitive Biografie und die jetzt die Basis des Films bilden. Kuehl starb 1978 unter ungeklärten Umständen, ihre Interviews wurden von der Familie an einen Sammler veräußert. Rätsel bleiben. Dazu passt Billie Holidays Antwort auf die Frage, welcher ihrer Songs sie wohl am besten beschreiben würde: „Don’t explain“. Frank Arnold

Großbritannien/USA 2019; 96 Min.; R: James Erskine; Kinostart: 11.11.


Mehr zum Thema

Sonst noch im Kino und Streaming: Alles zum Musikfilmfestival Soundwatch; einen Kommentar zur vieldiskutierten Netflix-Serie „Squid Game“; die Filmstarts der vergangenen Woche mit dem Marvel-Film „Eternals“. Immer neue Texte zu Streams und Kino lest ihr hier.