Architektur

12 Jugendstil-Bauten in Berlin: Verschnörkelt, filigran und verspielt

Jugendstil, außerhalb von Mitteleuropa meist als Art Nouveau bezeichnet, ist eine der großen Strömungen der Moderne. Die Bauwerke zeichnen sich durch geschwungene Formen und eine extravagante Verspieltheit aus, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass mit Glas, Stahl und Beton ab dem späten 19. Jahrhundert hinter den Fassaden Zukunft verbaut wurde. Mit Schnörkeln, schmiedeeisernen Balkonen, runden Erkern und floralen Ornamenten sind die Häuser auffällig, haben hier aber im Schatten der wilhelminischen Prunkbauten Seltenheitswert. 12 tolle Beispiele für Jugendstil-Architektur in Berlin zeigen wir euch hier.


Landgericht Littenstraße

Jugendstil in Berlin lässt sich im Landgericht Mitte bewundern – von innen und außen ist es ein Musterbeispiel für die Architekturform. Foto: Imago/Schöning
Jugendstil in Berlin lässt sich im Landgericht Mitte bewundern – von innen und außen ist es ein Musterbeispiel für die Architekturform. Foto: Imago/Schöning

Es ist schon ein starkes Stück Rebellion, das sich der sonst nur wenig in Erscheinung getretene Architekt Otto Schmalz Ende des 19. Jahrhunderts erlaubt hatte: Unter seiner Leitung erfolgte die Bauausführung des heutigen Amtsgerichts Mitte, in preußischer Langfassung: Geschäftsgebäude für die Zivilabteilungen des Landgerichts Berlin I und des Amtsgerichts Berlin I. Preußisch sollte der Justizpalast eigentlich auch werden, ein neobarockes Monument für Recht und Ordnung. Schmalz ist es zu verdanken, dass der Gebäudekomplex vom Entwurf abweicht, überall geschwungen und verspielt wirkt, mit filigraner Fassade und floralen Mustern. Besonders schön ist das Haupttreppenhaus mit Säulen aus Sandstein und dem kleeblattförmigen Gewölbe. Weltkriegsschäden und die Abrissbirnen der DDR haben dem ursprünglich größeren und noch feineren Komplex zwar zugesetzt, doch längst steht das Haus unter Denkmalschutz und wurde inklusive der meisten Ornamente aufwendig rekonstruiert.

  • Landgericht Berlin Littenstraße 12-17, Mitte

Bahnhof Mexikoplatz

So rund und elegant ist kaum eine Haltestelle in Berlin: Der Bahnhof Mexikoplatz im Jugendstil. Foto: Imago/Schöning
So rund und elegant ist kaum eine Haltestelle in Berlin: Der Bahnhof Mexikoplatz im Jugendstil. Foto: Imago/Schöning

Berlin hat viele große Bahnhöfe, und auch die U-Bahn-Stationen machen architektonisch was her. Einer der schönsten Bahnhöfe Berlins befindet sich aber fern der Innenstadt am Mexikoplatz. Das Architekturbüro Hart & Lesser, sonst für bourgeoise Wohnfestungen im Neorenaissance-Stil bekannt, schuf dort zwischen 1902 und 1904 ein elegantes kleines Gebäude mit Schwung: Rundungen bestimmen den Jugendstil-Bau, elegant sind dabei vor allem die Fenster und das geradezu freundliche Dach. Die im Jugendstil so beliebten Ornamente findet man vor allem an der Eisenbahnbrücke über die Lindenthaler Allee.

  • Bahnhof Mexikoplatz Zehlendorf

Jugendstil-Villa Groterjan

Türmchen, Ornamente und ein asymmetrischer Grundriss machen die Villa Groterjan zu einem der wichtigsten Jugendstil-Bauwerke in Berlin. Foto: Kvikk/Wikimedia Commos/CC BY-SA 4.0
Der Turm, Ornamente und ein asymmetrischer Grundriss machen die Villa Groterjan zu einem der wichtigsten Jugendstil-Bauwerke in Berlin. Foto: Kvikk/Wikimedia Commos/CC BY-SA 4.0

An der Prinzenallee befand sich einst die Brauerei Groterjan, die Berlin mit Malzbier versorgte – der Durst auf dieses Getränk nahm allerdings nach 1950 kontinuierlich ab, Groterjan fiel an Schultheiss, die Brauerei wurde geschlossen. Die Villa Groterjan in Prenzlauer Berg hingegen steht noch fest, auch wenn der Biergartenbetrieb mit Tanzsaal und Kegelbahn 1908, ein Jahr nach Fertigstellung der Villa, bereits Konkurs anmelden musste. Der Grundriss ist asymmetrisch, zum Jugendstil gehören hier vor allem das Dach und die blumigen Ornamente sowie der spektakuläre Turm. Mittlerweile ist sogar wieder ein Restaurant in das Architekturdenkmal eingezogen.

  • Villa Groterjan Milastraße 2, Prenzlauer Berg

Stadtbad Steglitz

Jugendstil in Berlin: Man beachte die filigranen Ozeanmotive an den blauen Brüstungen. Foto: Imago/Impress Pictures

Zu den Schwimmbädern in Berlin, die wir uneingeschränkt empfehlen können, zählt das Stadtbad Steglitz nicht – was natürlich daran liegt, dass der wunderschöne Jugendstil-Bau seit 2002 nicht mehr als Schwimmbad genutzt wird. Zweckentfremdung gab es schon immer: Im Ersten Weltkrieg war die Therme ein Lebensmitteldepot, nach der Schließung fanden hier Kulturveranstaltungen statt. Wie es mit dem Gebäude weitergeht, ist völlig offen, aber man darf hoffen, dass man irgendwann wieder einen Blick ins Innere werfen darf. Denn der Architekt Richard Blunck hat der einst eigenständigen Stadt Steglitz ein wunderschönes Bad in einer Mischung aus Jugendstil und Historismus hinterlassen, das das Badevergnügen mit der gestalterischen Anlehnung an eine Basilika himmlisch aufgewertet hat.

  • Stadtbad Steglitz Bergstraße 90, Steglitz

Hebbel-Theater

Mit dem traditionsreichen Hebbel-Theater begründete der Theaterarchitekt Oskar Kaufmann seinen Ruhm. Foto: Imago/Pop-Eye
Mit dem traditionsreichen Hebbel-Theater begründete der Theaterarchitekt Oskar Kaufmann seinen Ruhm. Foto: Imago/Pop-Eye

Das Schaffen von Oskar Kaufmann konzentrierte sich auf die Bühnen: In Berlin baute der ungarisch-jüdische Architekt das Renaissance-Theater, die Krolloper, die es nicht mehr gibt, und die nach dem Krieg viel schlichter restaurierte Volksbühne, in Tel Aviv schuf er das israelische Nationaltheater Habimah. Seinen Ruhm begründete aber das 1908 vollendete Hebbel-Theater, der Berliner Erstling des Baumeisters. Dem Platzmangel an der damaligen Königgrätzer, heute Stresemannstraße, wirkte er entgegen, indem er das prachtvoll mit Muschelkalk verkleidete Gebäude in die Höhe streben ließ. Fast bis zum Giebel ziehen sich die Natursteinblöcke, und wo der Jugendstil sonst auf Ornamente setzt, ist das Hebbel-Theater geradezu schlicht, aber in den Formen organisch. Seit 2003 ist es eine der drei HAU-Spielstätten.

  • Hebbel-Theater (HAU1) Stresemannstraße 29, Kreuzberg

Warenhaus Jandorf

Vor allem an den oberen Fensterpartien zeigt sich der Jugendstil. Foto: Imago/Schöning
Vor allem an den oberen Fensterpartien zeigt sich der Jugendstil. Foto: Imago/Schöning

Viele historische Kaufhäuser in Berlin haben die Zeiten nicht überstanden. Das von Adolf Jandorf aufgebaute Warenhaus an der Brunnen-, Ecke Veteranenstraße hingegen steht immer noch, auch wenn dort nichts mehr verkauft wird. In der DDR war es das Institut für Modegestaltung, nach der Wende immer mal wieder Ort für Kulturevents, aber der alte Glanz fehlt – was überaus schade ist, denn das repräsentative Haus befindet sich nicht nur in bester Lage, sondern weist mit den Fenstern auf den oberen Etagen und deren reichhaltigen Verzierungen auch viele Elemente des Jugendstils auf.

  • Ehemaliges Warenhaus Jandorf Brunnenstraße 19-21, Mitte

Hackesche Höfe

Die Hackeschen Höfe sind einer der schönsten Orte in Berlin – und ein intaktes Jugendstil-Ensemble. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Die Hackeschen Höfe sind einer der schönsten Orte in Berlin – und ein intaktes Jugendstil-Ensemble. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Die Fensterformen sind typisch für den Jugendstil, und überhaupt hat August Endell hier alle Register gezogen: Die bunten Fassaden und die Farbtupfer selbst in den Backsteinwänden findet man so nur selten in Berlin und würde sie eher in Jugendstil-Metropolen wie Wien und Riga vermuten. Das Ensemble mit Wohn- und Gewerbebauten war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Begegnungsraum in der Stadt, heute zieht es in die Hackeschen Höfe vornehmlich Tourist:innen – was wir nicht so ganz verstehen angesichts der Schönheit des Ensembles. Für eine Tour durch Hinterhöfe in Mitte haben wir noch ein paar gute (Geheim-)Tipps.

  • Hackesche Höfe Rosenthaler Straße 40–41, Mitte

Thomasiusstraße 5 in Moabit

Jugendstil in Berlin: Von oben blickt ein Faun herab. Foto: tipBerlin
Jugendstil in Berlin: Von oben blickt ein Faun herab. Foto: tipBerlin

Die Thomasiusstraße in Moabit ist nur einen Katzensprung von der Spree entfernt, aber es lohnt sich, nicht so viel aufs Wasser zu schauen, sondern die Häuser hier zu bewundern. Denn an der Nr. 5 befindet sich ein prachtvolles Architekturdenkmal, das zwar die bewährte Gliederung des wilhelminischen Altbaus übernimmt – aber 1902 war man doch bereits moderner. Der Baumeister Hans Landé ließ Reliefs aus Bronze an Giebel und Fenster anbringen, aber der Blickfang dieses dem Jugendstil zuzurechnenden Gebäudes in Berlin blickt von oben herab: eine fein gearbeitete Faunfratze ziert das Gebäude, die mystischen Naturmotive ziehen sich durch die ganze Fassadengestaltung.

  • Jugendstil-Wohnhaus Thomasiusstraße 5, Moabit

Karl-Schrader-Haus Wedding

Das Karl-Schrader-Haus dominiert die Gegend rund um die Malplaquetstraße im Wedding. Foto: Schliwiju/Wikimedia Commons/CC BY-SA 4.0
Das Karl-Schrader-Haus dominiert die Gegend rund um die Malplaquetstraße im Wedding. Foto: Schliwiju/Wikimedia Commons/CC BY-SA 4.0

Typisch Jugendstil sind hier nicht nur die floralen Bänder entlang der Fassade, die stilisierten Masken und Frauenköpfe, die filigranen Türmchen und die schmiedeeisernen Balkongitter, sondern auch der architektonische Ansatz, den Hugo Sonnenthal und Friedrich Kristeller gewählt haben: Das 1906 fertiggestellte Karl-Schrader-Haus in Wedding, benannt nach dem Gründer der Berliner Baugenossenschaft, wurde explizit als günstiger Wohnraum für Berlins Arbeiter:innenklasse geschaffen. Und ganz im Sinne des Reformbaus entstand so kein finsterer Block, sondern eine kompliziert geschnittene Anlage mit Balkonen, Grünflächen, viel Licht, eigener Hausbibliothek und Badezimmern – keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt, die noch in den 1990er-Jahren oft Kohleheizungen nutzte.

  • Karl-Schrader-Haus Malplaquetstraße 16b, Wedding

Kirche zum Vaterhaus

Jugendstil-Kirchen sind selten, aber es gibt sie – im Treptower Ortsteil Baumschulenweg zum Beispiel. Foto: André Karwath/Wikimedia Commons/CC BY-SA 2.5
Jugendstil-Kirchen sind selten, aber es gibt sie – im Treptower Ortsteil Baumschulenweg zum Beispiel. Foto: André Karwath/Wikimedia Commons/CC BY-SA 2.5

Die beiden Türme überragen mit je 47 Meter die anderen Gebäude an der Baumschulenstraße. Die Kirche zum Vaterhaus ist eine Sehenswürdigkeit im Ortsteil Baumschulenweg, schon allein, weil sie das erste Gotteshaus im ländlich geprägten Treptow war, als sie 1911 eingeweiht wurde. Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth, gemeinsam die Architekten vieler Rathäuser in Berlin, setzten hier auf klare Jugendstil-Elemente, eine gelb verputzte Fassade und schmückende Ornamente, wenngleich damit sparsam umgegangen wurde. „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ prangt über dem Eingangsportal des Baus, der erst nach 1990 wieder restauriert wurde.

  • Kirche zum Vaterhaus Baumschulenstraße 82-83, Baumschulenweg

Admiralspalast

Der Innenhof des Admiralspalasts weist Jugendstil-Elemente auf, an der Planckstraße finden sich noch mehr. Foto: Imago/Drama-Berlin.de
Der Innenhof des Admiralspalasts weist Jugendstil-Elemente auf, an der Planckstraße finden sich noch mehr. Foto: Imago/Drama-Berlin.de

Der Innenhof des Admiralspalasts erinnert stark an die Hackeschen Höfe: Bunte Fassaden, auffällig gegliederte und abwechslungsreiche Fenster, dazu dieses ganz besondere Licht in der Dämmerung, das den Eindruck noch verstärkt. Das Haus, das 1910 als Vergnügungspalast mit Bädern und einer Eislaufbahn errichtet wurde, dient seit den 1920er-Jahren mit Unterbrechungen als Theater und Konzertsaal. Der Bühnenbereich wurde vielfach umgebaut, und auch an den Fassaden zeigen sich wechselvolle Zeiten: Der Haupteingang an der Friedrichstraße nimmt sich fast klassizistisch aus, im Hof finden sich jedoch Formen des Jugendstils, ebenso an der reich mit Ornamenten versehenen Fassade an der Planckstraße. Und im Innern wurden für die Restaurierung sogar alte Jugendstil-Mosaike verwendet, die jahrzehntelang in Depots lagerten.

  • Admiralspalast Friedrichstraße 101, Mitte

Hotel am Steinplatz

Zurück zur Natur? Die dient jedenfalls als Inspirationsquelle für Formen im Jugendstil. Foto: Imago/Joko
Zurück zur Natur? Die dient jedenfalls als Inspirationsquelle für Formen im Jugendstil. Foto: Imago/Joko

August Endell hat nicht nur die Hackeschen Höfe geschaffen, sondern mit dem Hotel am Steinplatz auch ein Meisterwerk des Jugendstils in Berlin. Inspirationsquelle für das Gemäuer war die Natur, die organischen Formen ziehen sich durch den gesamten Komplex. Die olivgrüne Fassade wirkt geradezu umwoben und umrankt, sie wird geziert von Ornamenten mit Wald- und Nachtmotiven. Das 1906 fertiggestellte Gebäude diente ab 1913 als Hotel. Nach der Oktoberrevolution zog der russische Adel hier ein, auch Vladimir Nabokov, Yehudi Menuhin und Zarah Leander gingen ein und aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg traf man sich hier in einer Künstler:innenbar, heute ist hier wieder eines der besten Hotels Berlins eingezogen.

  • Hotel am Steinplatz Steinplatz 4, Charlottenburg

Mit dem Bröhan-Museum hat Berlin ein Landesmuseum für Art Déco, Funktionalismus, Jugendstil und die Kunst der Berliner Secession. Das Haus selbst ist allerdings Teil des Ensembles vom Schloss Charlottenburg und fehlt in dieser Liste.

  • Bröhan-Museum Schloßstraße 1a, Charlottenburg

Mehr Architektur in Berlin

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