Technologie

Gewerbeausstellung 1896: Berlins Sprung in die Moderne

7,4 Millionen Menschen besuchten im Sommer 1896 eine Gewerbeausstellung im Treptower Park. Von U-Bahn bis elektrische Beleuchtung: Die Schau katapultierte Berlin in die technologische Neuzeit. Sie war damit so bedeutend wie eine Expo und erinnert heute an ein Zeitalter der großen Erfindungen.

So präsentierte sich ein großer Konzern der Öffentlichkeit im Jahr 1896: die Mannesmannröhren-Werke brachten gusseisernes Material in allen Variationen zum Vorschein. Bild: gemeinfrei

Gewerbeausstellung 1896: Wundermesse auf 1,1 Millionen Quadratmetern

In der Stadt, die bislang vor allem als Zentrum eines Militärstaats gegolten hatte, gelenkt unter dem Regiment von Kaiser Wilhelm II., schlug auf einmal der Takt der Moderne. Der Auslöser: eine Großmesse, die 7,4 Millionen Menschen anzog. Gemeint ist die Gewerbeausstellung im Treptower Park 1896.

Denn die Besucherinnen und Besucher waren damals vorindustrielle Lebensbedingungen gewohnt. Lampen, die dank Gas oder Petroleum leuchteten. Fortbewegungsmittel, gezogen von Pferden.

Zwischen dem 1. Mai und dem 15. Oktober 1896 jedoch erlebten sie eine Darbietung neuester Ingenieurskunst. Überwältigend wie die kühnsten Passagen in einem Jules-Verne-Roman. Myriaden von elektrischen Lichtern, gefertigt von der AEG, illuminierten das Wegenetz des Parcours’. Zu sehen waren Präsentationen von 4.000 Unternehmen, Vereinen und Institutionen – auf 1,1 Millionen Quadratmetern.

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Zur Wundermesse gondelten die Leute in kürzesten Intervallen mit einer elektrischen Straßenbahn, damals eine Sensation. Der Siemens-Konzern hatte diese Logistik ermöglicht. Im Fuhrpark: fünfzig Motorwagen, die jeweils zwei Waggons zogen. Die Fahrzeuge rollten über vier Bahnlinien, im 2,5-Minuten-Takt pendelten sie von der Innenstadt nach Treptow. Urbanität in einer Stadt, die zu diesem Zeitpunkt gegenüber den Metropolen Paris und London rückständig war.

Vier Mark kostete der Eintritt ins industrielle Wunderland. Die Gäste der Gewerbeausstellung lauschten einem Vortrag Otto Lilienthals, dem Überflieger im Luftfahrtgewerbe, über „Praktische Flugversuche“. Wilhelm Conrad Röntgen demonstrierte erstmals vor großem Publikum die medizinischen Möglichkeiten seiner X-Strahlen. Im Edison-Pavillon machten sich Leute mit den physikalischen Grundlagen des Lichtspiels vertraut – anhand von Lumières Kinematographen.

Gewerbeausstellung im Jahr 1896: eine „große Wallfahrt“

Zur Zerstreuung gab es einen Vergnügungspark. Das Quartier „Alt-Berlin“ vermittelte eine Anmutung der mittelalterlichen Stadt. Das Viertel „Kairo“ war der Nachbau der Altstadt der ägyptischen Großsiedlung, erweitert um eine 30 Meter hohe Pyramidenattrappe – eine stark klischierte Fantasie.

Alfred Kerr, der Theaterkritiker, beschrieb die Ausstellung in der „Breslauer Zeitung“ als „große Wallfahrt“. Georg Simmel, Urvater der Soziologie, damals Star-Intellektueller, fühlte sich überflutet von den Reizen. Er schrieb von einer „Paralyse des Wahrnehmungsvermögens, einer wahren Hypnose“.

Eigentlich war die Gewerbeausstellung nur zweite Wahl gewesen. Zunächst wollten Berlins Kaufleute eine Expo in Berlin ausrichten. Also eine Ausgabe jener internationalen Veranstaltungsserie, die 1851 in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs ihren Anfang genommen hatte und danach an anderen Standorten reüssierte, von Paris bis Chicago.

Doch Wilhelm II., der Hohenzollern-Monarch, sträubte sich gegen den Expo-Plan, ebenso der Reichskanzler Leo Graf von Caprivi. So machten sich örtliche Wirtschaftsgrößen, allen voran der „Verein Berliner Kaufleute und Industrieller“ sowie eine Interessensgemeinschaft, von staatlichen Bedenkenträgern unabhängig. Und sorgten für ein Spektakel in Eigenregie, mit lokalen Ausstellern.

Die Gewerbeausstellung war ein Booster für neue Technologie

Als „verhinderte Weltausstellung“ steht dieses Ereignis in den Chroniken. Die Kehrseite: Die Gewerbeausstellung bot den Aggressionen einer Großmacht einen Exerzierplatz, dem Deutschen Reich. Dazu später mehr.

Der technologischen Entwicklung Berlins verpasste die Selbstinszenierung jedoch einen riesigen Schub. Von der Schau sind öffentliche Bauten geblieben. Etwa die heutige Oberbaumbrücke, die damals aus Backstein und anderen Materialien zusammengemauert worden ist, um das Publikum aus der Stadtmitte nach Treptow zu navigieren. Ebenfalls Hits: die S-Bahnhaltestelle am Treptower Park und die Archenhold-Sternwarte auf derselben Grünfläche, bis heute das größte Linsenfernrohr der Welt.

Ein Mega-Projekt ist erst 1899 zum Komfort für die Stadtbevölkerung geworden. Es ging um einen weiteren Zubringer zum Gelände. Zwischen Stralauer Halbinsel und Treptower Park haben Arbeiter mithilfe von Maschinenkraft die Spree untertunnelt; ein Bohrwurm fräste sich durch die Sedimente des Flusses. Diese Bauweise im Schildvortriebsverfahren, entwickelt von der AEG, war eine Weltneuheit.

Wegen des schlammigen Geländes dauerte die Tätigkeit länger als erwartet. Ein Reporter lobte in der „Gartenlaube“ die Praxis am Bau: „Nach dreijährigem Kampfe mit vielen Hindernissen ist der Tunnel unter der Oberspree im Osten Berlins zwischen Stralau und Treptow glücklich, ohne einen einzigen schweren Unfall, vollendet worden.“

Dank der Gewerbeausstellung verkehrten erstmals Trams unter der Erde

Ein paar Jahre nach der Ausstellung, zur Jahrhundertwende, verkehrten dort öffentliche Straßenbahnen unter der Erde – erstmals in der deutschen Geschichte.

Der Spree-Tunnel war eine Pioniertat mit Anfängerfehlern. 1932 wurde er wegen Baumängeln gesperrt; während des Zweiten Weltkriegs diente ein Teil als Luftschutzbunker. Heute ist dieses Baudenkmal nicht mehr sichtbar. Der Eingang ist auf beiden Uferseiten zugebuddelt, die Röhre geflutet. Das visonäre Projekt sollte zum Flaschenöffner für ein zeitgemäßes U-Bahnnetz werden.

Die Gewerbeausstellung von 1896 versprühte den Aufbruchsgeist ihres Zeitalters. Wer wissen will, wie common people das Leuchtfeuer empfunden haben könnten, muss in einem Roman namens „Hotel Buchholz“ nachschlagen, erschienen 1897.

Darin erzählt Julius Stinde, zeitgenössischer Populärschriftsteller, von einer sehr aktiven Frau namens Wilhelmine, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt. Diese Ich-Erzählerin besucht immer wieder die Ausstellung. Der ehrgeizige Plan: Sie möchte ihre Eindrücke zu Papier bringen. Metafiktion, die allgemeingültige Gedanken zutage fördert.

„Ist jedoch die Ausstellung blos zur Erheiterung der Mitbürger gedacht?“, fragt sich die Protagonistin. Und gibt Antwort: „Nein, sie will zeigen, was Berlin als einzelne Stadt, und zwar als die Hauptstadt des Reiches in Industrie und Gewerbe zu leisten vermag. Sie legt gewissermaßen eine öffentliche Prüfung ab, damit sie zur Einsicht kommt, wo sie mit Glanz besteht und wo es nicht genau genug ist.“

Die Gewerbeausstellung: Hintergrundkulisse für moralischen Tiefpunkt

Die Gewerbeausstellung spiegelte zugleich imperialistische Obsessionen. Ein Sinnbild dafür: Im pompösen Stil schipperte Wilhelm II. zum Areal. Mit dem Dampfer „Alexandria“ über die Oberspree. An den Bug war die Kriegsfahne justiert. Trotz seines Misstrauens gegenüber der Ausstellung bejubelten die Massen den Potentaten.

Chauvinismus und Nationalismus waren die ideologische Mixtur der Stunde. Ein Gebräu, das Hypotheken hinterließ. Diese Erblasten sollten Generationen später die Nachfahren beschäftigen. Erst recht heute, im 21. Jahrhundert.

Klar: Nicht einkalkuliert haben die Veranstalter den Preis für die Umwelt, den der dauerrotierende Motor des Fortschritts kosten würde. Desaströser aber war, dass in das Ausstellungsgelände eine Kolonialausstellung eingepasst worden war. In dieser „Völkerschau“ mussten 106 Menschen aus Kolonien des Kaiserreichs ihr vermeintliches Leben auf stereotype Weise imitieren. Ein Verbrechen in Zeiten von „Schutzgebieten“ und rassistischen Machtvorstellungen, das zuletzt dank eines Forschungstrends mehr denn je beachtet worden ist.

Manchmal haust in vordergründiger Euphorie der größte Schrecken.


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Berlin war als Standort der Industrie früher weitaus bedeutender als heute – davon kündet die beachtliche Vielfalt von Unternehmen mit Vergangenheit in dieser Stadt, die heute nicht mehr existieren. So hatten etwa die AEG oder auch Telefunken hier Niederlassungen. Eine Drehschreibe für Handel und Gewerbe war seit jeher der Potsdamer Platz. Von der Gewerbeausstellung 1986 haben sich übrigens heutige Netzwerker inspirieren lassen: Sie wollen eine Expo in Berlin. Die Massen sollen im Jahr 2035 Geschäftsideen bestaunen, die dem Nachhaltigkeitsgedanken folgen.

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