Berlin verstehen

Die Geschichte der Tankstellen in Berlin: Einmal volltanken bitte!

Gerade steht es schlecht um die Tankstellen, nicht nur in Berlin. Auf der einen Seite machen die Klimaschützer Druck und fordern das Ende von fossilen Treibstoffen, auf der anderen Seite steigen die Preise von Diesel, Super und Co. immer weiter in die Höhe. Jenseits der Konzerne gibt es in Berlin kaum noch freie Tankstellen, dabei zeichnete die Branche mal mehr Vielfalt aus – und es gab auch architektonisch besondere Tanken, von denen einige heute umgenutzt wurden. Hier blicken wir auf die Geschichte der Tankstellen in Berlin. Wer weiß, vielleicht verschwinden sie einmal ganz aus dem Stadtbild, so wie die Telefonzellen und bald auch die Videotheken.


Fast wie in Italien, die Tanke in den 1950ern

Jungen Mann betankt seine Vespa an einer Berliner Tankstelle. Foto: Imago/Gerhard Leber
Jungen Mann betankt seine Vespa an einer Berliner Tankstelle. Foto: Imago/Gerhard Leber

Die 1950er in Berlin waren ein wegweisendes Jahrzehnt. Die Siegermächte teilten die Stadt direkt nach dem Krieg in Sektoren ein, nun mussten die Berliner damit leben lernen. Schutt und Trümmer waren noch überall sichtbar, aber gleichzeitig spürte man auf beiden Seiten der innerstädtischen Grenze Aufbruchstimmung. In West-Berlin entwickelte sich auch der Individualverkehr. Die Stadtplaner setzten auf das amerikanische Vorbild der Autostadt und das Motto lautete: Freie Fahrt für freie Bürger! Auch die Vespa gehörte anfangs dazu.


Shell am Axel-Springer-Hochhaus

Axel Springer Hochhaus mit Shell Tankstelle, Berlin um 1966. Foto: Imago/Serienlicht
Axel-Springer-Hochhaus mit Shell-Tankstelle, Berlin um 1966. Foto: Imago/Serienlicht

In den 1960er-Jahren erstreckte sich in ganz West-Berlin ein Netz aus Tankstellen. Einige Standorte hatten eine lange Geschichte, die bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg reichte, doch die meisten wurden nach den Zerstörungen und unter dem Eindruck des Wirtschaftswunders neu errichtet. Sie schossen wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. So auch diese Shell-Station am Axel-Springer-Hochhaus.


Tanken in Ost-Berlin: Autoschlange vor der Zapfsäule

Autoschlange in der DDR vor der Tankstelle, 1970er-Jahre. Foto: Imago/Frontalvision.com
Autoschlange in der DDR vor der Tankstelle, 1970er-Jahre. Foto: Imago/Frontalvision.com

Auf der anderen Seite der Mauer mussten die Wartburgs und Trabanten auch betankt werden. Wie im Sozialismus üblich, herrschte in der DDR auf dem Tankstellen-Markt wenig Konkurrenz. Den Ton gab der staatseigene Mineralölkonzern Minol an, übrigens ein direkter Nachfolger der IG Farben. Legendär schlecht war die Qualität des dort vertriebenen Treibstoffs, aber wie gesagt, eine Wahl hatte man nicht, und so standen die Ost-Berliner teilweise sehr lange an, um einige Liter Spezial, Super oder Diesel in ihre Zweitakter zu kippen. Etwas besser war die Situation an den Intertank-Tankstellen, die an den Transitstrecken lagen und wo auch West-Fahrer einkehren konnten.


Selbst tanken!

Shell-Tankstelle an der selbst getankt wurde, Ende der 1970er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht
Shell-Tankstelle an der selbst getankt wurde, Ende der 1970er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht

Shell gehörte in West-Berlin zu den größten Anbietern auf dem Treibstoffmarkt. Das gelb-rote Muschellogo sah man in den meisten Bezirken, und auch das „selbst tanken“ setzte sich spätestens in den 1970er-Jahren durch. Die Zeiten, dass man nur vorfahren und „einmal volltanken, bitte!“ rufen musste, gehörten da schon der Vergangenheit an. Elegante Damen hatten daher immer ein paar Handschuhe dabei, um nicht den Duft des Benzins zu verströmen. In den 1980er-Jahren geriet Shell in Verruf, der Konzern machte Geschäfte mit Südafrika, das war vor allem der linken Szene ein Dorn im Auge. Man rief zum Boykott auf und so mancher West-Berliner klebte sich den „Wer Shell tankt, tankt Apartheid!“-Sticker ans Heck.


Tanke nach der Wende

Berlin Tankstellen: Minol-Tankstelle in Berlin, 1997. Foto: Imago/Lem
Minol-Tankstelle in Berlin, 1997. Foto: Imago/Lem

Nach dem Mauerfall endete auch die Ära von Minol. Der DDR-Konzern wurde 1993 an den französischen Mineralölriesen Elf Aquitaine verkauft, der die Marke wenige Jahre später aufgab. Mittlerweile gehören die Markenrechte Total. Um 2000 herum ließ Total, wohl als Werbegag, wieder eine violette Minol-Tanke in Berlin eröffnen. Der nostalgische Schachzug zahlte sich nicht aus und so verschwand Minol endgültig aus der Stadt.


Freie internationale Tankstelle

Die historische Tankstelle in der Schwedter Straße 262. Foto: Imago/Pemax
Die historische Tankstelle in der Schwedter Straße 262. Foto: Imago/Pemax

Wenn sie nicht im Krieg zerstört oder während der Teilung der Stadt abgerissen wurden, galten die alten Tankstellen bald als architektonische Besonderheiten und wurden zum Teil umgenutzt. Ein prominentes Beispiel ist die Freie internationale Tankstelle (FIT) in der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg. Statt Diesel und Benzin wurden dort Kaltgetränke abgefüllt, die Wände bunt bemalt und das ungewöhnliche Gebäude zog die kreative Szene an.


Die steigenden Preise

Diesel für 1,60 DM wohlgemerkt, einige Monate später wurde in Euro getankt, Juli 2007. Foto: Imago/Lem
Diesel für 1,60 DM wohlgemerkt, einige Monate später wurde in Euro getankt, Juli 2001. Foto: Imago/Lem

Die Preise für Diesel und Benzin beschäftigen seit Anbeginn des Individualverkehrs die Gemüter der fahrenden Bevölkerung. Eins ist klar, es war schon immer zu teuer. Aus dem Rückblick aber wirkt es immer umgekehrt: Früher war es billig und nur HEUTE ist es zu teuer. Kurz vor der Einführung des Euro zahlte man an einer Tanke in Berlin 1,60 DM für einen Liter Diesel, das wären etwa 80 Cent, ein Liter Benzin kostete 1,90 DM, also um die 95 Cent. Somit haben sich die Preise in den vergangenen 20 Jahren in etwa verdoppelt.


Polnisch tanken in Berlin

Orlen-Tankstelle in der Nacht von Berlin, 2003. Foto: Imago/Steinach
Orlen-Tankstelle in der Nacht von Berlin, 2003. Foto: Imago/Steinach

2003 passierte etwas, was eigentlich immer nur andersherum der Fall war. Ein polnisches Unternehmen machte sich in Deutschland breit. Die Rede ist vom staatlich kontrollierten Mineralölkonzern Orlen, der in Deutschland knapp 600 Tankstellen betreibt, mehrere auch in Berlin. Doch „beim Polen“ tanken passt vielen Berlinern und Brandenburgern zwar, wenn sie ins Nachbarland fahren, um dort billiger zu tanken, bei sich zuhause mochte man das nicht und die Orlen-Tanken machten anfangs wenig Umsatz. Schon bald verschwanden das Adler-Logo und der Name und die polnischen Tankstellen firmieren nun unter der Marke „Star“.


Kunst statt Sprit

Berlin Tankstellen: Museum zum Leben und Werk von George Grosz in einer ausgedienten Tankstelle in der Bülowstraße in Schöneberg. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Museum zum Leben und Werk von George Grosz in einer ausgedienten Tankstelle in der Bülowstraße in Schöneberg. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Auch in Schöneberg überlebte ein interessantes Tankstellen-Gebäude. Der Pavillon und die Zapfsäulen-Überdachung einer ausgedienten Tankstelle in der Bülowstraße in Schöneberg verströmen einen Hauch klassischer Moderne. Lange suchte man nach einer sinnvollen Nutzung, bis 2022 das Kleine Grosz Museum in die Räumlichkeiten zog. Seitdem wird dort der Pionier des Dadaismus und der Neuen Sachlichkeit gewürdigt.


Berlins älteste Tankstelle

Die freie Tankstelle von Andreas Henning in der Stargarder Straße im Prenzlauer Berg war Berlins älteste Tankstelle. Foto: Imago/Kai Horstmann
Die freie Tankstelle von Andreas Henning in der Stargarder Straße im Prenzlauer Berg war Berlins älteste Tankstelle. Foto: Imago/Kai Horstmann

Auch wenn man es ihr zuletzt nicht angesehen hat, war die Freie Tankstelle in der Stargarder Straße ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Schon um 1910 machten hier die Pferdedroschken Halt und die Kutscher versorgten die Pferde mit Wasser oder reparierten ihre Fuhrwerke. Schon bald wurden an der Adresse die ersten Automobile betankt und so ging es die nächsten hundert Jahre weiter. Zwei Weltkriege und die Teilung der Stadt überdauerte die Tankstelle bis sie 2010 abgerissen wurde. Der Gentrifizierung von Prenzlauer Berg hielt sie nicht stand.


Alte Zapfsäulen in Kreuzberg

Alte Zapfsäulen einer ehemaligen Hinterhof-Tankstelle in der Muskauer Straße in Kreuzberg. Foto: Imago/Jürgen Hanel
Alte Zapfsäulen einer ehemaligen Hinterhof-Tankstelle in der Muskauer Straße in Kreuzberg. Foto: Imago/Jürgen Hanel

Einst waren die Hinterhöfe die Motoren der Berliner Wirtschaft. In den Remisen wurde gearbeitet, kleine Manufakturen stellten Dinge des täglichen Gebrauchs her, es gab Schmieden, Werkstätten, und sogar Kühe und Hühner hielt man im Hinterhof. Natürlich gab es auch Hinterhof-Tankstellen. Mittlerweile sind sie ein historisches Kuriosum, heute erinnert kaum etwas an ihre Existenz. Doch wer sich auf die Suche begibt, wird doch fündig. So wie hier im Hof eines Mietshauses in der Muskauer Straße in Kreuzberg.


An dieser Zapfstelle tanken die Eisernen

Berlin Tankstellen: Die offizielle Union-Fantankstelle vom 1. FC Union, 2021. Foto: Imago/Frank Sorge
Die offizielle Union-Fantankstelle vom 1. FC Union, 2021. Foto: Imago/Frank Sorge

Der 1. FC Union Berlin hat nicht nur die besten Fans der Welt, eine verschworene rot-weiße Gemeinde, die beim Stadionbau ihres geliebten Vereins mit anpackt und gemeinsam Weihnachtslieder singt, nein, die Eisernen haben sogar eine eigene Tankstelle, die offizielle Union-Zapfstelle. Für wen die Buchstaben U.N.V.E.U. eine Bedeutung haben, der tankt in der Michael-Brückner-Straße 26-31 in Niederschöneweide.


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