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Berlin verstehen

Neu in Berlin? Diese Spleens eignen sich Zugezogene (viel zu) schnell an

Eine harte Statistik für alle Ur-Berliner: 2.096.288 der rund 3,77 Millionen Menschen, die in Berlin leben, sind hier auch geboren. Egal ob in Madrid oder Magdeburg: Die Hauptstadt ist attraktiv. Und tatsächlich gibt es einige Vorzüge, die Zugezogene schnell für sich entdecken. Und dann verinnerlichen. Wir haben 12 Spleens, die Zugezogene schnell in Berlin entwickeln.


Die Stadtteil-Arroganz

Mein Viertel, mein Block – wer sich als Zugezogener erst einmal auf absehbare Zeit niedergelassen hat, beginnt, seinen Stadtteil als Teil der Identität zu begreifen. Foto: Imago Images/Ritter

Gut, es dauert manchmal ein bisschen (und manchmal Jahre), bis wir eine Wohnung gefunden haben, in der wir auch langfristig bleiben können. Aber sobald der Zugezogene sich erst einmal häuslich eingerichtet hat, entwickelt er oft eine religiöse Zuneigung zu seinem Stadtteil. Ob nun die Ordnung Charlottenburgs oder das Chaos Neuköllns: Schnell wird die Lebenssituation zur bestmöglichen umgedeutet und fortan gilt: Mein Block, mein Viertel – und sonst nichts. Je länger Menschen in einem Kiez leben, umso schwerer freunden sie sich mit neuen an. Da wird sogar der Wechsel von Neukölln nach Kreuzberg zur Probe.


Die Hoffnung auf Liebe aufgeben

Gemeinsam alt werden? Geile Nummer, aber in Berlin ist die Partner*innensuche nicht leichter als anderswo. Im Gegenteil. Foto: Imago Images/Seeliger

Mit Tourist*innen sind gern mal mehr als vier Millionen Menschen in der Stadt. Frisch angekommen haben Zugezogenen vielleicht noch einen gewissen Optimismus im Gepäck: Hat es in Hamm angesichts der deutlich geringeren Anzahl potenzieller brauchbarer Partner*innen noch finster ausgesehen mit der Liebe, muss es doch in Berlin klappen! So viel Auswahl!

Leider, das muss man so sagen, sind die meisten aber irgendwie defekt. Bindungsängstlich, abenteuerlustig, mit Ballast, ohne Substanz, beziehungsunfähig. In Berlin sind laut einer Studie der Marktforschungsgesellschaft GfK fast 49 Prozent der Menschen Singles. Zwar liegen München und Köln knapp dadrüber, besser macht es die Situation aber nicht. Nach dem 341. schlechtem Tinder-Date ist dann auch der letzte Optimismus dahin. Ab ins Kitkat.


Wartebereitschaft

Anstehen für Berlinale-Tickets? Kultiviert. Anstehen für Kebap? Touri-Doofheit. Foto: Imago Images/Friedel

Ob nun vorm Berghain oder für die Berlinale: Anstehen ist in Berlin Ehrensache. Die Einwohner*innen akzeptieren schweigend. dass sie nun einmal in einer populären Stadt leben, in der populäre Dinge geschehen. Allerdings selektieren sie auch hart: Während das Anstehen für Kulturevents zum Beispiel absolut in Ordnung ist, würden sie sich niemals für Gemüse-Kebap am Mehringdamm einreihen – denn jede*r kennt mindestens einen Kebap-Laden in der Stadt, der genauso gut ist, aber eben nicht vor Touri-Horden belagert wird. Beliebt, aber nicht beliebig, quasi.


Das Haus niemals für Banalitäten verlassen

Die Reaktion, wenn Zugezogene nach ein paar Monaten jemand fragt, ob sie für ein kurzes Treffen nochmal das Haus verlassen. Foto: Imago Images/Westend61

Zu Beginn ist das Angebot in Berlin beängstigend groß. Selbst, wenn eine Pandemie die Welt lähmt, findet irgendwo immer noch irgendwas statt. Neu-Berliner*innen leiden aufgrund dieses Grundrauschens schnell unter dem „FOMO“-Syndrom, der „Fear of missing out“, also Verpass-Angst. Das dreht sich schnell. Denn nach wenigen Wochen oder Monaten werden sie wählerisch – und dann knüppelhart. Weil jeden Tag 72 Galerien ihre exklusive Ausstellungen haben, 23 Konzerte gespielt werden und sieben grobe Bekannte Geburtstag haben, bleiben sie einfach gleich Zuhause. Entweder, es ist etwas wirklich Besonderes – oder nicht der Rede wert.


Den absoluten Geheimtipp haben

Das best Sushi der Welt gibt es im Kreuzberg. Und in Spandau. Und in Lichtenberg. Neukölln sowieso. Und Friedrichshain erst! Foto: Imago Images/Agefotostock

Wenn Menschen zusammenkommen, die ein paar Monate in Berlin gelebt haben, und jemand zum Beispiel eine kulinarische Richtung erwähnt, passiert eigentlich immer das: Alle Anwesenden rufen ihre liebsten Restaurants in die Runde und beharren dann eisern darauf, dass es wirklich genau dort das beste Sushi, die beste Pizza, die beste Schweinshaxe gibt. In der Regel beteuert man sich dann gegenseitig, gemeinsam auch mal die anderen auszuprobieren. Und macht es dann doch nie. Wozu auch, das beste Pad Thai gibt es nun mal zufällig im eigenen Kiez.


Sonderbare Sonderwünsche

Und wenn ich meinen laktosefreien Mandelmilch-Matcha-Kaffee im Liegen trinken will, dann tue ich das auch. Warum? Weil ich es kann. Foto: JOYUMA/Unsplash

Ja, es ist wahr: In Großstädten bestellen überdurchschnittlich viele Menschen irgendwelche abstrakten Milch-Variationen, wollen ihre Donuts vegan und zuckerfrei und weisen den Kellner freundlich auf ihre Kaviarunverträglichkeit hin. Warum tun sie das? Nicht, wie man schnell annehmen könnte, aus Abgrenzungsfetischismus. Sondern weil sie es können. Wer seinen Matcha Latte mit fettarmer Mandelmilch plus koffeinfreiem Espresso-Shot ordert, tut dies wahrscheinlich, weil es der Person so eben am besten schmeckt.

Das lernen wir schnell: Weil es ohnehin keine Sau interessiert, was in unserem Kaffeebecher ist, brauchen wir uns auch nicht unnötig zu profilieren. Genießen aber eben den Luxus, Sonderwünsche zu haben, für die man uns in Neustadt am Rübenberge vielleicht noch fragend angeschaut hätte.


Lose Verabredungen

„Das war toll, sehen wir uns bald wieder?“ „Ja ganz bestimmt!“ Is klar. Foto: Imago Images/Westend61

Ständig will sich irgendwer irgendwo mit einem treffen. Als Neuling findet man das sicher ganz toll und hastet vom trendy Café zur coolen Party zum stylishsten Vintage-Shop und so weiter. Irgendwann passt man sich aber der Masse der Alteingesessenen an. Anstatt sich für „nächsten Freitag“ zu verabreden, verabredet man sich für „bald mal“. Dann haben theoretisch beide die Verantwortung, dieses Treffen dann irgendwann mal zu organisieren. Aber auch beide die praktische Möglichkeit, diese nie zu anzunehmen. Bis man sich dann beim nächsten zufälligen Treffen wieder für „demnächst mal“ verabredet.


Schlecht machen

Das Soho-House. Bestimmt gar nicht so geil, wie alle sagen. Foto: Imago Images/Schöning

Ja, wir wären auch gern schon in der Boros-Ausstellung im Berghain gewesen. Leider waren die Karten für die ersten drei Wochen sofort ausverkauft. Und ja, wir hätten damals im März auch gern im Soho-House nach dem Konzert von Kelis gern noch bei ihrem exklusiven DJ-Set mitgetanzt. Leider hatte uns niemand eingeladen. Was tun wir also? Wir finden die Ausstellung überbewertet und die Leute im Soho-House humorbefreit und sehen es nachträglich quasi als Geschenk, dass wir nicht dabei waren. Das Talent, verpasste Chancen durch eine leichte Herabwürdigung weniger schwer zu nehmen, ist ja schon fast sowas wie Optimismus.


Sehr lange abwägen, ob die Reise lohnt

„Heute Abend Lust auf einen Drink? Müssten allerdings nach Spandau fahren?“ *tut tut tut* Foto: Imago Images/STPP

Am Anfang sind Zugezogene noch motiviert, die Welt – also Berlin – zu entdecken. Nach ein, zwei Monaten im öffentlichen Nahverkehr oder im Stau oder auf dem Rad, umgeben von Idioten, fangen wir langsam an, erst einmal zu fragen: Dieses Restaurant, wo ist das genau? Der Film, läuft der wirklich nur in DEM Kino? Ist das nicht schon dein zweites Kind, sieht das nicht genauso aus wie das erste?

Wir fragen das, weil wir keine Lust mehr haben, lange Anreisen in Kauf zu nehmen für alles, was nicht absolut überlebenswichtig ist. Sobald die BVG-App uns anzeigt, dass wir einmal umsteigen müssen, zögern wird. Bei zwei Mal sind wir raus. 40 Minuten mit dem Auto? Da kann ich ja gleich an die Ostsee fahren, quasi. Die Reise-Unlust geht dabei einher mit der Stadtteil-Arroganz, beides befähigt sich gegenseitig. Aus der Erkenntnis, dass alles vor der Haustür liegt, folgt die Unlust, weit zu fahren. Simpel.


Dunkle Kleidung tragen

Königsklasse: Funktional angezogen (schwarz) und trotzdem totschick. Foto: mago Images/Ukrinform

Das mag vielleicht niemanden betreffen, der von Wilmersdorf nach Charlottenburg ein Taxi ruft. Aber alle, die in Berlin ausgehen, Bahnfahren, ein bisschen wildes Nachtleben mitnehmen wollen, gibt es eigentlich nur eine Option: dunkle Kleidung. Denn, das müssen wir zugeben, Berlin ist manchmal einfach ein bisschen siffig. Und auf dem weißen Kostüm sieht man eben jeden Fleck.

Deshalb ist belastbare Mode, die nicht jeden stillen Zeugen der vergangenen Nacht zum unfreiwilligen Mittelpunkt des Ensembles macht, entscheidend. Das erklärt dann auch, warum zum Beispiel im Berghain schwarz so populär ist. Übrigens noch so ein Spleen: Nach ein paar Wochen wird es völlig egal, was man anzieht, wenn man nur kurz rauswill? Im Pyjama zu Penny? Schockt dann auch keinen mehr.


Toleranz

Der will nur spielen: Wer in Berlin Leute aufgrund ihres Erscheinens oder Verhaltens anstarrt, ist auffälliger als die Angestarrten. Foto: Imago Images/Leber

Einer der Spleens, die eigentlich kein Spleen sind, sondern ein Charakterstärke. Weil wir uns konsequent mit allen möglichen Lebensentwürfen und Trends und neuen Dingen konfrontiert sehen, erlangen wir schnell eine neue Toleranz. Hatten wir damals in Brilon noch doof geguckt, wenn jemand seinen Papagei Gassi führte oder im Leder-Einteiler mit Hundemaske durch die Straßen läuft, schauen wir nach ein paar Wochen Berlin nicht einmal mehr irritiert, wenn einer in der U8 Ausdruckstanz ohne Musik macht. Die einen nennen es Abstumpfen, die anderen Toleranz: Soll doch jede*r machen, was er*sie will, solange es keinem schadet. Wobei wir ehrlich sagen müssen: Auch Berlin könnte in Sachen Akzeptanz alternativer Lebensentwürfe weiter sein.


Rausfahren


Dorfanger mit Dorfteich in Marwitz in Brandenburg – „aber nach der all frischen Luft war ich dann doch froh, wieder in Berlin zu sein!“ Foto: Imago Images/Ritter

Am Anfang berauscht die Stadt Zugezogene. Dass man angekommen ist, bemerkt man dann daran, dass man auch mal Abstand nehmen will. Und plötzlich sucht man nach Ausflugstipps für Brandenburg oder dem schnellsten Weg an die Ostsee. Um danach allen, die es hören wollen (und allen anderen auch) zu erzählen, wie waaaaaahnsinnig gut das tut, mal aus Berlin rauszukommen. Allerdings sollte man dann auch möglichst schnell betonen, dass man am Abend dann doch noch in diesem neuen fancy Restaurant im Kiez war. Nicht, dass noch jemand denkt, man gehöre doch aufs Land.


Berlin noch besser verstehen

Es gibt eine Menge Dinge, die Berliner*innen an Zugezogenen nerven – gebt euch Mühe! Allerdings brauchen auch Zugezogene erst einmal Zeit, um sich an ein paar Dinge zu gewöhnen. Es gibt aber auch die Dinge, die Neuankömmlinge sofort lieben.

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