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Filmkritik

„I am Greta“ von Nathan Grossman: Immer wütender, immer frustrierter

Porträt „Manchmal denke ich, die Leute sollten in Bezug auf die Klimathematik alle ein wenig Asperger haben“, sagt die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg am Schluss des dokumentarischen Porträtfilms „I am Greta“ von Nathan Gorssman, gewissermaßen als mahnende Konklusion.

Thunberg selbst hat das Asperger-Syndrom (einen Interviewer weist sie deutlich daraufhin, dass sie nicht „daran leidet“): jene milde Form von Autismus, die es ihr einerseits schwer macht, mit anderen Menschen zu interagieren, und es ihr andererseits ermöglicht, sich unermüdlich fokussiert und mit einem nahezu fotografischen Gedächtnis in ein Spezialinteresse zu verbeißen. Ihr großes Thema ist der Klimawandel.

"I Am Greta" von Nathan Grossman
„I Am Greta“ von Nathan Grossman. Foto: Filmwelt

Die heute 17-jährige Greta Thunberg ist zweifellos die bekannteste Umweltschützerin unserer Zeit. Sie ist die Galionsfigur der weltweiten #FridaysForFuture-Demonstrationen junger Menschen, die auf ihre Initiative zurückgehen, sie sprach auf internationalen Klimakonferenzen, traf schon den UNO-Generalsekretär António Guterres, den französischen Staatspräsidenten Macron und den Papst, hielt eine Rede vor dem britischen Parlament.

Und das alles begann 2018 sehr einsam: mit ihrem Ein-Personen-Schulstreik für das Klima vor dem schwedischen Parlament in Stockholm, drei Wochen vor einer landesweiten Wahl. Damals war sie fünfzehn und fand, dass es an der Zeit war zu handeln.

In „I am Greta“ von Nathan Grossman geht es auch um drastische Maßnahmen

Der interessanteste Aspekt an Thunberg ist dabei, dass sie überhaupt nicht denkt und spricht wie eine Politikerin: Ihr geht es nicht um Diplomatie, nicht um (im besten Fall) einen Interessenausgleich zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Kräften und schon gar nicht um persönliche Popularität.

Für Thunberg ist die Sache glasklar: Es gibt kaum mehr Zeit den Klimawandel zu stoppen, und jetzt sofort braucht es dazu drastische Maßnahmen. Insofern geht sie die ihrer Ansicht nach tatenlosen Politiker frontal an: Immer wütender und frustrierter werden ihre durchaus geschliffenen Reden, als ihr klar wird, dass man sich zwar gern mit ihr zeigt, aber überhaupt nicht gewillt ist, schnell etwas an unserer Ökonomie und Lebensweise zu ändern.

Der Dokumentarfilmer Nathan Grossman hat Thunberg in einem ebenso aufregenden wie anstrengenden Jahr von Anfang an mit der Kamera begleitet und sich nach und nach mit ihr und ihrer Familie angefreundet. Insofern gelingt ihm mit „I am Greta“ eine durchaus intime, aber stets respektvolle Annäherung an die junge Aktivistin, die sich mit Pferden und ihren Hunden offensichtlich wohler fühlt als mit vielen Menschen.

„I am Greta“ verschweigt den Hass der Klimawandel-Leugner nicht

Im Privaten, mit der vertrauten Familie, kann sie auch durchaus mal herumalbern, doch es gibt dann auch trübe Tage oder massives Heimweh, wie bei ihrer Reise per Segelboot über den Atlantik zur Klimakonferenz in New York – denn selbstverständlich besteigt Thunberg kein Flugzeug.

Und auch die unangenehmste Kehrseite ihrer Berühmtheit verschweigt der Film nicht: den Hass der Klimawandel-Leugner, der offenbar bis hin zu Morddrohungen gegen Thunberg und ihre Familie reicht.

Schweden 2020; 97 Min.; R: Nathan Grossman; Kinostart: 15. 10. 2020           


Fridays for Future und der Klimastreik: Braucht es all das überhaupt noch? Außerdem diese Woche neu im Kino: die Filmstarts vom 15. Oktober im tip-Überblick; und darüber hinaus sind weiterhin spannende Titel im Programm: die Filmstarts vom 8. Oktober und die Filmstarts vom 1. Oktober.

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