Berlin verstehen

Berlin 1964 in Bildern: Panzer, Kamele und ein Besuch von Martin Luther King

Berlin im Jahr 1964. Seit 1961 ist die Stadt durch eine Mauer getrennt, der Potsdamer Platz wuchert zu, regelmäßig fliehen Menschen aus der DDR nach West-Berlin, oft auch durch enge Tunnel, die unter der Sektorengrenze gebuddelt wurden. Derweil feiert die Modeindustrie im SED-Staat die neue Kollektion, und auf der AVUS im Westen liefern sich flotte Flitzer spektakuläre Rennen. Und im September kommt der Baptistenpastor und Symbolfigur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King nach Berlin und predigt in der Ost-Berliner Marienkirche. Hier blicken wir auf Berlin im Jahr 1964 zurück.


Der geteilte Potsdamer Platz

Eine überwucherte Brache, Stacheldraht und die Mauer – so sah 1964 der Potsdamer Platz aus. Foto: Imago/Serienlicht
Eine überwucherte Brache, Stacheldraht und die Mauer – so sah 1964 der Potsdamer Platz aus. Foto: Imago/Serienlicht

Nach dem Mauerbau im August 1961 wurde der Potsdamer Platz von den Stadtverwaltungen aufgegeben. Die noch existierenden Gebäude wurden großteils abgerissen, selbst das legendäre Vox-Haus, das noch völlig intakt war, wurde 1971 gesprengt, weil sich keine Mieter dafür fanden. Die Mauer teilte den Platz, der bis zur Wende zu einem Unort wurde.


Fluchttunnel

Durch diesen Tunnel sind am 10. Januar 1964 drei Mädchen von Ost- nach West-Berlin geflüchtet. Foto: Imago/United Archives International
Durch diesen Tunnel sind am 10. Januar 1964 drei Mädchen von Ost- nach West-Berlin geflüchtet. Foto: Imago/United Archives International

Auch bei diesem Fluchttunnel, durch den drei Mädchen im Januar 1964 von der Bernauer Straße im Osten unter der Mauer in den Westen gelangen konnten, war der legendäre Fluchthelfer Wolfgang Fuchs beteiligt. Sehr schnell entdeckten die Grenztruppen den Tunnel und zerstörten ihn mit Handgranaten. Hier sind 12 Tunnel in Berlin: Die dunkle Seite der Architektur.


Militärparade in West-Berlin

Militärparade am Tag der Alliierten in West-Berlin, April 1964. Foto: Imago/Serienlicht
Militärparade am Tag der Alliierten in West-Berlin, April 1964. Foto: Imago/Serienlicht

West-Berlin hatte keine Sperrstunde und die Männer mussten nicht zur Bundeswehr, politisch war die Mauerstadt abgekoppelt, an den Bundestagswahlen nahm man nicht teil. Das lag an den alliierten Schutzmächten, die Berlin offiziell regierten. Die West-Berliner arrangierten sich gerne und die „Amis“ waren so etwas wie die großen Brüder. Es gab Diskotheken, Einkaufsläden und Kinos, in denen die GIs verkehrten, hin und wieder mal eine Militärparade und die Volksfeste. Und auch sonst viele Gelegenheiten, bei denen sich die Besatzer und die Bevölkerung begegneten. Nicht wenige deutsch-amerikanischen Ehen gehen auf diese Zeit zurück.


AVUS Rennen

Die flotten Flitzer liefern sich auf der AVUS ein Rennen. Foto: Imago/Serienlicht
Die flotten Flitzer liefern sich auf der AVUS ein Rennen. Foto: Imago/Serienlicht

Rennen auf der AVUS haben eine lange Tradition: 1921 wurde die Trasse im Südwesten Berlins eröffnet, es war die erste dem Autoverkehr vorbehaltene Straße der Welt – und damit die Geburtsstunde der Autobahn. Auf der gut acht Kilometer langen Strecke fanden ab 1926 Autorennen statt. Die großen europäischen Autohersteller wie Mercedes, Alfa Romeo und Bugatti gingen mit ihren pfeilschnellen Konstruktionen an den Start.


Modeland DDR

Junge Frauen präsentieren in Ost-Berlin die neueste Sommermode der Sommersaison 1964. Foto: Imago/Frank Sorge
Junge Frauen präsentieren in Ost-Berlin die neueste Sommermode der Sommersaison 1964. Foto: Imago/Frank Sorge

Mode in der DDR: So stylish lebte es sich im Sozialismus! Das DDR-Fernsehen strahlte regelmäßig Modesendungen aus, allen voran das von Klaus Ehrlich präsentierte Magazin „Mode“. Im Mittelpunkt standen die Musterkollektionen der Volkseigenen Textilindustrie der DDR. Die Mannequins kamen vom Modeinstitut der DDR, 1972 aus dem Deutschen Modeinstitut hervorgegangen, das seinen Sitz in Berlin hatte. Dieses Shooting entstand 1964 und zeigt die aktuelle Kollektion der Saison.


Martin Luther King besucht die Mauerstadt

Berlin 1964: Martin Luther King an der Berliner Mauer. Foto: Imago/Topfoto/United Archives International
Martin Luther King an der Berliner Mauer. Foto: Imago/Topfoto/United Archives International

Martin Luther King wurde von Willy Brandt bei dessen Besuch in Washington nach Berlin eingeladen. Der legendäre Pastor und Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung kam dreieinhalb Jahre später, im September 1964, in die geteilte Stadt und besuchte sowohl West- wie auch Ost-Berlin, wo er unter anderem in der Marienkirche eine Predigt hielt.


Bolle Bolle Bolle

Bolle-Lieferwagen auf dem Hof der Meierei. Foto: Imago/Kindermann/United Archives
Bolle-Lieferwagen auf dem Hof der Meierei. Foto: Imago/Kindermann/United Archives

Das lustige Bolle-Männchen mit der Glocke in der Hand gehörte zum Alltag der Stadt, auch wenn es hier auf dem Lieferwagen des traditionsreichen Berliner Unternehmens, das es so nicht mehr gibt, nicht erscheint. Seit 1933 versorgte die aus der Meierei C. Bolle hervorgegangene Supermarktkette die Berliner mit allerlei Lebensmitteln, Milch und Fleischwaren. In den 1990er-Jahren übernahm die Spar-Gruppe die Filialen, seit 2011 firmieren die alten Bolle-Läden unter dem Rewe-Logo.


Der gute alte BVG-Doppeldecker

Berlin 1964: Bus der Linie 19 vor der Gedächtniskirche, Berlin, 1964. Foto: Imago/Kindermann/United Archives
Bus der Linie 19 vor der Gedächtniskirche, Berlin, 1964. Foto: Imago/Kindermann/United Archives

Die großen gelben Doppeldecker der BVG gehörten 1964 zum Stadtbild dazu. Heute sind sie rar geworden, aber der 19 an der Gedächtniskirche mit der schönen „Schmolke“-Werbung sah doch einfach gut aus!


Glanz der DDR-Hauptstadt

Kino International in der Karl-Marx-Allee. Foto: Imago/Frank Sorge
Kino International in der Karl-Marx-Allee. Foto: Imago/Frank Sorge

Das Kino International wurde am 15. November 1963 eröffnet und war ein Ausdruck des politischen Tauwetters nach dem Tod Stalins und diente als Bekenntnis zur europäischen Moderne. Das Kino passte sich architektonisch nicht ohne Grund in die Umgebung rund um den Strausberger Platz ein, schließlich entwarf der Architekt Josef Kaiser gleich gegenüber das Café Moskau und ebenso das unweit stehende Kino Kosmos. Ein besonderes Augenmerk gilt zudem dem Relief an der Außenfassade mit dem Titel „Aus dem Leben heutiger Menschen“. Berühmte DDR-Architekten stellen wir übrigens hier vor.


The Circus is in Town

Berlin 1964: Zirkustiere neben einem Trabant 500 in Berlin-Ost. Foto: Imago/Kai Bienert
Zirkustiere neben einem Trabant 500 in Berlin-Ost. Foto: Imago/Kai Bienert

Ost-Berliner hatten 1964 nicht oft eine Gelegenheit, exotische Tiere zu sehen. Die Reisefreiheit war beschränkt und Reisen in ferne Länder kaum möglich. Im 1955 eröffneten Tierpark gab es zwar Löwen und Elefanten, doch echte Kamele, die durch die Straßen der Hauptstadt der DDR laufen, waren ein Kuriosum (wären sie heute aber auch).


Alltag an der Zonengrenze

Berliner posieren vor einem Schild "Achtung Hier beginnt die Sowjetzone" im Grunewald. Foto: Imago/Seeliger
Berliner posieren vor einem Schild „Achtung Hier beginnt die Sowjetzone“ im Grunewald. Foto: Imago/Seeliger

Das Leben im Schatten der Berliner Mauer war 1964 in Berlin schlicht Alltag. Die Leere und die Normalität neben einer absurden Grenze wirken heute unvorstellbar. Doch damals waren die Grenzanlagen, Schilder und Absperrungen auch ein beliebtes Motiv für Familienfotos, natürlich nur auf West-Seite.


Weihnachten an der Oberbaumbrücke

Berlin 1964: Der 24. Dezember 1964 an der Oberbaumbrücke/Gröbenufer. Foto: Imago/Topfoto/United Archives International
Der 24. Dezember 1964 an der Oberbaumbrücke/Gröbenufer. Foto: Imago/Topfoto/United Archives International

Zuerst sperrten die DDR-Behörden die Oberbaumbrücke für Autos und Straßenbahnen, 1955 auch für Motorräder und Fahrräder. Zu Fuß konnte man noch bis zum Bau der Mauer die Sektorengrenze in beide Seiten passieren. Ab dem 13. August 1961 war dann Schluss mit dem Grenzverkehr und die Brücke verlor für fast 30 Jahre ihre Bestimmung. 1964 stand auf Kreuzberger Seite ein Weihnachtsbaum, der quasi das Ende der (freien) Welt markierte.


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