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Berlin verstehen

Christiane F. – der Mythos vom Bahnhof Zoo bis zur neuen Prime-Serie

Die Geschichte von Christiane F. ist zu einem Stück von Berlin geworden. Auch wenn das Schicksal der Teenagerin aus der Gropiusstadt, die sich mit Prostitution ihre Drogensucht finanzierte, der Wahrheit entsprach, verwandelten das Buch und der Film die „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Sie wurden zum urbanen Mythos.

Christiane F., 1983. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12

Der ursprüngliche Wirbel um Christiane F. ist gut 40 Jahre her, das Buch erschien 1978, die Verfilmung 1981. Christiane Felscherinow machte danach etwas Musik, zog nach Griechenland, wurde Mutter, 2013 schrieb sie ein zweites Buch und zog sich dann zurück. Doch ihr Schicksal inspirierte immer wieder. Den Theatermacher Patrick Wengenroth ebenso wie Werbetexter und zuletzt auch den Produzenten Oliver Berben, der den Stoff als TV-Serie für Amazon Prime adaptierte. Hier sind 12 Bilder aus dem Leben von Christiane Felscherinow und dem Mythos, der sie umgibt.


Christiane F., 1980

Christiane F., 1980. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12
Christiane F., 1980. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12

Eine der berühmtesten Berlinerinnen der letzten 50 Jahre ist gebürtige Hamburgerin. 1962 in der Hansestadt zur Welt gekommen, zog Christiane Felscherinow im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern nach West-Berlin. Ihr Vater war Alkoholiker, trotz der Scheidung, war ihre Kindheit davon geprägt. Mit 13 wurde sie heroinabhängig und begann sich zu prostituieren. Das Foto zeigt die 18-jährige Christiane F. Die Fotografin Ilse Ruppert begleitete diese Zeit.


Die Gropiusstadt, Neukölln 1980er-Jahre

Wohnhäuser in der Gropiusstadt, 1980er-Jahre. Foto: Imago/Sven Simon
Wohnhäuser in der Gropiusstadt, 1980er-Jahre. Foto: Imago/Sven Simon

Die berühmteste ehemalige Bewohnerin der Gropiusstadt ist wohl Christiane F. Im Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wird das Quartier folgendermaßen beschrieben: „Gropiusstadt, das sind Hochhäuser für 45.000 Menschen, dazwischen Rasen und Einkaufszentren. Von weitem sah alles sehr gepflegt aus. Doch wenn man zwischen den Hochhäusern war, stank es überall nach Pisse und Kacke.“ F. sagte damals, das liege an den Kindern, die pinkeln müssten, es aber nicht mehr rechtzeitig nach oben in die Wohnungen schafften, weil die Fahrstühle meist kaputt seien.

Architekt des Viertels ist – na klar – Walter Gropius, gebaut wurde 1962 bis 1975. Neunzig Prozent des Wohnraums waren schon damals Sozialwohnungen – und das Viertel, das wegen seiner hellen Wohnungen anfangs attraktiv wirkte, bekam bald den Ruf eines sozialen Brennpunkts. Die Gropiusstadt gehört zu den berüchtigten Berliner Großwohnsiedlungen.


Der Bahnhof Zoo in den 1970er-Jahren

Bahnhof Zoo, 1970er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht
Bahnhof Zoo, 1970er-Jahre. Foto: Imago/Serienlicht

Der Bahnhof Zoo hat eine turbulente Geschichte. Vor allem die Gegend dahinter, rund um die Jebsenstraße, war während der 1970er- und 80er- Jahre ein berühmt-berüchtigter Treffpunkt der West-Berliner Drogenszene. Dort hing die junge Christiane F. mit ihren Freunden ab, dort besorgte sie sich Drogen und finanzierte die Sucht mit Prostitution. Der Bahnhof bot den Schauplatz für jene von Heroin bestimmte Jugendkultur und das hierdurch etablierte düstere Schmuddel-Image blieb für Jahrzehnte bestehen. 


Das Stern-Buch wird zum Bestseller

Cover des "Stern"-Bestsellers "Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Foto: Archiv
Cover des „Stern“-Bestsellers „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Foto: Archiv

Alles begann mit dem Buch, in dem ein Reporter das Schicksal der Teenager vom Bahnhof Zoo beschreiben wollte. Journalistenlegende Kai Hermann wurde 1938 in Hamburg geboren. Der „Stern“-Reporter berichtete 1978 zusammen mit Horst Rieck über den Fall Christiane F., die mit 13 Jahren zum Heroin kam und ein Doppelleben zwischen Schule und Anschaffungsprostitution am Bahnhof Zoo führte.

„Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, einer der wichtigsten Berlin-Romane der letzten 100 Jahre, rüttelte die Öffentlichkeit wach und wurde ein weltweiter Erfolg. Der tipBerlin hat Kai Hermann 2013 zu einem Gespräch über Christiane F., den Bucherfolg, Drogen und sein Leben danach getroffen.


Die Verfilmung von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, 1981

„Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, Deutschland 1981, Regie: Uli Edel. Foto: Imago/United Archives

„Kinder zwischen Strich und Spritze“ titelte der tipBerlin 1981 in seiner zweiseitigen Rezension von Uli Edels Verfilmung des Stern-Bestsellers „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Ursprünglich sollte Roland Klick den Stoff für die Leinwand umsetzen. Es gab viel Kritik im Vorfeld, man traute dem 33-jährigen Regisseur die Sache nicht zu. Denn Edel drehte mit Laien, war unerfahren, der Erwartungsdruck immens. Doch der Film wurde gut. Unser Interview mit Uli Edel aus dem Jahr 1981 lest ihr hier.

„Ein wichtiger Film, ein unsentimentaler, ein ehrlicher Film, der einen Zustand an die Öffentlichkeit bringt, über den allzu gerne geschwiegen wird“, attestierte tip-Autor Stephen Locke. Damit trat die seltene Situation ein, dass ein wichtiges Buch zu einem gesellschaftlich relevanten Thema in kürzester Zeit gelungen ins Kino gebracht wurde.

Die dramatische Handlung, das düstere Mauerstadtflair von West-Berlin der 1980er-Jahre, die Songs von David Bowie und die hübsche Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst machten den Film weltbekannt und ein Mythos wurde geboren.


WG mit FM Einheit in Hamburg, 1983

Mit F.M. Einheit von den Einstürzenden Neubauten in ihrem WG-Zimmer in Hamburg, 1983. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12
Mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten in ihrem WG-Zimmer in Hamburg, 1983. Foto: Imago/Ilse Ruppert/Photo12

Nach dem immensen Erfolg vom Buch und Film änderte sich das Leben von Christiane F. radikal. Sie wurde eine Berühmtheit und beschritt neue Wege. Ihr damaliger Lebensgefährte, der damals erst 16-jährige Alexander Hacke, war bereits als Musiker in der West-Berliner Subkultur-Szene etabliert. Er spielte bei den Berliner Ur-Punks MDK, wurde kurz nach deren Gründung Mitglied der Einstürzenden Neubauten und trat auch als Solokünstler unter diversen Pseudonymen in Erscheinung.

Zusammen mit Hacke unternahm Christiane F. einige Versuche, als Musikerin Fuß zu fassen. Unter dem Namen Sentimentale Jugend spielten Hacke und sie bei dem legendären Festival der Genialen Dillettanten im September 1981 im Tempodrom.

Anfang der 1980er-Jahre zog Christiane F. in ihre Heimatstadt Hamburg und lebte dort in einer Künstler-WG. Zu ihren Mitbewohnern zählten unter anderem der Film- und Musikproduzent Klaus Maeck und FM Einheit (Abwärts, Einstürzende Neubauten). Mit letzterem versuchte sie sich in dem Underground-Cyberpunkfilm „Decoder“ (1984) als Schauspielerin, an dem auch die weltweit anerkannten Avantgarde-Künstler William S. Burroughs und Genesis P-Orridge beteiligt waren.


Mit Nina Hagen im „Café Paradise“, 1987

In Nina Hagens TV-Show "Café Paradise", 1987. Foto: Imago/Brigani-Art
In Nina Hagens TV-Show „Café Paradise“, 1987. Foto: Imago/Brigani-Art

1987 wurde eine ziemlich kuriose TV-Show für das amerikanische Kabelfernsehen produziert. Gastgeberin im „Café Paradise“ war die „Godmother of Punk“, Nina Hagen. Die schrille in den Westen übergesiedelte Ost-Berlinerin galt als eine der innovativsten Musikerin ihrer Ära und lud neben Christiane F. auch die exzentrische US-Sängerin Lene Lovich und die Berliner Szene-Ikone, Sängerin und David Bowies Freundin aus dessen Berliner Tagen, Romy Haag, ins Studio.


Christiane F. mit ihrem Sohn, 1998

Christiane F. mit ihrem Sohn, 1998. Foto: Imago/Thomas Lebie
Christiane F. mit ihrem Sohn, 1998. Foto: Imago/Thomas Lebie

Ende der 1980er-Jahre verließ Christiane F. Deutschland und fand für mehrere Jahre eine neue Heimat in Griechenland. 1993 kehre sie zurück und lebte in Teltow und in Berlin. Ihr Sohn wurde 1996 geboren, als er zwölf wurde, gab sie ihm das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zu lesen, er soll sich aber erst zwei Jahre später dafür interessiert haben.

Sie verbrachte auch einige Zeit in Amsterdam und sorgte wegen Rückfällen in die Heroinsucht immer wieder für Schlagzeilen. 2008 verlor sie das Sorgerecht für ihren Sohn, bekam es 2010 jedoch wieder.


Theateradaption an der Schaubühne, 2011

Szenenbild aus Patrick Wengenroths Adaption von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" an der Schaubühne, Februar 2011. Foto: Imago/drama-Berlin.de
Szenenbild aus Patrick Wengenroths Adaption von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ an der Schaubühne, Februar 2011. Foto: Imago/drama-Berlin.de

Verteilt auf vier Darsteller (Jule Böwe, Lea Draeger, Frank Hartwig, Ulrich Hoppe), die Herren im zeittypischen Stricherlook mit engen Jeans und Cowboystiefeln, die Damen in metallic glänzenden Jäckchen, wird der Weg vom ersten Joint bis zum Heroinschuss zügig rekapituliert. Dazwischen, man weiß nicht, ob als Ironie-Signal oder als Sentimentalitäts-Spritze, singt Wengenroth schön schmierig Lindenberg-Schnulzen. Der erfreulich eitelkeitsfreie Performer Wengenroth, der auch gerne mal die beeindruckende Wampe entblößt, ist ein lustiges Zentrum der Aufführung.

Und das selbst, wenn er nur wie eine bedröhnte Heroinleiche teilnahmslos vor sich hin dämmert in einem Glaskasten, der aussieht, wie direkt aus dem Märkischen Viertel auf die Bühne importiert (Bühne: Mascha Mazur). Das ist alles nett und lustig anzusehen, aber über eine mal ironische, mal sentimentale Harmlosigkeit kommt die Veranstaltung nicht hi­naus. Seinen Stoff, das reale Junkie-Elend, bekommt Wengenroth nicht zu fassen. (Text: Peter Laudenbach)


Christiane F. – Mein zweites Leben, 2013

Cover von "Christiane F. – Mein zweites Leben". Foto: Kampenwand Verlag/Archiv
Cover von „Christiane F. – Mein zweites Leben“. Foto: Kampenwand Verlag/Archiv

Auch ihr zweites Buch landete auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Offensichtlich wollten auch noch 2013, ziemlich genau 35 Jahre nach dem „Stern“-Report „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, viele Leser wissen, wie es mit Christiane F. weiter ging und wie sie heute lebt. „Christiane F.: Mein zweites Leben“ ist eine Geschichte von Hoffnung und Hölle, glücklichen Jahren in Griechenland, Überlebenskampf im Frauenknast, Abenteuern unter Rock-Idolen, Literatur-Stars und Drogenhändlern.

Im Mittelpunkt aber steht ihr Kampf, trotz aller Rauschgift-Exzesse eine gute Mutter für ihr Kind zu sein. Gemeinsam mit der Journalistin Sonja Vukovic hat sie ihr Leben rekapituliert. Das Ergebnis ist eine erschütternde, auch hoffnungsvolle Autobiografie.


„Wir Rinder vom Bahnhof Zoo“, 2014

Der Lieferservice lieferando wirbt 2014 auf einem umstrittenen Großplakat am Bahnhof Zoo mit dem Spruch "Wir Rinder vom Bahnhof Zoo". Foto: Imago/Future Image
Der Lieferservice lieferando wirbt 2014 auf einem umstrittenen Großplakat am Bahnhof Zoo mit dem Spruch „Wir Rinder vom Bahnhof Zoo“. Foto: Imago/Future Image

Nach dem erneuten Erfolg mit ihrem zweiten Buch zog sich Christiane F. wegen ihres schlechten Gesundheitszustands um 2014 aus dem öffentlichen Leben zurück. Sie gab in einem Interview an, genug Geld zum Leben zu haben, jedoch nicht wirklich reich zu sein.

Im gleichen Jahr sorgte der Online-Lieferdienst Lieferando für einen Skandal mit einem gigantischem Plakat in der Nähe des Bahnhof Zoo. Der Slogan „Wir Rinder vom Bahnhof Zoo“ machte Reklame für Hamburger, die man sich ins Haus bringen lassen konnte.

Der Mythos Christiane F. verfestigte sich und auch eine Generation nach dem ersten Buch und der Verfilmung, lebte die Geschichte vom tragischen Schicksal der heroinabhängigen Berliner Teenagerin, die sich ihre Sucht mit gekauftem Sex finanzierte, weiter.


„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als Amazon-Serie

Drogen und Prostitution, die Clique um Stella und Christiane in der Amazon-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Foto: Amazon Prime
Drogen und Prostitution, die Clique um Stella und Christiane in der Amazon-Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Foto: Amazon Prime

Das bleibende Interesse an dem Thema bewegte auch den erfolgreichen Produzenten Oliver Berben, eine Adaption für die Streamingplattform Amazon Prime umzusetzen. Ab Februar 2021 ist „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ dort als achtteilige Serie zu sehen. Obwohl sich die Stadt, die Drogenszene und auch die Art und Weise, wie mit der Problematik 40 Jahre später umgegangen wird, maßgeblich verändert haben, lebt der Mythos Christiane F. auch im 21. Jahrhundert weiter. Schausdpielerin Lena Urzendowsky hat es Anfang Februar auch aufs tip-Cover geschafft – die Ausgabe mit dem langen Interview findet ihr im Online-Shop.


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