Berlin verstehen

12 Dinge, die jeder kennt, der in West-Berlin der 1980er gelebt hat

Die 1980er-Jahre in West-Berlin waren eine ziemlich besondere Zeit. Die Mauer schloss die Stadt ein und die Welt drehte sich etwas langsamer an der Spree. Der Alltag in der Frontstadt war geprägt vom Kalten Krieg und den Alliierten. Berlin glich einer Insel, auf der das Leben zugleich beschaulich und exzessiv war.

Der Ku’Damm war das Zentrum der Welt und der Potsdamer Platz eine Brache. Im Dschungel, SO36 und Risiko tobte das Leben und in Kreuzberg brannte Bolle. Wir haben 12 Dinge herausgesucht, die man nur kennen kann, wenn man dabei gewesen ist.


Der Ku’damm war das Herz West-Berlins

Man konnte in West-Berlin hoch aufs Europa Center fahren und von der Aussichtsplattform auf dem Dach auf die Stadt schauen.
Die Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche und das Europa Center in Berlin, um 1987. Foto: Imago/Günter Schneider

Man konnte hoch aufs Europa Center fahren und von der Aussichtsplattform auf dem Dach auf die Stadt schauen. Dort wurde auch eine Szene von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gedreht. Drumherum standen die legendären Berliner Kinos: Gloria Palast, Zoo Palast, Filmbühne Wien und Marmorhaus. Das KaDeWe war nicht weit. Im Ku’Damm-Eck residierte das Panoptikum. Ein Kaffee im Kranzler Eck galt noch als gesellschaftliches Ereignis. Nach dem Mauerfall hat der Ku’Damm an Glanz und Bedeutung verloren. Aber in den 1980er-Jahren war er das Herz der Stadt.


Der Reichstag war ein Museum

Heute ist es das Zentrum der Macht in Deutschland, bis zur Wiedervereinigung stand der Reichstag im gefühlten Niemandsland. Die Mauer verlief direkt dahinter.
Der Reichstag war ein Museum. Auf der Wiese davor gab es Konzerte. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1986. Foto: Imago/Sven Simon

Heute ist es das Zentrum der Macht in Deutschland, bis zur Wiedervereinigung stand der Reichstag im Niemandsland. Die Mauer verlief direkt dahinter. Das Gebäude war in den 1980er-Jahren leicht heruntergekommen, genutzt wurde es als Museum, es beherbergte lange die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“, die viele Besucher angezogen hat. Auf der Wiese vor dem Reichstag konnte man am Wochenende entspannen. Gelegentlich wurde sie für Open-Air-Konzerte genutzt: 1988 spielte dort Michael Jackson, der King of Pop höchstpersönlich.


Das Gelände rund um die Yorckbrücken war eine verwilderte Brache

In den 1980er-Jahren haben sich rund um die Yorckbrücken seltene Pflanzenarten angesiedelt und viele Vögel, auch bedrohte Gattungen, brüteten in dem Biotop.
Die Yorckbrücken zwischen Kreuzberg und Schöneberg und das dahinter liegende Gelände waren verwildert. Foto: Imago/Lars Reimann

Die Schienen wurden modernisiert, rundherum entstanden neue Wohnhäuser und ein großer Baumarkt, Teile des Geländes sind jetzt ein Park. Nichts erinnert mehr an die wilde Brache, die das Areal rund um die Yorckbrücken in Mauerstadt-Tagen war. In den 1980er-Jahren haben sich dort seltene Pflanzenarten angesiedelt und viele Vögel, auch bedrohte Gattungen, brüteten in dem Biotop. Kinder aus der Nachbarschaft nutzten hingegen das Gelände als Abenteuerspielplatz, obwohl es streng verboten war, denn die S-Bahnen donnerten immer noch quer hindurch. Auch so manche Party wurde hier gefeiert.


Die Pandas im Zoo hießen Bao-Bao and Tien-Tien

Pandabären im Zoologischen garten in West-Berlin. Damals hieß das Pärchen Bao-Bao und Tien-Tien.
Geschenk für Helmut Schmidt, die Pandas Bao-Bao und Tien-Tien. Foto: Imago/ZUMA/Keystone

Die Berliner pflegten schon immer ein inniges Verhältnis zu den tierischen Bewohnern des Zoologischen Gartens. Man denke nur an das Flusspferd Knautschke oder den Eisbären Knut. Auch in den 1980er-Jahre waren Pandas naturgemäß eine Sensation. Damals hieß das Pärchen Bao-Bao und Tien-Tien. Sie waren ein Geschenk der chinesischen Regierung an Bundeskanzler Helmut Schmidt. Bao-Bao lebte bis 2012 im Zoo, allein, denn Tien-Tien starb bereits 1984 an einer Virusinfektion. Heute hat Berlin wieder seine Pandas und die haben sogar Nachwuchs bekommen. Mehr berühmte Berliner Zoo-Tiere trefft ihr hier.


Der 1. Mai in Kreuzberg wurde „revolutionär“

Heute gehören die Ereignisse vom 1. Mai 1987 zur Kreuzberg-Folklore. An jenem Tag eskalierte die "revolutionäre"-Demo zum Tag der Arbeit.
Die geplünderte und abgebrannte BOLLE-Fililale nach den schweren Krawallen am 1. Mai 1987 in Kreuzberg. Foto: Imago/Peter Homann

Längst gehören die Ereignisse vom 1. Mai 1987 zur Kreuzberg-Folklore. An jenem Tag eskalierte die „revolutionäre“-Demo zum Tag der Arbeit. Am Abend gab es eine amtliche Straßenschlacht und diese mündete in der Plünderung und anschließenden Zerstörung einer Filiale der Supermarktkette Bolle direkt am Görlitzer Bahnhof. Seitdem befand sich Kreuzberg am 1. Mai regelmäßig im Ausnahmezustand. Autonome aus dem ganzen Land reisten an und lieferten sich Kämpfe mit der Polizei. Autos brannten, Scheiben wurden eingeschlagen, es gab viele Verhaftungen. Die Situation wurde erst Jahre später vom Senat und Nachbarschaftsinitiativen befriedet und mit dem MyFest unter Kontrolle gebracht. Allerdings verwandelte sich der Tag dadurch in ein riesiges Open-Air-Festival für feierwütige Hedonisten, was den Bezirk vor andere Probleme stellte.


Die „Schwangere Auster“ stürzte ein

Im Mai 1980 stürzte das Dach des von den Berlinern in "Schwangere Auster" umgetauften Gebäudes, ein. Dabei starb ein Journalist vom SFB
Das Dach der Berliner Kongresshalle, heute das Haus der Kulturen der Welt, stürzte im Mai 1980 ein. Foto: Imago/serienlicht

Es war ein Geschenk der Amerikaner an die Stadt Berlin. Die moderne Kongresshalle, ein Stück aufsehenserregender Architektur für die Mauerstadt. Im Mai 1980 stürzte das Dach des von den Berlinern in „Schwangere Auster“ umgetauften Gebäudes, ein. Dabei starb ein Journalist vom SFB, woran bis heute eine Gedenktafel erinnert. Interessanterweise gründeten sich wenige Wochen zuvor, am 1. April 1980, die Einstürzenden Neubauten. Die einflussreiche Gruppe, die mit experimentellen Strategien und radikalem Selbstverständnis weltweit für Furore sorgt, prägte nachhaltig den Mythos West-Berlin. Der Einsturz der Kongresshalle verwob sich mit der Bandgeschichte. Wobei Neubauten-Gründer Blixa Bargeld bis heute darauf beharrt, seine Band hätte nichts damit zu tun gehabt.


Mit dem Besuch über die Mauer kieken

In West-Berlin konnte man von speziellen Aussichtsplattformen auf Grenzsoldaten mit Wachhunden blicken
Aussichtsplattform an der Berliner Mauer, Aufnahme von 1985. Foto: Imago/teutopress

Die Sehenswürdigkeit schlechthin war in West-Berlin die Mauer. Von der West-Seite wurde sie bunt angemalt. Teilweise kamen auch berühmte Künstler wie Keith Haring in die Stadt, um sich an dem „Antifaschistischem Schutzwall“ zu verewigen. Auf der anderen Seite patrouillierten Grenzsoldaten mit Wachhunden und man konnte über Stacheldraht und Panzersperren blicken. Wenn man sich auf eine der Aussichtsplattformen stellte, die die Stadt Berlin freundlicherweise der Bevölkerung zur Verfügung gestellt hat. In der Regel machte man das, wenn Besuch von Auswärts da war. Ansonsten lebten die West-Berliner zwar von der Mauer umgeben, ignorierten sie aber geflissentlich.


Es war die Stadt der Originale

Neben einer kleinen aber vibrierenden Boheme, prägten auch die Berliner Originale die 1980er-Jahre in West-Berlin.
Foto: Peter Bischoff/Getty Images

West-Berlin hatte keine Sperrstunde und die Männer mussten nicht zur Bundeswehr, politisch war die Mauerstadt abgekoppelt, so nahm man etwa nicht an den Bundestagswahlen statt. Das lag an den Alliierten Schutzmächten, die Berlin offiziell regierten. Dieser Sonderstatus, gepaart mit einer hoch subventionierten Wirtschaft und heruntergekommenen Mietskasernen, die „instandbesetzt“ werden konnten, machte die Stadt zum Paradies für Freaks, Punks, Sonderlinge, Aussteiger, Revoluzza und Künstlertypen. Neben einer kleinen aber vibrierenden Boheme, prägten auch die Berliner Originale die 1980er-Jahre in West-Berlin. Darunter Hinkebein, Sunshine, Ratten-Jenny, Bruno S., Helga Götze und der Grimassenschneider (Foto) vom Europa Center.


Man hatte noch den Durchsteckschlüssel

Auch der Berliner Schlüssel bzw. Durchsteckschlüssel für die Haustüren war so eine Eigenheit.
Der Durchsteckschlüssel bzw. Berliner Schlüssel mit Halterung für den Schlüsselbund. Foto:
Clemensfranz/Wikimedia/CC BY 2.5

Es gab zahlreiche Eigenheiten in West-Berlin. Die Geisterbahnhöfe der U6 und U8 etwa, oder dass man für 20 Pfennige endlos telefonieren konnte. Es gab auch noch viele Wohnungen mit Ofenheizung und Außentoilette, was man in „Westdeutschland“ gar nicht mehr kannte. Auch der Berliner Schlüssel bzw. Durchsteckschlüssel für die Haustüren war so eine Eigenheit. Man steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte, öffnete die Tür und steckte ihn durch, drehte auf der anderen Seite wieder, um die Tür zu schließen, und erst dann konnte man den Schlüssel wieder herausziehen und in einer speziellen Halterung am Schlüsselbund befestigen. Viele Mietshäuser hatten damals keine Klingelanlagen und auch ein Telefon hatte nicht jeder. Die Sache mit dem Schlüssel erschwerte den Kontakt durchaus. Aber es ging dann doch irgendwie.


Der Potsdamer Platz war Niemandsland

Bis zur Wende war der vor dem Krieg so belebte Potsdamer Platz nichts mehr als ein staubiger Acker. Niemandsland in Randlage.
Das ehemalige Weinhaus Huth am Potsdamer Platz, rechts die Streckenführung der Berliner Magnetschwebebahn (M-Bahn), Foto vom Juni 1988. Foto: Imago/Jürgen Ritter

So richtig gelungen ist der Neuaufbau des Potsdamer Platzes seit der Wende nicht. Irgendwie leer und öde steht da die mittelprächtige Architektur im Stadtraum und kaum jemand interessiert sich dafür. Shopping-Center, Kino und McDonalds haben schon aufgegeben oder sind dabei es zu tun. In West-Berliner Zeiten war der Potsdamer Platz schlicht und ergreifend eine gewaltige Brache. Wim Wenders fängt die Stimmung in „Der Himmel über Berlin“ kongenial ein.

Der vor dem Krieg so belebte Ort mutierte zum Niemandsland in Randlage. Die BVG experimentierte dort kurzzeitig mit einem neuen Verkehrsmittel, der Magnetschwebebahn. Daraus ist nichts geworden. Ansonsten gab es auf dem Potsdamer Platz an den Wochenenden einen riesigen Ramsch-Trödelmarkt. In der Wendezeit kamen viele Händler aus Polen hinzu, dann wurde der Flohmarkt in „Polen-Markt“ umbenannt.


Die Party- und Subkultur florierte und die Nächte waren lang

Im Risiko, wo Maria Zastrow an der Bar stand, tobte das Leben in West-Berlin der 1980er-Jahre
In der sagenumwobenen Szene-Bar Risiko herrschte Maria Zastrow über die Theke und die Musikbeschallung. Foto: Petra Gall

David Bowie brachte West-Berlin Ende der 1970er-Jahre auf die popkulturelle Weltkarte. Mit Iggy Pop im Schlepptau residierte er in einer Schöneberger Altbauwohnung und versuchte von den Drogen wegzukommen. In West-Berlin! Er ging ins Café Anderes Ufer ab und hing im Fabrikloft der Strickmode-Designerin Claudia Skoda ab. Hier nahm er seine Berlin-Trilogie auf, darunter die beiden wichtigen Alben „Low“ und „Heroes“. Die 1980er standen noch unter dem Eindruck Bowies, doch schon bald emanzipierte sich die Szene.

Man tanzte im Dschungel und im Linientreu, Konzerte gab es im Loft, Quartier Latin und im alten Tempodrom, als es noch ein richtiges Zelt war und kein Betonkoloss. Im Risiko, wo Maria Zastrow an der Bar stand, im SO36 oder dem Ex’n’Pop konnte man alkoholgetränkt abstürzen.

Die Ärzte brachten die Punk-Kultur mit Humor und Verstand in die Charts und der düstere Australier Nick Cave wählte Berlin als Heimstätte für seine Bad Seeds. Nicht zuletzt wegen des leichten Zugriffs auf harte Drogen. In den Nischen gedieh eine sperrige, avantgardistische Subkultur. Es war die Stunde der „Genialen Dilletanten“. Ein kulturhistorischer Moment, keine Gruppe oder Kunstströmung. Eher eine Haltung, die so nur in West-Berlin entstehen konnte. Neben den Einstürzenden Neubauten gehörten u.a. Die Tödliche Doris, Din-A-Testbild, Jörg Buttgereit, Die Haut, Geile Tiere und Frieder Butzmann zum Umfeld.


Der Mauerfall hat alles verändert

Mauerfall in Berlin. Die ersten Trabbis, die durch die offenen Grenzen fuhren, die Mauerspechte, die fröhlichen Gesänge.
Menschen klettern auf die Mauer. Foto vom 9. November 1989. Foto: Imago/photothek

Mit dem Mauerfall endete die Ära West-Berlin, der Sonderstatus, die Insellage, die Abgeschiedenheit, all das war Geschichte. Mit den Jahren wurde Berlin international, die Politik zog aus Bonn hierher, Touristen kamen in Massen an die Spree, Techno hat die Partyszene revolutioniert. Alles wurde anders. Die Mauerstadt wurde plötzlich in Romanen und Dokumentarfilmen verhandelt. Doch wer hier Ende 1989 lebte, hat einem historischen Riesenereignis beigewohnt. Die ersten Trabbis, die durch die offenen Grenzen fuhren, die Mauerspechte, die fröhlichen Gesänge. Der Taumel und die Skepsis. Alles vermischte sich. Etwas Neues begann und etwas Altes musste enden.


Mehr Berlin verstehen:

Die andere Seite der Geschichte: 12 Dinge, die jeder kennt, der in Ost-Berlin der 1980er gelebt hat. Auch in unserer Geschichte gibt es Orte, die legendär sind und nicht mehr existieren. Eine Auswahl findet ihr hier. Neu in Berlin? Dann herzlich Willkommen. Damit dieses Willkommen auch herzlich bleibt, hätten wir hier ein paar gute Tipps für Zugezogene.

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