Neues Album

Beirut: Vom Studio in Lichtenberg tief in den Seelenraum

In Lichtenberg, wo US-Indie-Popstar Beirut lebt, hat er sich für seine neue Frühwerk-Compilation „Artifacts“ durch seine schwierige Vergangenheit samt Obsession und Depression gewühlt – um endlich Frieden mit ihr zu finden. Mit uns hat Zach Condon alias Beirut erstaunlich offen über diese Zeit gesprochen und gesagt: “Ich war ein Zombie”.

In sich gekehrter Typ mit Faible für Trompeten: US-Indie-Pop-Star Beirut. Foto: Lina Gaisser

Beirut: Einblicke in sein Studio in Lichtenberg – und in seinen Seelenraum

„Als Teenager waren für mich Schlaf- und Musikzimmer sowieso dasselbe“ “, sagt Zach Condon alias Beirut, und man spürt, wie intim die Angelegenheit für ihn ist: Musikmachen. Er weist auf eine Wand aus modularen Synthesizern hinter ihm. Seine Keyboards und Pianos. Seine Farfisa-Orgel aus Santa Fe, New Mexico, dem Ort seiner Kindheit. Ein Harmonium und ein Spinett. Ukulelen und ein Waldhorn. Wir blicken in Zach Condons Heimstudio in Lichtenberg, wo der Indie-Pop-Star mit dem Künstlernamen Beirut seit anderthalb Jahren wohnt, nach einigen Jahren dicht beim Kreuzberger Viktoriapark. „Einige der hübschen neuen Instrumente habe ich in Berlin gekauft“, sagt er mit seiner beruhigenden Baritonstimme. „Obwohl neu in diesem Falle heißt: hundert Jahre alt.“

Er lächelt sanft, und man fühlt sich willkommen. Eigentlich hatte uns Beirut fürs Interview leibhaftig in sein Studio geladen. Dann bekam er einen Tag vorab doch Muffensausen – und verlegte das Gespräch ins Digitale, in den Videochat. Seinen Raum schließt er uns trotzdem auf. Seinen Seelenraum.

Beirut ist einer der größten Stars im Indie-Pop seit anderthalb Jahrzehnten. Sein multimillionenfach geklickter Hit „Nantes“ fand den Weg auf zahlreiche Arthouse-Filmsoundtracks, wurde gar bis in Electro- und HipHop-Gefilde hinein gesampelt, von Snoop Dogg, Diplo, Chance the Rapper und auch vielen anderen. Bekannt geworden war Zach Condon alias Beirut Mitte der Nullerjahre mit einem verspielten, organischen blechbläser- und orgelsatten Signatursound, den er einst auf Interrail-Touren auch nach Berlin entwickelt hat; durch Balkan-Musik, die er hier gehört hat.

Berlin ist schon lange präsent in Beiruts Songs

Referenzen auf Berlin gab es sehr früh, schon auf seinem Debüt-Album „Gulag Orkestar“ von 2006, mit einem Lied namens „Prenzlauerberg“. So schön falsch geschrieben wie einst David Bowies „Neuköln“ (sic!). Mit 19 war Zach Condon zum ersten Mal hier in Berlin. Das war vor 16 Jahren im Februar. Beirut erinnert sich gern; mitten im Winter sei Berlin so dramatisch: „Hässlich und wunderschön zugleich. Der Osten Berlins fühlte sich für mich damals wie ein herrenloser Hund an.“

Mittlerweile ist Zach Condon heimisch in Berlin geworden, nach rastlosen Jahren in New York und Istanbul und Paris. Doch dass ausgerechnet Berlin der Ort werden würde, an dem er intensiv wie nie zuvor mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird – das hätte er wohl selbst nicht erwartet. Anstoß gab die Idee seines Labels, einen Re-Release der „Lon Gisland“-EP von 2007 vorzubereiten, angereichert mit B-Seiten und unveröffentlichten Demos. Um also die Aufnahmen für diese neue Frühwerk-Werkschau, die nun als Doppel-LP namens „Artifacts“ erscheint, auszuwählen, hat sich Zach Condon durch 20 (!) Festplatten seines frühen Klangmaterials gefuchst. „Man kann keine Aufnahmen von sich selbst hören, als man 14 oder 15 war, ohne direkt in diese Zeit zurücktransportiert zu werden“, sagt Zach Condon.

Und so kam es, dass Beirut von Berlin aus seine Psycho-Zeitreise zurück in seine Jugendzeit unternahm. „Ich konnte mir plötzlich wieder ganz plastisch vorstellen“, sagt er, „wie mich damals die Schlaflosigkeit plagte. Und wie ich den Kontakt zu meinen Freunden verlor.“ Die löste er ab durch seine Instrumente, die er sich ins Zimmer holte, bis dort kaum noch Platz für seine Schlafmatratze blieb. Seine Skater-Freunde von der Halfpipe traf er nicht mehr, nachdem er sich das Handgelenk ein paar Mal zu oft gebrochen hatte. Auf Highschool-Partys ging er nur noch, um dort Bier abzugreifen, sagt er, und dann zurück zu seinen Instrumenten zu kehren: „Als ich 14, 15 war, dachte ich, das wäre völlig normal, bis um 4 oder 5 morgens aufzubleiben, weil man die Melodie noch nicht zu Ende geschrieben hat. Ich hatte diese Regel: Ich muss jede Nacht einen Song schreiben, der hängenbleibt.“

Panickattacken auf der ersten Welttournee

Zach Condon erzählt davon, wie sein kleiner Bruder Ross sich Oropax in die Ohren stopfte, um im Nachbarzimmer schlafen zu können.  Einmal hat Zach Condon vor lauter Wut darauf, dass ihm das Lied nicht gelingt, Keyboard, Mikrofone und Trompeten aus dem Zimmer rausgeschmettert. Zwei Wochen später, drei Uhr morgens, hatte er dann doch wieder Bock auf Keyboard, brachte die Instrumente zurück ins Zimmer. „Ich hatte keine Wahl. Niemals hätte ich ernsthaft aufhören können. Ich habe kein Leben außerhalb der Musik – bis heute nicht.“ Und schon damals habe er groß geträumt: „Ich wollte, zur Hölle nochmal, raus aus Santa Fe und die Welt sehen. Meine Ambitionen waren riesig.“

Angekommen in Lichtenberg: US-Indie-Pop-Star Beirut. Beirut. Foto: Lina Gaisser

Und sie wurden ja auch wahr: seine Träume davon, weltbekannt zu werden, durch seine Musik. „Rückblickend würde ich sagen: Ich ging durch brutale Angststörungen und Depressionen. In meinen 20ern hatte ich ja auch schon was erreicht. Und trotzdem ging es mir elend. Ich hatte nie genug. Nicht genug Aufmerksamkeit. Nicht genug Applaus. Ich hab ganze Alben geschrieben als Reaktion auf Kritik von außen. ‚The Rip Tide‘ war 2011 meine Reaktion darauf, dass Leute gesagt haben: ‚Beirut‘ ist dieser Weltmusik-Balkan-Chanson-Typ. Ich meinte: ‚Nee, bin ich nicht. Ich wuchs auch auf mit den Beach Boys.‘ Ich war wie ein Zombie auf der Suche nach Heilung.“

Er erzählt von Panik-Attacken auf der ersten Welttournee. „Ich musste scheinbar ohne jeden Grund heulen im Tour-Van. Meine Hände zitterten wie verrückt. Mein Hirn machte dicht. Wochenlang wachte ich morgens auf und wusste nicht mehr, wer ich bin. Mir war nicht mal mehr klar, was ‚am Leben sein‘ bedeutet. Ich starrte meine Hände an und verstand langsam, dass Zach mein Name ist. Dass ich an einem Ort namens New Mexico bin. Dass ich einen ‚Vorfall‘ hatte. Es war mir, als könnte ich, wenn ich mich nicht hart genug konzentriere, ganz verschwinden.“

Die Düsternis und der Spaß auf Beiruts “Artifacts”

Bei der Selbst-Konfrontation mit der Vergangenheit hat Zach Condon aber auch gemerkt, dass er weniger allein war, als er dachte: Viele ganz frühe Aufnahmen waren nicht mal auf den 20 Festplatten drauf, die Zach Condon in seinem Lichtenberger Heimstudio stehen hat. Doch Ross, sein jüngerer Bruder mit den Oropax von einst, hat selber archiviert: frühe CDs von Zach Condon, die der selbst brannte und dann in die Ecke feuerte. „Ansonsten wäre das alles nun weg.“

Einige solcher Erinnerungen hat Zach Condon auch in bittersüßen Texten in den Liner Notes zur „Artifacts“-Compilation festgehalten. Man meint fast, dass ein Roman-Autor an im verlorenging. „Früher habe ich das Schreiben gehasst“, sagt er. „Ich habe selbst Notizbücher mit Songtexten nach den Aufnahmen zerrissen der verbrannt. Ich hasste es, meine Gedanken auf Papier zu sehen. Erst so in den letzten anderthalb Jahren gelingt es mir, Erinnerungen an meine Gefühle wertzuschätzen. Einiges ist echt düster. Aber anderes macht wirklich Spaß.“ Wenn er das so sagt, wirkt Zach Condon, der Indie-Weltstar, fast wie ein normaler Berliner, der hierherkam, um sich selbst zu finden. Die schmerzlichen Erinnerungen, sie können ihn nicht mehr heimsuchen – da er sie selber zu sich heimholte in diesen, seinen Raum nach Lichtenberg.

  • Beirut, neues Album “Artifacts” (Pompeii/Secretly/Cargo), bereits erschienen

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