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Leseprobe

West-Berlin-Tagebuch von Jörg Buttgereit: So drehte er „Nekromantik“

Jörg Buttgereit ist Kultfilmer, Experte für surrealistischen Horror, Low-Budget-Kino-Revolutionär, furchtloser Romantiker. In seinem Buch „Nicht jugendfrei! Tagebuch aus West-Berlin“, das Anfang Juni 2023 beim Martin Schmitz Verlag erscheint, erzählt der 59-jährige Regisseur und Filmkritiker von seiner Sozialisation durch Horror- und Monsterfilme in West-Berliner Bezirkskinos, Konzerterlebnissen, der Punk-Revolution – und der Entstehung seiner Underground-Horrorfilme.

Exklusiv stellen wir euch vorab eine gekürzte, verdichtete Leseprobe vor: das Making-of von Jörg Buttgereits legendären ersten Langfilm „Nekromantik“ (1987). Achtung, Triggerwarnung: Es geht unter anderem um Sex mit Leichen, Schweineaugen, einen toten Laubenpieper, eine Kaninchenschlachtung und ein ganz und gar grauenhaftes Kino-Erlebnis mit einem Wim-Wenders-Film. Alle Fotos stammen, mit freundlicher Genehmigung von Jörg Buttgereit und Martin Schmitz, aus dem reich bebilderten Buch.

Jörg Buttgereit, Horror-Kultfilmer und Mauerstadtkind. Foto: Thomas Ecke

Jörg Buttgereit und sein West-Berlin-Tagebuch: Dezember 1986 – Betty kommt

Beatrice kommt in meine kleine Einzimmer-Altbauwohnung in der Bautzener Straße 8 an den Yorckbrücken. Wir sitzen auf dem schwarzen Linoleumboden in meinem düsteren Zimmer. Die Wände sind schwarz gestrichen und mit Horror- und Monsterfilmplakaten behangen. In den Regalen stapeln sich Videokassetten, Plastiktotenköpfe und Monstermodelle.

Ich habe keine Ahnung wie mein privates Reich auf Beatrice wirken muss. Ich gehe unser fragmentarisches Filmskript mit ihr durch und versuche ihr irgendwie klar zu machen, was wir da vorhaben und auf was sie sich einstellen muss.

Es geht schließlich um Sex mit Leichen. Beatrice scheint das nicht zu kümmern. Ihr Freund Martin hat wohl auch keine Bedenken. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Was für ein tapferes Mädchen! Ich versichere ihr, dass wir ihr alle Szenen, in denen sie nackt zu sehen sein wird, vor Veröffentlichung zeigen und dass sie ein Einspruchsrecht hat. Ich will sie nicht über den Tisch ziehen. Ich mache Filme aus Überzeugung. Wir zetteln gemeinsam eine Off-Kino-Revolution an! Gegen die rigide Zensurpolitik in Deutschland.

Hauptdarstellerin Beatrice beim Liebesspiel mit Leiche: „Was für ein tapferes Mädchen.“ Foto: Jörg Buttgereit

Beatrice findet es seltsam, aber toll, dass in meiner mit Filmplakaten zugekleisterten Wohnung überhaupt keine Bilder oder Poster von meinen eigenen Filmen hängen. Da hat sie recht. Ich würde nie auf die Idee kommen, ein Godzilla-Plakat gegen ein HOT LOVE Poster auszutauschen. Ich zeige ihr auch meine in signalrot gestrichene Küche. Auf dem alten Holzgartenstuhl am Küchentisch sitzt die nach Latex und Lösungsmitteln stinkende Leiche. Hier werden wir auch eine Szene mit ihr und ihrem Partner Rob drehen.

Ich weiß nicht genau wie, aber ich konnte den skeptischen Daktari nun doch überreden, die Hauptrolle in meinem ersten Langfilm zu übernehmen. Wahrscheinlich ist durch unseren gemeinsamen Leichenbau eine enge Komplizenschaft entstanden. Und zeitlich macht es gar nicht so einen großen Unterschied, weil Daktari wegen der Spezial Effekte sowieso am Drehort sein muss. Franz, Daktari und ich treffen Beatrice am 10. Dezember 1986 um 22:30 Uhr im Linientreu am Ku’damm. Sie hat gerade in einer kleinen Theaterproduktion mitgemacht und ist noch etwas verschwitzt und aufgedreht. Es ist das offizielle Kennenlernen meiner beiden Hauptdarsteller. Ich kann nicht behaupten, dass der berühmte Funke zwischen beiden übergesprungen ist.

Hoffentlich geht das gut …

Regisseur Jörg Buttgereit, Hauptdarsteller Daktari und die Leiche: Es riecht nach Latex und Lösungsmitteln. Foto: Uwe Bohrer

Januar 1987: Ich schau dir in die Schweineaugen, Kleines

Im Moabiter Schlachthof schlägt mir am 16. Januar 1987 warme und stinkende Luft in das Gesicht. Es ist der körperwarme Duft frisch geschlachteter, ausgeweideter und heiß abgebrühter Schweine. Beim Atmen überkommt mich ein Würgereiz. Es riecht nach angesengten Schweineborsten und frischem Blut. Ekelhaft.

Förderbänder transportieren Schweinehälften ratternd durch die Gegend. Männer rufen sich unverständliche Dinge zu. Schweineteile werden in große weiße Plastikwannen geworfen. Was tue ich eigentlich hier?

Das fragt sich offenbar auch der stämmige Mann in Gummistiefeln und weißer langer Plastikschürze, der mich verwundert ansieht. „Schweineaugen“, sage ich. „Wo bekomme ich die Schweineaugen?“ „Da hinten beim Veterinär“, sagt der Schlachter und zeigt mit seinem Messer in die Richtung, in die ich mich gefäl- ligst verpissen soll. „Wir brauchen die Augen für den Biologieunterricht. Zum Sezieren“, lüge ich den Mann an. Doch das scheint ihm völlig egal. Ist das normal, dass hier im Schlachthof junge Typen wie ich auftauchen und nach frischen Schweineaugen fragen?

„Wieviel brauchste?“, fragt mich der Veterinär. Er trägt die gleiche Kleidung wie die Schlachter. Völlig absurd, dass hier in der stinkenden Schweinehölle ein Tierarzt zugegen ist, und dass er diesem unmenschlichen Massaker kein Ende bereitet. Vor mir steht ein riesiges blaues Plastikfass, randvoll mit schlachtfrischen, glänzenden Schweineaugen. „Äh, ich weiß nicht. Wir brauchen die zum Sezieren im Biounterricht.“ Ich stammle schon wieder. Es klingt wie eine Entschuldigung. Der Tierarzt hat die Faxen dicke und greift entschlossen mit seinen behandschuhten Händen in das Augenfass. Er lässt die glitschigen Augen in eine Klarsichttüte gleiten und guckt mich fragend an. Ich sage nichts. Dazu müsste ich zu tief Luft holen. Ich will dem Mann nicht auf die Gummistiefel kotzen.

Kurz darauf sitze ich mit der Tüte auf dem Schoß in der U-Bahn der Linie 7. Ich kann das Gewicht der Augen auf meinen Schenkeln spüren. Am U-Bahnhof Rathaus Neukölln steige ich aus.

Kameramann Uwe Bohrer hat einen großen Teil seiner Zwei- Zimmerwohnung in der Flughafenstraße als Drehort hergegeben.

Wir okkupieren und renovieren schon seit letzten Dezember sein Wohnzimmer. Wir streichen die Wände grau, stellen Metallregale auf und bauen ein ungemütliches Doppelbett für die drei liebestollen Protagonisten unseres Films. Das Bett wird einer der Hauptschauplätze. Hier soll die Liebesszene stattfinden. Hier werden wir Filmgeschichte schreiben. Unsere Leiche liegt schon erwartungsvoll auf dem Bett. Es fehlt ihr nur noch ein Auge, aber Augen gibt es reichlich vom Schlachthof.

Schweineauge, sei wachsam! Künstliche Leiche mit echten Augen. Foto: Jörg Buttgereit

September 1987: Unser Film ist immer noch zu kurz

Am 10. September drehen wir eine zusätzliche Szene im Schrebergarten von Daktaris Eltern in Tempelhof. Harald Weis ist sich wieder für nichts zu schade und übernimmt die Rolle eines Laubenpiepers, der beim Apfelpflücken von einem schießwütigen Nachbarn (Volker Hauptvogel von der Band Mekanïk Destruktïw Kommandöh) aus Versehen mit einem Luftdruckgewehr angeschossen wird. Der Sturz vom Baum bricht dem Laubenpieper das Genick, und der prollige Nachbar entsorgt die Leiche, um den Mord zu vertuschen. Die eher komische Szene soll die Herkunft unseres toten Liebhabers erklären. „Das versteht doch keiner“, gibt Uwe zu bedenken. Daktari gibt ihm recht.

Oktober 1987: Findungsprozess am Schneidetisch

Samstag, der 3. Oktober, ist der letzte Drehtag. Ein großer Teil von Jelinskis Garten in Lichtenrade hat sich im Laufe der Dreharbeiten in einen Friedhof verwandelt. Hier liegen zwar keine echten Leichen unter der Erde, aber die Grabsteine sind alle echt. Es sind Überbleibsel abgelaufener Gräber. Ein Grabstein ist von Jelinskis Vater. Wir drehen mit kleinem Team die letzte Szene an Robs Grab.

Betty, die ihren Ex-Boyfriend nach seinem Ableben nun wieder begehrenswert findet, soll mit dem Ausheben seines Grabes beginnen. Uwe, der immer noch Kontakt zu Beatrice hat, signalisiert allerdings, dass sie nicht abkömmlich ist. „Dreht Beatrice immer noch mit Wenders?“, will ich neugierig wissen. „Nein“, sagt Uwe. „Aber sie kann nicht.“ Egal. Ich frage Dani, ob sie Beatrice doubeln kann. Wir zeigen einfach nur Danis Beine mit ihren neuen schwarzen High Heels.

Die Szene ist ratzfatz im Kasten. Endlich sind die Dreharbeiten vorüber.

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Kameramann Uwe Bohrer: „Das versteht doch keiner.“ Foto: Jörg Buttgereit

Im Xenon läuft heute eine lange Kinonacht, die ich programmiert habe: NULL NULL SEX von Russ Meyer, TEUFLISCHE BRÜSTE von Doris Wishman und PINK FLAMINGOS von John Waters. Als ich diese „Exercise in Poor Taste“ von Waters im September 1979 das erste Mal in der Filmbühne am Steinplatz gesehen habe, war das wie ein Erweckungserlebnis. Ich wollte auch ein selbstbestimmter und unabhängiger Filmemacher werden. Und nun ist mein erster Langfilm fast fertig.

Während des langen Findungsprozesses am Schneidetisch kommen wir auf inhaltlich essenzielle Ideen, die so nicht im Skript stehen. Die Idee, eine Traumabewältigung in Zusammenhang mit Robs Selbstmord durch eine rückwärts laufende Kaninchenschlachtung zu erzählen, entsteht erst beim Schnitt und ist sicher erzählerisch gewagt. Franz hat die Schlachtung mit Jelinskis Super 8-Kamera bei einem Kaninchenzüchter, dem Vater seiner Freundin Elke der Südpfalz, gedreht. Den echten Tod eines Tieres im Film zu zeigen hat für mich neben dem Schock auch einen erzieherischen Aspekt. Seht her, Horrorfans! Das ist kein Spezialeffekt. Der Tod des Kaninchens ist echt. Es ist schmerzhaft anzusehen und nicht so leicht konsumierbar wie ein fiktiver Zombiefilm.

Da unser Film kaum Dialoge enthält und wir zum Vertonen nur zwei Tonspuren zur Verfügung haben, brauchen wir gute Musik. Zum Glück wimmelt es in meinem Freundschaftskreis von Musikern. Daktari komponiert zwei melodiöse elektronische Titelthemen, John Boy Walton zaubert zwei neue romantische Klavierstücke im Stil von HOT LOVE und Hermann Kopp aus Stuttgart sorgt mit seiner Geige für jede Menge schräger Klänge. Die Musik bügelt die Unebenheiten des Filmmaterials glatt, und aus NEKROMANTIK scheint tatsächlich so was ähnliches wie ein Film zu werden.

Dezember 1987:  Vom Winde verweht

Obwohl NEKROMANTIK immer noch nicht fertig geschnitten und vertont ist, brauchen wir natürlich auch ein Plakat für den Film. Ein richtiges großes Filmplakat im A1 Format vom eigenen Werk war schon immer mein Wunschtraum. Andreas Marschall, der schon  das Poster für HOT LOVE gezeichnet hat, erklärt sich bereit, für wenig Geld ein Bild zu malen. Ich hätte gerne eine horrible Verarsche auf das Plakat des Hollywood-Klassikers VOM WINDE VERWEHT, auf dem Clark Gable schmachtend Vivien Leigh in den Armen hält. Ich mache eine krude Skizze.

Am 4. Dezember 87 hat Marschall die Zeichnung fertig. Ich bin überwältigt. Das Bild sieht verdammt professionell aus. Eigentlich viel zu professionell für unseren kleinen Film. Die Frau mit ihrer seidenweichen Haut und den großen strammen Brüsten sieht überhaupt nicht aus wie unsere Betty. In Ermangelung von Nacktfotos meiner Hauptdarstellerin hat Marschall als Vorlage auf eine wollüstige Dame aus einem Pornomagazin zurückgegriffen. Das Skelett mit dem heraushängenden Auge sieht sensationell dreidimensional aus. Ich bin begeistert, obwohl ich echte Bedenken habe, dass Marschalls edler Airbrush-Stil überhaupt nicht zur grobkörnigen Schmuddelästhetik meines Films passt und die Erwartungshaltung des Publikums in pornografische Hochglanzgefilde lenken könnte. Das Motiv gehört vielleicht eher auf das Cover einer Heavy Metal Schallplatte. Aber wir haben weder das Geld noch die Zeit, ein zweites, vielleicht passenderes Motiv anfertigen zu lassen. Außerdem klappt jedem, dem ich Marschalls Zeichnung zeige, vor Entsetzen der Kiefer herunter. „Boa Alter, was ist das denn?“ „Das ist mein neuer Film!“

Anzeige in der ZITTY mit dem „Nekromantik“-Plakatmotiv: Sensationell dreidimensionales Skelett. Foto: Jörg Buttgereit

Am 7. Dezember gehe ich mit Dani in das Studio Kino am Adenauerplatz. Ich will und muss endlich den in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichneten Film DER HIMMEL ÜBER BERLIN sehen, weil Beatrice während unserer Dreharbeiten zu NEKROMANTIK eine Rolle in dem Film von Wenders bekommen hat. Beatrice ist die Freundin von Martin Walz, dem Sohn der Theaterfotografin Ruth Walz, die mit dem HIMMEL ÜBER BERLIN-Hauptdarsteller Bruno Ganz zusammen ist. Wenn Beatrice bei Wenders eine gute Figur macht, könnte das auch positive Auswirkungen auf meinen Film haben. DER HIMMEL ÜBER BERLIN kommt in edlem Schwarzweiß daher und ist durchweg zum Fremdschämen. Wenders hat diesen aufgesetzt poetischen Blick eines Wessis, der mit peinlich verklärter Wehmut auf unsere graue Mauerstadt blickt. Bei ihm hängen sogar Prolls und Gastarbeiter in der U-Bahn philosophischen Gedanken nach. Mit meiner Lebenswirklichkeit in West-Berlin deckt sich dieser lahmarschig gediegene Kunst-Quark jedenfalls nicht. Dagegen ist die schrullige SFB-Fernsehserie DREI DAMEN VOM GRILL ein Meisterwerk an Authentizität.

Der Auftritt des seltsam unsicher wirkenden Nick Cave und seiner aktuellen Band THE BAD SEEDS im ehemaligen pompösen Hotel Esplanade schlägt dem Fass den Boden aus. Das alte Esplanade ist in Wirklichkeit überhaupt kein Konzertort. Genau in diesen Räumlichkeiten habe ich mit Dirk Felsenheimer meine praktische Gesellenprüfung zum Dekorateur absolviert. Selbst der obercoole Cave und Blixa, der bei den SEEDS die Gitarre bearbeitet, sind dem ach so sensiblen Autorenfilmer Wenders auf den Leim gegangen. Das ist peinlichster Punk-Verrat. Beatrice spielt eine junge Prostituierte auf dunkler Straße. Sie ist überzeugend und blamiert sich nicht.

Wir lassen 1000 NEKROMANTIK Poster in der alternativen Druckerei Oktoberdruck anfertigen. Die drucken sonst die Monatsprogramme vom Sputnik und haben zum Glück keine ideologischen oder geschmäcklerischen Bedenken bei dem grauselig freizügigen Plakatmotiv von Marschall. Am 22. Dezember sind die Plakate fertig. Jetzt wird es ernst.

Januar 1988: Die Beleidigung des gemeinen Alltagsverstandes

Von der Arbeit an NEKROMANTIK bin ich erschöpft. Das Gefühl, die scheinbar ewig andauernde Produktion ständig antreiben zu müssen, hat mich ausgezehrt. Ich bin vor gut zwei Jahren als aufstrebender Autor und Regisseur angetreten und im Laufe der Dreharbeiten zum Mädchen für alles geworden. Ich habe als ausführender Produzent, Aufnahmeleiter, Spezialeffekt-Supervisor, Set Designer, Kameraassistent und Geräuschmacher gearbeitet. Jetzt kann ich ganz geschmeidig und ruckelfrei Kamerawagen schieben, Gräber ausheben und täuschend echt Sterbegeräusche eines Geköpften imitieren.

Doch ich will mich nicht beschweren. Schließlich ist das „mein Film“, in den ich meine Arbeitskraft investiert habe. Wahrscheinlich habe ich während des gesamten Entstehungsprozesses mehr über das Filmemachen gelernt als in einem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie.

Wir haben auch ohne eine kostenpflichtige Begutachtung durch die FSK beschlossen, dass unser Film erst ab 18 Jahren freigegeben ist. Es wäre auch peinlich, ja geradezu geschäftsschädigend, wenn ein Undergroundschocker wie NEKROMANTIK eine Jugendfreigabe bekommen würde.

Jörg Buttgereit feiert im Dezember 2023 seinen 60. Geburtstag. Foto: Martin Schmitz

Die Welturaufführung von NEKROMANTIK findet natürlich wieder im Sputnik Wedding statt. Wir wollen an die erfolgreiche Eröffnung des Splatter-Festivals mit HOT LOVE im November 1985 anknüpfen. Tatsächlich kommen am 29. Januar ’88 wieder 500 Zuschauer, die wir gegen jede baupolizeiliche Vorschrift in den nur für 350 Besucher zugelassenen Kinosaal stopfen. Erst gestern ist unser Film endlich fertig geworden. Bis in die frühen Morgenstunden haben wir bei Jelinski im Keller noch die 16-mm-Blow- Up-Filmkopie zusammengeklebt und einige Szenen nachvertont.

Als NEKROMANTIK beginnt, verkrieche ich mich in das Foyer. Das Bild ist auf der großen Leinwand zu dunkel. Der Magnetton dumpf. Trotzdem ist die Stimmung ausgelassen. Das Publikum geht mit. Als der Friedhofsgärtner geköpft wird, gibt es tosenden Szenenapplaus. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Nach dem Film setzt sich John Boy Walton an das Klavier vor der Leinwand und spielt die beiden Liebesmelodien aus NEKROMANTIK. Beatrice drückt Daktari auf der Bühne einen Kuss auf die Wange. Ich öffne eine Sektflasche. Meine Mutter ist auch zur Premiere gekommen. Wie hat ihr der Film gefallen? „Die Musik war schön“, sagt Mami diplomatisch.

  • Jörg Buttgereit: „Nicht jugendfrei! Tagebuch aus West-Berlin“ Martin Schmitz Verlag 2023, 368 Seiten, viele farbige Fotos, 36 €

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