Filmfestspiele

Berlinale 2021: Die Filme am zweiten Tag werden uns lange beschäftigen

Am zweiten Tag ist die Berlinale 2021 fast schon ein bisschen normal. Der tipBerlin hat vom Dienstag wieder drei Filme beim Online-Festival herausgesucht, die uns in den kommenden Monaten beschäftigen werden: „Introduction“ von dem koreanischen Meister Hong Sang-soo im Wettbewerb der Berlinale 2021, „The Scary of Sixy-First“, ein toller Schund-Thriller aus New York, in Encounters, und die Sozialsatire „Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude im Wettbewerb. Unsere Höhepunkte vom zweiten Tag der Berlinale 2021.


„Inteurodeoksyeon“ (Introduction) von Hong Sangsoo: Nächster Teil eines Gesamtkunstwerks

Der koreanische Regisseur Hong Sangsoo liefert der Berlinale 2021 mit seinem Wettbewerbsbeitrag einen schönen Höhepunkt. Foto: Jeonwonsa Film Co.Production
Der koreanische Regisseur Hong Sangsoo liefert der Berlinale 2021 mit seinem Wettbewerbsbeitrag einen schönen Höhepunkt. Foto: Jeonwonsa Film Co.Production

Der koreanische Regisseur Hong Sangsoo gehört zu den Lieblingen des internationalen Festivalkinos, insofern ist es grundsätzlich erfreulich, dass er seine Filme schon seit einigen Jahren auf der Berlinale zeigt. In rund 25 Jahren Schaffenszeit haben Hongs Filme mittlerweile den Status eines poetischen Gesamtkunstwerks erlangt, in dem jeder neue Film stets einen weiteren Baustein einer niemals endenden Geschichte darstellt, die um das Leben und die Liebe kreist, und darum, wie man das alles am besten bewerkstelligt. 

Seo Younghwa und Park Miso in „Inteurodeoksyeon“, einem Film über die Beziehungen zwischen Generationen. Foto: Jeonwonsa Film Co.Production

Ein Werk über die Generationen auf der Berlinale 2021

Während Hongs frühe Filme meist von Männern handelten, die es sich in ihren Beziehungen zu Frauen möglichst einfach machen, ging es ihm in den letzten Jahren dann vor allem um die Sichtweise von Frauen. Mit „Inteurodeoksyeon“ („Introduction“) erweitert der Autor und Regisseur sein Repertoire nun um die Beziehungen zwischen den Generationen.

Youngho und Juwon sind ein Liebespaar Anfang Zwanzig, der Film zeigt sie in verschiedenen Situationen mit ihren Eltern: Juwons Mutter hat ihrer zum Studium nach Berlin gezogenen Tochter ein Zimmer bei einer befreundeten Malerin besorgt, doch die eingeschüchterte Juwon reagiert ziemlich ängstlich. Die Mutter von Youngho lädt ihn zu einem Essen mit einem berühmten Bühnenkünstler ein, der ihm eventuell den Weg als Schauspieler ebnen könnte, aber Youngho hat sich beruflich schon anders entschieden.

Unspektakulär – aber schön!

Die „Introduction“ des Filmtitels ist dabei durchaus doppeldeutig: Einerseits wird den beiden jungen Leuten tatsächlich jeweils eine fremde Person vorgestellt, andererseits handelt die Geschichte eben auch von der Einführung in einen Lebensabschnitt, der von den Protagonist*innen eigene Entscheidungen erfordert.

Das ist inhaltlich und filmisch gänzlich unspektakulär – und trotzdem schön. Lange Konversationen entfalten oft in einer einzigen Einstellung mit Blick auf so manche Absurdität des Lebens einen hintersinnigen Humor.

Vertrautes Versatzstück beim koreanischen Meister: der Strand. Foto: Jeonwonsa Film Co.Production
Vertrautes Versatzstück beim koreanischen Meister: der Strand. Foto: Jeonwonsa Film Co.Production

Hong-Enthusiasten werden auch in „Inteurodeoksyeon“ vertraute Versatzstücke wiedererkennen, derer sich der Regisseur immer gern bedient: der Strand, ein Traum, Diskussionen über den Zusammenhang zwischen Schauspiel und Leben, Unterhaltungen, die mehr Fragen als Antworten beinhalten. Und natürlich das unvermeidliche Essen, das angesichts gesteigerten Alkoholkonsums aller Beteiligten langsam aus den Fugen zu geraten droht.

Und sonst? Werden in diesem Film so viele  Zigaretten geraucht wie seit den amerikanischen Noir-Krimis der 1940er-Jahre nicht mehr. Dazu müsste  man Hong dann aber vielleicht einmal selbst befragen.   Lars Penning

Inteurodeoksyeon ROK 2021, 66 Min., R: Hong Sangsoo, D: Shin Seokho, Park Miso, Seo Younghwa, Kim Minhee


„The Scary of Sixty-First“ in Encounters: Epstein und Exorzismus

Dasha Nekrasova und Madeline Quinn sind jetzt "Uptown Girls". Foto: Stag Pictures
Dasha Nekrasova und Madeline Quinn sind jetzt „Uptown Girls“. Foto: Stag Pictures

Eine Wohnung in Manhattan! Da kennt man viele Geschichten über Dreckslöcher für 1500 Dollar im Monat. Es kann einem aber noch viel schlimmer ergehen, wie man dem Film „The Scary of Sixty-First“ entnehmen kann. Noelle und Addie, zwei junge Frauen, ziehen in eine kleine und ein bisschen verwinkelte Wohnung, die aber den großen Vorteil hat, in Uptown Manhattan zu liegen. Sie macht aus den beiden Frauen also „Uptown Girls“.

Jeffrey Epsteins Nachmieterinnen

Allerdings hat die Wohnung ein finsteres Geheimnis: darauf deutet zuerst einmal eine blutgetränkte Matratze hin. Bald stellt sich heraus, dass der Vormieter ein Sexualverbrecher war: Jeffrey Epstein, ein Superkapitalist, dem vorgeworfen wurde, junge Frauen und zum Teil auch noch minderjährige Mädchen sexuell ausgebeutet zu haben.

Epstein nahm sich im Gefängnis das Leben, viele Menschen glauben, er wurde beseitigt, weil zu seinen Partys auch Leute wie Donald Trump oder der britische Thronfolger Prince Andrew kamen. Niemand von ihnen hatte ein Interesse, Epstein vor Gericht aussagen zu lassen.

Dasha Nekrasova, bekannt unter anderem durch den "Red Scare"-Podcast, liefert der Enounters-Reihe bei der Berlinale 2021 den ersten Höhepunkt. Foto: Richard Kern
Dasha Nekrasova, bekannt unter anderem durch den „Red Scare“-Podcast, liefert der Enounters-Reihe bei der Berlinale 2021 den ersten Höhepunkt. Foto: Richard Kern

Für Noelle und Addie und eine bald darauf auftauchende dritte junge Frau, die nur als „The Girl“ firmiert, wird die Causa Epstein zu einem obsessiven Interesse. Und der Film „The Scary of Sixty-First“ wird zu einem blutrünstigen Psycho-Thriller, in dem bald nicht mehr klar ist, was Phantasie und Projektion ist.

Dasha Nekrasova vermengt Trash und Großabstrusitäten der Welt

Das gehört zum Genre, das Dasha Nekrasova hier gekonnt beschwört: sie ruft verschiedene Register ab, vom Okkultismus bis zu Verschwörungstheorien, selbst Pizzagate geistert durch den Raum (die wohl abgedrehteste Großabstrusität der Gegenwart, inzwischen besser bekannt unter QAnon).

Das alles vermengt sie mit einer guten Dosis Hipster-Angst und einem profunden Anteil an Trash oder Schund. Das Ergebnis ist einer der ersten Höhepunkte der Reihe Encounters: „The Scary of Sixty-First“ erzählt von Trauma und Missbrauch im Gestus eines Exorzismus. Bert Rebhandl

The Scary of Sixty-First USA 2020; 81 Min.; R: Dasha Nekrasova; D: Madeline Quinn, Betsey Brown, Daska Nekrasova


„Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Rumäniens originellstem Regisseur

Verdeckte Gesichter: Szene aus Radu Judes Beitrag zur Berlinale 2021, im Original „Babardeală cu bucluc sau porno balamuc“. Foto: Silviu Ghetie/Micro Film 2021

Darf eine Lehrerin, die in der Schule von den größten Dichtern der rumänischen Nation erzählt, zu Hause ihren Mann oral befriedigen? In einer modernen Gesellschaft sollte sich schon allein diese Frage verbieten, denn es geht niemand etwas an, was jemand im Ehebett oder sonstwo mit jemand anderem in intimem Einvernehmen macht.

Heikel wird die Sache allerdings, wenn ein Video auftaucht, auf dem Emilia, Unterrichtsfach: Geschichte, beim Sex zu sehen ist. Reicht es dann auch noch, sich auf das Recht auf Privatsphäre zu berufen? Radu Jude hat seinen Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“ in vier Teile unterteilt. Vorneweg steht das angesprochene Video in all seiner Explizitheit, danach sehen wir Emilia eine ganze Weile zu Fuß durch die Stadt gehen.

Es folgt ein eigentümlicher Mittelteil, eine Art Lexikon von Anekdoten und Begriffe, vielfach mit nationalmythologischem Bezug und Bildmaterial aus diversesten Archiven.

Grüße aus der pandemischen Gegenwart

Letzter Teil des Films und Höhepunkt ist eine Besprechung der Eltern, deren Kinder von Emilia unterrichtet werden. Sie sollen schließlich darüber abstimmen, ob sie als Lehrerin weiter tragbar ist. Diese Sitzung wurde im Sommer vergangenen Jahres unter Corona-Bedingungen gedreht, also im Freien und mit Maske, wobei die verschiedenen Mund-Nasen-Schutze ein Gag für sich sind: Niemand trägt einfach nur ein medizinisch neutrales Teil, alle haben irgendeine Botschaft, zum Beispiel „I Can’t Breathe“, was dann wohl nicht auf Black Lives Matter gemünzt ist, sondern auf covidische Besserwisserei.

Eine Neuheit bringt die Berlinale 2021: Masken als Stilmittel in Filmen. Foto: Silviu Ghetie/Micro Film 2021

Radu Jude gehört bei der Berlinale zu den Stammgästen, und zwar mit Filmen, die vor Originalität nur so sprühen. Mal hält er sich an alte Formeln des Kinos, wie in den Tiefebenen-„Western“ „Aferim!“, mal rüttelt er an an allen rumänischen Geschichtslügen gleichzeitig („Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“).

Und mal macht er einen schnellen, bösen, satirischen Film, in dem er die Heuchelei derer bloßstellt, die es in Rumänien in die neue Mittelschicht geschafft haben: „Bad Luck Banging or Loony Porn“. Bert Rebhandl

Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (OT); Rumänien 2021; 106 Min.; R: Radu Jude; D: Katia Pascariu u.a.


Bert Rebhandl berichtet von der Berlinale, 2.3.2021


Mehr zur Berlinale 2021

Mit der Berlinale 2021 nimmt er seine Pflicht ernst, Berlin etwas zu bieten: Filmfestspiele-Chef Carlo Chatrian im Gespräch über seine Pläne für das Jahr. Sorgfältig kuratiert und voller Höhepunkte: Diese Filme dürft ihr bei der „Woche der Kritik“ der Berlinale nicht verpassen. Hier vernetzen sich junge Filmschaffende, dieses Jahr eben online. Ein paar Highlights von den Berlinale Talents könnt ihr aber auch sehen. Wir berichten immer wieder aktuell über die Berlinale – alle Beiträge hier.