Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin 2021: Unsere Tipps für Kunst-Fans

Fast alle großen Ausstellungen, die in der Berlin Art Week 2021 starteten, haben wir geschafft. Nun ist Zeit für die Kür – und was es alles gibt. Künstliche Intelligenz aus Russland, bereits in Südkorea erprobt, und irdene Klangspiele eines ehemaligen Organisten aus dem Erzgebirge, französisches Rokoko und chinesisches Bauhaus. Also los geht es. Bitte warm anziehen und unterwegs nicht so erkälten wie wir. Jetzt wird es nämlich wirklich Herbst – und Zeit für die besten aktuellen Ausstellungen in Berlin.


Künstliche Intelligenz: Dmitry Paranyushkin

Künstliche Intelligenz: „EightOS (www.8os.io) — bodymind operating system practice“.  
Aufführung von Dmitry Paranyushkin und Team, Gwangju Biennale 2021, © Dmitry Paranyushkin

Das klingt unheimlich: Dmitry Paranyushkin aus Russland macht in Berlin Station und will mit Hilfe von Besucher:innen seine Künstliche Intelligenz weiterentwickeln: Es geht darum, wie Menschen Impulse aufnehmen können, ohne sie abzuwehren, wie sie in ihr Leben integrieren, sie adaptieren können – und (vielleicht) überlegter reagieren. Das kann sinnvoll sein, aber Skeptiker:innen wittern Brave New World, hier in einer russischen Variante. Doch Paranyushkin ist sehr öffentlichkeitserprobt: Er stellte unter anderen auf der Venedig-Biennale und in der Bundeskunsthalle Bonn aus. Wer will, kann an seinen Workshops bzw. „Aktivierungsitzungen“ teilnehmen (mit Anmeldung), wer nicht will, kann sich auch nur seine Ausstellung mit Videos und Büchern ansehen.

  • Galerie Wedding Müllerstr. 146/147, Wedding, Di-Sa 12-19 Uhr, Aktivierungsitzungen 16., 23., 30.10 + 2.11. Anmeldung (auch für Workshops): galeriewedding.de, Filmvorführungen: 14. + 21.10. 17-18 Uhr

Friedrichs Lieblingsmaler: Antoine Watteau

Antoine Watteau: „L’amour Paisible“ („Die Friedliche Liebe“) , 1718/1719. Foto: SPSG / Jörg P. Anders

Die Malerei von Antoine Watteau (1684-1721) spielt in Berlin schon lang eine große Rolle. Friedrich II. war ein Fan des französischen Malers, und deshalb gibt es nicht nur im Pariser Louvre und in Dresden viele Gemälde von ihm, sondern auch im Schloss Charlottenburg. Vor rund 36 Jahren hing dort die bis dato letzte große Berliner Watteau-Ausstellung. Bürger hatten Geld gesammelt, um den Verkauf eines Gemäldes aus der Sammlung zu verhindern. Die große Präsentation 1985 dankte dafür. Nun wird dort Watteaus 300. Todestages gedacht. Die neue Schau führt zum einen leicht verständlich in Watteaus Werk ein, mit Gemälden von Festen, gesellschaftlichen Sitten und mythologischen Szenen, die so leicht und zart sind, dass sogar Meyers nüchterne Lexikonautor:innen schwärmerische Vokabeln wie „elegante Leichtigkeit“ oder „zart und duftig“ verwenden. Zum anderen veranschaulicht die Ausstellung, wie der Kunsthandel schon im Rokoko einen Maler erfolgreich vermarktete.

  • Schloss Charlottenburg  Spandauer Damm 10–22, Di–So 9-17.30, ab Nov Di–So 9–16.30 Uhr, 14/ 12/ 10/ 8 €, Zeittickets: www.spsg.de, bis 9.1.

Strahlend: das Blau von Eva Castringius

Eva Castringius: „Marie Curie“, Cyanotypie, 134 x 92 cm, 2021, © Eva Castringius

Berliner Blau, auch Eisenblau genannt, ist ein anorganisches Pigment. Es gilt als lichtecht und wird daher gern für Anstriche und zum Tapetendruck benutzt. Und jetzt wird es interessant: Es soll auch als Gegenmittel bei Vergiftungen mit radioaktivem Cäsium oder Thalium dienen. Plötzlich ergibt die Verwendung als künstlerisches Mittel Sinn: Eva Castringius thematisiert in ihrer Ausstellung „Memorabilia 2021“ mit Bildern in Berliner Blau die gesundheitlichen Folgen der Entdeckung der Radioaktivität – und zwar durch Forscherinnen wie Marie Curie, Pat Burrage/Merle Oberon und Katherine Schaub. Castringius stellt im Projektraum Berlin Weekly aus, der von draußen nahezu rund um die Uhr einzusehen ist.

  • Berlin Weekly Linienstr. 160, Mitte, tägl. bis spät nachts einsehbar, bis Mitte November

Luftverschmutzung: Tomás Saraceno

Tomás Sarceno:Particular Matter(s), 2021, Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin  © Tomás Saraceno

Der Maler Jorge Pardo würdigt in der Galerie Neugerriemschneider die Architektin und Designerin Lilly Reich, in den Sälen nebenan würdigt Tomás Saraceno die Partikel, die uns in den Nasen kitzeln und unsere Lungen verkleben: Staub in verschiedenen Formen, aus Berlin und Paris, bewegt und still, anmutig wie Schneeflocken, aus dem All nüchtern von der NASA fotografiert und auf Aschepapier gedruckt, oder bedrohlich wie Krebs. Das alles ist im Dunklen so schlicht in Szene gesetzt, dass Besuchende schon ganz enttäuscht sein wollen. Doch da öffnet sich der Vorhang zum letzten Saal und eine ganze Saraceno`sche Werkschau tut sich auf – voller mundgeblasenem Glas und sogar mit einem Radio, das nicht mit Strom, sondern einem besonderen magnetischen Stein betrieben wird.

  • Galerie Neugerriemschneider Linienstr. 155, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 31.10.

Wiederentdeckung: Louise Stomps

Stefan Moses: Louise Stomps, Bildhauerin, Rechtmehring 1982, aus der Serie „Große Alte“ im Wald.Foto: Archiv Stefan Moses

Stefan Moses’ obiges Foto von 1982 lässt ahnen, dass Louise Stomps (1900–1988) eine unkonventionelle Frau gewesen sein muss. Sie ließ sich früh scheiden, in Abendklassen künstlerisch ausbilden, und sie arbeitete in der Männerdomäne Bildhauerei, schuf figürliche und zunehmend abstrakte Arbeiten aus Gips und Holz. Den Zweiten Weltkrieg und Stomps viele Umzüge sollen nur wenige überstanden haben. Doch immerhin 90 Skulpturen sind nun in ihrer ersten Retrospektive zu sehen: Das auf vergessene Künstlerinnen spezialisierte Verborgene Museum richtet Louise Stomps eine Gastschau in der Berlinischen Galerie aus – auch mit großen abstrahierten totempfahlähnlichen Figuren, die schon vor der Eröffnung in der zentralen Halle des Museums zu sehen waren.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, 10/7 €, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 15.10.-17.1.

Bauhaus mit dem Pinsel: Liu Ye

Liu Ye: Bauhaus No. 7 (Oskar Schlemmer as “The Turk”), 2021, Acryl auf Leinwand auf Holz, Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin, © the artist

Malen kann eine Methode sein, einen Gegenstand zu erfassen und sich den Gedanken anderer anzunähern. Wie die Gemälde zeigen, die Liu Ye aus Peking einem Ausschnitt der europäischen Moderne widmet. Jede kleine Arbeit, die in der Galerie Esther Schipper hängt, scheint eine gemalte Meditation zu sein: zu Oskar Schlemmers Triadischem Ballett, zu Walter Gropius` Dessauer Bauhaus-Gebäude, zu den „Bauhaus Büchern“, die Gropius herausgab. Zwei Jahre nach all den Feiern zu 100 Jahren Bauhaus, nach denen man meinte, nun wirklich genug gesehen zu haben von der berühmten Gestaltungsschule, erscheint sie hier noch einmal in ganz anderem Licht, merkwürdig fremd und seltsam auratisiert.

  • Galerie Esther Schipper Potsdamer Str. 81e (3. Stock, Aufzug), Tiergarten, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 23.10.

Möbel und Glas: Bröhan total!

Eugène Gaillard, Speisezimmer, 1899-1900. Foto: Martin Adam/Bröhan-Museum / Eugène Gaillard

Es gibt sie noch, die Sammler:innen, die kein Aufhebens um sich machen: Eine Privatperson aus Schöneberg hat dem Bröhan-Museum mehr als 100 farbige Gläser des Gestalters Jean Beck (1862–1938) gestiftet, der seine Laufbahn bei Villeroy & Boch begann. Die Gläser werden jetzt zu der Ausstellung „Bröhan Total!“ präsentiert, mit der das Jugendstil-Museum den 100. Geburtstag seines Namensgebers, des Berliner Kunstsammlers und Großhändlers Karl H. Bröhan feiert. Neben Becks Glaskunst sind ­Höhepunkte aus Museum und Depot zu ­sehen, etwa Gemälde der Berliner Secession, funktionalistisches Design – und schwedischer Jugendstil (wie im Foto) von Alfred Grenander, der Berliner U-Bahnhöfe wie ­die Station Wittenbergplatz gestaltete.

  • Bröhan-Museum Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di-So 10-18 Uhr, 8/5 €, bis 18.J. + 1. So + 1.Mi/ Monat frei, Zeittickets: broehan-museum.de, bis 16.1.

Wiedereröffnung: zurückGESCHAUT


Die Delegation der Ovaherero und |Khobesin (Witbooi-Namas) aus dem heutigen Namibia auf der Ersten Deutschen Kolonialausstellung in Berlin-Treptow. Das Erinnerungsfoto wurde ein Jahrzehnt später – während des deutschen Völkermords an den Ovaherero und Namas – bei Plünderungen gefunden und wieder mit zurück nach Deutschland genommen.   © Theodor Leutwein, Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika, 1906, S. 515.

Schon einmal zeigte das Museum Treptow die Ausstellung „zurückGESCHAUT“, im Herbst 2017. An der Vorbereitung der Schau, die die „Erste Deutsche Kolonialausstellung“ 1896 im Treptower Park dokumentiert, beteiligten sich die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und der Verein Berlin Postkolonial, Bürgerinitiativen, die zum Thema bereits gründlich gearbeitet hatten. Diese Methode, Bürger:innen zu beteiligen, hat die Stiftung Stadtmuseum für ihre neue Dauerschau „Berlin Global“ im Humboldt Forum aufgegriffen. Nun eröffnet die Treptower Schau ein zweites Mal, gründlich überarbeitet und professioneller präsentiert, auch dank deutlich mehr öffentlicher Förderung. Sie stellt unter anderem die Biografien der Menschen vor, die auf der „Kolonialausstellung“ zur Schau gestellt wurden. Die Eröffnung findet im Livestream statt, außerdem gibt es geführte dekoloniale Stadttouren.

  • Museum Treptow Sterndamm 102, Treptow, Mo + Do 10-18, Di 10-16, So 14-18 Uhr, Eröffnung per Livestream: Fr 15-10, 18-21 Uhr, www.dekoloniale.de, Stadttouren und Präsentationen der Stipendiat:innen: Sa 16.10., 10-18 Uhr, Gespräch: So 17.10., 11-13 Uhr

Drei Aggregatzustände: Fotografien von Jitka Hanzlová

HUMAN LIGHT #1, Untitled, from the series ‚WATER, 2013-2019‘ Foto: Jitka Hanzlová/VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 / Courtesy Kicken Berlin

Vor rund zwei Jahren hatte Jitka Hanzlová eine große Werkschau in der tschechischen Nationalgalerie. „Silence“ hieß diese, und das trifft es, egal ob Hanzlová Bewohner von Brixton porträtiert oder Wäsche auf der Leine festgehalten hat. Ihre Fotoserien beruhigen und wühlen zugleich auf, handeln sie doch von Herkunft, Zugehörigkeiten und Ausgeschlossensein. Die auf Fotografie spezialisierte Galerie Kicken zeigt jetzt Hanzlovás Serie „Water“: Sie handelt von dem Element in seinen drei Aggregatzuständen – und keinesfalls von Idyllen.

  • Galerie Kicken Berlin Kaiserdamm 118, Charlottenburg, Di-Fr 14-18 Uhr, bis 22.12.

Premiere im Schwulen Museum: Mercury Rising

Sean Saifa Wall: „Returning the Gaze“ 2020, © Billy Howard, Riva Lehrer and Sean Saifa Wall

Erstmals widmet das Schwule Museum eine Kunstausstellung der Geschichte und Gegenwart von inter*Bewegungen, und 17 Künstler:innen und Künstler:innengruppen nehmen teil. Im Zentrum stehen eine multimediale Wandcollage von Ins A Kromminga und Ev Blaine Matthigack, die Ursprünge der Intersex-Bewegungen thematisiert, und eine Rauminstallation des Duos Giegold & Weiß mit Stimmen intergeschlechtlicher Aktivist:innen. Kuratiert wird die Schau von Aktivist*in Luan Pertl und Kulturwissenschaftlerin Sylvia Sadzinski.

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Tiergarten, Mo, Mi, Fr 12-18, Do 12-20, Sa 14-19, So 14-18 Uhr (außer 1. So/ Monat 12-20 Uhr), 9/3 €, 1. So/ Monat frei, Zeittickets: schwulesmuseum.de, Eröffnung: 14.10., 19 Uhr, bis 14.2. 2022

Zum Ausprobieren: Julian Charrières „Soothsayers“

Julian Charrière: “Thickens Pools Flows Rushes Slows (detail)“, 2020, Copyright The Artist; VG Bild Kunst Bonn, Germany, Foto: Jens Ziehe

Ein schwarzgraublauer Brocken vulkanischen Gesteinsglas, hier und da schmeichelhaft glatt geschliffen, und ein großes Stück Anthrazitkohle, wie gefangen in Gittern aus rostfreiem Stahl: Julian Charrière beschwört in seiner neuen Ausstellung bei Dittrich & Schlechtriem mit wenigen Gesten Gedanken an vergangene Erdzeitalter herauf – und an kommende, steckt doch in Kohle und Lava auch die Zukunft des Klimas und damit unsere. Darüber können Besucher:innen in seiner Ausstellung „Soothsayers“ („Wahrsager“) länger meditieren. Denn der in Berlin lebende Schweizer Künstler hat im letzten Raum ein Podest aufgebaut, über dem eine rotierende Lampe Licht und Schatten kreisen lässt. Wer mag, kann sich auf das Podest legen und sein Haupt auf ein Kohlekissen betten. Schwindelfreie Menschen lassen die Augen offen und das Licht wie Stroboskopbeleuchtung aufs Hirn wirken, Zartbesaitetere schließen besser die Augen und lauschen dem zarten Geräusch, mit dem Charrière aufmerksame Personen belohnt.

  • Galerie Dittrich & Schlechtriem Linienstr. 23, Mitte, Mo-Sa 11-18 Uhr, bis 27.11.

Zum Mitmachen: Klangkunst von Stache & Moser

Ton-Töne von Erwin Stache. Foto: singuhr

Umsonst, draußen und zum Mitmachen: Die singuhr-hörgalerie für Klangkunst setzt die Ausstellungen zu ihrem 25-jährigen Jubiläum an öffentlichen Orten fort – vor dem Haus der Statistik am Alexanderplatz und im großen Garten des Zentrums für Kunst und Urbanistik in der Moabiter Siemensstraße. Erwin Stache, Altmeister einer humorvollen Klangkunst aus Alltagsobjekten, präsentiert unter anderem klingende Türen und ein Orchester aus Tontöpfen, das sich steuern lässt. Seine junge Kollegin Ioana Vreme Moser dagegen ist ganz auf der Höhe aktueller Biologie: Mit klingenden Skulpturen an Baumstämmen will sie radioelektromagnetische Felder so hörbar werden lassen, wie Bäume diese wahrnehmen.

  • Zentrum für Kunst und Urbanistik Siemensstr. 27, Moabit, Mo-So 11-19 Uhr, bis 17.10.
  • Platz vor dem Haus der Statistik Karl-Marx-Allee 1, Mitte, Mo-So 11-19 Uhr, bis 17.10.

Letzte Chance: X : Y – Konstruktion der Moderne

Blick in den Saal „Konstruktion der Moderne“ mit der Sammlung eines gewissen Carl Grouwet,. Foto: Semjon/Jürgen Baumann

Nun aber schnell: Semjon H.N. Semjon baut seinen Saal „Konstruktion der Moderne“ ab 23. Oktober ab. Der Grund dafür: Sein Mietvertrag soll nicht verlängert werden. Und das im zehnten Jahr der Galerie Semjon Contemporary, das mit einer wunderbaren Edition fast aller von der Galerie vertretenen Künstler:innen im Raum nebenan gefeiert wird. Doch Semjon war in seinem Leben vor der Galerie Künstler, und als solcher hat er den besagen Nebenraum zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem westlichen Kanon der Moderne umgestaltet. Den stellt Semjon am Beispiel der Sammlung eines gewissen Dr. Carl Theodor Gottlob Grouwet, Unternehmer und Kunstfreund, in Frage. In Skulptur, Malerei, in gedeckten Farben und unter Wachs und mit Grouwets fantastischem Lebenslauf. Großartig.

Semjon Contemporary Schröderstr. 1, Mitte, Di-Sa 13-19 Uhr, bis 23.10


Stadtgeschichte: Fotos von und mit André Kirchner

Damals: Potsdamer Straße 151, 1950er Jahre, Privatbesitz Wunder

André Kirchner hält den Wandel Berlins seit 40 Jahren in Schwarzweiß oder in Farbe fest – nüchtern, doch voller empathischen Interesse für die Spuren, die die Zeit und ihre Menschen in Gebäuden und Straßen hinterlassen. Seine neue Ausstellung findet in dem Bezirk statt, in dem er lebt: Das Museum Schöneberg zeigt seine Aufnahmen von Schaufenstern und Hauseingängen der Potsdamer Straße und der Hauptstraße, die er historischen Aufnahmen von denselben Orten gegenüberstellt. Um es schlicht auszudrücken: Irre, wie sich der Boulevard verändert hat.

Heute: Potsdamer Straße 151, Foto André Kirchner (2019)
  • Schöneberg Museum Hauptstraße 40/ 42, Schöneberg, Sa-Do 14-18, Fr 9-14 Uhr, Eintritt frei, nicht barrierefrei


Stranger things: HR Giger & Mire Lee

Ausstellungsansicht H.R. Giger & Mire Lee im Schinkel Pavillon Foto: Frank Sperling
Ausstellungsansicht H.R. Giger und Mire Lee im Schinkel Pavillon Foto: Frank Sperling

Eine der wohl am meist instagrammierten Ausstellungen während der Berlin Art Week: die Doppelausstellung des 2014 verstorbenen Schweizer Künstlers H.R.Geiger und der südkoreanischen Künstlerin Miren Lee im Schinkel Pavillon. Als Maler, Bildhauer und Designer entwarf Geiger eine eindrückliche Bildwelt aus grotesk-grazilen Mensch-Maschinen und ist der Erfinder des legendären Xenomorph, der außerirdischen Spezies aus Ridley Scotts 1979 produzierten Kultfilm “Alien”.

Kongenial dazu die kinetischen Skulpturen von Miren Lee. Die Gebilde aus Silikon, PVC-Schläuchen, Polyester und Baumaterialien, durch deren organähnliche Gänge und Gefäße zähflüssige Substanzen zirkulieren, erinnern an sezierte Körperteile und mechanisch-triebhafte Stoffwechselprozesse. So verschieden die Identitäten der beiden Künstler:innen, so erstaunlich nah ihre künstlerische Auseinandersetzung mit den Tiefen der Psyche und der körperlichen Grenzüberschreitung.

  • Schinkel Pavillon Oberwallstraße 32, Mitte, Sa/So 11–19 Uhr, 6/4 €, schinkelpavillon.de, bis 2.1.22

Fotoessay: „Zerheilt” von Frédéric Brenner

Aus dem fotografischen Essay „Zerheilt“ von Frédéric Brenner; Jüdisches Museum Berlin

„Eine Archäologie der Ängste und Sehnsüchte” heißt ein Buch des Fotografen Frédéric Brenner mit Aufnahmen aus Israel. Aus diesem Band zeigte er im Jahr 2019 Bilder im Jüdischen Museum: Die Gruppenausstellung „This Place“ fing Leben in Israel aus unterschiedlichsten Perspektiven ein. Jetzt zeigt Brenner im selben Haus eine Soloschau. „Zerheilt“ heißt sein neuer Fotoessay. Berlin spielt darin die Hauptrolle. In der Stadt, in der der Holocaust befehligt wurde, sieht Brenner heute eine „Bühne“ jüdischen Lebens. In seinen Aufnahmen kommen die Porträtierten zu einem „Theater des Gedächtnisses“, einem „Theater of Memory“ zusammen. Brenners Fotos lohnen allein schon, aber ein Besuch des Jüdischen Museums ist zurzeit besonders zu empfehlen: Die großartige Werkschau von Yael Bartana ist bis Ende November verlängert worden.

  • Jüdisches Museum Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo-So 10-19 Uhr. Brenner: bis 13.3.22, Yael Bartana: verlängert bis 21.11.

Neuer Ort: Thomas Fischer mit Margrét H. Blöndal

Margrét H. Blöndal, Installationsansicht, Courtesy Galerie Thomas Fischer, Foto: Torben Hoeke

Sie hat sehr gefehlt: die Galerie von Thomas Fischer im Galerienhof Potsdamer Straße. Keine spektakulären Großschauen von Kunststars waren hier zu sehen, sondern unaufgeregte, ungemein präzise erarbeitete Schauen etwa von Sebastian Stumpf, Irmel Kamp, Seiichi Furuya, Brian O`Doherty. Und von Magrét H. Blöndal. Die Künstlerin aus Reykjavik ist es nun auch, die in der neuen Galerie an neuem Ort ausstellt. Thomas Fischer hat in der Mulackstraße von Mitte einen Kunstraum geschaffen und zeigt von Blöndal kleine Arbeiten auf Papier: lyrische Arbeiten in zurückhaltenden Farben und mit starken Rhythmus.

  • Galerie Thomas Fischer Mulackstr. 14, Mitte, Mi-Sa 12-18 Uhr, bis 23.10.

Micha Kuball: Eine Idee für das Kulturforum


Mischa Kuball, (un)finished, 2021, Ortsspezifische Installation im Innen- und Außenraum der St. Matthäus-Kirche, Berlin. Foto: Archiv Mischa Kuball

Das Platz zwischen Neuer Nationalgalerie, Gemäldegalerie und Philharmonie ist hart umkämpft. Mal dient er als Freiluftkino, mal als Parkplatz, und alle haben etwas zu auszusetzen an Hans Scharouns Piazza. Sie soll sogar daran Schuld tragen, dass die Gemäldegalerie lang so wenige Besucher:innen zählte (was aber nicht den Erfolg der dort bis 3. Oktober verlängerten Ausstellung „Spätgotik“ erklärt). Nun also entsteht am Kulturforum genannten Matthäikirchplatz das Museum des 20. Jahrhunderts. Probleme gelöst sind damit nicht: Das Haus wird die Sicht zwischen Staatsbibliothek und Gemäldegalerie versperren. Mischa Kuball hat einen anderen Vorschlag: Mut zur Lücke, einfach mal in Ruhe lassen. Der Düsseldorfer Künstler wirbt dafür, Dinge unvollendet zu lassen: mit einer Lichtinstallation an der Front der Kirche St. Matthäus und einer Ausstellung im Kirchenraum. Dort beleuchtet Kuballs Installation buchstäblich all die Projektionen, für die der Matthäikirchplatz herhalten muss.

  • St. Matthäus Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 11-18, Sa/So 12-18 Uhr, bis 2.1.

Höhlenmalerei: „different degrees of completeness“ von Peter Piller

Peter Piller: „ohne Titel“, 2021 (Detail) 2 Teile; Archivpigmentdruck und Bleistift auf Papier Print. Edition: 3 + 1 AP (Zeichnung je Unikat) Foto: Courtesy Peter Piller und Galerie Barbara Wien, Berlin

Rund 30 Höhlen, sagt Peter Piller, habe er bereits besichtigt. Der Foto- und Archivkünstler begeistert sich für die Malereien, die Nomad:innen einst an den Felswänden hinterließen. Über Motive und Urheber:innen lassen sich heute nur Mutmaßungen anstellen. In der Berliner Galerie Barbara Wien zeigt der Düsseldorfer Kunstprofessor nun Fundfotos und eigene Aufnahmen in verschiedenen, eher lapidar gehängten Formaten mit Aufnahmen unter anderem von Felsen und Vögeln. Mit ihnen nähert sich Peter Piller Antworten auf die Frage, wie sein Faible für Höhlenkunst seinen Blick auf Leben und Landschaften verändert haben könnten.

  • Galerie Barbara Wien Schöneberger Ufer 65 (3. Stock), Tiergarten, Di-Fr 15-18 Uhr, Sa 12-18 Uhr, bis 6.11.

Villa Massimo: Von Rom nach Brandenburg

Villa Massimo im Schloss Neuhardenberg: Sabine Scho, „alle vögel verschwinden“, 2020 Foto: Sebastian Bolesch / Sabine Scho

Nicht mit einer spektakulären Langen Nacht im Gropiusbau präsentiert die römische Villa Massimo 2021 Kunst ihrer Stipendiat:innen in Berlin. Das geht in der Pandemie nicht. War auch immer zu voll, man sah die Kunst vor lauter Leuten nicht. Außerdem konnte es schon mal Krach zwischen den Ausstellenden und Performenden um die besten Plätze geben. Jetzt also alles anders. Die mit den Stipendien des Bundes 2019/2020 ausgezeichneten Künstler:innen, die nach Rom eingeladen waren, zeigen ihre Arbeiten im Schloss Neuhardenberg und in seinem Park, bevor diese durch die Bundesländer wandern sollen. Zu sehen sind Beiträge unter anderem von Birgit Brenner, Tatjana Doll, Esra Ersen und Sabine Scho (Abb.). In Neuhardenberg gibt es neben dem Schloss und seinem Landgasthaus übrigens jede Menge alte Bauwerke und ein Vogelschutzgebiet. Die weite Anreise von Berlin lohnt.

  • Schloss Neuhardenberg Schinkelplatz, 15320 Neuhardenberg, Mo-So 10-18 Uhr, 3 €, bis 31.10., Anfahrt

Kalter Krieg, ganz heiß: The Cool and The Cold

Erik Bulatov: „Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang“, 1989 Öl und Acryl auf Leinwand, 200 x 200 cm Foto: Erik Bulatov/VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Courtesy Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen

Die Sowjetunion, so sagte die Künstlerin Emilia Kabakow einmal, wurde für eine Hölle gehalten, Amerika für ein Paradies. Dann aber fiel die Sowjetunion auseinander und „jetzt wissen wir nicht, wo die Hölle ist und wo das Paradies.“ So in etwa könnte man den Hintergrund der Ausstellung umreißen, die nun im Gropius Bau beginnt und ganz hervorragend zu dem Haus passt: Es steht am ehemaligen Mauerstreifen. Aus den einen Fenstern schaut man in das alte Ost-, aus den anderen in das alte West-Berlin.

Die Ausstellung „The Cool and the Cold“ versammelt Malerei aus den USA und der UdSSR, aus den Jahren 1950 bis 1990. Warhols Elvis mit gezücktem Colt und Roy Lichtenstein weinende Blondine: Poster und Postkarten haben die Bilder der Pop Art berühmt gemach. Weniger bekannt sind Jurij Korolevs „Kosmonauten“ in sexy Raumanzügen oder Erik Bulatovs Gemälde, in dem Ährenkranz, Hammer und Sichel wahlweise morgenrot aus einem Meer aufsteigen oder gleich zischend im Wasser versinken (Abb.). Die Aussage des Bildes liegt ganz in den Augen der Betrachtenden, so wollten es Soz Art und Moskauer Konzeptualismus, und die US-amerikanische Pop Art stand dabei Pate, wie Erik Bulatov angemerkt hat.

Die ironische Übernahme stilistischer Mittel aus der Propaganda war nicht zuletzt Methode, einem Berufsverbot oder einer Verhaftung zu entkommen. Im Gropius Bau hängen nun 125 Werke von 80 Künstler:innen aus beiden Staaten zum direkten Vergleich. Das gibt es sonst so nicht. Auch deshalb nicht, weil die Werke aus der Sammlung des Aachener Schokoladen-Fabrikantenpaars Irene und Peter Ludwig kommen. Und die ist heute auf sechs internationale Museen verteilt.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-So 10-19 Uhr, 15/ 10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets: www.gropiusbau.de, bis 9.1.2022

Raubkunst und Restitution: Das Humboldt Forum

Federmantel (Hawaii, vor 1819) im Modul „Kunst aus Ozeanien. Ritual und Ausdruck“ des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologische Museum zeigen im Humboldt Forum erste Teile ihrer neuen Präsentationen, in 15 Räumen auf zwei Etagen voller prächtig inszenierter Büsten, Gemälde, Schalen und Musikinstrumenten. Doch viele Kunstgegenstände gelangten in der Kolonialzeit in hiesige Museen und gelten heute als Raub- oder Beutekunst. Besucher und Besucherinnen haben also viel zu sehen und zu beachten: nicht nur prächtige Kunstgegenstände wie Skulpturen, Rollbilder und Teppiche aus Pflanzen (Abb.) aus China und Japan, Westafrika und Ozeanien, sondern auch gelegentliche Hinweise auf die Erforschung der Herkunftsgeschichte. Auch ein Begleitheft sowie Sitzinseln mit Hörstücken und Büchern informieren darüber.

Interessanter noch ist all das, was zwischen den Vitrinen nicht gesagt wird, denn von vielen Objekten ist gar nicht bekannt, wer sie herstellte, wofür sie dienten und warum sie nach Europa gelangten. Eine echte Herausforderung, der sich alle stellen sollten, die bei Raubkunst und Restitution mitsprechen wollen. Über die Ignoranz im Humboldt Forum lest ihr hier einen Kommentar von Claudia Wahjudi. Eintrittskarten könnten pandemiebedingt für einzelne Zeitfenster knapp werden. Eintrittskarten könnten zu Beginn für einzelne Zeitfenster knapp werden.

  • Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Fr-Sa 10-22 Uhr, So/Mo, Mi/Do 10-20 Uhr, Eintritt frei bis 12.11., Zeittickets: humboldtforum.org, bis auf Weiteres

Alliierten-Museum: Rick Buckley

Aus dem Video „The Ambassador“ von Rick Buckley. Bild: Rick Buckley

Zum 50. Jahrestag des Viermächte–Abkommens leistet sich das Alliierten-Museum eine neue Sonderausstellung – mit Kunst. Das ist neu, aber der Anlass gibt Grund genug dafür. Denn nachdem Großbritannien, die USA, die UdSSR und Frankreich 17 (!) Monate lang den Status des unter alliiertem Recht stehenden Berlins neu verhandelt hatten, stabilisierte sich die Lage für West-Berlin erheblich. Der Transit-Verkehr durch die DDR wurde sicherer, Besuche von West-Berliner:innen in der DDR wurden möglich und die Beziehungen West-Berlins zur Bundesrepublik verstetigt. Die Ausstellung bestreitet Rick Buckley. Der britische Künstler hat die Räume, in dem das Abkommen verhandelt wurde, im ehemaligen Gebäude des Alliierten Kontrollrats in Schöneberg neu inszeniert und dort sein Video „The Ambassador“ gedreht. Den Rahman dafür bilden nun historische Fotos und andere Exponate wie Schallplatten mit den Hits jener Jahre.


Backstein und Blüten: Fotografien von Axel Hütte

Axel Hütte: „Great Suffolk Road, London“, 1982-84, s/w Print

Erstaunlich, wie sich Industriestädte ähneln können: Dieses Foto nahm Axel Hütte nicht etwa in West-Berlin auf, sondern in London, in der Great Suffolk Road nahe der Tube-Station Southwark. Hütte, 1951 im Ruhrgebiet geboren, hat einen Hang zur Industriekultur. Er zählt zu den sogenannten Düsseldorfer Schülern, die bei Bernd und Hilla Becher studierten, den zwei führenden Vertreter:innen der Industriefotografie in Westdeutschland. In der Berliner Galerie Daniel Marzona stellte der Fotograf 2019 schon einmal aus – und zwar Fotografien aus tropischen Wäldern. Und so wundert es vielleicht dann doch nicht so sehr, dass Axel Hütte seine Londoner Stadtaufnahmen von heruntergekommenen Backsteinbauten kontrastreich kombiniert mit Bildern vom blühenden Leben – malerischen Aufnahmen von Blumen.

  • Galerie Daniel Marzona Marienstr. 10, Mitte, Mi-Fr 11-18, Sa 12-18 Uhr, bis 23.10.

Diagnose: Alicja Kwade – „In Abwesenheit“

Berlinische Galerie, Alicja Kwade: „Selbstporträt“, 2020,
Foto: Roman März / Courtesy Alicja Kwade und KÖNIG GALERIE, Berlin/ London/ Seoul/ Decentraland

Sie zählt zu den bekanntesten Berliner Gegenwartskünstlerinnen und fragt doch, wer sie sei. Alicja Kwade musste wegen der Pandemie ihre Einzelausstellung im Museum Berlinische Galerie um ein Jahr verschieben, und nun dreht diese sich ganz um diese Frage. Antworten hat die Berliner Künstlerin auf wissenschaftliche Art gesucht: Sie hat ihre DNA auf über 300.000 DIN A4-Seiten gedruckt. Sie hat die chemischen Elemente, aus denen ihr Körper besteht, in Glas gefasst (Foto). Sie lässt ihren Herzschlag in einer Klanginstallation ertönen. Doch mit Naturwissenschaften allein lässt sich ein Mensch nicht entschlüsseln: All die Daten ergeben noch kein Individuum mit Willen, Gefühlen und Gedanken. Was man zwar schon wusste, aber trotzdem ein tröstliches Ergebnis ist.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, 10/7 Euro, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, bis 17.1.

Leere, Stille, Weite: Nothingtoseeness

Rutherford Chang: „We Buy White Albums“, 2013 – fortlaufend Foto: © Rutherford Chang

Wie laut Stille und wie voll das Nichts sein kann, erfahren Besucher:innen in dieser interdisziplinären Großausstellung. Ausgehend von den radikalen Gesten der 1960er-Jahre wie eine konzertfüllende Pause oder Experimenten mit Buchstaben und Lauten untersuchen 50 Künstler:innen die Farbe Weiß und die Assoziationen, die sie auslöst. Da dürfen die klassischen Positionen nicht fehlen, etwa von Timm Ulrichs, Roman Opalka, Yoko Ono, Jochen Gerz, John Cage und James Turrell, aber auch viele Jüngere nehmen teil wie Maria Eichhorn, Miroslaw Balka, Karin Sander und Rosa Barba, die zur Zeit auch eine Einzelausstellung in der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie hat.

  • Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Hansaviertel, Di-So 11-19 Uhr, 9/6 €, bis 18 J., Di ab 15 Uhr + 1.So/ Monat frei, Zeittickets: adk.de, bis 12.12.

Tomas Schmit: sachen machen

Tomas Schmit: „aktion ohne publikum“, 1965, aufgeführt bei 24 Stunden, Galerie Parnass, Wuppertal.
Foto: © Dorine van der Klei / Galerie Parnass, Wuppertal

Was für ein schöner, schlichter Titel. Tomas Schmit (1943-2006) hat tatsächlich „Sachen gemacht“, unprätentiös, mit wenig Material, cool, manchmal sogar ohne Publikum (Abb.). Gleich zwei Ausstellungen laden zur Wiederentdeckung des Aktions- und Konzeptkünstler ein, der auch in (West-)Berlin wirkte und zu den Pionieren der Fluxus-Bewegung zählt. Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) zeigt unter dem Titel “Stücke. Aktionen. Dokumente 1962-1970“ das Frühwerk – mit Partituren, Performances und Aufführungen, Filmen im Kino Arsenal (22.10.) und einem Symposium im Hamburger Bahnhof am 23. Oktober. Das Kupferstichkabinett stellt das zeichnerische Werke von Schmit aus, rund 170 Arbeiten aus dem eigenen Bestand ergänzt um Leihgaben – und zeigt damit, nach der großen Beuys-Ausstellung wieder einmal, über was für eine fantastische Sammlung es verfügt.

  • Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.) Chausseestr. 128/129, Mitte, Di-So 12-18, Do 12-20 Uhr, Eintritt frei, bis 23.1., Konzerte und Aufführungen: www.nbk.org
  • Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa + So 11-18 Uhr, 6/3 €, bis 18 J. frei, bis 9.1. Zeittickets: www.smb.museum

Geniale Linien: Tony Cragg – „Drawing as Continuum“

Tony Cragg: „Untitled“, 2018, Bleistift auf Papier, 36 x 48,5 cm. Foto: Tucci Russo / Courtesy Tony Cragg/ VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Von Tony Cragg kennt man in Berlin vor allem seine gewundenen, amorphen Skulpturen aus Holz oder Bronze, beispielsweise weithin sichtbar seit 2020 auf der Terrasse des Erweiterungsbaus am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Regierungsviertel. Cragg, der aus Liverpool stammt, war lang Kunstprofessor in Berlin, und verließ die Stadt Berlin Richtung Bergisches Land. In Wuppertal gründete er den Skulpturenpark „Waldfrieden“, in Düsseldorf leitete er die Kunstakademie. Nun gibt es ein Wiedersehen. Das Zehlendorfer Haus am Waldsee zeigt einen weniger bekannten Teil seines Werks: Arbeiten mit Bleistift und Wasserfarbe auf Papier, Linien, die aussehen wie Gebirge, Tupfen, die an gebatikte Stillschlangen denken lassen, Kurven, die Fliegen formen.

  • Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, bis 9.1.2022, Di-So 11-18 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat Eintritt frei, Zeittickets: hausamwaldsee.de

Kunstbetrieb: Louise Lawler – „Lights off, after Hours, in The Dark“

Louise Lawler: „Untitled (Reflection)“, 2021, 121.9 × 176.8 cm. Courtesy the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York

Wer ist warum mächtig in der westlichen Kunstwelt und wer geht mit Kunst wie um? Antworten auf diese Fragen schwingen in den Arbeiten von Louise Lawler immer mit. Die 1947 geborene New Yorker Konzeptkünstlerin, die als eine der führenden Vertreterinnen der Appropriation Art gilt, adaptiert oft künstlerische Methoden und Stile männlicher Kollegen. Oder sie fotografiert, wie Sammler:innen und Museumsteams die Kunst in ihren Hallen platziert haben. Im besseren Fall wird so deutlich, welche Weltsicht hinter dem zur Schau gestellten Kunstverständnis steckt. Die Galerie Sprüth Magers zeigt jetzt neue Fotos von Lawler – aus einem berühmten New Yorker Museum bei Nacht, wenn das Publikum längst gegangen ist und die Arbeiten von Donald Judd zu glühen scheinen. Interessant wäre nun auch noch, wenn Lawler ihre eigene Ausstellung fotografierte, um sich und ihre Berliner Galerie zu analysieren.

  • Galerie Sprüth Magers Oranienburger Str., 18, Mitte, Di-Sa 10-18 Uhr, Anmeldung erforderlich: spruethmagers.com, 30.10.

Überlegte Malerei: Tatjana Doll – „Was heißt Untergrund“

Tatjana Doll: „Easy Jet“, 2008, 200 cm x 300 cm Lack auf Leinwand. Foto: Bernd Borchardt © Tatjana Doll / VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Soeben erst hat Tatjana Doll den Fred-Thieler-Preis für Malerei der Berlinischen Galerie erhalten, nun zeigt das Neuköllner Kind-Zentrum ihre Einzelausstellung „Was heißt Untergrund?“. Der Titel bezieht sich auch auf Leinwand und Grundierung: Doll malte einmal ein verzerrtes Logo der UNHCR auf einen feuerfesten Stoff. Dieses Bild steht nun im Mittelpunkt der Schau, die auch Gemälde aus der Zeit von Dolls Stipendium in der Villa Massimo von Romezeigt. Das Überdenken von Motiven, Malermaterial und Tempo prägt diese Bilder. Tatjana Doll stellt zeitgleich mit dem Massimo-Stipendiat:innen im Schloss Neuhardenberg im Osten Brandenburgs aus.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Do-So 12-18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Eröffnung: Sa 18.9. 14 Uhr nur mit Anmeldung www.kindl-berlin.de, 27.2.2022

Gefühlte Skulpturen: Thea Djordjadze – „all buildings as making“

Thea Djordjadze. Foto: Maka Kukulava, at.ge

Dünne Rohre, Bleche in Ballen: Die Berliner Raumkünstlerin Thea Djordjadze (Foto) überführt die Bildhauerei in luftige Sphären. Jetzt stellt sie in dem nach dem Archäologen Heinrich Schliemann benannten Saal des Gropius Baus aus: Objekte, Plastiken und Skulpturen, die ins Unbewusste zielen. Für ihren letzten großen Auftritt vor der Pandemie 2019 im Schweizer Kunstmuseum Winterthur inszenierte in neun Sälen Stahlrahmen, Acryl, Schirme, blaue Farbe auf Glas und schiefe Stühle, die sich nicht zum Sitzen eigneten – alles materialbasierte Interpretationen des Ortes und voller Anspielungen auf die jüngere Kunstgeschichte. Das macht es spannend, was sie sich für Berlin ausgedacht hat.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 15/10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets: berlinerfestspiele.de, bis 16.1.

Großes Spektrum: Preis der Nationalgalerie

Sung Tieu: „o Gods, No Masters“, 2017, HD-Video und 4-Kanal-Ton,19:13 min, Filmstill .
Foto: © Sung Tieu / Emalin, London and Sfeir-Semler, Hamburg & Beirut

Seit September läuft die Schau der Kandidat:innen für den Preis der Nationalgalerie: Lamin Fofana (Sound Art), Calla Henkel & Max Pitegoff (Fotografie), Sandra Mujinga (Skulptur) und Sung Tieu (Konzeptkunst, Abb.) stellen ihre Wettbewerbsarbeiten aus. Die Jury entscheidet im Herbst, das Publikum kann für seinen Favoriten für den Publikumspreis der Nationalgaleie auch bei uns abstimmen.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr, 14/7 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, 16.9.-27.2., Zeittickets: www.smb.museum

Schwärmerische Malerei: Ferdinand Hodler

Ferdinand Hodler: „Der Tag“, 1899-1900. Foto: Ferdinand Hodler / © Kunstmuseum Bern, Schweiz

Titel wie „Heilige Stunde“ oder „Ergriffenes Weib“ lassen es bereits ahnen: Da liegt etwas Schwelgerisches in den lichtdurchfluteten, von Blumen und Blättern gesättigten Bildern Ferdinand Hodlers (1853–1918). Der Schweizer Maler zählt zu den Vertreter:innen des Symbolismus, dessen idealistische Überhöhungen lang als kitschig galten, der aber gerade neues Interesse erfährt – nicht zuletzt wegen der Naturliebe und seiner der Reformbewegung nahen Haltung, die gegen die Konventionen der kaiserlichen Klassengesellschaft verstieß. Hodler zeigte seine Werke bis zum Ersten Weltkrieg auch regelmäßig in Berlin. Nun zeichnet die Berlinische Galerie in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern diese deutsch-schweizerische Beziehung in 50 Hodler-Gemälden nach, erweitert um Arbeiten von Corinth, Leistikow und der erst vor rund 20 Jahren wiederentdeckten Julie Wolfthorn, die 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt starb.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 7 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 10.9.–17.1.2022

Bilder vom Wirtschaftswachstum: Lee Friedlander

Aus Lee Friedlander Retrospektive bei C/O Berlin: „Haverstraw, New York“, 1966. Foto: Lee Friedlander / Courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Autos mit kugelrunden Scheinwerfen, schwere Kühlschränke, knuffige Fernseher: Lee Friedlander ist für seine Aufnahmen von Stadtlandschaften und Wohnungen bekannt, und wie kaum ein anderer fing er den Wandel der US-amerikanischen Gesellschaft ein. Dabei spiegelt sich seine Person oft in den Bildern, in Schaufenstern zum Beispiel, oder seine Silhouette fällt als Schatten in Bild. Friedlander muss sich als Teil des Ganzen gesehen haben. Das Fotohaus C/O Berlin widmet dem 1934 geborenen Fotografen jetzt eine Retrospektive mit 350 Fotografien und 50 Büchern – ein Blick in ein fortschrittsgläubiges Zeitalter, das länger her zu sein scheint, als es in Wirklichkeit ist.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, 10/6 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: co-berlin.org, 11.9.–3.12.

Kunst und Freiheit: Illiberal Arts

Nicholas Grafia: „Times New Roman (As Page Turning As Eye Opening)“, 2020 Foto: Courtesy Nicholas Grafia und Peres Projects, Berlin

Das Haus der Kulturen der Welt ist ein verlässlicher Ort, wenn es darum geht, komplizierte politische Fragen anspruchsvoll und (meist) doch verständlich zu verhandeln. Man denke nur an die „Anthropozän“- Reihe zu einer Zeit, als alle noch fragten: „Anthropo… was?“ und Fridays for Future noch nicht auf der Straße waren. Die neue Ausstellung „Illiberal Arts“ setzt sich jetzt mit auseinanderfallenden Gesellschaften auseinander – und den damit verbundenen neuen Unfreiheiten. Ursache dafür, so die These der Kurator:innen Anselm Franke und Kerstin Stakemeier, ist paradoxerweise die Freiheit des Marktes nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Und wie wird das Ganze jetzt Kunst? Das wird spannend, denn zu den Ausstellenden zählen Künstler:innen, die auf dem Themenfeld Wirtschaft und Soziales versiert sind wie Natascha Sadr Haghighian, Anne Imhof, Pauline Curnier Jardin mit der Feel Good Cooperative, Henrike Naumann und Philip Wiegard. Es sind aber auch ganz junge Künstler:innen dabei – wie Nicholas Grafia (Abb.), der von den Philippinen kommt und bis 2019 in Düsseldorf studierte.

  • Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi-Mo 12-20 Uhr, Eintritt 7/3 €, Zeittickets: hkw.de, 11.9.-21.11.

Malerei: Raphaela Simon

Raphaela Simon: „Großer Ring“, 2021, Öl auf Leinwand, 155 x 230 cm © Raphaela Simon. Foto: def image Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London

Ist das noch gegenständlich oder schon abstrakt – dieser hellbraune, halbrunde Bogen, der von fern aussieht wie eine Fleischwurst? Raphaela Simon malt abstrakt, geometrisch, farbintensiv, eine Schicht über der anderen, und geht außerdem ins Dreidimensionale, wenn sie Puppen auftreten lässt – gefertigt aus Holz und Draht und bekleidet geradezu wie Charlottenburger:innen. Das ist Alltagspop, wie er an die Kölner Malerei rund um die Band Der Plan denken lässt. Was die aus Süddeutschland stammende Berliner Künstlerin dieses Mal bei Max Hetzler zeigt, wird spannend.

  • Galerie Max Hetzler Bleibtreustraße 15/16, Charlottenburg, Di-Sa 11-18 Uhr, 2.9.-11.12

Jubiläum: X x X-10 Jahre Semjon Contemporary

Michael Kutschbach/ Semjon Contemporary SC _Titel-b-conifer (Flying Spaghetti Monster)“, Edition (10 Exemplare)
anlässlich „X x X-10 Jahre Semjon Contemporary“

Am Anfang war der Kioskshop: ein Laden, den der Künstler Semjon H.N. Semjon mit Holz, Wachs und Farbe in einen stilvollen, minimalistischen Raum verwandelt hatte. Kolleg:innen lud er zu Ausstellungen und Interventionen ein. Dann wurde der Gründer Galerist und der Kioskshop eine Galerie. Zehn Jahre gibt es sie bereits. Zuletzt bereitete er das Werk der 1935 geborenen großartigen Ursula Sax auf. Zum Jubiläum verlegt Semjon nun Werke von dem Laden und der Galerie verbundenen Künstler:innen wie Susanne Knaack, Michael Kutschbach (Abb.), Renate Hampke und Gerda Schütte als Editionen und legt diese in einer großen Jubiläumsschau aus. Reine Freude herrscht trotzdem nicht: Derzeit ist unsicher, ob der Mietvertrag verlängert werden kann. Auf dem Spiel stehen auch die künstlerischen Einbauten des alten Kioskshops.

  • Galerie Semjon Contemporary Schröderstraße 1, Mitte, Di-Sa 13-19 Uhr, bis 4.12.

Schöner Anfang: Ende neu

Katja Aufleger „LOVE AFFAIR“ (Videostill), 2017 4K-Video (Loop), Farbe, Ton, 22 Min. Foto: Katja Aufleger (Videostill)

Zerstörung als Beginn von etwas Neuem: Das ist das Thema einer Gruppenausstellung, die Magdalena Mai und Manuel Kirsch für das Kindl-Zentrum kuratiert haben. Malerei, Fotos, Videos und Skulptur etwa von Katja Aufleger (Abb.), Angela de la Cruz und Michael Sailstorfer ergeben einen hübschen Parcours, in dem allerdings auch häufige Topoi auftauchen wie zerstörte Mauern und abschmelzendes Gletschereis.

Tiefer geht da der Film „Good Ended Happily“, den der Künstler Basir Mahmood in einer Einzelpräsentation auf demselben Stockwerk zeigt. Mahmood ließ ein Team in Pakistan einen Film drehen, der vom Tod des Al-Quaida Führers Osama bin Laden handeln sollte. Er selbst blieb den Dreharbeiten fern. In seinem Zusammneschnitt des Footages sind nun Geräusche vom Set zu hören, barsche Anweisungen und der schwere Atem eines Kameramanns, und zu sehen Statisten, die Tote spielen. Ein künstlerisches wie politisches Experiment, das nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan unfreiwillig hochaktuell geworden ist.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus3, Neukölln, Do-So 12-18, Mi 12-20 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, bis 6.2.2022, mehr Infos hier

Sonne und viel Rot: Impressionismus in Russland

Abram Archipow: „Besuch“, 1914 ,Öl auf Leinwand, 97,7 x 150 cm. Foto: Abram Archipow / Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Nun ist sie noch einmal richtig zu sehen: Die große Ausstellung „Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde“. Das Team des Potsdamer Museums nahm bereits im Herbst 2020 einen Anlauf, die Werke zu zeigen. Doch jetzt gelingt es hoffentlich ohne pandemiebedingte Unterbrechung, denn das, was zu sehen ist, erweitert den Blick auf Kunst ungemein. Wassily Kandinsky beispielsweise, vor allem als Bauhäusler und Meister der Abstraktion bekannt, malte als ganz junger Mann bezaubernde russische Landschaften. Und Rot war wohl offenbar bereits vor der Oktoberrevolution eine beliebte Farbe in Russland, wie Abram Archipows Gemälde „Besuch“ von 1914 zeigt. Sowieso lohnt es sich, all die Gemälde von Künstlern und Künstlerinnen zu betrachten, die hierzulande selten zu sehen sind, etwa von Olga Rosanowa und von Natalija Gontscharowa, von der nun auch ein Bild in der neu geordneten Neuen Nationalgalerie hängt.

  • Museum Barberini Am Alten Markt, 14467 Potsdam, Mi-Mo 10-19, 1. Do/ Monat bis 21 Uhr, 18/ 16/ 10 €, bis 18 J. + Empfangende von Transferleistungen frei, Zeittickets: www.museum-barberini.de, 28.8.21-9.1.22

Filmexperiment: Good Ended Happily von Basir Mahmood

Basir Mahmood: „Good ended happily“, 2018, 13:05 Min. Videostill. Foto: Basir Mahmood

Die Filmstadt Lollywood war einmal Lahores Antwort in Pakistan auf das indische Bollywood. In diesem Umfeld hat der Filmkünstler Basir Mahmood sein Video „Good Ended Happily“ entwickelt, das vom Tod des Al-Quaida-Führers Osama bin Laden handelt. Der Trick bei der Sache: Mahmood ließ das Team in Pakistan den Film allein drehen, ohne ihn, die Anweisungen und Kommentare der Crew-Mitglieder am Set aber bleiben hörbar. Sein filmisches wie politisches Experiment läuft jetzt im Kindl-Zentrum, parallel zu der Gruppenausstellung „Ende Neu“, die von Gefahrenabwehr und Sicherheit handelt.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, Eintritt 5/3 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: kindl-berlin.de, bis 27.2.2022

Kunstgeschichte revisited: Die Liste der „Gottbegnadeten“

Aus der Ausstellung „Die Liste der ‚Gottbegnadeten‘. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“ im DHM: Das Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944 von Richard Scheibe wird im Hof des Bendlerblocks in Berlin aufgestellt, 1953.
Foto: DHM/Liselotte Orgel-Köhne / Richard Scheibe

Bereits mit seiner Ausstellung über die Geschichte der Kasseler „Documenta“ zeigt das Deutsche Historische Museum, dass von einem Rundum-Neuanfang nach 1945 in der Kunst nicht die Rede sein kann. Nach dem Ende des NS-Regimes machte ein Teil seines Establishments auch in der Kultur weiter. Nun hakt das Museum in einer Parallelschau nach: Mit „Die Liste der „Gottbegnadeten““, wie 1041 Personen 1944 von Joseph Goebbels genannt und als unabkömmlich daheim vom Einsatz an der Front befreit wurden.

Die Dokumentarschau beleuchtet, welche Laufbahnen bedeutende Akteure des nationalsozialistischen Kunstbetriebs in beiden Deutschlands einschlugen und wie sie wichtige Funktionen einnahmen, etwa in der Lehre. Die Ausstellung informiert über Karrieren einzelnen Maler und Bildhauer (ausschließlich Männer), die Themen ihrer Bilder und die Aufnahme ihrer Werke beim Publikum. Außerdem unterhält das DHM online das ausgezeichnete Geschichtslexikon Lemo, das unter dem Stichwort „Kunst und Kultur“ auch Hintergründe der „Gottbegnadeten-Liste“ erläutert.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 8/4 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat Eintritt frei, Zeittickets: dhm.de, 27.8.–5.12.

Skulpturen und Aktionen: „Karl-Marx-Allee Kunst im Stadtraum“

Am Dachfirst: Schriftzug der Lina-Braake-Bank von Sven Kalden. Foto: Sven Kalden

Lina Braake, nach der die Bank im Bild benannt ist, gibt es so wenig wie die Bank selbst. Lina Braake ist die betagte Hauptfigur in Bernhard Sinkels gleichnamigem Film von 1974: Die alte Dame nimmt Rache an dem Kreditinstitut, das sie wohnungslos gemacht hat. Der Künstler Sven Kalden hat nun die Braake-Bank erfunden, um den Zusammenhang zwischen Finanzwelt und Immobilienmarkt zu veranschaulichen: Die Braake-Bank macht ihr eigenes Geld, und Kalden veranstaltet öffentliche Vorträge zum Thema. Die Aktion ist Teil der Reihe „Karl-Marx-Allee Kunst im Stadtraum“. Mit Führungen, Zeichen-Workshops und vielen, teil täglich mehreren Aktionen, stellen Künstler und Künstlerinnen Geschichte und Geschichten aus dem Viertel zwischen Alexander- und Strausberger Platz vor. Gemeinsam mit Publikum und Passant:innen suchen sie nach Lösungen für die Berliner Wohnungsmisere. Zu den beteiligten Künstler:innen zählen neben Sven Kalden unter anderem Joachim Blank, Karl Heinz Jeron und Michaela Schweiger.

  • Karl-Marx-Allee zwischen Otto-Braun-Straße und Strausberger Platz, Termine, Filme, Touren, Aktionen: kunst-im-stadtraum.berlin, bis November

Alte Haus, neuer Inhalt: die Neue Nationalgalerie

Alexander Calder. Minimal / Maximal Neue Nationalgalerie mit „Têtes et Queue“ (1965) von Alexander Calder, 2014 Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / 2021 Calder Foundation, New York / Artist Rights Society (ARS), New York / Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Ganz große Klasse! In der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie präsentiert das Museumsteam Werke der Sammlung aus den Jahren 1900 bis 1945 unter dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“: neu geordnet, nicht nach öden Stilen, sondern nach sozialen und politischen Themen und mit geklärter Herkunftsgeschichte. Und siehe da: Nichtzuletzt die vereinten Bestände des Museums aus Ost- und West-Berlin ergeben zusammen das umfangreiche Kaleidoskop einer Gesellschaft in Umbrüchen. Leihgaben ergänzen die Schau wie Auguste Herbins glühendes Porträt des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam.

Flankiert wird die neue Sammlungspräsentation von einer posthumen Werkschau des Bildhauers Alexander Calder, von eine der prominenten Skulpturen auf der Terrasse des Museums stammt, und von einer Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Rosa Barba zur Architektur von Mies van der Rohe.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Mo-So 10-20 Uhr, sonst Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr, Eintritt: 14/ 7, bis 18 J. frei, Zeittickets bis zu 14 Tagen im Voraus: smb.museum

Murcia: Im Garten Europas

Göran Gnaudschun: „Zitronenernte II“, aus der Serie „Das bessere Leben“, Stadt Murcia/Region Murcia, 2020. Foto: Göran Gnaudschun

Murcia liegt am Mittelmeer, ungefähr auf halbem Weg von Barcelona nach Gibraltar, eine fruchtbare Provinz dank eines Bewässerungssystems, das noch auf die Mauren zurückgeht. Dorthin reiste der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun 2020 im Auftrag des Museums Europäischer Kulturen. In Murcia porträtierte er Migrant:innen: Rentner:innen aus Nordeuropa, die sich einen Lebensabend in spanischer Wärme erhoffen, und Arbeitende aus Afrika, Osteuropa und Südamerika, die jenes Obst und Gemüse anbauen, das auch in Berliner Supermärkte gelangt. Gnaudschuns Bilder von willensstarken Arbeiter:innen, wohlgenährten Pensionär:innen, Bäumen mit prallen Orangen und einer industrialisierten Landwirtschaft sind jetzt unter dem Titel „Das bessere Leben“ Teil einer Ausstellung, die das MEK der Region widmet. Und in der sich die Kommentare der Ausstellungsmacher:innen über Smartphone auch auf Spanisch hören lassen.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di-Fr 10-17, Sa/ So 11-18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.smb.museum, 6.8.-27.2.

Henrike Naumann: Einstürzende Reichsbauten

Henrike Naumann: „Einstürzende Reichsbauten“, 2021, Ausstellungsansicht, Berlin, Kunsthaus Dahlem, 2021. Foto: Moritz Jekat; Courtesy Henrike Naumann & KOW Berlin

Arno Breker, schwer beschäftigter Bildhauer im nationalsozialistischen Deutschland, hatte in Dahlem ein Staatsatelier. Nach 1945 unterhielten in dem Haus andere Künstler:innen ihre Studios, seit 2015 dient es als Ausstellungsort. Jetzt nimmt sich Henrike Naumann dem historischen Umfeld des Gebäudes an: Die Berliner Künstlerin, studierte Bühnenbildnerin und Szenografin, will Besucher:innen erleben lassen, wie die nationalsozialistische Diktatur unter anderem mit ihrer restriktiven Familienpolitik das Privatleben veränderte.

Für ihre große Installation verwendet sie Möbel aus dem ebenfalls unter den Nationalsozialisten erbauten Haus der Kunst in München. Naumann ist spezialisiert auf harte Sujets: Die in Zwickau geborenen Künstlerin thematisierte die schon die Privatisierungspolitik der Treuhand, Rechtsextremismus in Ostdeutschland und den Terror des NSU. Ihre Ausstellung in Dahlem beginnt am Sonntag, 8.8., eintrittsfrei von 11 bis 18 Uhr.

  • Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8, Dahlem, Mi-Mo 11-17 Uhr, 6/4 €, kunsthaus-dahlem.de, 8.8.-28.11.

Das verwundete Paradies

Ein Ausflug zum Schloss Sacrow in Potsdam verbindet Kunst mit Naturerlebnis. Foto: Jens Arndt
Ein Ausflug zum Schloss Sacrow in Potsdam verbindet Kunst mit Naturerlebnis. Foto: Jens Arndt

Man sieht Sacrow seine dramatische Vergangenheit nicht an. Der Potsdamer Gemeindeteil verströmt eine paradiesische Idylle mit der pittoresken Heilandskirche, dem Schloss, Seen und Havel. Die Deportationen jüdischer Bewohner:innen und das gnadenlose Grenzsystem der DDR sind Geschichte, aber nicht vergessen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus stehen persönliche Erzählungen, Dokumente und Fotos von sieben Zeitzeug:innen, die hier einst lebten, oder es immer noch tun. Dabei legt die Ausstellung einen großen Wert darauf, Schönheit und Drama dieses Ortes durch eine emotionale Begegnung zwischen Besucher:in und Bewohner:in offenzulegen. Außerdem werden am 13. und 27.8. Filme des des Filmproduzenten Joachim von Vietinghoff gezeigt. Der 80-jährige Sacrower feierte internationale Erfolge und gibt vor Ort Einblick in sein Schaffen.

  • Schloss Sacrow Krampnitzer Str. 33, Potsdam, 7.8.–9.11., Fr–Mo 11–18 Uhr, 8/5 €, bis 9.11.2021

Unter dem Pflaster: Führungen durch den T!ING-Space

Arbeit von Saba Tsereteli/ im Ting Space/ Foto: Joseph D. Tremblay / Saba Tsereteli

Es gibt sie doch noch, die ungewöhnlichen Ausstellungsräume an verborgenen Orten, wie die Gründer:innen des T!NG Space jetzt in Neukölln zeigen. Der liegt östlich des Kindl-Kunstzentrums Richtung Karl-Marx-Straße, in einem Hof hinter der Kart-Bahn, in einen Industriekeller, der so weitläufig ist, dass er zu der ehemaligen Brauerei zwei Straßen weiter gehört, in der das Kindl-Zentrum heute sitzt. Unten an der Karl-Marx-Straße liegt zudem die Galerie im Saalbau, und einmal über die grüne Thomashöhe kommt man zum Körnerpark mit der dortigen kommunalen Galerie. Interessiertes Publikum kennt die Gegend also.

Eine gute Lage für die Künstler:innen Saba Tsereteli, Claire Chaulet und Martin Duc­reau aka Thym’art. Bereits vor sechs Jahren haben die Gründer:innen des Vereins Artistania den Keller bezogen und saniert. Heute gibt hier neben Werkstätten eine Bühne und viel Ausstellungsfläche. Die aktuelle Ausstellung „It’s Time for Differences!“ kann über 100 Arbeiten umfassen. Neben Gemälden, Skulpturen, Plastiken und Installationen gehören die Masken und große Marionetten dazu, die im Juni beim „Karneval für die Zukunft“ dabei waren, einem umweltpolitisch orientierten Umzug durch Neukölln. Besucher:innen können Keller und Kunst auf geführten Touren erkunden.

  • T!NG-Space Neckarstr. 19, Neukölln, Do–Sa 18–20 Uhr, 12/8 €, Buchung: www.ting-space.com

Ein halbes Jahrhundert: „Politik und Kunst“ der Documenta

Auf der Documenta 7, 1982: Ausstellungsansicht mit Jörg Immendorffs „Naht (Brandenburger Tor-Weltfrage)“ © documenta archiv, Foto Dieter Schwerdtle © The Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch, Wilmersdorf, Köln & New York

In seiner neuen Ausstellung „Politik und Kunst“ zeigt das Deutsche Historische Museum seit 18. Juni Ergebnisse von Untersuchungen zu den politischen Verflechtungen der „Documenta“ zwischen 1955 und 1997. Um es vorweg zu nehmen: Die „Documenta“, die Kasseler Großschau mit internationaler zeitgenössischer Kunst und vermeintlich Hort der Avantgarde, war nicht viel besser als die Bundesrepublik, in der sie stattfand. Die nationalsozialistische Vergangenheit eines Mitbegründers blieb lang unbekannt. Ideologisch spiegelte sich in ihr die Idee von abstrakter Freiheit als Gegenpol zum sozialistischen Realismus. Und später, vor allem unter Chefkurator Jan Hoet 1992, ein markenbewusstes Marketing als Ausdruck einer globalisierten Kulturindustrie. Spannend.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden, 2, Mitte, Mo-Mi, Fr 10-18, Do 10-20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.dhm.de, bis 9.1.2022

Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Sie war mit David Bowie und Iggy Pop befreundet, der junge Martin Kippenberger wohnte in ihrer Kreativzentrale, der Kreuzberger Fabrikneu. Im Interview erzählt Claudia Skoda aus ihrem aufregenden Leben. Immer neue Texte und Tipps findet ihr in unserer Rubrik „Ausstellungen“.

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