Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin 2021: Unsere Tipps für Kunst-Fans

Das Jahr neigt sich dem Ende und die Kunst läuft noch einmal zur Hochform auf: das kommende Wochenende steht im Zeichen eines großen Museumsjubiläums, prominenter Fotografie und wichtigen Rückblicken auf Kunst in der DDR und in den USA. Und eine großartige Schau aus dem Sommer geht zu Ende. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für Kunst und die besten aktuellen Ausstellungen in Berlin.


Hamburger Bahnhof: Doppelausstellung zum Jubiläum

Siah Armajani: „Glass Front Porch for Walter Benjamin“, 2001, Glas, Plexiglas, Edelstahl, eloxiertes Aluminium, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 2014 Schenkung des Künstlers an die Freunde der NationalgalerieStaatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns / © The Estate of Siah Armajani and Rossi & Rossi

Es ist ein Geburtstag mit Hindernissen, aber es ist ein Geburtstag: Das Museum Hamburger Bahnhof wird 25 Jahre alt und feiert das mit zwei großen Ausstellungen. Die Sammlung Flick mag abziehen aus dem Museum, der Vertrag über die Sicherung der Rieck-Hallen hinter dem Hauptgebäude noch nicht unterzeichnet sein; und noch ist unklar, was die neuen Direktoren Sam Bardaouil und Till Fellrath vorhaben. Doch Museumsleiterin Gabriele Knapstein hat für zwei große Jubiläumsschauen gesorgt: „Church for Sale“, eine Kooperation mit der Berliner Haubrok Stiftung, zeigt politische Kunst zum Thema Ausverkauf des Öffentlichen an Privat, und „Nation, Narration, Narcotis“ thematisiert mit Kunst aus aller Welt Klima und Umwelt.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/ 51, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, ab Dez Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J frei, Zeittickets hier, „Church of Sale“: 28.11.1-19.6., „Nation, Narration, Narcosis“ 28.11.-3.7.

Fotografie: Porträts von Zanele Muholi

Zanele Muholi: „Comfort“, 2003, Foto: Zanele Muholi, Mit Genehmigung der Künstler*in sowie von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Aus der Tate Modern in London kommt Zanele Muholis große Werkschau: Sechs Serien sind im Obergeschoss des Gropius Baus zu sehen, ein großer Rundgang, der deutlich macht, warum sich Muholi als „visual activist“ versteht und von sich nicht als „Sie“ oder „Er“ spricht, sondern als „them“ und “they“. Muholi hat den langen, lebensgefährlichen Emanzipationskampf von LGBTQIA+-Menschen in Südafrika fotografiert. Die früh begonnenen, fortlaufenden Serien zeigen anonymisierte Menschen mit ihrem körperlichen und seelischen Leid, die später begonnenen Menschen in stolzen Posen für die Kamera. Auch sich selbst hat Muholi immer wieder porträtiert: in Rollen aus der Schwarzen Geschichte – edel, ernst und doch humorvoll umgesetzt mit Requisiten, die für den Alltag in 400 Jahren von Sklaverei und Befreiung, Kolonialismus und Dekolonialisierung stehen. Ein Dokumentationsraum mit weiteren Fotografien und Filmen führt in die Hintergründe von Muholis Themen ein.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, Hausticket: 15/ 10 €, bis 16 J. und Lichthof frei, Zeittickets hier, 26.11.-13.3.

DDR und später: Hosen haben Röcke an

Künstlerinnengruppe Erfurt: Filmstill aus „Frauenträume“, Super-8-Film (mit: Gabriele Göbel, Verena Kyselka, Monika Andres, Monique Förster, Ingrid Plöttner, Elke Carl, Sylvia Richter, lna Heyner), Kamera: Gabriele Stötzer, 1986 Foto: Archive Gabriele Stötzer

In Dresden und Erfurt wurde sie bereits geehrt: die Künstlerinnengruppe Erfurt. Zwischen 1984 und 1994 wirkten in ihr Künstlerinnen mit, die sich sozialistischem Patriarchat und staatlichen Vorgaben widersetzte – , in Film, Performances, Fotografie und Textilkunst. Teils unter hohem Risiko: Mitbegründerin Gabriele Stötzer, die gerade erst eine Einzelausstellung in der Berliner Galerie Loock hatte, wurde damals zu einem Jahr Haft verurteilt. Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst würdigt das Schaffen der Gruppe in einer Retrospektive, die bisher unveröffentlichtes Material aus den Archiven der Künstlerinnen enthalten soll.

  • NGBK Oranienstr. 25, Kreuzberg, Mi-Mo 12-18 Uhr, Fr bis 20 Uhr, 27.11.-30.1.

Polaroids: Knut Wolfgang Maron

Knut Wolfgang Maron: „Wachtberg“, 1981 Polaroid SX-70 Foto: Knut Wolfgang Maron

Großartig arrangiert haben die Kurator:innen der Alfred Erhardt Stiftung die Überblicksschau über Knut Wolfgang Marons Polaroids: Die Polaroids liegen in brusthohen Vitrinen mit schrägen Schauflächen. So muss sich niemand bücken oder zu nahe herantreten an die kleinformatigen Landschaften, deren Details sich tatsächlich am besten mit einer der bereit liegenden Lupen erkennen lassen. Doch Maron, bis vergangenes Jahr Fotoprofessor in Wismar, lässt seine Fotos gern vergrößern. Davon hängen Beispiele an der Wand. Aber die verwaschenen Farben, die das SX-70-Material rasch nach der Entwicklung der Sofortbilder aufweist, kommen noch intensiver im Kleinformat, das die markanten Landschaften zwischen Irland und Vietnam in geradezu science-fiction-artige Ferne rückt.

  • Alfred Ehrhardt Stiftung Auguststr. 75, Mitte, Di-So 11-18 Uhr (außer an Feiertagen), bis 23.12.

Lichtkunst: Nancy Holt

„Mirrors of Light #2“ 1974 : Nancy Holt „Mirrors of Light I“, 1973–74 (detail). Foto: John R. Bayalis/Walter Kelly Gallery 620 N. Michigan Avenue Chicago, Illinois 60611 / Holt/Smithson Foundation, Licensed by VAGA at ARS, New York / Courtesy Sprüth Magers

Verschoben ist nicht aufgehoben: Nancy Holts für den Frühherbst angekündigte Ausstellung bei Sprüth Magers findet jetzt statt, so ist das in der Pandemie. Holt zählt zu den wenigen Künstlerinnen, die im Kanon der US-amerikanischen Land Art einen festen Platz haben. Skulptural platzierte Betonröhren in der Wüste zählen genauso zu ihrem Werk wie archaisch anmutende Mauern in Parks. In der Galerie Sprüth Magers zeigt die 1938 geborene Künstlerin nun eine Arbeit für drinnen: ihre ersten „Mirrors of Light I“ (1973-74), eine Installation aus runden Spiegeln und einem Schweinwerfer. Hier wird Licht zu Material und scheint doch einen eigenen Willen zu haben.

  • Galerie Sprüth Magers Oranienburger Str. 18, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr, Zeittickets hier, 25.11.-5.2.

Ansichten einer fragilen Welt: Take Me to the River

Home perched on top of a crumbling embankment along the sea. Mousuni, West Bengal, India.
Arko Datto: „Shunyo Raja (Kings of a Bereft Land): Terra Mutata„, 2019, Fotografie © Arko Datto 

Unter dem bereits in Film und Musik viel verwendeten Titel zeigt das Goethe-Institut zu seinem 70-jährigen Jubiläum eine Ausstellung, die sich seit der ersten Welle der Pandemie bereits weiterentwickelt hat: „Take Me to the River“ versammelt Film-, Foto- und Klangarbeiten von 15 Künstler:innen aus dem Globalen Süden über Wasser in der Klimakrise. Zu fantastischen Aufnahmen aus Regionen zwischen Amazonas und Indus sind nicht zuletzt Stimmen von Menschen zu hören, die von Dingen und Denken berichten, die hierzulande kaum bekannt sind. Online ist das großartig, es bleibt spannend, ob das auch im analogen Format funktioniert.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr, ab Dez. Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. frei, Zeittickets hier 29.11.-12.12., Online-Ausstellung hier

Rotierender Hausengel: Cyprien Gaillard


Cyprien Gaillard: „L’Ange du foyer (Vierte Fassung)“, 2019,  Installationsansicht, 58th International Art Exhibition „May You Live In Interesting Times“, Venice 2019, Copyright Cyprien Gaillard, Courtesy the artist and Sprüth Magers, Foto: Timo Ohler

Das Museum Scharf Gerstenberg zeigt immer wieder Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen, die zu seiner Sammlung des Surrealismus passen. Dieses Mal ist Cyprien Gaillard, Träger unter anderem des Preises der Nationalgalerie 2011 und des Prix Marcel Duchamp 2010, an der Reihe. Gaillard zeigt seine Arbeit von der Venedig-Biennale 2019: eine Holografie, die den „Hausengel“ von Max Ernst zitiert und ihn rotieren, sich selbst verschlingen und neu gebären lässt. Klingt großartiger, als es ist, war jedenfalls in Venedig so, aber man sollte die Arbeit sehen, wenn man Cyprien Gaillards Erfolg auf die Schliche kommen will.

  • Sammlung Scharf Gerstenberg Schloßstr. 70, Charlottenburg, Di-Fr 10-18 Uhr Sa/So 11-18 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets hier, 26.11.-13.3.

Im Doppel: Franka Hörnschemeyer / Iris Schomaker

Franka Hörnschemeyer: „Transponder 121“, 2021, Installation view, Philara Foundation, Düsseldorf, 2021. Foto: Kai Werner Schmidt
Courtesy the artist, © VG Bild-Kunst

Der große Eckraum der Galerie Thomas Schulte wirkt wie geschaffen für die Skulpturen Franka Hörnschemeyers, dabei verhält es sich andersherum: Die Berliner Bildhauerin schafft ihre Skulpturen aus Bau- und Fundmateralien für die jeweiligen Ausstellungsräume. Sie interpretiert deren Maße, Charakter, Akustik und Geschichte und setzt diese Analyse um – nicht weniger poetisch, aber handfester, greifbarer, streitbarer, als das beispielsweise Thea Djordjadze tut, die ja ebenfalls Räume skulptural interpretiert wie derzeit im Gropiusbau. Parallel zu Hörnschemeyers zweiter Ausstellung bei Schulte sind Arbeiten von Iris Schomaker zu sehen: flächige Gemälde in zurückhaltenden Farben von Personen in geometrisch strukturierten Räumen. Das könnte sich perfekt ergänzen.

  • Galerie Thomas Schulte Charlottenstr. 24, Mitte, Di-Sa 12-18 Uhr, Eröffnung: 26.11., 18 Uhr, 27.11.-5.2.

Neue Skulpturen: Angela Bulloch

Ausstellungsansicht: Angela Bulloch „Animal Vegetable Mineral“ bei Esther Schipper, Berlin, 2021, Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin. Foto: Andrea Rossetti

Die Kunst von Angela Bulloch bleibt wohnlich, egal wie geometrisch und bunt ihre neuen Skulpturen einer fortlaufenden Serie sind. Die Berliner Künstlerin aus Kanada kombiniert Größen, Farben und Licht so im Raum, dass man sofort sein Lager hier aufschlagen möchte. Warum nicht eine Matte neben einer der leuchtenden Kuben aufschlagen und ein Buch lesen, bis es endgültig Nacht wird? Die bereits 13. Einzelausstellung von Bulloch in der Galerie von Esther Schipper wird ergänzt von einer Animation, die den Eindruck einer wohnlichen Landschaft komplettiert.

  • Galerie Esther Schipper Potsdamer Str. 81e, Aufgang über Fahrstuhl im Hof, Tiergarten, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 18.12.

Letzte Chance: Monira al Qadiri

Monira Al Qadiri: „Divine Memory“, 2019 (Still), Foto: Monira Al Qadiri/ Berlinische Galerie

Die Videos im Filmsaal der Berlinischen Galerie wechseln schneller, als die Sonderausstellungen, und endet die Präsentation von Monira Al Qadiri schon wieder. Drei Filme lässt sie noch an diesem Wochenende in dem Museum laufen: „Behind the Sun“ (2013), „Diver“ und „Divine Memory“ (2019). Für beide ließ sich Al Qadiri von Kindheitserinnerungen anregen. „Behind the Sun“ handelt von brennenden Ölfeldern in Kuweit, “Divine Memory“ feiert die Natur mit den Mitteln eines Musikvideos. „Diver“, die dritte Arbeit, ist auch online zu sehen.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr12/ 9 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets hier , bis 29.11.

Letzte Chance: Henrike Naumann

Henrike Naumann: Ausstellungsansicht „Einstürzende Reichsbauten“ im Kunsthaus Dahlem.
Foto: Moritz Jekat, Berlin 2021 / © Henrike Naumann

„Einstürzende Reichsbauten“, die Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Henrike Naumann im Kunsthaus Dahlem, zählte zu den ersten Ausstellungen, die nach den Sommerferien eröffneten, jetzt endet auch sie. Zeit, Bilanz zu ziehen, ob Naumanns Konzept aufgegangen ist. Die Berliner Künstlerin hat die nationalsozialistische Ideologie, die in der Architektur des ehemaligen Ateliers von NS-Staatskünstlers Arno Breker steckt, mittels Möbel verschiedener Epochen des 20. Jahrhunderts und einem Video zu entlarven versucht. Henrike Naumann ist stets aufgeschlossen für Debatten: Zu ihrer Ausstellung hat sie ein Büchlein herausgebracht, das Argumente für eine offene Diskussion liefert.

  • Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8, Dahlem, Mi-Mo 11-17 Uhr, 6/ 4 €, bis 19 J. frei, bis 28.11.

Neue Galerie: mit neuen Bildern von Anselm Kiefer

Anselm Kiefer: „Eros und Thanatos“, 2019 Emulsion, Acryl, Öl, Kreide Holz, Metall auf Leinwand, o280 x 380 cm.
Foto: Georges Poncet / © Anselm Kiefer

Die Familie Bastian, die ihr gleichnamiges Haus an der Museumsinsel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz übereignete, hat im Berliner Süden ein neues Haus bauen lassen. Aeneas Bastian, Sohn des Kurators Heiner Bastian, hat darin eine Zweigestelle seiner Londoner Galerie eröffnet. Die erste Ausstellung gehört Anselm Kiefer, dessen vier neue Gemälde in dem lichten Gartenbau des Architekten John Pawson bestens zur Geltung kommen. Dabei überraschen vor allem die zwei Landschaftsbilder – meisterhaft gemalt, mit – wie oben zu sehen ist – ganz anderer Blickführung als in den berühmten, Bühnenbildern ähnelnden Gemälden

  • Galerie Bastian  Taylorstr. 1, Dahlem, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 15.1.2022

Thomas Schütte: Bildhauerei mit hintergründigem Witz

Thomas Schütte: „Old Friends Revisited““, 2021. Foto: Luise Heuter / Thomas Schütte / beide VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist seine Sandsteinsäule mit den zwei roten Kirschen darauf. Thomas Schütte platzierte sie 1987 für „Skulpturen Projekte Münster“ ebendort. Ein Publikumsrenner. Die Stadt kaufte das Obstdenkmal, die Nachbarstadt Marl wollte auch so etwas Schönes. Schütte baute Marl also ein Denkmal für eine Melone, auch schön rot. Der Bildhauer kennt die Menschen, ihre Maße, ihre Vorlieben, ihre heimlichen Sehnsüchte, so gut, dass seine Modellhäuschen als tatsächlich bewohnbare, große Häuser gefragt waren. Sogar ein ganzes Museum für sein Werk hat er bauen können, bei Neuss auf der Insel Hombroich (sprich: Hommbrooch). Doch am besten sieht man selbst. Das Charlottenburger Georg-Kolbe-Museum zeigt neben Arbeiten auf Papier 30 Skulpturen des Düsseldorfers, darunter eine der bekannten, fast vier Meter hohen Bronzefiguren „Vater Staat“ (2010). Die ersten Figuren von diesem alten müden Mann soll Schütte übrigens aus Knete gefertigt haben

  • Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Mo-So 10-18 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: hier, 19.11.-22.2.2022

Aus dem Flutgebiet: Eckart Bartnik

Dieser Campingplatz in einem Nebental der Ahr war noch mehrere Wochen nach der Flut völlig abgeschnitten. Zwei Bewohner des Campingplatz starben in der Flut, eine dritte Person wird noch vermisst. Um Platz für weitere Aufräumarbeiten zu schaffen, behalf man sich, die zertrümmerten Wohnwagen einfach zu stapeln. Aus Eckart Bartnik: „Flut. Von der Gewalt der Gewässer“, Ahrtal 2021.
Foto: Dr. Eckart Bartnik

Zu einer Mega-Skulptur haben Bauarbeiter die Wohnwagen aufgetürmt, die bei dem Sommerhochwasser im Ahrtal Schaden nahmen. Der Biologe und Fotograf Eckart Bartnik war im Überflutungsgebiet unterwegs und hat Motive aufgenommen, die von der Zerbrechlichkeit unserer Infrastruktur zeugen: vom Wasser verbogene Schienen, hinfort gespülte Bäume und Häuser und zerstörte Weinberge. In Bildkompositionen, die genauso Barock und Romantik wie Düsseldorfer und   Leipziger Fotoschule zitieren, versammeln sich die Gegenstände und Landschaften als memento mori, zu Sinnbildern der Vergänglichkeit. Umso mehr, weil Bartnick trotz manch arg dramatischer Effekte die sachliche Distanz eines Wissenschaftlers wahrt: Für das geübte Auge lässt sich erkennen, dass hier Landschaftsplanung sowie Forst- und Landwirtschaft noch nicht mit den Folgen eines Klimawandels gerechnet hatten. Eine kleine, wichtige Ausstellung.

  • Galerie Alles Mögliche  Odenwaldstr. 21, Friedenau, täglich ab 8 Uhr (sic!), aber vorsichtshalber Termin vereinbaren unter 0173/342 80 83, bis 29.1.2022

Perspektivwechsel: Mercury Rising

„Mercury Rising – Inter* Hermstory[ies] Now and Then“ im Schwulen Museum, Ausstellungsansicht.
Foto: Mika J. Wisskirchen / Schwules Museum

Erstmals widmet sich eine Kunstausstellung im Schwulen Museum der Geschichte der Intergeschlechtlichkeit: „Mercury Rising“ zeigt Installationen, Zeichnungen, Filme und Fotografien zum Thema. Im Zentrum steht eine Art begehbares Raumschiff des Künstler:innen-Duos Giegold & Weiß, das sich auch gut dazu eignet, den Berichten des Aktivisten Mauro Cabral Grinspan zuzuhören. Er berichtet von traumatischen medizinischen Eingriffen, die Transpersonen erleiden mussten. Einen weiteren Höhepunkt bilden die Porträtfotografien von Charan Singhd aus Indien. Sie erinnern daran, dass die Unterscheidung von Menschen in zwei Geschlechter vielerorts ein Import der europäischen Kolonialmächte war.  

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Tiergarten, Mo, Mi, Fr 12-18, Do bis 20, Sa 14-19, So 14-18 Uhr, 1. So/ Monat 12-20 Uhr, 9/3 €, 1.So/Monat frei, Zeittickets: www.schwulesmuseum.de, bis 14.2.2022

Mädchen im Wunderland: Annelies Štrba

Annelies Štrba: „Nyima 405“, 2009, Pigmentdruck auf Leinwand, 110 x 165cm, Foto: Annelies Štrba/ VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin

Die jungen Frauen, sie sind noch da. Doch wenn sie früher auf Annelies Štrba Fotos nähten oder etwas ratlos neben einem alten Herd saßen, so scheinen sie jetzt regelrecht entrückt zu sein: Die 1947 geborene Schweizerin lässt sie zwischen Bergen und Blumen, auf Diwanen und Bänken wie ewig schlafen. Es sind auch nicht dieselben Frauen, natürlich nicht. Zwischen Štrbas fast legendärer erster Einzelausstellung in der Galerie Eigen + Art, mit der sie noch immer zusammenarbeitet, und ihrer aktuellen Ausstellung in der kommunalen Galerie Weißer Elefant nur ein paar Häuser weiter liegen fast 30 Jahre. Kurator Ralf Bartholomäus weiß die Zeitspanne geschickt zu thematisieren. Im Hof hängen Štrba neue Fotos als Drucke auf LKW-Planen. Und oben in der Galerie laufen auch die alten Fotos: als Projektion, die fast benommen machen – derart weit zurück scheinen die 1990er-Jahre schon zu liegen.

  • Galerie Weißer Elefant Auguststr. 21, Mitte, Di-Fr 11-19, Sa 13-19 Uhr, bis 19.12.

Anna Ehrenstein: feat. DNA, Fadescha, Rebecca-Pokua Korang

Anna Ehrenstein, feat. DNA, Fadescha, Rebecca-Pokua Korang, The Albanian Conference: Home Is Where The Hatred Is. Foto: Ladislav Zajac/KOW / © Anna Ehrenstein
Anna Ehrenstein, feat. DNA, Fadescha, Rebecca-Pokua Korang, The Albanian Conference: Home Is Where The Hatred Is. Foto: Ladislav Zajac/KOW / © Anna Ehrenstein

Die Fotografin Anna Ehrenstein, Gewinnerin des C/O-Talent Awards 2020, zeigt in der Galerie KOW neue Arbeiten: vier Videos, die sie in Albanien gemeinsam mit Fadescha aus Delhi, Blair und Clint Opera aus Lagos und der Performerin Becci-Pokua Korang drehte. Ehrenstein schätzt Kooperationen, weil es ihr darum geht, dass nicht eine:r allein die Macht über Kamera und Perspektive hat. Thema ihrer Arbeiten sind Korruption und Bespitzelung sowie die Forderungen nach Teilhabe und Gleichstellung, unter anderem für LGBTQ-Menschen. Forderungen, die die Videos in spitzer, sehr zeitgenössischer Ästhetik stellen.    

  • KOW Galerie Lindenstr. 39, Kreuzberg, Di-Sa 12-18 Uhr, bis 28.1.2022

Aus dem Unbewussten: Clemens Krauss

Clemens Krauss: „Selbstportrait als Kind“, 2017, Copyright Clemens Krauss
Foto: B. Borchardt, Courtesy Galerie CRONE Berlin | Wien

Gruselig sieht das aus: Clemens Krauss hat eine Nachbildung seiner Haut, die ihn als Schuljungen zeigt, auf dem Boden des Hauses am Lützowplatz ausgelegt. Das unkonventionelle Selbstporträt des Berliner Künstlers ist Teil einer großen Einzelausstellung, zu der neben Plastiken und Gemälden auch Gruppensitzungen zählen, an denen interessierte Besucher:innen nach Voranmeldungen teilnehmen konnten. Da hätte man gern Mäuschen gespielt. Doch selbstverständlich hält sich Krauss, der Kunst und Medizin studierte und sich zum Psychoanalytiker ausbilden ließ, an die Schweigepflicht. Nur seine große Wandarbeit, a der er während der Ausstellungsdauer weiter werkt, dürfte einige seiner Gedanken über die Gesprächsrunden spiegeln.

  • Haus am Lützowplatz Lützowplatz 9, Tiergarten, Di-So 11-18 Uhr, bis 9.1.2022

Bilder aus der Welt: Sony World Photography Award 2021

Herny Lenayasa, ein Samburu-Mann und Häuptling der Siedlung Archers Post, versucht, einen massiven Heuschreckenschwarm zu verscheuchen. Foto: Luis Tato for The Washington Post / Freundeskreis Willy-Brandt-Haus

Auf zwei Etagen hängen 120 bestplatzierte Einsendungen eines Wettbewerbs, den die World Photography Organisation jährlich auslobt. Er hat eine Offene und eine Profi-Sparte, und in beiden je zehn Kategorien wie „Porträt“ oder „Kreativ“. Er ist breiter angelegt als etwa der „World Press Photo Award“, der zuvor im Willy-Brandt-Haus gastierte – inklusive Überschneidungen wie Luis Tatos Reportage von der jüngsten großen Heuschreckenplage in Äthiopien. Sie führt mitten hinein in Wolken der hungrigen Insekten, denen sich Bauern entgegenzustemmen versuchen.

In der aktuellen Ausstellung sind nun Beispiele für die Arbeiten der Erst-, Zweit- und Drittplatzierten jeder Sparte zu sehen, zudem der großartige Beitrag des „Fotografen des Jahres“ Craig Easton, der gemeinsam mit dem Autor Abzul Aziz Hafiz das Buch „Bank Top“ über eine Nachbarschaft in der nordenglischen Industriestadt Blackburn kreierte. Außerdem werden Einsendungen aus Deutschland von der Shortlist gezeigt. Die Jurys hatten einen Knochenjob: 330.000 Fotos aus 220 Ländern sollen dieses Mal eingeschickt worden sein.

  • Willy-Brandt-Haus Stresemannstr. 28, Kreuzberg, Di–So 12–18 Uhr, kostenloser Download des Katalogs www.worldphoto.org, Zeitfenstertickets: www.fkwbh.de, bis 12.1.

Refik Anadol: Machine Hallucinations – Nature Dreams

Datenskulpturen in St. Agnes. Foto: Roman März / Courtesy Refik Anadol and KÖNIG GALERIE Berlin | London | Seoul | Vienna

Krypto-Kunst Zur Erinnerung: NFT-Kunst, das sind digitale Kunstwerke, die mit einem Non Fungible Token verknüpft sind, also einer Art digitales Echtheits- und Eigentumszertifikat. Für diese Sorte boomender digitaler Kunstwerke ist Refik Anadol ein Spezialist. Jetzt bespielt er die ausgesegnete Kirche St. Agnes mit der Galerie König, drinnen und draußen, mit großen ­Arbeiten: ­einer Datenskulptur, Datengemälden und einer Projektion am Kirchturm, die auf in Echtzeit Berliner Wetterdaten basiert. Anadol geht es hier um Synergien zwischen Stadt, Natur und Künstlicher Intel­ligenz. Eine große Sache, bei der es sehr farbenfroh zugeht – und am schönsten draußen selbstverständlich nach Einbruch der Dunkelheit. Hoffentlich nimmt Anadol Ökostrom.  

  • Galerie König  Alexandrinenstr. 118–121, Kreuzberg, Di–Sa 10–18 Uhr, So 12–18 Uhr, bis 17.12.

Sound of Heimat…? Musik aus der Türkei: Pergamonmuseum

Sag euch die Namen auf den Plattencovern etwas? Wenn nicht, dann empfehlen wir erst Recht einen Besuch in dieser Ausstellung. Foto: Petra Müller / Museum für Islamische Kunst, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Sag euch die Namen auf den Plattencovern etwas? Wenn nicht, dann empfehlen wir erst Recht einen Besuch in dieser Ausstellung. Foto: Petra Müller/Museum für Islamische Kunst, Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Von Liedern, Klängen und Zugehörigkeiten handelt die Ausstellung des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum, die anlässlich „60 Jahre Anwerbeabkommen“ zwischen der Türkei und Deutschland stattfindet.

Unter dem Titel „Gurbet Şarkıları – Lieder aus der Fremde. Musik und Zugehörigkeit zwischen der Türkei und Deutschland (1961-2021)“ haben die Ausstellungsmacher:innen Hörbeispiele, Biografien, Fotos und Filme zusammengebracht, die von der Vielfalt musikalischer Beeinflussung zwischen Diaspora und Zentrum berichten. In drei Stationen aufgeteilt und multimedial präsentiert, sind aufschlussreiche und berührende Perspektiven der sogenannten Gastarbeiter:innen und nachfolgender Generationen erlebbar. Mit einem Konzert am 20. November in der James-Simon-Galerie. 

  • Pergamonmuseum Bodestr. 1–3, Di–So 10–18 Uhr, Mitte, 12/ 6 €, bis 18 J. frei + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: www.smb.museum, 12.11.–20.2.2022

Freistaat Barackia: Kunstraum Kreuzberg

„Landscapes of Liberation“ ist der Untertitel dieser Ausstellung in Berlin. Foto: Design: Imad Gebrayel; Illustration: Diana Ejaita

Einst taten sich migrantische Arbeiter:innen und entrechtete Stadtbewohner:innen zusammen und und gründeten in Kreuzberg den Freistaat Barackia, bauten dort Hütten und lebten ohne Steuerpflicht und Polizei. Ihr selbstverwaltetes Reich erstreckte sich vom Kottbusser Tor bis zur Hasenheide. Kein Witz! Kein Traum! Es gab ihn wirklich! Von 1870 bis 1872.

In der Ausstellung „ Freistaat Barackia: Landscapes of Liberation“ im Kunstraum Kreuzberg wird diese Berliner Geschichte als Ausgangspunkt genommen für künstlerische Antworten auf Fragen wie „Wie werden freie Gemeinschaften zu Laboratorien für kreative und visionäre Formen der Kollektivität?“ oder „Wie können urbane Räume solidarisch und gerecht gestaltet werden?“ ​Die scheinbar lokale Geschichte von Barackia wird mit Bewegungen und selbstbestimmten Räumen aus fünf Jahrhunderten in Berlin und dem amerikanischen sowie afrikanischen Kontinent verwoben.

  • Kunstraum Kreuzberg, Mariannenplatz 2, So–Mi 10–20 Uhr, Eintritt frei, Kreuzberg, Ausstellung 13.11.–16.1., www.kunstraumkreuzberg.de

Systemfrage im Hinterhof: Klemm’s


Installationsansicht zu „SystemDown? State of Affairs?“,2021, Klemm’s, Berlin Foto: Courtesy of the artists andKlemm’s, Berlin

„Ist das eine Galerie oder ist man fälschlicherweise in ein Büro der Berliner Verwaltung oder gar einer Versicherung reingeplatzt?“, fragt man sich beim Betreten der mit blaugrauem Teppichboden ausgelegten und mit Büromöbeln sowie Computerarbeitsplätzen eingerichtete Räume in einem Kreuzberger Hinterhof. Kurze Irritation. Aber ja, das ist Kunst und Teil der Ausstellung „System Down? State of Affairs“ in der Galerie Klemm’s.

Zwischen Umweltkatastrophen, Systemabsturz und Metaversum findet ein Wettlauf ums Überleben statt – wer dieses Rennen wie bestreitet, lässt Kurator Olaf Stüber in dieser Gruppenschau beleuchten. Die Videoarbeiten von Künstler:innen wie Lucy Beech, Omer Fast und Ho Rui An stellen in einem vertraut-entfremdenen Bürosetting Fragen zu Normen, Kontrolle, Sicherheit, aber heute auch persönlicheren Fragen nach Verletzlichkeit und Gemeinschaft.

  • Klemm’s Prinzessinnenstr. 32, Kreuzberg, Di-Sa 11–18 Uhr, bis 18.12.

Unromantische Romantik: Carl Blechen

Carl Blechen: „Viadukt bei Atrano“, 1829, Öl auf Papier auf Holz, 15,8 x 20,5 cm
Foto: codiarts/Harry Müller & Ben Peters GbR / Carl-Blechen-Sammlung der Stadt Cottbus bei der Stiftung Fürst-Pückler-Museum

Er zählt zu den berühmtesten Söhnen von Cottbus. Sein Grab muss auf dem Friedhof im Bergmannkiez gelegen haben, doch die Hochwasser im einstigen Kreuzberger Sumpfgebiet haben es verschwinden lassen. Jetzt erinnert dort nur noch eine Gedenktafel an den Maler Carl Blechen, der wohl der romantischste der deutschen Romantiker war. Sein Werk vereint die Leichtigkeit italienischen Lichts mit der Härte deutscher Winter im 19. Jahrhundert. Der Maler Max Liebermann zählte zu seinen Bewunderern, und so beschert die Liebermann-Villa Berlin endlich wieder einmal eine Blechen-Schau. Sie zeichnet sich durch viel Wissenswertes zur Rezeption von Blechens Werk aus.

  • Liebermann-Villa Colomierstr. 3, Wannsee, Mi-Mo 11-17 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: liebermann-villa.de, bis 24.1.2022

Umbrüche: Voids of Presence

Igor Grubic: „How Steel was Tempered“, 2018 (still nr.6) Foto: Igor Grubic, 2021

Voids sind Lücken, Leerräume. Im Stadtraum entstehen sie oft während größerer Einschnitte und Umbrüche, wie zuletzt in der Pandemie zu erfahren war. Von neuen und früheren Voids handelt die von Ruben Arevshatyan aus Armenien sorgfältig mitkuratierte Ausstellung in der Galerie Nord, die vor allem Fotografie, Animationen, Filme und Skulpturen zusammenbringt. Neben überraschenden Beiträgen von Berliner Künstler:innen wie Andreas Koch und Veronika Kellndorfer finden sich Arbeiten, die den Blick für Europa öffnen: wie Igor Grubic’ bestürzender Foto-Text-Essay aus Kroatien, der trotz oder wegen hier thematisierten Industrieruinen Raum für produktive Ideen für die Zukunft lässt.

  • Galerie Nord / Kunstverein Tiergarten Turmstr. 75, Mitte, Di–Sa 12–19 Uhr, bis 30.12.

Finsteres Berlin: Heinrich Zilles Zeichnungen

Heinrich Zille, Mörder, 1908, Kreide, Foto: Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Privatsammlung

Was ist hier geschehen? „Mörder“, nannte Heinrich Zille dieses Blatt, und zu vermuten bleibt, dass die Verhältnisse in Berlin 1908 sehr elend gewesen sein müssen, wenn ein Mann eine Frau umbrachte und sich danach in der ärmlichen Wohnung offenbar noch nach Verwertbarem umschaut. Käthe Kollwitz schätzte den schon zu Lebzeiten berühmten Heinrich Zille, der das Berliner „Milljöh“ der Hinterhöfe festhielt, und am liebsten mochte sie seine Blätter, die nicht witzig gemeint waren. Das Berliner Kollwitz-Museum zeigt jetzt eine Auswahl von 50 Zille-Zeichnungen – wie diese mit Kreide hier oder den betrunkenen „Mann am Bretterzaun“ von 1901.

  • Käthe-Kollwitz-Museum Fasanenstr. 24, Charlottenburg, Mo–So 11–16 Uhr, 7/ 4 €, bis 18 J. + Berlinpass frei, Zeittickets: www.kaethe-kollwitz.berlin, 6.11.–9.1.

Schaurig schön: HR Giger & Mire Lee

HR Giger & Mire Lee, Ausstellungsansicht Schinkel Pavillon, Berlin, 2021.
Foto: Frank Sperling / © HR Giger & Mire Lee and Schinkel Pavillon

Keine Ausstellung hat die Instagram-Kanäle kunstaffiner Berliner:innen in den vergangenen Wochen so dominiert wie die Werkschau des bereits verstorbenen Schweizers Künstlers und Bühnenbildners H.R. Giger und der südkoreanischen Künstlerin Mire Lee im Schinkel Pavillon. Kein Wunder, haben doch die von Giger geschaffenen Außerirdischen schon in Ridley Scotts Film-Klassiker „Alien“ ihre verstörend betörende Fotogenität bewiesen.

Jenseits von Hollywood-Horror offenbaren die gezeigten Ölgemälde, Tuschzeichnungen und Skulpturen aus Gigers surrealem Kosmos ganz reale Ängste vor dem nuklearen Wettrüsten. Die kinetischen Skulpturen von Mire Lee können es in Sachen Beklemmung und Faszination locker mit Giger aufnehmen, und die erlebt man besser live vor Ort.

  • Schinkel Pavillon Oberwallstr. 32, Mitte, Mi–So 11–19 Uhr, 6/ 4 €, bis 2.1.2022

Jubiläumsschau: Friendship. Nature. Culture

Isabell Heimerdinge: Still aus „Soon It Will Be Dark“, 2020
Foto: Isabell Heimerdinger / Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin / Daimler AG (Filmstill)

Eine Schnapszahl: 44 Jahre alt wird die Kunstsammlung von Daimler. Ein Anlass, wieder einmal vorbeizusehen in den Berliner Ausstellungssälen des süddeutschen Automobilherstellers, die wichtig waren für Berlin, als die Neubauten am Potsdamer Platz noch neu waren, um die es aber zuletzt ruhig geworden ist. Rund 100 Sammlungsstücke von 70 Künstler:innen aus den Jahren 1920 bis 2021 sind zum Thema „Freundschaft. Natur. Kultur“ zu sehen. Teils museal, teils wohnlich gehängt und gestellt, vermitteln sie einen guten Einblick in die rund 3.000 konzeptuelle Werke umfassende Sammlung der Firma. Und der Ausblick aus den Fenstern ist wirklich enorm.

  • Daimler Contemporary Berlin Haus Huth, Alte Potsdamer Str. 5, Mitte, Mo-So 11-18 Uhr, bis 29.5.2022

Unterwegs in Südamerika: Más Allá, el Mar Canta

Mercedes Azpilicueta: „Molecular Love (Mestizo) Act 3“, 2016-bis heute. Installation und Performance im Auftrag des Times Art Center Berlin Foto: Jens Ziehe, Berlin / Courtesy Mercedes Azpilicueta / Installation view at Times Art Center Berlin, 2021

„Más Allá, el Mar Canta” (“Beyond, the Sea Sings” oder: „Jenseits singt die See”) im Times Art Center handelt von der chinesischen Diaspora in Mittel- und Südamerika, von Communities, die sich nach dem Goldrausch in Kalifornien bildeten.  Chines:innen waren ausgewandert, um in Minen, auf Plantagen, bei Eisenbahnbau sowie in fremden Haushalten und Küchen zu arbeiten. Die nach dem gleichnamigen Buch des Autors Regino Pedroso benannte Ausstellung verwebt in Installationen, Filmen, Fotos, Gemälden und Klangkunst – locker aufgebaut, mit Ecken zum Verweilen oder Sitzen – Stimmen und Ansichten von Nachfahr:innen, die auf der Suche nach ihrer Geschichte sind. Zu den Teilnehmenden zählt auch der Künstler David Zink Yi. Eine kleine Online-Publikation beinhaltet unter anderem eine Chronik der Auswanderung aus China in die Amerikas.

  • Times Art Center Brunnenstr. 9, Mitte, Di-Sa 12-19 Uhr, Eintritt frei, Online-Publikation hier, bis 19.12.

Bewegtes Glas: María Magdalena Campos-Pons

María Magdalena Campos-Pons: „The Rise of the Butterflies“, 2021, Installationsansicht.
Courtesy Galerie Barbara Thumm, Foto: Jens Ziehe.

Die Galerie Barbara Thumm unterhält gute Beziehungen zu Künstler:innen in Lateinamerika, und so ist es nur folgerichtig, dass mit María Magdalena Campos-Pons nun eine Grande Dame der Kunst in Kuba ausstellt. Zu Campos-Pons’ Themen zählen Religionen, Geschlechter und plurale Identitäten. Bei Thumm zeigt die Künstlerin neben floralen Farbgouchen sowie große Mobiles aus Murano-Glas, die den „bösen Blick“ abzuwehren scheinen. Das kommt bekanntlich aus Venedig, und auf der dortigen Biennale stellte Campos-Pons mehrfach aus. Darüber hinaus aber erinnern Murano-Glas und Gouachen aber auch an die Schmetterlinge, die 2020 zum Gedenken an Breonna Taylor fliegen gelassen wurden. Die afroamerikanische US-Bürgerin wurde 2020 während eines Polizeieinsatzes in Louisville getötet.

  • Galerie Barbara Thumm Markgrafenstr. 68, Kreuzberg, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 31.12.

Malaysia: Fotokunst von Sum Chi Yin

Aus „Interventions“ von Sim Chi Yin: „One Day We’ll Understand“, 2018. Foto: Courtesy © Sim Chi Yin und Zilberman, Istanbul/Berlin

Welch ein Lebenslauf: Sim Chi Yin, die aus Singapur über London und Peking jüngst nach Berlin kam, ist Historikerin, zudem bei Magnum und war Fotografin des Jahres in der Ausstellung zum Friedensnobelpreis 2017 (der an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ging). Jetzt zeigt Sum Chi Yin in der Berliner Dependance von Zilberman ihre fotografischen Forschungen zur britischen Herrschaft über Malaysia und Singapur und den Unabhängigkeitskrieg.

  • Galerie Zilberman Goethestr. 82, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 4.12.

Modefotografie: Helmut Newton

Helmut Newton: „Fashion, Melbourne“, 1955 Foto: © Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

So ändern sich die Zeiten: Seltsam gestrig muten die Modefantasien in Newtons „Thierry Mugler Fashion US Vogue, Monte Carlo 1995“ an. Sei’s drum: Die Helmut Newton Stiftung feiert den 100. Geburtstag des 2005 verstorbenen Fotografen – pandemiebedingt ein Jahr verspätet – in einer großen Retro mit 300 Aufnahmen. Das Erstaunliche dabei: Je weiter zurück die Fotos gehen, desto zeitloser wirken die Aufnahmen. Nach wie vor gilt aber: Feministinnen sollten Newtons Fotos nur mit starkem Nervenkostüm ansehen – Newtons Ausstellung gewährt unfreiwillig verräterische Einblicke in die Entwicklung männlicher Perspektiven auf Frauen.  

  • Museum für Fotografie Helmut Newton Stiftung, Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19, Do bis 20 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: smb.museum, 31.10.–22.5.2022

Alte Meister: Sammlung Solly

Paul Bril: „Bergiges Meeresufer“, um 1624 Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie/Christoph Schmidt/Paul Bril

Eine Basis der Bestände der Gemäldegalerie bildet die Sammlung des englischen Kaufmanns Edward Solly, der während der Napoleonischen Kriege mit Holz reich geworden sein soll. Geld gab er unter anderem für Bilder von Giotto, Botticelli und Paul Brils „Bergiges Meeresufer“ (Abb.) aus. Ein Teil seiner Sammlung ging an die Berliner Museen. Die Gemäldegalerie thematisiert jetzt Sollys Sammlung in einer Sonderschau.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di, Mi + Fr 10–18, Do bis 20, Sa/So 11–18 Uhr, 10/5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: smb.museum, bis 16.1.2022          

Umsonst und drinnen: Emeka Ogboh

Akwete beanbags für Emeka Ogbohs Klanginstallation „Ámà“ im Gropius Bau. Foto: Emeka Ogboh

Gerade noch hat er den verlassenen Flughafen Tegel mit edelstem Muzak bespielt: Auf dem Klangkunstfestival „Sonambiente“ umschmeichelte Emeka Ogboh einen Wartebereich mit seiner Komposition „final boarding call“, melancholische Schluss-Arpeggien nach einer Zeit, in der Fliegen als modern galt. Nun ist er schon wieder in Aktion. Der Klangkünstler, der aus Lagos mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin kam und blieb, hat einen Treffpunkt im (eintrittsfreien) Lichthof des Gropius Baus eingerichtet. Hier ist unter einem künstlichen Baum Ogbohs Komposition „Ámà“ aus Gesängen traditioneller Igbo-Chöre aus Nigeria zu hören, Kissen von Designer:innen aus Nigeria (Abb.) laden zum Lagern und Zuhören ein. Denn zersplitterte Gesellschaften brauchen mehr zwanglose, kostenlose Treffpunkte im analogen Raum.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-So 10-19 Uhr, Eintritt in den Lichthof frei, sonst Hausticket für weitere Ausstellungen: 15/10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets für weitere Ausstellungen: gropiusbau.de, bis 16.1.2022

Ausflug nach Südamerika: Palley Pampa. Andine Kreuzungen

Emilio Santisteban: aus „我们都有吃饭的权利“, Installation mit 324 gravierten Kartoffeln, 2021, © Künstler

Auch die ifa-Galerie, der Berliner Ausstellungsort des Instituts für Auslandsbeziehungen, hat in diesem Jahr Geburtstag gehabt. Ein Podcast auf der Webseite der mehrjährigen Veranstaltungsreihe zur globalen Deokoloniailisierung feiert den 30. Geburtstag mit Beiträgen von Künstler:innen. Die aktuelle Ausstellung in der Linienstraße wirkt auf den ersten Blick dagegen sehr nüchtern. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich als vielperspektivischer Einblick in Kultur, Ökologie und Politik der Andenregionen. Sie sind von der Klimakrise besonders getroffen. Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und indigen Aktivisti:innen vermitteln in Videos, Installationen, Fotografien und geschnitzten Kartoffeln Wissen darüber, wie sich mit und in den Anden schonender leben lässt.

  • Ifa-Galerie Berlin Linienstr. 139/140, Di-Mi 14-18, Fr-So 14-18, Do 14-20 Uhr, Rahmenprogramm: www.untietotie.org Eintritt frei, bis 2.1.2022

Blick zurück nach vorn: Renée Green


Renée Green: “Berlin Story”, 2001, 35 mm color slide. Foto: Renée Green / Courtesy Renée Green

Wie Emeka Ogboh (siehe oben) war Renée Green Gast des DAAD, bereits 1993/94. Fast 30 Jahre später richtet die Institution ihrer ehemaligen Stipendiatin gemeinsam mit den Kunst-Werken (KW) eine Werkschau aus: Die Installationskünstlerin aus den USA gilt als Koryphäe für kulturelle Festschreibungen durch Geschichte, Geschlecht und Rassismus.

  • DAAD-Galerie Oranienstr. 161, Kreuzberg, Di–So 12–19 Uhr, Eintritt frei, 22.10.–9.1.2022
  • Kunst-Werke (KW) Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11-19, Do 11–21 Uhr, 8/ 6/ 4 €, bis 18 J. + Do ab 18 Uhr Eintritt frei, Zeittickets: www.kw-berlin.de, 23.10.–9.1.2022

Berliner Malerei: Johann Erdmann Hummel

Johann Erdmann Hummel: „Das Schleifen der Granitschale“, 1831, Öl auf Pappe
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jörg P. Anders / Johann Erdmann Hummel

Seine Figuren wirken manchmal unbeholfen, aber bei Perspektive und Spiegelungen konnte kaum jemand Johann Erdmann Hummel (1769–1852) etwas vormachen. Der Maler hielt unter anderem das Schleifen der großen Berliner Granitschale überrealistisch fest. Ein Grund für die Alte Nationalgalerie, Hummel Einfluss auf die Neue Sachlichkeit zu attestieren, wie eine Ausstellung nun belegen soll.

  • Alte Nationalgalerie  Bodestr. 1–3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, Zeittickets & Preise: www.smb.museum, 22.10.–20.2.2022

An Englishman in Berlin: Die Sammlung Solly

Hans Holbein d. J.: „Der Kaufmann Georg Gisze“, 1532.
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie/Jörg P. Anders / Hans Holbein d. J.

Eine der Grundlagen der heutigen Bestände der Gemäldegalerie bildet die Sammlung des englischen Kaufmanns Edward Solly, der auch in Berlin lebte und unter anderem während der Napoleonischen Kriege mit Holz reich geworden sein soll. Seine Gewinne gab er unter anderem für Bilder von Giotto, Botticelli, Jan van Eyck aus. 1821 ging ein Teil seiner Sammlung an die Berliner Museen. Die Gemäldegalerie thematisiert Sollys Sammlung und Person – unter mit Hans Holbein d. J. berühmten „Der Kaufmann Georg Gisze“.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di, Mi + Fr 10-18, Do bis 20, Sa/So 11-18 Uhr, 10/5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.smb.museum, 21.10.-16.1.2022

Fotos von den Brettern der Welt: Ruth Walz

„Winterreise im Olympiastadion“, Olympiastadion Berlin 1977, Textfragmente aus Friedrich Hölderlin: Hyperion,
Regie: Klaus Michael Grüber, Bühne: Antonio Recalcati, © Ruth Walz

Sie ist eine der bekanntesten Fotografin, die die Berliner Lette-Schule absolviert hat. Ruth Walz arbeitete lang an der Berliner Schaubühne, fotografierte für die Regisseure Peter Stein, Luc Bondy und Robert Wilson, hielt in Schwarz-Weiß Stücke von Botho Strauß fest und in Farbe Wagners Parsifal in Paris. Das Museum für Fotografie widmet der Theaterfotografin eine Werkschau, zudem auch Einblicke in das Labor von Walz gehören sowie ein Kapitel zu ihrem Lebensgefährten, dem 2019 verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz. Eine zweite Ausstellung bindet Walz‘ Werk in den großen Zusammenhang ein: Ein Rückblick auf die 1920er-Jahre zeigt Fotografien mit Walter Kolli, Hertha Feist und vielen anderen, die das Theater der schnellen Zwanziger mitprägten.

  • Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Di-So 11-19, Do bis 20 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.smb.museum, bis 13.2.2022

Friedrichs Lieblingsmaler: Antoine Watteau

Antoine Watteau: „L’amour Paisible“ („Die Friedliche Liebe“) , 1718/1719. Foto: SPSG / Jörg P. Anders

Die Malerei von Antoine Watteau (1684-1721) spielt in Berlin schon lang eine große Rolle. Friedrich II. war ein Fan des französischen Malers, und deshalb gibt es nicht nur im Pariser Louvre und in Dresden viele Gemälde von ihm, sondern auch im Schloss Charlottenburg. Vor rund 36 Jahren hing dort die bis dato letzte große Berliner Watteau-Ausstellung. Bürger hatten Geld gesammelt, um den Verkauf eines Gemäldes aus der Sammlung zu verhindern. Die große Präsentation 1985 dankte dafür. Nun wird dort Watteaus 300. Todestages gedacht. Die neue Schau führt zum einen leicht verständlich in Watteaus Werk ein, mit Gemälden von Festen, gesellschaftlichen Sitten und mythologischen Szenen, die so leicht und zart sind, dass sogar Meyers nüchterne Lexikonautor:innen schwärmerische Vokabeln wie „elegante Leichtigkeit“ oder „zart und duftig“ verwenden. Zum anderen veranschaulicht die Ausstellung, wie der Kunsthandel schon im Rokoko einen Maler erfolgreich vermarktete.

  • Schloss Charlottenburg Spandauer Damm 10–22, Di–So 9-17.30, ab Nov Di–So 9–16.30 Uhr, 14/ 12/ 10/ 8 €, Zeittickets: www.spsg.de, bis 9.1.2022

Wiederentdeckung: Louise Stomps

Stefan Moses: Louise Stomps, Bildhauerin, Rechtmehring 1982, aus der Serie „Große Alte“ im Wald.Foto: Archiv Stefan Moses

Stefan Moses’ obiges Foto von 1982 lässt ahnen, dass Louise Stomps (1900–1988) eine unkonventionelle Frau gewesen sein muss. Sie ließ sich früh scheiden, in Abendklassen künstlerisch ausbilden, und sie arbeitete in der Männerdomäne Bildhauerei, schuf figürliche und zunehmend abstrakte Arbeiten aus Gips und Holz. Den Zweiten Weltkrieg und Stomps viele Umzüge sollen nur wenige überstanden haben. Doch immerhin 90 Skulpturen sind nun in ihrer ersten Retrospektive zu sehen: Das auf vergessene Künstlerinnen spezialisierte Verborgene Museum richtet Louise Stomps eine Gastschau in der Berlinischen Galerie aus – auch mit großen abstrahierten totempfahlähnlichen Figuren, die schon vor der Eröffnung in der zentralen Halle des Museums zu sehen waren.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, 10/7 €, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 15.10.-17.1.2022

Möbel und Glas: Bröhan total!

Eugène Gaillard, Speisezimmer, 1899-1900. Foto: Martin Adam/Bröhan-Museum / Eugène Gaillard

Es gibt sie noch, die Sammler:innen, die kein Aufhebens um sich machen: Eine Privatperson aus Schöneberg hat dem Bröhan-Museum mehr als 100 farbige Gläser des Gestalters Jean Beck (1862–1938) gestiftet, der seine Laufbahn bei Villeroy & Boch begann. Die Gläser werden jetzt zu der Ausstellung „Bröhan Total!“ präsentiert, mit der das Jugendstil-Museum den 100. Geburtstag seines Namensgebers, des Berliner Kunstsammlers und Großhändlers Karl H. Bröhan feiert. Neben Becks Glaskunst sind ­Höhepunkte aus Museum und Depot zu ­sehen, etwa Gemälde der Berliner Secession, funktionalistisches Design – und schwedischer Jugendstil (wie im Foto) von Alfred Grenander, der Berliner U-Bahnhöfe wie ­die Station Wittenbergplatz gestaltete.

  • Bröhan-Museum Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di-So 10-18 Uhr, 8/5 €, bis 18.J. + 1. So + 1.Mi/ Monat frei, Zeittickets: broehan-museum.de, bis 16.1.2022

Drei Aggregatzustände: Fotografien von Jitka Hanzlová

HUMAN LIGHT #1, Untitled, from the series ‚WATER, 2013-2019‘ Foto: Jitka Hanzlová/VG Bild-Kunst, Bonn, 2021 / Courtesy Kicken Berlin

Vor rund zwei Jahren hatte Jitka Hanzlová eine große Werkschau in der tschechischen Nationalgalerie. „Silence“ hieß diese, und das trifft es, egal ob Hanzlová Bewohner von Brixton porträtiert oder Wäsche auf der Leine festgehalten hat. Ihre Fotoserien beruhigen und wühlen zugleich auf, handeln sie doch von Herkunft, Zugehörigkeiten und Ausgeschlossensein. Die auf Fotografie spezialisierte Galerie Kicken zeigt jetzt Hanzlovás Serie „Water“: Sie handelt von dem Element in seinen drei Aggregatzuständen – und keinesfalls von Idyllen.

  • Galerie Kicken Berlin Kaiserdamm 118, Charlottenburg, Di-Fr 14-18 Uhr, bis 22.12.

Fotoessay: „Zerheilt” von Frédéric Brenner

Aus dem fotografischen Essay „Zerheilt“ von Frédéric Brenner; Jüdisches Museum Berlin

„Eine Archäologie der Ängste und Sehnsüchte” heißt ein Buch des Fotografen Frédéric Brenner mit Aufnahmen aus Israel. Aus diesem Band zeigte er im Jahr 2019 Bilder im Jüdischen Museum: Die Gruppenausstellung „This Place“ fing Leben in Israel aus unterschiedlichsten Perspektiven ein. Jetzt zeigt Brenner im selben Haus eine Soloschau. „Zerheilt“ heißt sein neuer Fotoessay. Berlin spielt darin die Hauptrolle. In der Stadt, in der der Holocaust befehligt wurde, sieht Brenner heute eine „Bühne“ jüdischen Lebens. In seinen Aufnahmen kommen die Porträtierten zu einem „Theater des Gedächtnisses“, einem „Theater of Memory“ zusammen.

  • Jüdisches Museum Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo-So 10-19 Uhr. Brenner: bis 13.3.22

Micha Kuball: Eine Idee für das Kulturforum


Mischa Kuball, (un)finished, 2021, Ortsspezifische Installation im Innen- und Außenraum der St. Matthäus-Kirche, Berlin. Foto: Archiv Mischa Kuball

Das Platz zwischen Neuer Nationalgalerie, Gemäldegalerie und Philharmonie ist hart umkämpft. Mal dient er als Freiluftkino, mal als Parkplatz, und alle haben etwas zu auszusetzen an Hans Scharouns Piazza. Sie soll sogar daran Schuld tragen, dass die Gemäldegalerie lang so wenige Besucher:innen zählte (was aber nicht den Erfolg der dort bis 3. Oktober verlängerten Ausstellung „Spätgotik“ erklärt). Nun also entsteht am Kulturforum genannten Matthäikirchplatz das Museum des 20. Jahrhunderts. Probleme gelöst sind damit nicht: Das Haus wird die Sicht zwischen Staatsbibliothek und Gemäldegalerie versperren. Mischa Kuball hat einen anderen Vorschlag: Mut zur Lücke, einfach mal in Ruhe lassen. Der Düsseldorfer Künstler wirbt dafür, Dinge unvollendet zu lassen: mit einer Lichtinstallation an der Front der Kirche St. Matthäus und einer Ausstellung im Kirchenraum. Dort beleuchtet Kuballs Installation buchstäblich all die Projektionen, für die der Matthäikirchplatz herhalten muss.

  • St. Matthäus Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 11-18, Sa/So 12-18 Uhr, bis 2.1.2022, Grafik „We3ssiwerdung“ bei „…oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende“ in der NGBK von Anna Voswinckel, Suse Weber, Yvon Chabrowski/VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Can Candan, David Polzin11

Kalter Krieg, ganz heiß: The Cool and The Cold

Erik Bulatov: „Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang“, 1989 Öl und Acryl auf Leinwand, 200 x 200 cm Foto: Erik Bulatov/VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Courtesy Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen

Die Sowjetunion, so sagte die Künstlerin Emilia Kabakow einmal, wurde für eine Hölle gehalten, Amerika für ein Paradies. Dann aber fiel die Sowjetunion auseinander und „jetzt wissen wir nicht, wo die Hölle ist und wo das Paradies.“ So in etwa könnte man den Hintergrund der Ausstellung umreißen, die nun im Gropius Bau beginnt und ganz hervorragend zu dem Haus passt: Es steht am ehemaligen Mauerstreifen. Aus den einen Fenstern schaut man in das alte Ost-, aus den anderen in das alte West-Berlin.

Die Ausstellung „The Cool and the Cold“ versammelt Malerei aus den USA und der UdSSR, aus den Jahren 1950 bis 1990. Warhols Elvis mit gezücktem Colt und Roy Lichtenstein weinende Blondine: Poster und Postkarten haben die Bilder der Pop Art berühmt gemach. Weniger bekannt sind Jurij Korolevs „Kosmonauten“ in sexy Raumanzügen oder Erik Bulatovs Gemälde, in dem Ährenkranz, Hammer und Sichel wahlweise morgenrot aus einem Meer aufsteigen oder gleich zischend im Wasser versinken (Abb.). Die Aussage des Bildes liegt ganz in den Augen der Betrachtenden, so wollten es Soz Art und Moskauer Konzeptualismus, und die US-amerikanische Pop Art stand dabei Pate, wie Erik Bulatov angemerkt hat.

Die ironische Übernahme stilistischer Mittel aus der Propaganda war nicht zuletzt Methode, einem Berufsverbot oder einer Verhaftung zu entkommen. Im Gropius Bau hängen nun 125 Werke von 80 Künstler:innen aus beiden Staaten zum direkten Vergleich. Das gibt es sonst so nicht. Auch deshalb nicht, weil die Werke aus der Sammlung des Aachener Schokoladen-Fabrikantenpaars Irene und Peter Ludwig kommen. Und die ist heute auf sechs internationale Museen verteilt.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-So 10-19 Uhr, 15/ 10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets: www.gropiusbau.de, bis 9.1.2022

Alliierten-Museum: Rick Buckley

Aus dem Video „The Ambassador“ von Rick Buckley. Bild: Rick Buckley

Zum 50. Jahrestag des Viermächte–Abkommens leistet sich das Alliierten-Museum eine neue Sonderausstellung – mit Kunst. Das ist neu, aber der Anlass gibt Grund genug dafür. Denn nachdem Großbritannien, die USA, die UdSSR und Frankreich 17 (!) Monate lang den Status des unter alliiertem Recht stehenden Berlins neu verhandelt hatten, stabilisierte sich die Lage für West-Berlin erheblich. Der Transit-Verkehr durch die DDR wurde sicherer, Besuche von West-Berliner:innen in der DDR wurden möglich und die Beziehungen West-Berlins zur Bundesrepublik verstetigt. Die Ausstellung bestreitet Rick Buckley. Der britische Künstler hat die Räume, in dem das Abkommen verhandelt wurde, im ehemaligen Gebäude des Alliierten Kontrollrats in Schöneberg neu inszeniert und dort sein Video „The Ambassador“ gedreht. Den Rahman dafür bilden nun historische Fotos und andere Exponate wie Schallplatten mit den Hits jener Jahre.


Diagnose: Alicja Kwade – „In Abwesenheit“

Berlinische Galerie, Alicja Kwade: „Selbstporträt“, 2020,
Foto: Roman März / Courtesy Alicja Kwade und KÖNIG GALERIE, Berlin/ London/ Seoul/ Decentraland

Sie zählt zu den bekanntesten Berliner Gegenwartskünstlerinnen und fragt doch, wer sie sei. Alicja Kwade musste wegen der Pandemie ihre Einzelausstellung im Museum Berlinische Galerie um ein Jahr verschieben, und nun dreht diese sich ganz um diese Frage. Antworten hat die Berliner Künstlerin auf wissenschaftliche Art gesucht: Sie hat ihre DNA auf über 300.000 DIN A4-Seiten gedruckt. Sie hat die chemischen Elemente, aus denen ihr Körper besteht, in Glas gefasst (Foto). Sie lässt ihren Herzschlag in einer Klanginstallation ertönen. Doch mit Naturwissenschaften allein lässt sich ein Mensch nicht entschlüsseln: All die Daten ergeben noch kein Individuum mit Willen, Gefühlen und Gedanken. Was man zwar schon wusste, aber trotzdem ein tröstliches Ergebnis ist.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, 10/7 Euro, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, bis 17.1.2022

Leere, Stille, Weite: Nothingtoseeness

Rutherford Chang: „We Buy White Albums“, 2013 – fortlaufend Foto: © Rutherford Chang

Wie laut Stille und wie voll das Nichts sein kann, erfahren Besucher:innen in dieser interdisziplinären Großausstellung. Ausgehend von den radikalen Gesten der 1960er-Jahre wie eine konzertfüllende Pause oder Experimenten mit Buchstaben und Lauten untersuchen 50 Künstler:innen die Farbe Weiß und die Assoziationen, die sie auslöst. Da dürfen die klassischen Positionen nicht fehlen, etwa von Timm Ulrichs, Roman Opalka, Yoko Ono, Jochen Gerz, John Cage und James Turrell, aber auch viele Jüngere nehmen teil wie Maria Eichhorn, Miroslaw Balka, Karin Sander und Rosa Barba, die zur Zeit auch eine Einzelausstellung in der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie hat.

  • Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Hansaviertel, Di-So 11-19 Uhr, 9/6 €, bis 18 J., Di ab 15 Uhr + 1.So/ Monat frei, Zeittickets: adk.de, bis 12.12.

Tomas Schmit: sachen machen

Tomas Schmit: „aktion ohne publikum“, 1965, aufgeführt bei 24 Stunden, Galerie Parnass, Wuppertal.
Foto: © Dorine van der Klei / Galerie Parnass, Wuppertal

Was für ein schöner, schlichter Titel. Tomas Schmit (1943-2006) hat tatsächlich „Sachen gemacht“, unprätentiös, mit wenig Material, cool, manchmal sogar ohne Publikum (Abb.). Gleich zwei Ausstellungen laden zur Wiederentdeckung des Aktions- und Konzeptkünstler ein, der auch in (West-)Berlin wirkte und zu den Pionieren der Fluxus-Bewegung zählt. Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) zeigt unter dem Titel “Stücke. Aktionen. Dokumente 1962-1970“ das Frühwerk – mit Partituren, Performances und Aufführungen, Filmen im Kino Arsenal (22.10.) und einem Symposium im Hamburger Bahnhof am 23. Oktober. Das Kupferstichkabinett stellt das zeichnerische Werke von Schmit aus, rund 170 Arbeiten aus dem eigenen Bestand ergänzt um Leihgaben – und zeigt damit, nach der großen Beuys-Ausstellung wieder einmal, über was für eine fantastische Sammlung es verfügt.

  • Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.) Chausseestr. 128/129, Mitte, Di-So 12-18, Do 12-20 Uhr, Eintritt frei, bis 23.1., Konzerte und Aufführungen: www.nbk.org
  • Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa + So 11-18 Uhr, 6/3 €, bis 18 J. frei, bis 9.1. Zeittickets: www.smb.museum

Geniale Linien: Tony Cragg – „Drawing as Continuum“

Tony Cragg: „Untitled“, 2018, Bleistift auf Papier, 36 x 48,5 cm. Foto: Tucci Russo / Courtesy Tony Cragg/ VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Von Tony Cragg kennt man in Berlin vor allem seine gewundenen, amorphen Skulpturen aus Holz oder Bronze, beispielsweise weithin sichtbar seit 2020 auf der Terrasse des Erweiterungsbaus am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Regierungsviertel. Cragg, der aus Liverpool stammt, war lang Kunstprofessor in Berlin, und verließ die Stadt Berlin Richtung Bergisches Land. In Wuppertal gründete er den Skulpturenpark „Waldfrieden“, in Düsseldorf leitete er die Kunstakademie. Nun gibt es ein Wiedersehen. Das Zehlendorfer Haus am Waldsee zeigt einen weniger bekannten Teil seines Werks: Arbeiten mit Bleistift und Wasserfarbe auf Papier, Linien, die aussehen wie Gebirge, Tupfen, die an gebatikte Stillschlangen denken lassen, Kurven, die Fliegen formen.

  • Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, bis 9.1.2022, Di-So 11-18 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat Eintritt frei, Zeittickets: hausamwaldsee.de

Überlegte Malerei: Tatjana Doll – „Was heißt Untergrund“

Tatjana Doll: „Easy Jet“, 2008, 200 cm x 300 cm Lack auf Leinwand. Foto: Bernd Borchardt © Tatjana Doll / VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Soeben erst hat Tatjana Doll den Fred-Thieler-Preis für Malerei der Berlinischen Galerie erhalten, nun zeigt das Neuköllner Kind-Zentrum ihre Einzelausstellung „Was heißt Untergrund?“. Der Titel bezieht sich auch auf Leinwand und Grundierung: Doll malte einmal ein verzerrtes Logo der UNHCR auf einen feuerfesten Stoff. Dieses Bild steht nun im Mittelpunkt der Schau, die auch Gemälde aus der Zeit von Dolls Stipendium in der Villa Massimo von Romezeigt. Das Überdenken von Motiven, Malermaterial und Tempo prägt diese Bilder. Tatjana Doll stellt zeitgleich mit dem Massimo-Stipendiat:innen im Schloss Neuhardenberg im Osten Brandenburgs aus.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Do-So 12-18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Eröffnung: Sa 18.9. 14 Uhr nur mit Anmeldung www.kindl-berlin.de, 27.2.2022

Gefühlte Skulpturen: Thea Djordjadze – „all buildings as making“

Thea Djordjadze. Foto: Maka Kukulava, at.ge

Dünne Rohre, Bleche in Ballen: Die Berliner Raumkünstlerin Thea Djordjadze (Foto) überführt die Bildhauerei in luftige Sphären. Jetzt stellt sie in dem nach dem Archäologen Heinrich Schliemann benannten Saal des Gropius Baus aus: Objekte, Plastiken und Skulpturen, die ins Unbewusste zielen. Für ihren letzten großen Auftritt vor der Pandemie 2019 im Schweizer Kunstmuseum Winterthur inszenierte in neun Sälen Stahlrahmen, Acryl, Schirme, blaue Farbe auf Glas und schiefe Stühle, die sich nicht zum Sitzen eigneten – alles materialbasierte Interpretationen des Ortes und voller Anspielungen auf die jüngere Kunstgeschichte. Das macht es spannend, was sie sich für Berlin ausgedacht hat.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 15/10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets: berlinerfestspiele.de, bis 16.1.2022

Großes Spektrum: Preis der Nationalgalerie

Sung Tieu: „o Gods, No Masters“, 2017, HD-Video und 4-Kanal-Ton,19:13 min, Filmstill .
Foto: © Sung Tieu / Emalin, London and Sfeir-Semler, Hamburg & Beirut

Seit September läuft die Schau der Kandidat:innen für den Preis der Nationalgalerie: Lamin Fofana (Sound Art), Calla Henkel & Max Pitegoff (Fotografie), Sandra Mujinga (Skulptur) und Sung Tieu (Konzeptkunst, Abb.) stellen ihre Wettbewerbsarbeiten aus. Die Jury entscheidet im Herbst, das Publikum kann für seinen Favoriten für den Publikumspreis der Nationalgaleie auch bei uns abstimmen.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr, 14/7 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, 16.9.-27.2., Zeittickets: www.smb.museum

Schwärmerische Malerei: Ferdinand Hodler

Ferdinand Hodler: „Der Tag“, 1899-1900. Foto: Ferdinand Hodler / © Kunstmuseum Bern, Schweiz

Titel wie „Heilige Stunde“ oder „Ergriffenes Weib“ lassen es bereits ahnen: Da liegt etwas Schwelgerisches in den lichtdurchfluteten, von Blumen und Blättern gesättigten Bildern Ferdinand Hodlers (1853–1918). Der Schweizer Maler zählt zu den Vertreter:innen des Symbolismus, dessen idealistische Überhöhungen lang als kitschig galten, der aber gerade neues Interesse erfährt – nicht zuletzt wegen der Naturliebe und seiner der Reformbewegung nahen Haltung, die gegen die Konventionen der kaiserlichen Klassengesellschaft verstieß. Hodler zeigte seine Werke bis zum Ersten Weltkrieg auch regelmäßig in Berlin. Nun zeichnet die Berlinische Galerie in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern diese deutsch-schweizerische Beziehung in 50 Hodler-Gemälden nach, erweitert um Arbeiten von Corinth, Leistikow und der erst vor rund 20 Jahren wiederentdeckten Julie Wolfthorn, die 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt starb.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 7 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 10.9.–17.1.2022

Bilder vom Wirtschaftswachstum: Lee Friedlander

Aus Lee Friedlander Retrospektive bei C/O Berlin: „Haverstraw, New York“, 1966. Foto: Lee Friedlander / Courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Autos mit kugelrunden Scheinwerfen, schwere Kühlschränke, knuffige Fernseher: Lee Friedlander ist für seine Aufnahmen von Stadtlandschaften und Wohnungen bekannt, und wie kaum ein anderer fing er den Wandel der US-amerikanischen Gesellschaft ein. Dabei spiegelt sich seine Person oft in den Bildern, in Schaufenstern zum Beispiel, oder seine Silhouette fällt als Schatten in Bild. Friedlander muss sich als Teil des Ganzen gesehen haben. Das Fotohaus C/O Berlin widmet dem 1934 geborenen Fotografen jetzt eine Retrospektive mit 350 Fotografien und 50 Büchern – ein Blick in ein fortschrittsgläubiges Zeitalter, das länger her zu sein scheint, als es in Wirklichkeit ist.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, 10/6 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: co-berlin.org, 11.9.–3.12.

Malerei: Raphaela Simon

Raphaela Simon: „Großer Ring“, 2021, Öl auf Leinwand, 155 x 230 cm © Raphaela Simon. Foto: def image Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London

Ist das noch gegenständlich oder schon abstrakt – dieser hellbraune, halbrunde Bogen, der von fern aussieht wie eine Fleischwurst? Raphaela Simon malt abstrakt, geometrisch, farbintensiv, eine Schicht über der anderen, und geht außerdem ins Dreidimensionale, wenn sie Puppen auftreten lässt – gefertigt aus Holz und Draht und bekleidet geradezu wie Charlottenburger:innen. Das ist Alltagspop, wie er an die Kölner Malerei rund um die Band Der Plan denken lässt. Was die aus Süddeutschland stammende Berliner Künstlerin dieses Mal bei Max Hetzler zeigt, wird spannend.

  • Galerie Max Hetzler Bleibtreustraße 15/16, Charlottenburg, Di-Sa 11-18 Uhr, 2.9.-11.12.

Jubiläum: X x X-10 Jahre Semjon Contemporary

Michael Kutschbach/ Semjon Contemporary SC _Titel-b-conifer (Flying Spaghetti Monster)“, Edition (10 Exemplare)
anlässlich „X x X-10 Jahre Semjon Contemporary“

Am Anfang war der Kioskshop: ein Laden, den der Künstler Semjon H.N. Semjon mit Holz, Wachs und Farbe in einen stilvollen, minimalistischen Raum verwandelt hatte. Kolleg:innen lud er zu Ausstellungen und Interventionen ein. Dann wurde der Gründer Galerist und der Kioskshop eine Galerie. Zehn Jahre gibt es sie bereits. Zuletzt bereitete er das Werk der 1935 geborenen großartigen Ursula Sax auf. Zum Jubiläum verlegt Semjon nun Werke von dem Laden und der Galerie verbundenen Künstler:innen wie Susanne Knaack, Michael Kutschbach (Abb.), Renate Hampke und Gerda Schütte als Editionen und legt diese in einer großen Jubiläumsschau aus. Reine Freude herrscht trotzdem nicht: Derzeit ist unsicher, ob der Mietvertrag verlängert werden kann. Auf dem Spiel stehen auch die künstlerischen Einbauten des alten Kioskshops.

  • Galerie Semjon Contemporary Schröderstraße 1, Mitte, Di-Sa 13-19 Uhr, bis 4.12.

Schöner Anfang: Ende neu

Katja Aufleger „LOVE AFFAIR“ (Videostill), 2017 4K-Video (Loop), Farbe, Ton, 22 Min. Foto: Katja Aufleger (Videostill)

Zerstörung als Beginn von etwas Neuem: Das ist das Thema einer Gruppenausstellung, die Magdalena Mai und Manuel Kirsch für das Kindl-Zentrum kuratiert haben. Malerei, Fotos, Videos und Skulptur etwa von Katja Aufleger (Abb.), Angela de la Cruz und Michael Sailstorfer ergeben einen hübschen Parcours, in dem allerdings auch häufige Topoi auftauchen wie zerstörte Mauern und abschmelzendes Gletschereis.

Tiefer geht da der Film „Good Ended Happily“, den der Künstler Basir Mahmood in einer Einzelpräsentation auf demselben Stockwerk zeigt. Mahmood ließ ein Team in Pakistan einen Film drehen, der vom Tod des Al-Quaida Führers Osama bin Laden handeln sollte. Er selbst blieb den Dreharbeiten fern. In seinem Zusammneschnitt des Footages sind nun Geräusche vom Set zu hören, barsche Anweisungen und der schwere Atem eines Kameramanns, und zu sehen Statisten, die Tote spielen. Ein künstlerisches wie politisches Experiment, das nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan unfreiwillig hochaktuell geworden ist.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus3, Neukölln, Do-So 12-18, Mi 12-20 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, bis 6.2.2022, mehr Infos hier

Sonne und viel Rot: Impressionismus in Russland

Abram Archipow: „Besuch“, 1914 ,Öl auf Leinwand, 97,7 x 150 cm. Foto: Abram Archipow / Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Nun ist sie noch einmal richtig zu sehen: Die große Ausstellung „Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde“. Das Team des Potsdamer Museums nahm bereits im Herbst 2020 einen Anlauf, die Werke zu zeigen. Doch jetzt gelingt es hoffentlich ohne pandemiebedingte Unterbrechung, denn das, was zu sehen ist, erweitert den Blick auf Kunst ungemein. Wassily Kandinsky beispielsweise, vor allem als Bauhäusler und Meister der Abstraktion bekannt, malte als ganz junger Mann bezaubernde russische Landschaften. Und Rot war wohl offenbar bereits vor der Oktoberrevolution eine beliebte Farbe in Russland, wie Abram Archipows Gemälde „Besuch“ von 1914 zeigt. Sowieso lohnt es sich, all die Gemälde von Künstlern und Künstlerinnen zu betrachten, die hierzulande selten zu sehen sind, etwa von Olga Rosanowa und von Natalija Gontscharowa, von der nun auch ein Bild in der neu geordneten Neuen Nationalgalerie hängt.

  • Museum Barberini Am Alten Markt, 14467 Potsdam, Mi-Mo 10-19, 1. Do/ Monat bis 21 Uhr, 18/ 16/ 10 €, bis 18 J. + Empfangende von Transferleistungen frei, Zeittickets: www.museum-barberini.de, 28.8.21-9.1.22

Filmexperiment: Good Ended Happily von Basir Mahmood

Basir Mahmood: „Good ended happily“, 2018, 13:05 Min. Videostill. Foto: Basir Mahmood

Die Filmstadt Lollywood war einmal Lahores Antwort in Pakistan auf das indische Bollywood. In diesem Umfeld hat der Filmkünstler Basir Mahmood sein Video „Good Ended Happily“ entwickelt, das vom Tod des Al-Quaida-Führers Osama bin Laden handelt. Der Trick bei der Sache: Mahmood ließ das Team in Pakistan den Film allein drehen, ohne ihn, die Anweisungen und Kommentare der Crew-Mitglieder am Set aber bleiben hörbar. Sein filmisches wie politisches Experiment läuft jetzt im Kindl-Zentrum, parallel zu der Gruppenausstellung „Ende Neu“, die von Gefahrenabwehr und Sicherheit handelt.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, Eintritt 5/3 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: kindl-berlin.de, bis 27.2.2022

Kunstgeschichte revisited: Die Liste der „Gottbegnadeten“

Aus der Ausstellung „Die Liste der ‚Gottbegnadeten‘. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“ im DHM: Das Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944 von Richard Scheibe wird im Hof des Bendlerblocks in Berlin aufgestellt, 1953.
Foto: DHM/Liselotte Orgel-Köhne / Richard Scheibe

Bereits mit seiner Ausstellung über die Geschichte der Kasseler „Documenta“ zeigt das Deutsche Historische Museum, dass von einem Rundum-Neuanfang nach 1945 in der Kunst nicht die Rede sein kann. Nach dem Ende des NS-Regimes machte ein Teil seines Establishments auch in der Kultur weiter. Nun hakt das Museum in einer Parallelschau nach: Mit „Die Liste der „Gottbegnadeten““, wie 1041 Personen 1944 von Joseph Goebbels genannt und als unabkömmlich daheim vom Einsatz an der Front befreit wurden.

Die Dokumentarschau beleuchtet, welche Laufbahnen bedeutende Akteure des nationalsozialistischen Kunstbetriebs in beiden Deutschlands einschlugen und wie sie wichtige Funktionen einnahmen, etwa in der Lehre. Die Ausstellung informiert über Karrieren einzelnen Maler und Bildhauer (ausschließlich Männer), die Themen ihrer Bilder und die Aufnahme ihrer Werke beim Publikum. Außerdem unterhält das DHM online das ausgezeichnete Geschichtslexikon Lemo, das unter dem Stichwort „Kunst und Kultur“ auch Hintergründe der „Gottbegnadeten-Liste“ erläutert.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 8/4 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat Eintritt frei, Zeittickets: dhm.de, 27.8.–5.12.

Alte Haus, neuer Inhalt: die Neue Nationalgalerie

Alexander Calder. Minimal / Maximal Neue Nationalgalerie mit „Têtes et Queue“ (1965) von Alexander Calder, 2014 Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / 2021 Calder Foundation, New York / Artist Rights Society (ARS), New York / Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Ganz große Klasse! In der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie präsentiert das Museumsteam Werke der Sammlung aus den Jahren 1900 bis 1945 unter dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“: neu geordnet, nicht nach öden Stilen, sondern nach sozialen und politischen Themen und mit geklärter Herkunftsgeschichte. Und siehe da: Nichtzuletzt die vereinten Bestände des Museums aus Ost- und West-Berlin ergeben zusammen das umfangreiche Kaleidoskop einer Gesellschaft in Umbrüchen. Leihgaben ergänzen die Schau wie Auguste Herbins glühendes Porträt des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam.

Flankiert wird die neue Sammlungspräsentation von einer posthumen Werkschau des Bildhauers Alexander Calder, von eine der prominenten Skulpturen auf der Terrasse des Museums stammt, und von einer Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Rosa Barba zur Architektur von Mies van der Rohe.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Mo-So 10-20 Uhr, sonst Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr, Eintritt: 14/ 7, bis 18 J. frei, Zeittickets bis zu 14 Tagen im Voraus: smb.museum

Murcia: Im Garten Europas

Göran Gnaudschun: „Zitronenernte II“, aus der Serie „Das bessere Leben“, Stadt Murcia/Region Murcia, 2020. Foto: Göran Gnaudschun

Murcia liegt am Mittelmeer, ungefähr auf halbem Weg von Barcelona nach Gibraltar, eine fruchtbare Provinz dank eines Bewässerungssystems, das noch auf die Mauren zurückgeht. Dorthin reiste der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun 2020 im Auftrag des Museums Europäischer Kulturen. In Murcia porträtierte er Migrant:innen: Rentner:innen aus Nordeuropa, die sich einen Lebensabend in spanischer Wärme erhoffen, und Arbeitende aus Afrika, Osteuropa und Südamerika, die jenes Obst und Gemüse anbauen, das auch in Berliner Supermärkte gelangt. Gnaudschuns Bilder von willensstarken Arbeiter:innen, wohlgenährten Pensionär:innen, Bäumen mit prallen Orangen und einer industrialisierten Landwirtschaft sind jetzt unter dem Titel „Das bessere Leben“ Teil einer Ausstellung, die das MEK der Region widmet. Und in der sich die Kommentare der Ausstellungsmacher:innen über Smartphone auch auf Spanisch hören lassen.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di-Fr 10-17, Sa/ So 11-18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.smb.museum, 6.8.-27.2.

Ein halbes Jahrhundert: „Politik und Kunst“ der Documenta

Auf der Documenta 7, 1982: Ausstellungsansicht mit Jörg Immendorffs „Naht (Brandenburger Tor-Weltfrage)“ © documenta archiv, Foto Dieter Schwerdtle © The Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch, Wilmersdorf, Köln & New York

In seiner neuen Ausstellung „Politik und Kunst“ zeigt das Deutsche Historische Museum seit 18. Juni Ergebnisse von Untersuchungen zu den politischen Verflechtungen der „Documenta“ zwischen 1955 und 1997. Um es vorweg zu nehmen: Die „Documenta“, die Kasseler Großschau mit internationaler zeitgenössischer Kunst und vermeintlich Hort der Avantgarde, war nicht viel besser als die Bundesrepublik, in der sie stattfand. Die nationalsozialistische Vergangenheit eines Mitbegründers blieb lang unbekannt. Ideologisch spiegelte sich in ihr die Idee von abstrakter Freiheit als Gegenpol zum sozialistischen Realismus. Und später, vor allem unter Chefkurator Jan Hoet 1992, ein markenbewusstes Marketing als Ausdruck einer globalisierten Kulturindustrie. Spannend.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden, 2, Mitte, Mo-Mi, Fr 10-18, Do 10-20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.dhm.de, bis 9.1.2022

Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Sie war mit David Bowie und Iggy Pop befreundet, der junge Martin Kippenberger wohnte in ihrer Kreativzentrale, der Kreuzberger Fabrikneu. Im Interview erzählt Claudia Skoda aus ihrem aufregenden Leben. Immer neue Texte und Tipps findet ihr in unserer Rubrik „Ausstellungen“.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad