Kunst

Kunst und Ausstellungen in Berlin: Die besten Tipps für Kultur-Fans

Humboldt-Forum oder Kunst im Alliierten-Museum? Oder klassisch Galerie ? Nach der trubeligen Berlin Art Week ist es Zeit, ein wenig herunter zu kommen. Ausstellungen in Berlin, die zurückblicken, geben den richtigen Rahmen dafür: Sie sprechen ernste Themen an, andere, die Aktuelles ansprechen, sind nicht weniger ernst. Aber die Ausstellungen der Berlin Art Week laufen ja auch noch lang – und wer es heiterer mag, scrollt einfach weiter nach unten. Die wichtigsten Ausstellungen, die ihr in der Kunst-Stadt Berlin jetzt sehen solltet, stellen wir euch hier vor.


Kalter Krieg, ganz heiß: The Cool and The Cold

Erik Bulatov: „Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang“, 1989 Öl und Acryl auf Leinwand, 200 x 200 cm Foto: Erik Bulatov/VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Courtesy Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen

Die Sowjetunion, so sagte die Künstlerin Emilia Kabakow einmal, wurde für eine Hölle gehalten, Amerika für ein Paradies. Dann aber fiel die Sowjetunion auseinander und „jetzt wissen wir nicht, wo die Hölle ist und wo das Paradies.“ So in etwa könnte man den Hintergrund der Ausstellung umreißen, die nun im Gropius Bau beginnt und ganz hervorragend zu dem Haus passt: Es steht am ehemaligen Mauerstreifen. Aus den einen Fenstern schaut man in das alte Ost-, aus den anderen in das alte West-Berlin.

Die Ausstellung „The Cool and the Cold“ versammelt Malerei aus den USA und der UdSSR, aus den Jahren 1950 bis 1990. Warhols Elvis mit gezücktem Colt und Roy Lichtenstein weinende Blondine: Poster und Postkarten haben die Bilder der Pop Art berühmt gemach. Weniger bekannt sind Jurij Korolevs „Kosmonauten“ in sexy Raumanzügen oder Erik Bulatovs Gemälde, in dem Ährenkranz, Hammer und Sichel wahlweise morgenrot aus einem Meer aufsteigen oder gleich zischend im Wasser versinken (Abb.). Die Aussage des Bildes liegt ganz in den Augen der Betrachtenden, so wollten es Soz Art und Moskauer Konzeptualismus, und die US-amerikanische Pop Art stand dabei Pate, wie Erik Bulatov angemerkt hat.

Die ironische Übernahme stilistischer Mittel aus der Propaganda war nicht zuletzt Methode, einem Berufsverbot oder einer Verhaftung zu entkommen. Im Gropius Bau hängen nun 125 Werke von 80 Künstler:innen aus beiden Staaten zum direkten Vergleich. Das gibt es sonst so nicht. Auch deshalb nicht, weil die Werke aus der Sammlung des Aachener Schokoladen-Fabrikantenpaars Irene und Peter Ludwig kommen. Und die ist heute auf sechs internationale Museen verteilt.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-So 10-19 Uhr, 15/ 10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets: www.gropiusbau.de, bis 9.1.2022

Raubkunst und Restitution: Das Humboldt Forum

Federmantel (Hawaii, vor 1819) im Modul „Kunst aus Ozeanien. Ritual und Ausdruck“ des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologische Museum zeigen im Humboldt Forum erste Teile ihrer neuen Präsentationen, in 15 Räumen auf zwei Etagen voller prächtig inszenierter Büsten, Gemälde, Schalen und Musikinstrumenten. Doch viele Kunstgegenstände gelangten in der Kolonialzeit in hiesige Museen und gelten heute als Raub- oder Beutekunst. Besucher und Besucherinnen haben also viel zu sehen und zu beachten: nicht nur prächtige Kunstgegenstände wie Skulpturen, Rollbilder und Teppiche aus Pflanzen (Abb.) aus China und Japan, Westafrika und Ozeanien, sondern auch gelegentliche Hinweise auf die Erforschung der Herkunftsgeschichte. Auch ein Begleitheft sowie Sitzinseln mit Hörstücken und Büchern informieren darüber.

Interessanter noch ist all das, was zwischen den Vitrinen nicht gesagt wird, denn von vielen Objekten ist gar nicht bekannt, wer sie herstellte, wofür sie dienten und warum sie nach Europa gelangten. Eine echte Herausforderung, der sich alle stellen sollten, die bei Raubkunst und Restitution mitsprechen wollen. Über die Ignoranz im Humboldt Forum lest ihr hier einen Kommentar von Claudia Wahjudi. Eintrittskarten könnten pandemiebedingt für einzelne Zeitfenster knapp werden. Eintrittskarten könnten zu Beginn für einzelne Zeitfenster knapp werden. Luftiger geht es bei den Eröffnungsveranstaltungen im Hof zu – mit Aufführungen, Gesprächen, Filmen und Musik.

  • Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Fr-Sa 10-22 Uhr, So/Mo, Mi/Do 10-20 Uhr, Eintritt frei bis 12.11., Zeittickets: humboldtforum.org, bis auf Weiteres, Eröffnungstage: 23.-26.9.

Videokunst und Wissenschaft: Su Yu Shin

Su Yu Hsin*, Installation view of frame of reference, Taipei Biennial 2020 You and I Don’t Live on the Same Planet, commissioned work by Taipei Fine Arts Museum, Taipei, 2020, Copyright Taipei Fine Arts Museum and Artist Photo: Yuro Huang

Die Galerie Alexander Levy hat am 18. September den mit 10.000 Euro dotieren VBKI-Preis Berliner Galerien gewonnen: mit einer Einzelschau der Berliner Künstlerin Su Yu Hsin. In ihrer mehrteiligen Videoinstallation „frame of reference“ veranschaulicht Su, wie Wissenschaftler:innen in Deutschland und Taiwan die Wechselwirkungen von Klimawandel und Erosion erforschen. Große Filmbilder – teils von Su, teils von den Wissenschaftler:innen aufgenommen, teils Fundmaterial aus dem Netz – handeln von Blickwinkeln und Bezugsrahmen, von blinden Flecken und toten Winkeln. Verblüffend, wie aus Daten weltweit abrufbare Landkarten werden, die geradezu an abstrakte Malerei denken lassen. Aber die Wissenschaftler:innen dann doch ganz analog bei Regen, Nebel und Wind hinaus ins Gelände ziehen, um jene Messgeräte aufzustellen, aus deren Daten sich die digitalen Landschaften speisen.

  • Galerie Alexander Levy Rudi-Dutschke-Str. 26, Kreuzberg, Mi-Sa 11-18 Uhr, bis 16.10.

Alliierten-Museum: Rick Buckley

Aus dem Video „The Ambassador“ von Rick Buckley. Bild: Rick Buckley

Zum 50. Jahrestag des Viermächte–Abkommens leistet sich das Alliierten-Museum eine neue Sonderausstellung – mit Kunst. Das ist neu, aber der Anlass gibt Grund genug dafür. Denn nachdem Großbritannien, die USA, die UdSSR und Frankreich 17 (!) Monate lang den Status des unter alliiertem Recht stehenden Berlins neu verhandelt hatten, stabilisierte sich die Lage für West-Berlin erheblich. Der Transit-Verkehr durch die DDR wurde sicherer, Besuche von West-Berliner:innen in der DDR wurden möglich und die Beziehungen West-Berlins zur Bundesrepublik verstetigt. Die Ausstellung bestreitet Rick Buckley. Der britische Künstler hat die Räume, in dem das Abkommen verhandelt wurde, im ehemaligen Gebäude des Alliierten Kontrollrats in Schöneberg neu inszeniert und dort sein Video „The Ambassador“ gedreht. Den Rahman dafür bilden nun historische Fotos und andere Exponate wie Schallplatten mit den Hits jener Jahre.

  • Alliierten-Museum Clayallee 135, Zehlendorf, Di-So 10-18 Uhr, bis 27.2.2022, 26.9.: offene Überblicksführung durch die Dauerausstellung, www.alliiertenmuseum.de

Musik machen (lassen): Nevin Aladağ

Nevin Aladag: „Round-Bells 180°“, 2021, Glocken aus Bronze, Stahl, Spiegel Foto: Wentrup, Berlin/Matthias Kolb / Nevin Aladağ

Im Kunstraum Kreuzberg präsentiert die deutsche Tarabya-Akademie aus Istanbul zur Zeit Arbeiten ihrer Stipendiat:innen. Mit dabei: frühe Musik-Videos von Nevin Aladağ, die sie in der Megastadt am Bosporus aufnahm. Nevin Aladağ lässt die Stadt musizieren. Mal streute sie Körner auf ein Saiteninstrument und Tauben kamen herangeflogen und pickten die Saat auf und zupften dabei an den Saiten. Ein anderes Mal hielt die Künstlerin eine Flöte aus dem fahrenden Auto, und der Fahrtwind entriss dem Instrument Töne.

Seitdem hat Aladağ unter anderem an einer Documenta und an einer Venedig-Biennale teilgenommen. Aber Musik lässt sie noch immer machen. In der Charlottenburger Galerie Wentrup zeigt sie nun – neben einer Weiterentwicklung ihrer Teppich-Arbeiten – neue skulpturale Instrumente, darunter Tamburins, die sich auf dem Kopf tragen lassen, und ein Akkordeon, das man nicht zu schleppen braucht.

  • Galerie Wentrup Knesebeckstr. 95, Charlottenburg, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 16.10.

Backstein und Blüten: Fotografien von Axel Hütte

Axel Hütte: „Great Suffolk Road, London“, 1982-84, s/w Print

Erstaunlich, wie sich Industriestädte ähneln können: Dieses Foto nahm Axel Hütte nicht etwa in West-Berlin auf, sondern in London, in der Great Suffolk Road nahe der Tube-Station Southwark. Hütte, 1951 im Ruhrgebiet geboren, hat einen Hang zur Industriekultur. Er zählt zu den sogenannten Düsseldorfer Schülern, die bei Bernd und Hilla Becher studierten, den zwei führenden Vertreter:innen der Industriefotografie in Westdeutschland. In der Berliner Galerie Daniel Marzona stellte der Fotograf 2019 schon einmal aus – und zwar Fotografien aus tropischen Wäldern. Und so wundert es vielleicht dann doch nicht so sehr, dass Axel Hütte seine Londoner Stadtaufnahmen von heruntergekommenen Backsteinbauten kontrastreich kombiniert mit Bildern vom blühenden Leben – malerischen Aufnahmen von Blumen.

  • Galerie Daniel Marzona Marienstr. 10, Mitte, Mi-Fr 11-18, Sa 12-18 Uhr, bis 23.10.

Diagnose: Alicja Kwade – „In Abwesenheit“

Berlinische Galerie, Alicja Kwade: „Selbstporträt“, 2020,
Foto: Roman März / Courtesy Alicja Kwade und KÖNIG GALERIE, Berlin/ London/ Seoul/ Decentraland

Sie zählt zu den bekanntesten Berliner Gegenwartskünstlerinnen und fragt doch, wer sie sei. Alicja Kwade musste wegen der Pandemie ihre Einzelausstellung im Museum Berlinische Galerie um ein Jahr verschieben, und nun dreht diese sich ganz um diese Frage. Antworten hat die Berliner Künstlerin auf wissenschaftliche Art gesucht: Sie hat ihre DNA auf über 300.000 DIN A4-Seiten gedruckt. Sie hat die chemischen Elemente, aus denen ihr Körper besteht, in Glas gefasst (Foto). Sie lässt ihren Herzschlag in einer Klanginstallation ertönen. Doch mit Naturwissenschaften allein lässt sich ein Mensch nicht entschlüsseln: All die Daten ergeben noch kein Individuum mit Willen, Gefühlen und Gedanken. Was man zwar schon wusste, aber trotzdem ein tröstliches Ergebnis ist.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, 10/7 Euro, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 18.9.-17.1.

Leere, Stille, Weite: Nothingtoseeness

Rutherford Chang: „We Buy White Albums“, 2013 – fortlaufend Foto: © Rutherford Chang

Wie laut Stille und wie voll das Nichts sein kann, erfahren Besucher:innen in dieser interdisziplinären Großausstellung. Ausgehend von den radikalen Gesten der 1960er-Jahre wie eine konzertfüllende Pause oder Experimenten mit Buchstaben und Lauten untersuchen 50 Künstler:innen die Farbe Weiß und die Assoziationen, die sie auslöst. Da dürfen die klassischen Positionen nicht fehlen, etwa von Timm Ulrichs, Roman Opalka, Yoko Ono, Jochen Gerz, John Cage und James Turrell, aber auch viele Jüngere nehmen teil wie Maria Eichhorn, Miroslaw Balka, Karin Sander und Rosa Barba, die zur Zeit auch eine Einzelausstellung in der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie hat.

  • Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Hansaviertel, Di-So 11-19 Uhr, 9/6 €, bis 18 J., Di ab 15 Uhr + 1.So/ Monat frei, Zeittickets: adk.de, bis 12.12.

Tomas Schmit: sachen machen

Tomas Schmit: „aktion ohne publikum“, 1965, aufgeführt bei 24 Stunden, Galerie Parnass, Wuppertal.
Foto: © Dorine van der Klei / Galerie Parnass, Wuppertal

Was für ein schöner, schlichter Titel. Tomas Schmit (1943-2006) hat tatsächlich „Sachen gemacht“, unprätentiös, mit wenig Material, cool, manchmal sogar ohne Publikum (Abb.). Gleich zwei Ausstellungen laden zur Wiederentdeckung des Aktions- und Konzeptkünstler ein, der auch in (West-)Berlin wirkte und zu den Pionieren der Fluxus-Bewegung zählt. Der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) zeigt unter dem Titel “Stücke. Aktionen. Dokumente 1962-1970“ das Frühwerk – mit Partituren, Performances und Aufführungen, Filmen im Kino Arsenal (22.10.) und einem Symposium im Hamburger Bahnhof am 23. Oktober. Das Kupferstichkabinett stellt das zeichnerische Werke von Schmit aus, rund 170 Arbeiten aus dem eigenen Bestand ergänzt um Leihgaben – und zeigt damit, nach der großen Beuys-Ausstellung wieder einmal, über was für eine fantastische Sammlung es verfügt.

  • Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.) Chausseestr. 128/129, Mitte, Di-So 12-18, Do 12-20 Uhr, Eintritt frei, bis 23.1., Konzerte und Aufführungen: www.nbk.org
  • Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa + So 11-18 Uhr, 6/3 €, bis 18 J. frei, bis 9.1. Zeittickets: www.smb.museum

Geniale Linien: Tony Cragg – „Drawing as Continuum“

Tony Cragg: „Untitled“, 2018, Bleistift auf Papier, 36 x 48,5 cm. Foto: Tucci Russo / Courtesy Tony Cragg/ VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Von Tony Cragg kennt man in Berlin vor allem seine gewundenen, amorphen Skulpturen aus Holz oder Bronze, beispielsweise weithin sichtbar seit 2020 auf der Terrasse des Erweiterungsbaus am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Regierungsviertel. Cragg, der aus Liverpool stammt, war lang Kunstprofessor in Berlin, und verließ die Stadt Berlin Richtung Bergisches Land. In Wuppertal gründete er den Skulpturenpark „Waldfrieden“, in Düsseldorf leitete er die Kunstakademie. Nun gibt es ein Wiedersehen. Das Zehlendorfer Haus am Waldsee zeigt einen weniger bekannten Teil seines Werks: Arbeiten mit Bleistift und Wasserfarbe auf Papier, Linien, die aussehen wie Gebirge, Tupfen, die an gebatikte Stillschlangen denken lassen, Kurven, die Fliegen formen.

  • Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, bis 9.1.2022, Di-So 11-18 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat Eintritt frei, Zeittickets: hausamwaldsee.de

Kunstbetrieb: Louise Lawler – „Lights off, after Hours, in The Dark“

Louise Lawler: „Untitled (Reflection)“, 2021, 121.9 × 176.8 cm. Courtesy the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York

Wer ist warum mächtig in der westlichen Kunstwelt und wer geht mit Kunst wie um? Antworten auf diese Fragen schwingen in den Arbeiten von Louise Lawler immer mit. Die 1947 geborene New Yorker Konzeptkünstlerin, die als eine der führenden Vertreterinnen der Appropriation Art gilt, adaptiert oft künstlerische Methoden und Stile männlicher Kollegen. Oder sie fotografiert, wie Sammler:innen und Museumsteams die Kunst in ihren Hallen platziert haben. Im besseren Fall wird so deutlich, welche Weltsicht hinter dem zur Schau gestellten Kunstverständnis steckt. Die Galerie Sprüth Magers zeigt jetzt neue Fotos von Lawler – aus einem berühmten New Yorker Museum bei Nacht, wenn das Publikum längst gegangen ist und die Arbeiten von Donald Judd zu glühen scheinen. Interessant wäre nun auch noch, wenn Lawler ihre eigene Ausstellung fotografierte, um sich und ihre Berliner Galerie zu analysieren.

  • Galerie Sprüth Magers Oranienburger Str., 18, Mitte, regulär Di-Sa 10-18 Uhr, 16.-18.9. 11-19 Uhr, Anmeldung erforderlich: spruethmagers.com, 17.9. -30.10.

Überlegte Malerei: Tatjana Doll – „Was heißt Untergrund“

Tatjana Doll: „Easy Jet“, 2008, 200 cm x 300 cm Lack auf Leinwand. Foto: Bernd Borchardt © Tatjana Doll / VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Soeben erst hat Tatjana Doll den Fred-Thieler-Preis für Malerei der Berlinischen Galerie erhalten, nun zeigt das Neuköllner Kind-Zentrum ihre Einzelausstellung „Was heißt Untergrund?“. Der Titel bezieht sich auch auf Leinwand und Grundierung: Doll malte einmal ein verzerrtes Logo der UNHCR auf einen feuerfesten Stoff. Dieses Bild steht nun im Mittelpunkt der Schau, die auch Gemälde aus der Zeit von Dolls Stipendium in der Villa Massimo von Romezeigt. Das Überdenken von Motiven, Malermaterial und Tempo prägt diese Bilder. Tatjana Doll stellt zeitgleich mit dem Massimo-Stipendiat:innen im Schloss Neuhardenberg im Osten Brandenburgs aus.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Do-So 12-18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Eröffnung: Sa 18.9. 14 Uhr nur mit Anmeldung www.kindl-berlin.de, 19.9.-27.2.2022

Gefühlte Skulpturen: Thea Djordjadze – „all buildings as making“

Thea Djordjadze. Foto: Maka Kukulava, at.ge

Dünne Rohre, Bleche in Ballen: Die Berliner Raumkünstlerin Thea Djordjadze (Foto) überführt die Bildhauerei in luftige Sphären. Jetzt stellt sie in dem nach dem Archäologen Heinrich Schliemann benannten Saal des Gropius Baus aus: Objekte, Plastiken und Skulpturen, die ins Unbewusste zielen. Für ihren letzten großen Auftritt vor der Pandemie 2019 im Schweizer Kunstmuseum Winterthur inszenierte in neun Sälen Stahlrahmen, Acryl, Schirme, blaue Farbe auf Glas und schiefe Stühle, die sich nicht zum Sitzen eigneten – alles materialbasierte Interpretationen des Ortes und voller Anspielungen auf die jüngere Kunstgeschichte. Das macht es spannend, was sie sich für Berlin ausgedacht hat.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 15/10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets: berlinerfestspiele.de, 18.9.-16.1.

Fotografie der Kontraste: Jana Sophie Nolle – „Living Room“

Jana Sophie Nolle: „#01 Berlin 2020/2021, Living Room“, ©Jana Sophia Nolle/ VG Bildkunst Bonn

Es ist nur die kleinere Schau im Haus, unten im Erdgeschoss im sogenannten Projektraum des Haus am Kleistpark, aber sie hat es in sich. Jana Sophia Nolle porträtierte in San Francisco Wohnungslose und fotografierte deren improvisierte Obdächer auf den Straßen. Später baute sie in Wohnungen und Häusern wohlhabender Menschen die Straßenhütten nach. Ein harter Kontrast. Nolles sachliche Farbfotografien lösen die Frage danach aus, wie viel Raum und Einrichtung ein Mensch benötigt, warum die einen ein festes Zuhause haben und die anderen nicht – und wie weit voneinander entfernt ihre Welten liegen, auch wenn sie in derselben Nachbarschaft wohnen. Nachdem Jana Sophie Nolle nach Berlin zurückgekehrt ist, hat sie diese Reihe hier fortgesetzt.

  • Haus am Kleistpark Grunewaldstr. 6/7, Schöneberg, bis 17.10.2021, Di-So 11-18 Uhr

Großes Spektrum: Preis der Nationalgalerie

Sung Tieu: „o Gods, No Masters“, 2017, HD-Video und 4-Kanal-Ton,19:13 min, Filmstill .
Foto: © Sung Tieu / Emalin, London and Sfeir-Semler, Hamburg & Beirut

Kurze Zeit überschneiden sich die beiden Ausstellungen: Noch bis 19.9. steht die Einzelschau von Pauline Curnier Jardin, der Trägerin des Preises der Nationalgalerie 2019. Jardin zeigt eine große Videoinstallation in einer Art Zirkuszelt, die Spektakel, Karneval, Gender, Gewalt, katholischen Heiligenkultur aus feministischer Perspektive zusammenbringt. Drei Tage vor Ausstellungsschluss beginnt die Schau der Kandidat:innen für den nächsten Preis: Lamin Fofana (Sound Art), Calla Henkel & Max Pitegoff (Fotografie), Sandra Mujinga (Skulptur) und Sung Tieu (Konzeptkunst, Abb.) stellen ihre Wettbewerbsarbeiten aus. Die Jury entscheidet im Herbst, das Publikum kann für seinen Favoriten für den Publikumspreis der Nationalgaleie auch bei uns abstimmen.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr, 14/7 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, 16.9.-27.2., Zeittickets: www.smb.museum

Schwärmerische Malerei: Ferdinand Hodler

Ferdinand Hodler: „Der Tag“, 1899-1900. Foto: Ferdinand Hodler / © Kunstmuseum Bern, Schweiz

Titel wie „Heilige Stunde“ oder „Ergriffenes Weib“ lassen es bereits ahnen: Da liegt etwas Schwelgerisches in den lichtdurchfluteten, von Blumen und Blättern gesättigten Bildern Ferdinand Hodlers (1853–1918). Der Schweizer Maler zählt zu den Vertreter:innen des Symbolismus, dessen idealistische Überhöhungen lang als kitschig galten, der aber gerade neues Interesse erfährt – nicht zuletzt wegen der Naturliebe und seiner der Reformbewegung nahen Haltung, die gegen die Konventionen der kaiserlichen Klassengesellschaft verstieß. Hodler zeigte seine Werke bis zum Ersten Weltkrieg auch regelmäßig in Berlin. Nun zeichnet die Berlinische Galerie in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern diese deutsch-schweizerische Beziehung in 50 Hodler-Gemälden nach, erweitert um Arbeiten von Corinth, Leistikow und der erst vor rund 20 Jahren wiederentdeckten Julie Wolfthorn, die 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt starb.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 7 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 10.9.–17.1.2022

Bilder vom Wirtschaftswachstum: Lee Friedlander

Aus Lee Friedlander Retrospektive bei C/O Berlin: „Haverstraw, New York“, 1966. Foto: Lee Friedlander / Courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Autos mit kugelrunden Scheinwerfen, schwere Kühlschränke, knuffige Fernseher: Lee Friedlander ist für seine Aufnahmen von Stadtlandschaften und Wohnungen bekannt, und wie kaum ein anderer fing er den Wandel der US-amerikanischen Gesellschaft ein. Dabei spiegelt sich seine Person oft in den Bildern, in Schaufenstern zum Beispiel, oder seine Silhouette fällt als Schatten in Bild. Friedlander muss sich als Teil des Ganzen gesehen haben. Das Fotohaus C/O Berlin widmet dem 1934 geborenen Fotografen jetzt eine Retrospektive mit 350 Fotografien und 50 Büchern – ein Blick in ein fortschrittsgläubiges Zeitalter, das länger her zu sein scheint, als es in Wirklichkeit ist.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, 10/6 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: co-berlin.org, 11.9.–3.12.

Kunst und Freiheit: Illiberal Arts

Nicholas Grafia: „Times New Roman (As Page Turning As Eye Opening)“, 2020 Foto: Courtesy Nicholas Grafia und Peres Projects, Berlin

Das Haus der Kulturen der Welt ist ein verlässlicher Ort, wenn es darum geht, komplizierte politische Fragen anspruchsvoll und (meist) doch verständlich zu verhandeln. Man denke nur an die „Anthropozän“- Reihe zu einer Zeit, als alle noch fragten: „Anthropo… was?“ und Fridays for Future noch nicht auf der Straße waren. Die neue Ausstellung „Illiberal Arts“ setzt sich jetzt mit auseinanderfallenden Gesellschaften auseinander – und den damit verbundenen neuen Unfreiheiten. Ursache dafür, so die These der Kurator:innen Anselm Franke und Kerstin Stakemeier, ist paradoxerweise die Freiheit des Marktes nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Und wie wird das Ganze jetzt Kunst? Das wird spannend, denn zu den Ausstellenden zählen Künstler:innen, die auf dem Themenfeld Wirtschaft und Soziales versiert sind wie Natascha Sadr Haghighian, Anne Imhof, Pauline Curnier Jardin mit der Feel Good Cooperative, Henrike Naumann und Philip Wiegard. Es sind aber auch ganz junge Künstler:innen dabei – wie Nicholas Grafia (Abb.), der von den Philippinen kommt und bis 2019 in Düsseldorf studierte.

  • Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi-Mo 12-20 Uhr, Eintritt 7/3 €, Zeittickets: hkw.de, 11.9.-21.11.

Erinnerung an eine Legende: Helga Goetze

Helga Goetze: Die Liebenden, O.D., Gouache, 21×30 cm, Foto: Karin Pott / Galerie Art Cru Berlin

Die Älteren kennen Helga Goetze (1922–2008) noch als die Aktivistin, die vor der Gedächtniskirche darüber sprach, dass „Ficken“ Frieden bedeute. Weniger bekannt ist, dass Goetze lang Gast von Talkshows war und vor allem: dass sie auch malte, zeichnete und stickte – Bilder und ganze Teppiche. Einige ihrer Arbeiten befinden sich in der Collection De L’Art Brut im schweizerischen Lausanne. Die Galerie Art Cru widmet Helga Goetze jetzt eine Schau, die Würdigung zur Eröffnung am 9. September, 18 Uhr, spricht Annelie Lütgens von der Berlinischen Galerie.

  • Galerie Art Cru Kunsthof Oranienburger Str. 27, Mitte, Di/Do 12–18, Mi 14–18 Uhr, 10.9.–29.10.

Turnstangen und ein Poncho: Megan Marrin und Claudia Hill

Megan Marrin: „Barre 3“ (Detail), 2021, Courtesy of the artist, Queer Thoughts and Efremidis

Körper zu disziplinieren, ist im digitalen Fitnessrausch wieder in geworden. Megan Marrin aus New York malt feine Ölbilder von hölzernen Geräten aus dem Pilates- und Balletttraining, die geradezu ungehörig analog wirken und bei Efremidis wie in einem Studio arrangiert worden sind. Die Ausstellung ist für den VBKI-Preis Berliner Galerien nominiert. Begleitet wird sie von Claudia Hills Präsentation im langgestreckten Schaufenster des ehemaligen Rechnerraums im IBM-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz: Hills „Social Fabric Earth Return“ handelt von einem Poncho, den sich Künstler:innen im Kettenprinzip ausgeliehen haben – gegen einen kleinen Gegenstand im Tausch. Die Schau präsentiert Objekte der Aktion.

  • Galerie Efremidis Ernst-Reuter-Platz 2, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 17.10.

Malerei: Raphaela Simon

Raphaela Simon: „Großer Ring“, 2021, Öl auf Leinwand, 155 x 230 cm © Raphaela Simon. Foto: def image Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London

Ist das noch gegenständlich oder schon abstrakt – dieser hellbraune, halbrunde Bogen, der von fern aussieht wie eine Fleischwurst? Raphaela Simon malt abstrakt, geometrisch, farbintensiv, eine Schicht über der anderen, und geht außerdem ins Dreidimensionale, wenn sie Puppen auftreten lässt – gefertigt aus Holz und Draht und bekleidet geradezu wie Charlottenburger:innen. Das ist Alltagspop, wie er an die Kölner Malerei rund um die Band Der Plan denken lässt. Was die aus Süddeutschland stammende Berliner Künstlerin dieses Mal bei Max Hetzler zeigt, wird spannend.

  • Galerie Max Hetzler Bleibtreustraße 15/16, Charlottenburg, Di-Sa 11-18 Uhr, 2.9.-11.12

Jubiläum: X x X-10 Jahre Semjon Contemporary

Michael Kutschbach/ Semjon Contemporary SC _Titel-b-conifer (Flying Spaghetti Monster)“, Edition (10 Exemplare)
anlässlich „X x X-10 Jahre Semjon Contemporary“

Am Anfang war der Kioskshop: ein Laden, den der Künstler Semjon H.N. Semjon mit Holz, Wachs und Farbe in einen stilvollen, minimalistischen Raum verwandelt hatte. Kolleg:innen lud er zu Ausstellungen und Interventionen ein. Dann wurde der Gründer Galerist und der Kioskshop eine Galerie. Zehn Jahre gibt es sie bereits. Zuletzt bereitete er das Werk der 1935 geborenen großartigen Ursula Sax auf. Zum Jubiläum verlegt Semjon nun Werke von dem Laden und der Galerie verbundenen Künstler:innen wie Susanne Knaack, Michael Kutschbach (Abb.), Renate Hampke und Gerda Schütte als Editionen und legt diese in einer großen Jubiläumsschau aus. Reine Freude herrscht trotzdem nicht: Derzeit ist unsicher, ob der Mietvertrag verlängert werden kann. Auf dem Spiel stehen auch die künstlerischen Einbauten des alten Kioskshops.

  • Galerie Semjon Contemporary Schröderstraße 1, Mitte, Di-Sa 13-19 Uhr, Eröffnung: 3.9., 19 Uhr, 4.9.-4.12.

Klassiker: Karl-Heinz-Adler – Metrics

Karl-Heinz Adler: „Schichtung von transparenten und nichttransparenten Dreiecken und Punkten“, 1980 Handdruck, Collage, Folie, farbige Papiere, Graphit auf Karton 63 x 63 cm. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin Foto: Uwe Walter, Berlin

Der 2018 verstorbene Künstler Karl-Heinz Adler schuf minimalistische, geometrische Arbeiten: Zeichnungen, Collagen, serielle Lineaturen, Farbschichtungen, Objekte und Fassaden, die Städte in der DDR mitprägten. Vor einigen Jahren wiederentdeckt, aber von anderen nie vergessen, gilt Adler als herausragender Vertreter der Konkreten Kunst. Die Galerie Eigen + Art, in der er vor brechend vollem Saal eines seiner letzten öffentlichen Gespräche hielt, zeigt kleine und mittelformatige Arbeiten in Farbe und Schwarz-Weiß, die äußert aktuell wirken.

  • Galerie Eigen + Art Auguststr. 26, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 30.10.

Schöner Anfang: Ende neu

Katja Aufleger „LOVE AFFAIR“ (Videostill), 2017 4K-Video (Loop), Farbe, Ton, 22 Min. Foto: Katja Aufleger (Videostill)

Zerstörung als Beginn von etwas Neuem: Das ist das Thema einer Gruppenausstellung, die Magdalena Mai und Manuel Kirsch für das Kindl-Zentrum kuratiert haben. Malerei, Fotos, Videos und Skulptur etwa von Katja Aufleger (Abb.), Angela de la Cruz und Michael Sailstorfer ergeben einen hübschen Parcours, in dem allerdings auch häufige Topoi auftauchen wie zerstörte Mauern und abschmelzendes Gletschereis.

Tiefer geht da der Film „Good Ended Happily“, den der Künstler Basir Mahmood in einer Einzelpräsentation auf demselben Stockwerk zeigt. Mahmood ließ ein Team in Pakistan einen Film drehen, der vom Tod des Al-Quaida Führers Osama bin Laden handeln sollte. Er selbst blieb den Dreharbeiten fern. In seinem Zusammneschnitt des Footages sind nun Geräusche vom Set zu hören, barsche Anweisungen und der schwere Atem eines Kameramanns, und zu sehen Statisten, die Tote spielen. Ein künstlerisches wie politisches Experiment, das nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan unfreiwillig hochaktuell geworden ist.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus3, Neukölln, Do-So 12-18, Mi 12-20 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, bis 6.2.2022, mehr Infos hier

Sonne und viel Rot: Impressionismus in Russland

Abram Archipow: „Besuch“, 1914 ,Öl auf Leinwand, 97,7 x 150 cm. Foto: Abram Archipow / Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Nun ist sie noch einmal richtig zu sehen: Die große Ausstellung „Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde“. Das Team des Potsdamer Museums nahm bereits im Herbst 2020 einen Anlauf, die Werke zu zeigen. Doch jetzt gelingt es hoffentlich ohne pandemiebedingte Unterbrechung, denn das, was zu sehen ist, erweitert den Blick auf Kunst ungemein. Wassily Kandinsky beispielsweise, vor allem als Bauhäusler und Meister der Abstraktion bekannt, malte als ganz junger Mann bezaubernde russische Landschaften. Und Rot war wohl offenbar bereits vor der Oktoberrevolution eine beliebte Farbe in Russland, wie Abram Archipows Gemälde „Besuch“ von 1914 zeigt. Sowieso lohnt es sich, all die Gemälde von Künstlern und Künstlerinnen zu betrachten, die hierzulande selten zu sehen sind, etwa von Olga Rosanowa und von Natalija Gontscharowa, von der nun auch ein Bild in der neu geordneten Neuen Nationalgalerie hängt.

  • Museum Barberini Am Alten Markt, 14467 Potsdam, Mi-Mo 10-19, 1. Do/ Monat bis 21 Uhr, 18/ 16/ 10 €, bis 18 J. + Empfangende von Transferleistungen frei, Zeittickets: www.museum-barberini.de, 28.8.21-9.1.22

Filmexperiment: Good Ended Happily von Basir Mahmood

Basir Mahmood: „Good ended happily“, 2018, 13:05 Min. Videostill. Foto: Basir Mahmood

Die Filmstadt Lollywood war einmal Lahores Antwort in Pakistan auf das indische Bollywood. In diesem Umfeld hat der Filmkünstler Basir Mahmood sein Video „Good Ended Happily“ entwickelt, das vom Tod des Al-Quaida-Führers Osama bin Laden handelt. Der Trick bei der Sache: Mahmood ließ das Team in Pakistan den Film allein drehen, ohne ihn, die Anweisungen und Kommentare der Crew-Mitglieder am Set aber bleiben hörbar. Sein filmisches wie politisches Experiment läuft jetzt im Kindl-Zentrum, parallel zu der Gruppenausstellung „Ende Neu“, die von Gefahrenabwehr und Sicherheit handelt.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, Eintritt 5/3 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: kindl-berlin.de, 29.8.2021–27.2.2022

Kunstgeschichte revisited: Die Liste der „Gottbegnadeten“

Aus der Ausstellung „Die Liste der ‚Gottbegnadeten‘. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“ im DHM: Das Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944 von Richard Scheibe wird im Hof des Bendlerblocks in Berlin aufgestellt, 1953.
Foto: DHM/Liselotte Orgel-Köhne / Richard Scheibe

Bereits mit seiner Ausstellung über die Geschichte der Kasseler „Documenta“ zeigt das Deutsche Historische Museum, dass von einem Rundum-Neuanfang nach 1945 in der Kunst nicht die Rede sein kann. Nach dem Ende des NS-Regimes machte ein Teil seines Establishments auch in der Kultur weiter. Nun hakt das Museum in einer Parallelschau nach: Mit „Die Liste der „Gottbegnadeten““, wie 1041 Personen 1944 von Joseph Goebbels genannt und als unabkömmlich daheim vom Einsatz an der Front befreit wurden.

Die Dokumentarschau beleuchtet, welche Laufbahnen bedeutende Akteure des nationalsozialistischen Kunstbetriebs in beiden Deutschlands einschlugen und wie sie wichtige Funktionen einnahmen, etwa in der Lehre. Die Ausstellung informiert über Karrieren einzelnen Maler und Bildhauer (ausschließlich Männer), die Themen ihrer Bilder und die Aufnahme ihrer Werke beim Publikum. Außerdem unterhält das DHM online das ausgezeichnete Geschichtslexikon Lemo, das unter dem Stichwort „Kunst und Kultur“ auch Hintergründe der „Gottbegnadeten-Liste“ erläutert.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 8/4 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat Eintritt frei, Zeittickets: dhm.de, 27.8.–5.12.

Skulpturen und Aktionen: „Karl-Marx-Allee Kunst im Stadtraum“

Am Dachfirst: Schriftzug der Lina-Braake-Bank von Sven Kalden. Foto: Sven Kalden

Lina Braake, nach der die Bank im Bild benannt ist, gibt es so wenig wie die Bank selbst. Lina Braake ist die betagte Hauptfigur in Bernhard Sinkels gleichnamigem Film von 1974: Die alte Dame nimmt Rache an dem Kreditinstitut, das sie wohnungslos gemacht hat. Der Künstler Sven Kalden hat nun die Braake-Bank erfunden, um den Zusammenhang zwischen Finanzwelt und Immobilienmarkt zu veranschaulichen: Die Braake-Bank macht ihr eigenes Geld, und Kalden veranstaltet öffentliche Vorträge zum Thema. Die Aktion ist Teil der Reihe „Karl-Marx-Allee Kunst im Stadtraum“. Mit Führungen, Zeichen-Workshops und vielen, teil täglich mehreren Aktionen, stellen Künstler und Künstlerinnen Geschichte und Geschichten aus dem Viertel zwischen Alexander- und Strausberger Platz vor. Gemeinsam mit Publikum und Passant:innen suchen sie nach Lösungen für die Berliner Wohnungsmisere. Zu den beteiligten Künstler:innen zählen neben Sven Kalden unter anderem Joachim Blank, Karl Heinz Jeron und Michaela Schweiger.

  • Karl-Marx-Allee zwischen Otto-Braun-Straße und Strausberger Platz, Termine, Filme, Touren, Aktionen: kunst-im-stadtraum.berlin, bis November

Unterwegs: Make it Home

Göran Gnaudschun: Rom, „Are you Happy?“, Via Prenestina, 2017 Victoria, Pigneto“, 2017, Pigmentdruck auf Barytpapier

Die neue Foto- und Videoausstellung der Kommunalen Galerie handelt vom Ankommen und unfreiwilligen Unterwegssein. Eine der Höhepunkte bildet der Kurzfilm von Minna Rainio & Mark Roberts, der von Italien bis Island auf vielen Festivals lief: „They Came in Crowded Boats and Trains“ ist ein Re-Enactment. In ruhigen Bildern verbindet es die Nachstellung der Flucht von Menschen aus Irak 2015 nach Finnland mit der Nachstellung der Flucht von Finn:innen 1944 nach Schweden. Großartig ist auch Andy Hellers Serie „CA 94103“, die bereits 2013 in Berlin zu sehen war. Heller fotografierte Habseligkeiten, die Obdachlose auf den Straßen von San Francisco hinterließen. Auch Göran Gnaudschuns Serie „Are You Happy?“ war schon einmal zu sehen: Porträts aus Rom (Abb.) von Menschen, die die Frage “Are You Happy?“ nur mit Blicken beantworten. Schön, all diese Arbeiten hier mit Beiträgen weiterer Künstler:innen (wieder) zu sehen.

  • Kommunale Galerie Berlin Hohenzollerndamm 176, Wilmersdorf, Di–Fr 10–17, Mi 10–19, Sa/So 11–17 Uhr, Eintritt frei, kommunalegalerie-berlin.de, bis 31.10.

Alte Haus, neuer Inhalt: die Neue Nationalgalerie

Alexander Calder. Minimal / Maximal Neue Nationalgalerie mit „Têtes et Queue“ (1965) von Alexander Calder, 2014 Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / 2021 Calder Foundation, New York / Artist Rights Society (ARS), New York / Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Ganz große Klasse! In der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie präsentiert das Museumsteam Werke der Sammlung aus den Jahren 1900 bis 1945 unter dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“: neu geordnet, nicht nach öden Stilen, sondern nach sozialen und politischen Themen und mit geklärter Herkunftsgeschichte. Und siehe da: Nichtzuletzt die vereinten Bestände des Museums aus Ost- und West-Berlin ergeben zusammen das umfangreiche Kaleidoskop einer Gesellschaft in Umbrüchen. Leihgaben ergänzen die Schau wie Auguste Herbins glühendes Porträt des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam.

Flankiert wird die neue Sammlungspräsentation von einer posthumen Werkschau des Bildhauers Alexander Calder, von eine der prominenten Skulpturen auf der Terrasse des Museums stammt, und von einer Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Rosa Barba zur Architektur von Mies van der Rohe.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Mo-So 10-20 Uhr, sonst Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr, Eintritt: 14/ 7, bis 18 J. frei, Zeittickets bis zu 14 Tagen im Voraus: smb.museum

Umsonst und draußen: ZU/FLUCHT

ZU/FLUCHT Ein kooperative Ausstellung des Exilmuseums zu Flucht und Exil, damals und heute.
Foto: Stiftung Exilmuseum Berlin / Till Budde

Bei Sonne wie Regen steht sie offen: die Ausstellung zu den Planungen des künftigen Exilmuseums am Anhalter Bahnhof, das wie viele Museen in Berlin auf engagierte Bürger:innen zurückgeht. Dass jedoch die künftigen Besucher:innen so früh informiert werden und dass sie sogar mitsprechen können, das ist neu. Auf Stellwänden, in und an Containern, die gemeinsam mit Studierenden der Technischen Universität für diesen Ort entworfen wurden, sind neben den Fakten zum künftigen Museen auch Biografien prominenter Deutscher im Exil zu lesen wie Willy Brandt und Klaus Mann. Sie wenden sich besonders an Menschen, die sich erstmals mit dem Thema auseinandersetzen, Schüler und Schülerinnen beispielsweise. Jeden Donnerstagnachmittag, 16 Uhr, steht das Team des Exilmuseums für Fragen und Führungen zur Verfügung, weitere öffentliche Veranstaltungen und Workshops finden sich auf der Seite des Museums.

  • Exilmuseum Am Anhalter Bahnhof, Kreuzberg, jederzeit zugänglich, Veranstaltungen: zuflucht.ort, bis 31.10.

On the road

Stephan Erfurts Empire Diner”, 1985 aus der Serie „New York Restaurants“. Foto: Stephan Erfurt
Stephan Erfurts Empire Diner”, 1985 aus der Serie „New York Restaurants“. Foto: Stephan Erfurt

Er zählt zu den Persönlichkeiten, die das vereinte Berlin zu einer Fotostadt gemacht haben: Stephan Erfurt, Mitbegründer des Ausstellungshauses C/O Berlin und selbst lang Fotograf. Die Helmut Newton Stiftung zeigt  jetzt Aufnahmen von seinen Reisen durch die Vereinigten Staate aus den 80er und 90er Jahren – New York, Miami, Las Vegas, Los Angeles und über das flache Land.

Bilder aus einem Prä-9/11-Amerika, halbleere Diner und verwahrloste Strände, menschenleere Straßen in Innenstädten. Vieles davon aufgenommen in der morgendlichen Dämmerung, in der Erfurt damals am liebsten fotografierte. Seine Bilder werden in unmittelbarer Nachbarschaft der gerade laufenden Ausstellung „America 70s/80s“ hängen – mit Bildern neben anderen von Evelyn Hofer, deren Assistent Erfurt eine Weile war, und Joel Meyerowitz, einem seiner Mentoren.

  • Museum für Fotografie Jebenstr. 2, Charlottenburg, Di–So 10–19, Do bis 20 Uhr, 10/5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: www.smb.museum, bis 10.10.

Murcia: Im Garten Europas

Göran Gnaudschun: „Zitronenernte II“, aus der Serie „Das bessere Leben“, Stadt Murcia/Region Murcia, 2020. Foto: Göran Gnaudschun

Murcia liegt am Mittelmeer, ungefähr auf halbem Weg von Barcelona nach Gibraltar, eine fruchtbare Provinz dank eines Bewässerungssystems, das noch auf die Mauren zurückgeht. Dorthin reiste der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun 2020 im Auftrag des Museums Europäischer Kulturen. In Murcia porträtierte er Migrant:innen: Rentner:innen aus Nordeuropa, die sich einen Lebensabend in spanischer Wärme erhoffen, und Arbeitende aus Afrika, Osteuropa und Südamerika, die jenes Obst und Gemüse anbauen, das auch in Berliner Supermärkte gelangt. Gnaudschuns Bilder von willensstarken Arbeiter:innen, wohlgenährten Pensionär:innen, Bäumen mit prallen Orangen und einer industrialisierten Landwirtschaft sind jetzt unter dem Titel „Das bessere Leben“ Teil einer Ausstellung, die das MEK der Region widmet. Und in der sich die Kommentare der Ausstellungsmacher:innen über Smartphone auch auf Spanisch hören lassen.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di-Fr 10-17, Sa/ So 11-18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.smb.museum, 6.8.-27.2.

Henrike Naumann: Einstürzende Reichsbauten

Henrike Naumann: „Einstürzende Reichsbauten“, 2021, Ausstellungsansicht, Berlin, Kunsthaus Dahlem, 2021. Foto: Moritz Jekat; Courtesy Henrike Naumann & KOW Berlin

Arno Breker, schwer beschäftigter Bildhauer im nationalsozialistischen Deutschland, hatte in Dahlem ein Staatsatelier. Nach 1945 unterhielten in dem Haus andere Künstler:innen ihre Studios, seit 2015 dient es als Ausstellungsort. Jetzt nimmt sich Henrike Naumann dem historischen Umfeld des Gebäudes an: Die Berliner Künstlerin, studierte Bühnenbildnerin und Szenografin, will Besucher:innen erleben lassen, wie die nationalsozialistische Diktatur unter anderem mit ihrer restriktiven Familienpolitik das Privatleben veränderte.

Für ihre große Installation verwendet sie Möbel aus dem ebenfalls unter den Nationalsozialisten erbauten Haus der Kunst in München. Naumann ist spezialisiert auf harte Sujets: Die in Zwickau geborenen Künstlerin thematisierte die schon die Privatisierungspolitik der Treuhand, Rechtsextremismus in Ostdeutschland und den Terror des NSU. Ihre Ausstellung in Dahlem beginnt am Sonntag, 8.8., eintrittsfrei von 11 bis 18 Uhr.

  • Kunsthaus Dahlem Käuzchensteig 8, Dahlem, Mi-Mo 11-17 Uhr, 6/4 €, kunsthaus-dahlem.de, 8.8.-28.11.

Mies zu Ehren: Sommerfest mit Tadaaki Kuwayama

Blick in die Ausstellung von Tadaaki Kuwayama, Mies-van-der-Rohe-Haus, Berlin 2021; Foto: Stefan Meyer

Den 135. Geburtstag des Architekten Ludwig Mies van der Rohe feiert das nach ihm benannte Ausstellungshaus im Garten: dem kommunalen Mies-van-der-Rohe-Haus in der ehemaligen Villa Lemke am Obersee in Hohenschönhausen. Auf dem Festprogramm stehen unter anderem eine Modenschau von heutigen Bauhäuslern in Dessau, die sich an einem Sommerkleid der ehemaligen Besitzerin Martha Lemke orientiert, und die Ausstellung des amerikanischen Minimalisten Tadaaki Kuwayama, der sich auch von der Architektur anregen ließ. Der Eintritt ist frei, doch das notorisch lässig gekleidete Berliner Publikum wird gebeten, sich an den Dresscode „Samt und Seide“ zu halten.

  • Mies-van-der Rohe-Haus Oberseestr. 60, Hohenschönhausen, 14-21 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung: 030/97 00 06 18 oder [email protected], Ausstellung bis 3.10., Di-So 11-17 Uhr

Das verwundete Paradies

Ein Ausflug zum Schloss Sacrow in Potsdam verbindet Kunst mit Naturerlebnis. Foto: Jens Arndt
Ein Ausflug zum Schloss Sacrow in Potsdam verbindet Kunst mit Naturerlebnis. Foto: Jens Arndt

Man sieht Sacrow seine dramatische Vergangenheit nicht an. Der Potsdamer Gemeindeteil verströmt eine paradiesische Idylle mit der pittoresken Heilandskirche, dem Schloss, Seen und Havel. Die Deportationen jüdischer Bewohner:innen und das gnadenlose Grenzsystem der DDR sind Geschichte, aber nicht vergessen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus stehen persönliche Erzählungen, Dokumente und Fotos von sieben Zeitzeug:innen, die hier einst lebten, oder es immer noch tun. Dabei legt die Ausstellung einen großen Wert darauf, Schönheit und Drama dieses Ortes durch eine emotionale Begegnung zwischen Besucher:in und Bewohner:in offenzulegen. Außerdem werden am 13. und 27.8. Filme des des Filmproduzenten Joachim von Vietinghoff gezeigt. Der 80-jährige Sacrower feierte internationale Erfolge und gibt vor Ort Einblick in sein Schaffen.

  • Schloss Sacrow Krampnitzer Str. 33, Potsdam, 7.8.–9.11., Fr–Mo 11–18 Uhr, 8/5 €, bis 9.11.2021

Nicht nur für Archäologie-Fans: Neues Museum

Neben Objekten gibt es Videos über die Ausgrabungssätten auf Sardinien zu sehen. Foto: Teravista di Giovanni Alvito
Neben Objekten gibt es Videos über die Ausgrabungssätten auf Sardinien zu sehen. Foto: Teravista di Giovanni Alvito

Das Neue Museum nimmt Besucher:innen mit auf eine Zeitreise nach Sardinien. Die internationale Wanderausstellung „Sardinien – Insel der Megalithen“ widmet sich der hochentwickelten Nuraghen-Kultur, welche die Insel mit ihren Steinbauten auf vielfältige Weise prägte. Nuraghen heißen die knapp 20-Meter hohen Steintürme, die auf Sardinien zunächst als Nutzbauten und Unterkünfte, in späterer Zeit zunehmend als Kultstätten dienten.

Wie eindrucksvoll diese Bauten mitunter ausgestattet waren, zeigt eine mehr als zwei Meter Boxer-Statue. Ein solcher Kalkstein-Riese ist erstmals jenseits der Insel in einer Ausstellung zu sehen. Rund 200 Objekte aus der Stein- bis Eisenzeit, darunter monumentale Kriegerstatuen und feine Bronzefiguren, geben Einblicke in eine faszinierende Geschichte europäischer Kultur.

  • Neues Museum Bodestr. 1-3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 12/6 €, Zeittickets: www.smb.museum.de, bis 30.9.

Unter dem Pflaster: Führungen durch den T!ING-Space

Arbeit von Saba Tsereteli/ im Ting Space/ Foto: Joseph D. Tremblay / Saba Tsereteli

Es gibt sie doch noch, die ungewöhnlichen Ausstellungsräume an verborgenen Orten, wie die Gründer:innen des T!NG Space jetzt in Neukölln zeigen. Der liegt östlich des Kindl-Kunstzentrums Richtung Karl-Marx-Straße, in einem Hof hinter der Kart-Bahn, in einen Industriekeller, der so weitläufig ist, dass er zu der ehemaligen Brauerei zwei Straßen weiter gehört, in der das Kindl-Zentrum heute sitzt. Unten an der Karl-Marx-Straße liegt zudem die Galerie im Saalbau, und einmal über die grüne Thomashöhe kommt man zum Körnerpark mit der dortigen kommunalen Galerie. Interessiertes Publikum kennt die Gegend also.

Eine gute Lage für die Künstler:innen Saba Tsereteli, Claire Chaulet und Martin Duc­reau aka Thym’art. Bereits vor sechs Jahren haben die Gründer:innen des Vereins Artistania den Keller bezogen und saniert. Heute gibt hier neben Werkstätten eine Bühne und viel Ausstellungsfläche. Die aktuelle Ausstellung „It’s Time for Differences!“ kann über 100 Arbeiten umfassen. Neben Gemälden, Skulpturen, Plastiken und Installationen gehören die Masken und große Marionetten dazu, die im Juni beim „Karneval für die Zukunft“ dabei waren, einem umweltpolitisch orientierten Umzug durch Neukölln. Besucher:innen können Keller und Kunst auf geführten Touren erkunden.

  • T!NG-Space Neckarstr. 19, Neukölln, Do–Sa 18–20 Uhr, 12/8 €, Buchung: www.ting-space.com

Stille vor dem Bahnhof: Anna Thieles „fragments of now“

Foto: Anna Thiele/ „Fragments of Now“, präsentiert von der Kommunalen Galerie Berlin

Vor dem S-Bahnhof Charlottenburg kleben auf temporären Litfaßsäulen Fotografien von Anna Thiele, die 2020 ein wunderbares Fotobuch über das Tempelhofer Feld veröffentlicht hat. Vom Langlauf auf weißer Fläche über Picknicks im Grün bis zum Spaziergänger in Herbstgrau: Thiele zeigt in dem Band, welche Freiheit und Ruhe das Alleinsein auf weiter Flur bescheren kann.

Jetzt stellt die Berliner Fotografien  auf Einladung der Kommunalen Galerie Berlin vor dem Bahnhof ihre Schwarz-Weiß-Serie „fragments of now“ aus. Auch hier herrschen Ruhe und Konzentration.  Thieles teil abstrahierten Motive versinnbildlichen  Vereinzelung und Schwarmdasein, Abgrenzung und Ansprache, Themen, die in der Pandemie wichtig geworden sind Mit ihrer an der Architekturfotografie geschulten Bildsprache verleiht Thiele ihnen Kante. Dem wuseligen Bahnhof tut die Ruhe ganz gut: Sein Vorplatz könnte mehr sein als nur Durchgang zur Kneipenmeile am Stuttgarter Platz.

  • S-Bahnhof Charlottenburg Stuttgarter Platz/ Ecke Lewishamstr., rund um die Uhr, bis 10.10.

Gedenken: Dimension eines Verbrechens

Ausstellungsansicht: “Dimensionen eines Verbrechens”, Deutsch-Russisches Museum Karlshorst, Foto: www.harry-schnitger.de

Als sich am 22. Juni der deutsche Überfall auf die UdSSR zum 80. Mal jährte, machte Frank-Walter Steinmeier ein Museum in Karlshorst republikweit bekannt, das sogar viele eingefleischte Berliner:innen nicht kennen: das Deutsch-Russische Museum. Hier eröffnete der Bundespräsident „Dimension eines Verbrechens“, eine Dokumentar-Ausstellung im Museumsgarten über das Schicksal der sowjetischen Soldaten, von denen allein in deutscher Kriegsgefangenschaft rund drei Millionen starben – an Hunger, Krankheiten, Wetter und Zwangsarbeit oder weil sie erschossen wurden.

Die Schau zeigt historische Fotos, stellt Schicksal Einzelner vor und beleuchtet Hintergründe, wie sie ausschnittsweise in der Ausstellung über Zwangsarbeit zu sehen waren, die die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, 2010/ 2011 im Jüdischen Museum ausrichtete. Der ukrainische Botschafter soll übrigens nicht an der Gedenkveranstaltung mit Steinmeier teilgenommen habe: weil der Name des Museums die ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Belarus ausklammere. Claudia Wahjudi

  • Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst Zwieseler Str. 4, Karlshorst, Di-So 10-18 Uhr, Eintritt frei, Zeittickets für die Innenräume: www.museum-karlshorst.de, bis 3.10.

Lockruf Wildnis: 26. Rohkunstbau in Lieberose


Luzia Simons: „Stockage 76“, 2009, Lightjet print Diasec, Foto: Luzia Simons / VG Bild-Kunst Bonn 2021

Und noch einmal das Thema Natur, das in diesem Sommer Konjunktur in der Kunst hat: „Von der Verletzlichkeit, Überleben in der Risikogesellschaft“, lautet das Motto der 26. Ausstellung der Rohkunstbau-Reihe, 2021 erneut im unsanierten Schloss Lieberose stationiert, um das sich Efeu und andere Ranken winden. Hier müssen sich die Arbeiten, die Kuratorin Heike Fuhlbrügge versammelt hat, gegen die Ruinenromantik eines Schlosses am Rand des Spreewaldes behaupten: Claudia Chaselings kräftige Wandmalerei genauso wie David Claerbouts Tuschbilder von Buschbränden, Jochen Dehns ausladende Baumskulptur genauso wie Gilbert & Georges Fotomontagen oder Nadia Lichtigs Klanginstallation, in der ein Dattelbaum seine Kulturgeschichte erzählt. Der Text dieses sprechenden Ziziphus-Strauchs lässt sich mit nach Hause nehmen: auf einer Postkarte mit QR-Code.

Die Lieberrose Heide nebenan zählt übrigens zu den bedeutenden Naturlandschaften Ostdeutschlands: Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz haben sich Wölfe angesiedelt, auch eine Elchkuh soll hier schon gesichtet worden sein. Ein Wildnispfad führt vom Besucherparkplatz an der L44 zwischen Butzen und Lamsfeld über das Gelände. Bitte auf den Wegen bleiben: nicht nur wegen der empfindlichen Pflanzen, die hier ungezähmt wachsen dürfen, sondern auch, weil im sensiblen Boden noch Munition steckt. Und die hohe Waldbrandgefahr bitte beachten – in der Lieberrose Heide brennt es in trockenen Sommern immer wieder.

  • Schloss Lieberose Schlosshof 3, 15868 Lieberose, Sa/So 12-18 Uhr, 12/ 7 €, bis 12 J. frei, bis 3.10., Zeittickets und Anfahrt auf: www.rohkunstbau.net

Ein halbes Jahrhundert: „Politik und Kunst“ der Documenta

Auf der Documenta 7, 1982: Ausstellungsansicht mit Jörg Immendorffs „Naht (Brandenburger Tor-Weltfrage)“ © documenta archiv, Foto Dieter Schwerdtle © The Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch, Wilmersdorf, Köln & New York

In seiner neuen Ausstellung „Politik und Kunst“ zeigt das Deutsche Historische Museum seit 18. Juni Ergebnisse von Untersuchungen zu den politischen Verflechtungen der „Documenta“ zwischen 1955 und 1997. Um es vorweg zu nehmen: Die „Documenta“, die Kasseler Großschau mit internationaler zeitgenössischer Kunst und vermeintlich Hort der Avantgarde, war nicht viel besser als die Bundesrepublik, in der sie stattfand. Die nationalsozialistische Vergangenheit eines Mitbegründers blieb lang unbekannt. Ideologisch spiegelte sich in ihr die Idee von abstrakter Freiheit als Gegenpol zum sozialistischen Realismus. Und später, vor allem unter Chefkurator Jan Hoet 1992, ein markenbewusstes Marketing als Ausdruck einer globalisierten Kulturindustrie. Spannend.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden, 2, Mitte, Mo-Mi, Fr 10-18, Do 10-20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.dhm.de, bis 9.1.2022

Yael Bartana: Redemption Now

Yael Bartana: Standbild aus „Malka Germania“, 2021, Auftragsarbeit für das Jüdische Museum Berlin

Die Heilsbringerin, gekleidet in einen weißen, langen, weiten Mantel, reitet auf einem Esel in Berlin ein. Ein Schelm, wer da an Jesus denkt. Doch das Berliner Regierungsviertel ist nicht Jerusalem. Auf ihrem Weg Richtung Südwesten, zum Strandbad Wannsee, erlebt die geheimnisvolle Lichtgestalt eine Stadt, die nach wie vor von der nationalsozialistischen Diktatur geprägt ist – vor allem im kollektiven Gedächtnis ihrer Bewohner:innen.

Yael Bartanas aufwändige, dreikanalige Filminstallation „Malka Germania“ („Königin Germania“) ist eine Auftragsarbeit für das Jüdische Museum, die überlieferte und vielfach gebrauchte Motive aus Film und Fotografie zerlegt und neu verwendet – von Menschen Menschen mit Koffern, die auf Gleisen in den Wald gehen, von Soldaten, die mit israelischer Flagge um den Schultern aus der U-Bahn stürmen. Die provokative Installation bildet den Mittelpunkt einer großen Werkschau der in Amsterdam und Berlin lebenden Künstlerin aus Israel, die schon Polen auf der Venedig-Biennale vertrat. „Redemption“ heißt die Ausstellung. Bartana will wissen, ob es eine „Erlösung“ von der Geschichte geben kann. Ihre Fotografien, Filme, Neonarbeiten und Installationen aus zwei Jahrzehnten thematisieren weltliche und religiöse Versuche, einem besseren Leben näher zu kommen – noch hier auf Erden oder auch jenseits von ihr.

  • Jüdisches Museum Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo-So 10-19 Uhr, 8/3 €, bis 18 J. frei, Buchung: www.jmberlin.de, bis 10.10.

Diversity United: Ein wackeliger Kontinent

Kris Lemsalu: „Sally, Go Around the Roses“, 2018 Gusskeramik, Textilien und Klettergriffe ca. 160 x 160 x 50 cm
Foto: Mark Blower / Kris Lemsalu / Courtesy Temnikova & Kasela Gallery und Koppe / Astner Gallery

Zum Thema Europa haben die Kurator:innen der Großausstellung „Diversity United” Arbeiten von 90 Künstler:innen aus drei Jahrzehnten und 34 Ländern in den Flughafen Tempelhof zusammengebracht. Ost und West, Arm und Reich, Staaten und Subjekte, Weltliches und Religiöses prallen hier aufeinander. Viele neue Auftragsarbeiten sowie bekannte Werke beispielsweise von Luc Tuymans, Yinka Shonibare CBE, Kris Lemsalu (Foto) und Katharina Sieverding zeichnen das widersprüchliche Bild eines Kontinents, der an seinem Zusammenwachsen nach 1990 noch deutlich nachbessern muss. Mehr zu Diversity United lest ihr auch hier.


Skulpturenpark: Ausflug aufs Schlossgut Schwante

Toshihilo Mitsuya: „The Aluminum Garden-Structural Study of Plants“, 2020, im Park von Schlossgut Schwante.
Foto: Schlossgut Schwante

Westlich von Oranienburg, gut zu erreichen über die Autobahn, liegt das Gutshaus Schwante bei Oberkrämer. Neben einem Restaurant und einem Hofladen erstreckt sich hier ein großer Garten für zeitgenössische Skulptur. In diesem Park stehen beispielsweise eine Art Mediationsraum von Carsten Nicolai, eine Treppe von Monika Sosnowska und eine Neonarbeit von Martin Creed. Zur neuen Saison sind weitere Arbeiten hinzugekommen, unter anderem die Hasenfigur „Usagi Greeting“ der Berliner Kunstprofessorin Leiko Ikemura und „The Wind Rose“ von der Berliner Installationskünstlerin Susan Philipsz. Willkommen im Grünen.


Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Sie war mit David Bowie und Iggy Pop befreundet, der junge Martin Kippenberger wohnte in ihrer Kreativzentrale, der Kreuzberger Fabrikneu. Im Interview erzählt Claudia Skoda aus ihrem aufregenden Leben. Immer neue Texte und Tipps findet ihr in unserer Rubrik „Ausstellungen“.

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