Kunst

Kunst und Ausstellungen in Berlin: Die besten Tipps für Kultur-Fans

Manche Galerien haben sichbereits in die Sommerpause verabschiedet, aber es gibt dennoch genug Kunst in Berlin zu sehen. Ob ganz intim im Schwulen Museum oder steinhart im Neuen Museum.

Wir sagen euch, welche Ausstellungen gerade besonders wichtig sind, und geben Tipps, welche Berliner Museen und Galerien ihr unbedingt besuchen solltet.


Ganz nah: Schwules Museum

  „Intimacy“ im Schwulen Museum zeigt Malerei, Fotografie und Videoarbeiten. Foto: Ralf Rühmeier/Schwules Museum
„Intimacy“ im Schwulen Museum zeigt Malerei, Fotografie und Videoarbeiten. Foto: Ralf Rühmeier/Schwules Museum

Was macht queere Intimität aus? Dieser Frage widmet sich die Gruppenausstellung „Intimacy: New Queer Art from Berlin and Beyond“ im Schwulen Museum. Zu sehen sind Werke von über 30 internationalen Künstler:innen, darunter Ikonen der queeren Kunst wie Nan Goldin, AA Bronson und Annie Liebovitz sowie junge Positionen von Spyros Rennt (s.Abb.), Vika Kirchenbauer und Zanele Muholi.

In Fotografie, Malerei und Video zeigen sie Facetten lustvoller Freiheit und Experimentierfreude. Es ist aber auch eine Intimität, die durch Krankheiten wie HIV/Aids und Covid-19, gewalttätige Intoleranz oder auch die Allgegenwart digitaler Medien geformt wird.

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Tiergarten, Mo/Mi/Fr 12–18, Do 12–20, Sa 14–19, So 14–18 Uhr, 9/3 €, Zeittickets: www.schwulesmuseum.de, bis 30.8.

Nicht nur für Archäologie-Fans: Neues Museum

Neben Objekten gibt es Videos über die Ausgrabungssätten auf Sardinien zu sehen. Foto: Teravista di Giovanni Alvito
Neben Objekten gibt es Videos über die Ausgrabungssätten auf Sardinien zu sehen. Foto: Teravista di Giovanni Alvito

Das Neue Museum nimmt Besucher:innen mit auf eine Zeitreise nach Sardinien. Die internationale Wanderausstellung „Sardinien – Insel der Megalithen“ widmet sich der hochentwickelten Nuraghen-Kultur, welche die Insel mit ihren Steinbauten auf vielfältige Weise prägte. Nuraghen heißen die knapp 20-Meter hohen Steintürme, die auf Sardinien zunächst als Nutzbauten und Unterkünfte, in späterer Zeit zunehmend als Kultstätten dienten.

Wie eindrucksvoll diese Bauten mitunter ausgestattet waren, zeigt eine mehr als zwei Meter Boxer-Statue. Ein solcher Kalkstein-Riese ist erstmals jenseits der Insel in einer Ausstellung zu sehen. Rund 200 Objekte aus der Stein- bis Eisenzeit, darunter monumentale Kriegerstatuen und feine Bronzefiguren, geben Einblicke in eine faszinierende Geschichte europäischer Kultur.

  • Neues Museum Bodestr. 1-3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 12/6 €, Zeittickets: www.smb.museum.de, bis 30.09.

Kunst an der frischen Luft: Park-Platz

Inspiriert von Straßenfesten in Apulien: Marinella Senatores „Bodies in Alliance“, 2021. Foto: Sandy Volz
Inspiriert von Straßenfesten in Apulien: Marinella Senatores „Bodies in Alliance“, 2021. Foto: Sandy Volz

Der tägliche Diskurs um die wenigen freien Parkplätze der Hauptstadt endet oft in einem verbalen Schlagabtausch. Dass die Berlinerische Galerie ihr aktuelles Ausstellungsprojekt „Park Platz“ ausgerechnet auf der angrenzenden Parkfläche zur Schau stellt, ist also durchaus kampflustig.

Sehenswert sind die genre-übergreifenden Arbeiten internationaler Künstler:innen wie Zuzanna Czebatuls in architektonischer Formsprache gehaltene Metallarbeit „Within Meadows And Rolling Hills“. Mit „Bodies in Alliance“, einer Lichtinstallation der Italienerin Marinella Senatore, sind zudem bekannte Namen der Kunstwelt vertreten.

Dank Veranstaltungen wie Artist Talks und Workshops im temporären Pavillon des Architekturbüros c/o now schafft „Park Platz“ eine niedrigschwellige Kommunikation von zeitgenössischer Kunst im urbanen Raum. Dass auf den grey surfaces des Straßenverkehrs heftiger debattiert wird als in den White Cubes der Kunstszene, ist ja auch kein Geheimnis.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Mo–So 10–19 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung für einige Veranstaltungen nötig: www.berlinischegalerie.de, bis 20.9.

Schein und Sein: Galerie Eigen+Art

Bling Bling und Pappe: Birgit Brenner „Stay Rich“. Foto:Uwe Walter/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
Bling Bling und Pappe: Birgit Brenner „Stay Rich“. Foto: Uwe Walter/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Blinkend lockt Birgit Brenners Plastik in die Dreierausstellung der Galerie Eigen + Art: Luxus und Entertainment verheißen die türkisen Lämpchen, die den Imperativ „Stay rich“ ergeben. Drinnen entpuppt sich Brenners Gebilde als absichtsvoll billige Pappkulisse. Die für ihre gesellschaftskritischen Arbeiten bekannte Künstlerin im wahrsten Sinne des Wortes hinters Licht: die schillernde LED-Wand besteht aus billiger Pappe.
Dagegen stellen sich bescheidener auftretende Arbeiten als Edelware heraus: Raul Walch, Bildhauer und Konzeptkünstle, kommentiert in Schwarzweiß-Fotos und einem Mobile, in dem Braunkohle schwebt, den Zustand deutscher Böden. Und Maja Behrmann aus Leipzig glänzt mit Wandtextilien und kleinen Skulpturen, die aus Holz gedrechselt wurden, die sie jedoch so bemalt hat, dass sie aussehen wie Plastikspielzeug.

  • Galerie Eigen + Art Auguststr. 25, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 7.8

Malerei in der Galerie Poll

Eric Keller gibt in seinen Bildern Stimmungen wieder wie bei "Bahnübergang 2", 2020.  Foto: Eric Keller/Galerie Poll Berlin/Repro: Baldauf & Baldauf
Eric Keller gibt in seinen Bildern Stimmungen wieder wie bei „Bahnübergang 2“, 2020. Foto: Eric Keller/Galerie Poll Berlin/Repro: Baldauf & Baldauf

Die Zeit scheint still zu stehen auf Eric Kellers Gemälden. Durch die in mehreren lasierenden Schichten übereinander aufgetragene Ölfarbe bekommen Konturen eine Unschärfe als hätte sich ein Nebel über alles gelegt. Die Farbpalette von Grau-, Blau-, Violett- oder auch Ockertönen lassen die Sujets entrückt erscheinen. So entstehen stimmungsvolle, oftmals melancholische Stadt- und Industrielandschaften, Darstellungen von Menschen in zweisamer Einsamkeit sowie Interieurs verlassener Orte.

Eric Keller, geboren 1985 in Grimma, hat 2018 seinen Meisterschüler an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig abgeschlossen. Seine Werke befinden sich unter anderem  in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Diese Stadt gehört zusammen mit Leipzig zu einen Wohn- und Arbeitsorten.

  • Galerie Poll Gipsstr.3, Mitte, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 28.7.

Unter die Erde mit Anne Duk Hee

Die Skulptur "Clam Extravaganza" von Anne Duk Hee Jordan, 2021. Foto: Anne Duk Hee Jordan
Die Skulptur „Clam Extravaganza“ von Anne Duk Hee Jordan, 2021. Foto: Anne Duk Hee Jordan

Anne Duk Hee Jordan ist eine Künstlerin, die das Nicht-Sichtbare sichtbar macht. Für ihre Ausstellung „Der Wurm: Terrestrisch, Fantastisch und Nass“ in der Urania erforschte sie biologische, ästhetische und sexuelle Facetten von Würmern. Daraus entstanden ist eine immersive Großinstallation.

Besuchende gehen durch die Tür des rückwärtigen Altbaus der Urania in das Innere eines Wurms und von dort weiter in eine bewegte Welt der Wirbellosen. Es ist ein außergewöhnlicher Erfahrungsraum aus Skulpturen, Textilien, Videoprojektionen und Klang. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit vielfältigen Veranstaltungen zur wundersamen Welt der Würmer wie eine Filmvorführung von “Schweinchen – Ein Dekompositionsfilm” am 17. Juli oder ein Gespräch zwischen Anne Duk Hee Jordan und der Meeresbiologin Prof. Dr. Nicole Dubilier.

  • Urania An der Urania 17, Schöneberg, Mi–So 12–20 Uhr, 7/4 €, Zeittickets: www.urania.de, bis 29.8.

Das Haus der Statistik

Das Haus der Statistik ist ein urbanes Biotop. Foto: Making Futures/Lena Giovanazzi
Das Haus der Statistik ist ein urbanes Biotop. Foto: Making Futures/Lena Giovanazzi

Wie eine Spielwiese inmitten der Stadtgeschäftigkeit hebt sich das Haus der Statistik von seiner Umgebung ab. Entgegen zwischenzeitlicher Abrisspläne soll das 1970 fertiggestellte und seit 2008 leer stehende Gebäudeensemble nahe dem Alexanderplatz auf Drängen der „Initiative Haus der Statistik“ zum Idealbild eines gemischten Stadtlebens werden – ein Pionierprojekt für Kunst, Kultur, Geflüchtete und Ureinwohner:innen.

In einer Ausstellung über das Modellprojekt Haus der Statistik werden Protagonist:innen des Projekts vorgestellt. Besucher:innen sollten unbedingt um das Gelände spazieren, zum Beispiel zu den Hochbeeten eines Gartenprojekts, das sich jeden „geraden“ Mittwoch im Monat ab 19 Uhr für Interessierte öffnet. Ebenfalls im Haus zu sehen und sehr zu empfehlen ist die Ausstellung „Zwei deutsche Architekturen 1949-1989“ des ifa, ein Beitrag zum Welterbevorschlag „Berlin Ost West/Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne“ für die Gebiete Karl-Marx-Allee und Interbau 1957. Hier könnt ihr anhand zahlreicher Modelle, Fotografien und Pläne die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Architektursprache von Ost und West nachvollziehen.

  • Haus der Statistik Foyer Haus A, Karl-Marx-Allee 1, Mitte, Mi–Sa 15–19 Uhr, bis 30. 7, Architektur bis 22.8.

Transmediale 2021: Vom Wilden Westen und Wildschweinen

Yang Ah Ham: Ausstellungsansicht der früheren Installation „Undefined Panorama 3.0,“ im , Seoul Museum of Art, 2020. Foto: Sang-tae Kim / Yang Ah Ham

Am 10. Juli geht die Transmediale in die nächste Runde, das Medienkunstfestival findet 2021 wegen der Pandemie in Staffeln statt.  Im Weddinger Kulturzentrum Silent Green zeigt das Team um Leiterin Nora O‘Murchú die neue, zwölf Meter große Installation der Videokünstlerin Yang Ah Ham: „Undefined Panorama 3.1.“ handelt von den Voraussetzungen für die Vormachtstellung Reicher und Mächtiger – und hat in Wedding Premiere. Die beiden Filme, die zeitgleich laufen, ermöglichen ungewohnte Einblick in wenig bekannte Welten.

Maud Craigie, die erst vor fünf Jahren ihr Kunststudium in London abschloss, hat für „Indications of Guilt pt 1“ ein anspruchsvolles Thema gewählt: Verhörmethoden und Beweisführung der US-amerikanischen Polizei, die vor Gericht oft zu Fehlurteilen führen sollen. Wer Craigies Szenen sieht, glaubt das sofort: Hier finden die Polizist:innen heraus, was herauskommen soll, Hauptsache, der Fall kann abgeschlossen werden.

Elsa Brès aus Paris schließlich knüpft in ihrer Studie über Tiere und Menschen an einen Augenblick in Berlin an, der durch die internationale Presse ging: jenen Moment im Sommer 2020 am Teufelssee, als ein Wildschwein einem Nacktbader die Tasche mit dem Laptop klaute.

  • Silent Green Gerichtsstr. 35, Wedding, „Undefined Panorama 3.1“: Kuppelhalle, Sa–So 13–21 Uhr, Eintritt frei, ohne Buchung, 10.7.–18.7.; „remote.response.request“: Transmediale Studio, Fr–So 13–21/ 15–21 Uhr, Eintritt frei, aktuelle Ticketinfos: transmediale.de, bis 22.8.

Unter dem Pflaster: Führungen durch den T!ING-Space

Arbeit von Saba Tsereteli/ im Ting Space/ Foto: Joseph D. Tremblay / Saba Tsereteli

Es gibt sie doch noch, die ungewöhnlichen Ausstellungsräume an verborgenen Orten, wie die Gründer:innen des T!NG Space jetzt in Neukölln zeigen. Der liegt östlich des Kindl-Kunstzentrums Richtung Karl-Marx-Straße, in einem Hof hinter der Kart-Bahn, in einen Industriekeller, der so weitläufig ist, dass er zu der ehemaligen Brauerei zwei Straßen weiter gehört, in der das Kindl-Zentrum heute sitzt. Unten an der Karl-Marx-Straße liegt zudem die Galerie im Saalbau, und einmal über die grüne Thomashöhe kommt man zum Körnerpark mit der dortigen kommunalen Galerie. Interessiertes Publikum kennt die Gegend also.

Eine gute Lage für die Künstler:innen Saba Tsereteli, Claire Chaulet und Martin Duc­reau aka Thym’art. Bereits vor sechs Jahren haben die Gründer:innen des Vereins Artistania den Keller bezogen und saniert. Heute gibt hier neben Werkstätten eine Bühne und viel Ausstellungsfläche. Die aktuelle Ausstellung „It’s Time for Differences!“ kann über 100 Arbeiten umfassen. Neben Gemälden, Skulpturen, Plastiken und Installationen gehören die Masken und große Marionetten dazu, die im Juni beim „Karneval für die Zukunft“ dabei waren, einem umweltpolitisch orientierten Umzug durch Neukölln. Besucher:innen können Keller und Kunst auf geführten Touren erkunden.

  • T!NG-Space Neckarstr. 19, Neukölln, Do–Sa 18–20 Uhr, 12/8 €, Buchung: www.ting-space.com

Stumme Glocke: The Bell Project von Hiwa K

Hiwa K: “The Bell Project”, 2015, Mixed-Media-Installation, Installationsansicht KOW 2021. Foto: Ladislav Zajac/KOW / Hiwa K

Schwerter zu Pflugscharen oder Geschosse zu Friedensglocken: Hiwa K zeigt in Berlin seine Arbeit, die er für die Venedig-Biennale 2015 schaffen ließ. Das Metall stammt aus Kriegsgebieten in Irak. Der Emigrant Hiwa K, Träger des Schering-Kunstpreises 2016, arbeitete dort mit einem Metallsammler zusammen, der abgeschossene und explodierte Waffen aufliest, sortiert und weiterverarbeitet – Reste von Minen und Bomben, Teile von Flugzeugen und Panzern. Er kann genau sagen, welches Gerät aus welchem Land stammt, auch Rüstungsproduzenten aus Europa sind dabei.

Aus dem bellizistischen Altmetall ließ Hiwa K italienische Gießer die Glocke anfertigen. Sie ist einem Relief voller Motiven aus Kulturstätten verziert, die in den Irak-Kriegen zerstört wurden. Zwei Filme, leider in der nur schwach verdunkelten Galerie nicht immer gut zu sehen, machen den Prozess des Gießens transparent und führen den Alltag der Metallhändler vor Augen. Nicht zuletzt hängt von der Glocke ein Tau – und groß ist die Versuchung, sie zu läuten.

  • Galerie KOW Lindenstr. 35, Kreuzberg, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 24.7.

Albert Oehlen: Linie mit Elan

Albert Oehlen, „unverständliche braune Bilder,“ Galerie Max Hetzler, Berlin, April – August 2021. Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Albert Oehlen. Foto: def image

Nicht zu verwechseln: die Gebrüder Oehlen, Krefelds „wohl berühmtestes Bürderpaar“, wie die Rheinische Post einmal vermutete. Markus Oehlen ist der Maler mit den bunteren, poppigeren Bildern, der in der Düsseldorfer Post-Punk-Zeit bei Fehlfarben und Mittagspause spielte und heute Kunst in München lehrt.

Albert Oehlen, zwei Jahre älter, hatte eine Professur in Düsseldorf inne. Er pflegt eine strengere Formsprache und eine zurückhaltende Farbpalette. Seine neuen Arbeiten bei Max Hetzler in der Goethestraße nennt er „unverständliche braune Bilder”. Tatsächlich ist es eine Seh- und Denksportaufgabe, seine Gemälde in Braun, Beige und Gelb zu lesen, in denen die geschwungene Linie eine dominante Rolle spielt, aber hier und da auch ein Menschenkörper durchscheint. Seine collagierten Gemälde bei Hetzler in der Bleibtreustraße lassen Dada gleichsam Swing tanzen.

  • Galerie Max Hetzler II + III Goethestr. 2/3 + Bleibtreustr. 15/16, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 14.8.

Klassische Moderne: Feininger in Berlin

Lyonel Feininger: „Dunkelmänner / Das Recht des Stärkeren, 1906, Zeitungsdruck, 31 x 24 cm, in: Lustige Blätter, XXI. Jg., 1906, Nr. 6, S. 5 (Ausschnitt), VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Lionel Feiningers Gemälde hängen in vielen bedeutenden Sammlungen, seine wie in einem Prisma gebrochenen, geometrischen Ansichten großer Kirchen, alter Orte und Segelbooten schmücken Poster und Postkarten. Weniger bekannt ist, dass der 1871 geborene Maler, Radfahrer und Bauhaus-Meister, der 1936 in die USA zurückkehrte, seine Laufbahn in Berlin als Karikaturist und Pressezeichner begann. Die kommunale Galerie Parterre in Pankow schließt jetzt diese Bildungslücke und zeigt Feiningers Zeichnungen für Satirezeitschriften wie „Ulk“ und „lustige Blätter“. Ein kritisches Rahmenprogramm begleitet die Schau. Am Donnerstag, den 22. August, 19 Uhr, geht es darum, ob sich in Feininger Karikaturen Kolonialrassismus findet. Am Mittwoch, den 8. September, 19 Uhr, erinnern sich Wegbegleiter:innen an Roland März, den 2020 verstorbenen ehemaligen Kustos der Nationalgalerie, der die noch Ausstellung anregte. 

  • Galerie Parterre Danziger Str. 101, Pankow, Haus 103, Mi-So 13-21, Di bis 22 Uhr, Eintritt frei, bis 12.9.

Vasen ohne Blumen: Isabell Heimerdinger

Ansicht der Ausstellung „Skies of Intense, Uncontaminated Beauty“ von Isabelle Heimerdinger in der Galerie Mehdi Chouakri, 2021, Foto: Patxi Bergé, Berlin

Für Inneneinrichtungen verschiedenster Facetten interessiert sich Isabell Heimerdinger immer wieder. Fotografien der Berliner Künstlerin zeigen beispielsweise Sets bekannter Filme, ein Video spielt in einem chinesischen Familienrestaurant. Doch Heimerdinger lernte auch zu töpfern, richtete sich eine Keramikwerkstatt ein.

Nun zeigt sie ihre keramische Auseinandersetzung mit den grellbunten Stillleben des italienischen Malers Salvo. Jedes ihrer Keramikobjekte, die jetzt bei Mehdi Chouakri am Fasanenplatz zu sehen sind, entwickelt im Dreidimensionalen weiter, was Salvo zweidimensional andeutete. Die bunt glasierten Vasen, Becher und Schalen stehen auf dem Boden, platziert auf kleinen, schräg verschobenen Platten aus Marmor und Schaumstoff.  Wer sie genau betrachten will, muss in die Hocke gehen. Und sieht ein vielfältiges Spiel aus Farben, Formen und Material – das am schönsten leuchtet, wenn die Abendsonne in die Galerie scheint.

  • Galerie Mehdi Chouakri Fasanenplatz Fasanenstr. 61, Charlottenburg, Di-Fr 12-18, Sa 11-18 Uhr, bis 28.8.

Stille vor dem Bahnhof: Anna Thieles „fragments of now“

Foto: Anna Thiele/ „Fragments of Now“, präsentiert von der Kommunalen Galerie Berlin

Vor dem S-Bahnhof Charlottenburg kleben auf temporären Litfaßsäulen Fotografien von Anna Thiele, die 2020 ein wunderbares Fotobuch über das Tempelhofer Feld veröffentlicht hat. Vom Langlauf auf weißer Fläche über Picknicks im Grün bis zum Spaziergänger in Herbstgrau: Thiele zeigt in dem Band, welche Freiheit und Ruhe das Alleinsein auf weiter Flur bescheren kann.

Jetzt stellt die Berliner Fotografien  auf Einladung der Kommunalen Galerie Berlin vor dem Bahnhof ihre Schwarz-Weiß-Serie „fragments of now“ aus. Auch hier herrschen Ruhe und Konzentration.  Thieles teil abstrahierten Motive versinnbildlichen  Vereinzelung und Schwarmdasein, Abgrenzung und Ansprache, Themen, die in der Pandemie wichtig geworden sind Mit ihrer an der Architekturfotografie geschulten Bildsprache verleiht Thiele ihnen Kante. Dem wuseligen Bahnhof tut die Ruhe ganz gut: Sein Vorplatz könnte mehr sein als nur Durchgang zur Kneipenmeile am Stuttgarter Platz.

  • S-Bahnhof Charlottenburg Stuttgarter Platz/ Ecke Lewishamstr., rund um die Uhr, bis 10.10.

Fast Schwarzweiß: „Recurrence 2“ bei Zilberman

Ausstellungsansicht „Recurrence“,  Zilberman | Berlin (20. April – 21. August). Foto: Chroma

Die Pandemie hat das Programm zahlreicher Galerien durcheinander gebracht. Ach das der Galerie Zilberman hat nun einen versetzten Takt. Hier ist aus der Not eine Tugend geworden: in einer kurzfristig organisierten Gruppenausstellung  mit Arbeiten von Künstler:innen der Galerie, die ganz fein und wunderbar geworden ist.

Schwarz und Weiß dominieren hier und doch wendet sich die gegen Schwarzweiß-Denken. So hat Simon Wachsmuth in winzigen Gesten eine große Papierrolle mit Ornamenten bemalt. Sandra del Pilars filigrane Eingriffe in historische Radierungen müssen wie auf Suchbilder aufgespürt werden und stellen den Lauf der Geschichte auf den Kopf. Und Alpin Arda Bağcıks dezent platziertes Künstlerbuch sollte man keinesfalls übersehen. In Abklatschtechnik hat der Istanbuler Künstler das Pressefoto von einem Soldaten immer wieder verfremdet, bis das Porträt im weißen Rauschen der Weltnachrichten zu verschwimmen scheint. Den einzigen farbigen Akzent setzt Isaac Chong Wai, der vor allem als Performance-Künstler bekannt ist, hier jedoch zwei zartpastellfarbene Schriftbilder zeigt. Isaac Chong Wai zählt übrigens zu denen neuen Teilnehmenden des Stipendienprogramms im Atelier auf dem Dach des Auswärtigen Amts.

  • Galerie Zilberman Goethestr. 82, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 21.8.

Gedenken: Dimension eines Verbrechens

Ausstellungsansicht: “Dimensionen eines Verbrechens”, Deutsch-Russisches Museum Karlshorst, Foto: www.harry-schnitger.de

Als sich am 22. Juni der deutsche Überfall auf die UdSSR zum 80. Mal jährte, machte Frank-Walter Steinmeier ein Museum in Karlshorst republikweit bekannt, das sogar viele eingefleischte Berliner:innen nicht kennen: das Deutsch-Russische Museum. Hier eröffnete der Bundespräsident „Dimension eines Verbrechens“, eine Dokumentar-Ausstellung im Museumsgarten über das Schicksal der sowjetischen Soldaten, von denen allein in deutscher Kriegsgefangenschaft rund drei Millionen starben – an Hunger, Krankheiten, Wetter und Zwangsarbeit oder weil sie erschossen wurden.

Die Schau zeigt historische Fotos, stellt Schicksal Einzelner vor und beleuchtet Hintergründe, wie sie ausschnittsweise in der Ausstellung über Zwangsarbeit zu sehen waren, die die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, 2010/ 2011 im Jüdischen Museum ausrichtete. Der ukrainische Botschafter soll übrigens nicht an der Gedenkveranstaltung mit Steinmeier teilgenommen habe: weil der Name des Museums die ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Belarus ausklammere. Claudia Wahjudi

  • Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst Zwieseler Str. 4, Karlshorst, Di-So 10-18 Uhr, Eintritt frei, Zeittickets für die Innenräume: www.museum-karlshorst.de, bis 3.10.

Drei auf einen Streich: Stanley Brouwn, Michael Stevenson und „Zeros and Ones“

Michael Stevenson, Serene Velocity in Practice: MC510/CS183, 2017–2019. Hier eine nstallationsansicht aus dem Monash University Museum of Art, 2019 Foto: Andrew Curtis / Courtesy Michael Stevenson und Michael Lett, Auckland und Fine Arts, Sydney

Nach einer Auktion und einer Internetausstellung zu ihrem 30-jährigen Jubiläum schlagen die Kunst-Werke nun wieder mit Ausstellungen auf – ab 3. Juli mit gleich drei neuen Präsentationen auf einmal. Eine Werkschau würdigt den neuseeländischen Künstler Michael Stevenson, der seit über 20 Jahren in Berlin lebt und in Nürnberg Professor für Bildhauerei ist. Stevenson baute historische Ereignisse und Erfindungen für Filme und Installationen nach, etwa ein Öltanker-Unglück vor Spanien.

Das übertrug er für die 6. Berlin Biennale in eine filmische Erzählung über einen Künstler, der an der Küste lebte und einen Monat nach deren Verseuchung starb. Auch ein hydraulisches Gerät aus den späten 40er-Jahren, das den globalen Warenverkehr veranschaulichen sollte, baut Stevenson auf seine Art neu. Nun stellt er erstmals in einer Berliner Institution aus. Die Gruppenausstellung „Zero and One“ zeigt dagegen Arbeiten von Hanne Darboven, Louise Lawler und Sturtevant zusammen mit Beiträgen jünger Künstler:innen. Ihr gemeinsames Thema: Abhängigkeitsverhältnisse.

Die dritte Ausstellung erinnert an den 2017 verstorbenen Konzeptkünstler Stanley Brouwn, der aus Surinam in die Niederlande gezogen war und später in Hamburg Kunst lehrte. Warum man sich vielleicht nicht mehr an seine Arbeit auf der 11. Documenta in Kassel erinnert? Weil sich Stanley Brouwn in jenem Moment „x fuß entfernt von diesem punkt entfernt“ befand. Das war sein Beitrag, der im Katalog auf Wunsch des Künstlers ohne Abbildung und Beschreibung dokumentiert wurde – also auf einer fast leeren Seite.

  • Kunst-Werke (KW Institute for Contemporary Art) Auguststr: 69, Mitte, Mi, Fr-Mo 11-19, Do 11-21 Uhr, 8/ 6 €, bis 18. J. frei, Zeittickets: www.kw-berlin.de, bis 19.9.

Gesellschaft der Bäume: Zheng Bos “Wanwu Council”

Zheng Bo: Wanwu Council 萬物社, Installationsansicht, 2021, Gropius Bau Foto: Eike Walkenhorst / Zheng Bo (Installationsansicht)

Sich einfach nur still hinzusetzen und auf eine einzige Sache zu konzentrieren, ist eine Kunst geworden, seit wir von dem Belohnungshormonen abhängig geworden sind, die unser Hirn im Takt der Meldungen des Smart-Phones ausschüttet. Zheng Bo aus Hongkong, Stipendiat am Gropius Bau, beherrscht diese Kunst und fordert Besuchende seiner Ausstellung „Wanwu Council“ (in etwa „Rat der zehntausend Dinge“) dazu auf, sie neu zu lernen. Seit rund acht Jahren zeichnet er Pflanzen, subtropische in Hongkong, derzeit hiesige in Berlin – weniger um des Zeichnens allein willen, sondern um still bei ihnen zu sitzen können.

Etwas zu zeichnen ist eine großartige Methode, sich in ein Gegenüber zu versenken und seinen Charakter zu erfassen. Deshalb präsentiert Zheng Bo seine Papier nicht an der Wand, sondern am Boden unter einer Glasscheiben, vor denen große Kissen einladen, Platz zu nehmen. Besuchende schreiten die Arbeiten also nicht eine nach der anderen an der Wand ab, sondern können sich in sie versenken und haben immer mehrere gleichzeitig im Blick. Ein Film, der sich in Bildsprache und Ton an das frühe sowjetische Avantgarde-Kino anlehnt, zeigt Bäume, Farne, Sträucher, aufgenommen in einem der Weltnaturerbe-Buchenwälder nördlich von Berlin. Sie treten gleichsam als miteinander sprechende botanische Gesellschaft auf.

Durch sie spaziert Zheng mit Wissenschaftler:innen, in Gespräche über die Ökologie des Waldes vertieft. Man wird nicht nur klüger, sondern auch ganz ruhig dabei. Wer möchte, malt auf Papierbögen Vorschläge auf, wie sich das Team des Gropiusbaus für Bäume einsetzen kann. Oder beteiligt sich an einem der Workshops, die Zheng Bo unter den Platanen hinter dem Ausstellungshaus täglich dreimal (!) anbietet. Welch eine Ausdauer, aber das kommt wohl davon, wenn man sich konzentrieren kann.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Fr-Mi 10-19 Uhr, 15/ 10 € (inkl. Ausstellung von Hella Jongerius), bis 16 J. frei, Zeittickets: www.berlinerfestspiele.de, bis 23.8.; Workshops mit Zheng Bo: Mi-Mo 15, 16 und 17 Uhr unter den Platanen neben dem Gropius Bau, keine Anmeldung nötig

Sammlung Boros im Bunker: Noch geht es spontan

Die Sammlung Boros im Bunker an der Reinhardtstraße ist gewöhnlich immer ausgebucht. Derzeit kommt man noch schnell an Tickets für Führungen. Foto: Imago/Travel-Stock-Image

Die Sammlung Boros ist eine der ersten Adressen für zeitgenössische Kunst, die beeindruckende Privatsammlung im Bunker in Mitte immer eine gute Entscheidung. Seit kurzem ist endlich wieder geöffnet nach der Zwangspause. Geändert hat sich nicht viel, nur, dass es derzeit noch einfach ist, an Tickets zu kommen. Das ist normalerweise nicht so: Die 3000 Quadratmeter, voll mit Kunst aus der Zeit der 90er bis heute, sind auch bei Berlinbesuchenden beliebt. Und entsprechend sind die Führungen immer auf Wochen und immer sehr schnell ausgebucht. Unser Tipp: Jetzt noch schnell anschauen. Bevor es wieder zum Kampf wird, überhaupt Tickets zu bekommen.

  • Sammlung Boros Reinhardtstraße 20, Mitte, derzeit Fr 15-19.30 Uhr, Sa+So 13-17.30 Uhr, nur Führungen zu festen Zeiten, online buchen

Sprechende Dinge: „La lumière qui fait le bonheur….” von Georges Adéagbo

Georges Adéagbo, La lumière qui fait le bonheur… Installationsansicht Maschinenhaus M2, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst,Foto: Jens Ziehe, 2021 / Georges Adéagbo/ VG Bild-Kunst Bonn, 202

Seit er vor 14 Jahren als Stipendiat des Küsntlerprogramms vomDeutschen Akademischen Austauschdienst in Berlin weilte, ist Georges Adéagbo immer wieder in der Stadt gewesen, auch, weil er hier mit Barbara Wien eine fantastische Galeristin hat. Für seine neue Ausstellung sichtete er seine eingelagerten früheren Installationen, nahm einen Teil mit in das Neuköllner Kindl-Zentrum und baute drum herum Gelegenheitskäufe und Fundsachen von hiesigen Flohmärkten und aus Trödelgeschäften auf, Fahnen, Postkarten Schallplatten etwa, dazu Zeitungen und Zeitschriften. In Benin, wo der 1942 geborene Künstler lebt, ließ Adéagbo zudem Skulpturen schaffen und Bildgeschichten malen.

Aus allem zusammen ist in Neukölln ein riesige Assemblage enstanden. „Das Licht, das glücklich macht….“, hat der Künstler sie genannt. Im Zentrum ragt eine Figur mit vier Gesichtern auf. Ihre acht Augen wachen genauso über einen Neuköllner Bierkasten wie über Bücher und Prospekte, die von hiesigen Afrikabildern zeugen – von Safari-Sehnsüchten bis zur aktuellen Raubkunstdebatte. Glasklar und doch assoziationsreich spiegelt Adéagbo den Blick des kleinen Europas auf das große Afrika zurück. Am 7. Juli findet online ein letztes Gespräch zu Adéagbos Ausstellung statt: Expert:innen diskutieren darüber, was Objekte in Sammlungen erzählen können.

  • Kindl Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12-20, Do-So 12-18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, Zeittickets: www.kindl-berlin.de, bis 25.7.; 7.7., 19 Uhr: „Talking Objects: Von erzählenden Objekten und Sammlungsnarrativen“. Gespräch zwischen Azu Nwagbogu, Isabel Raabe und Mahret Ifeoma Kupka, Live-Steam in Engl.

Spaß in Moabit: „This is not Funny“

„this is not FunnY“, Gemälde von Oliver Kossack, © Oliver Kossack, 2021

Besonders komisch ist die neue Ausstellung im Kunstverein Tiergarten nicht, will sie ja auch nicht sein: „This is not Funny“, lautet ihr Titel. Trotzdem macht sie in etlichen Ecken des langegestreckten Raumes eine Riesenfreude. Denn die 14 teilnehmenden Künstler:innen, die sich über eine fächerübergreifende Klasse des Leipziger Kunstprofessors Oliver Kossack gefunden haben sollen, verstecken hier und da wahre Kleinode versteckt. Zum Beispiel ein großes Schiebepuzzle, wie man es in Klein für Ziffern kennt, das hier aber mit abstraktem Design und einer dynamisch gesteppten Babydecke ausgestattet ist. Man möchte sich am liebsten darauf lümmeln, um das Spiel auszuprobieren.

Oder das Video von Sabrina Asche. Es zeigt junge Frauen in Asien, die (vielleicht nach Büro- oder Schulschluss) bei Regen ein Gebäude verlassen, hurtig bunte Schirme aufspannen und sich unterhaken. Eine große Farbspiel und wunderbares Zeugnis von Freundschaft. Ganzkörperporträts junger Frauen, die einen Mix aus westlicher und südlicher Kleidung tragen, hat Asche stapelweise ausgelegt – in einem Format halb so groß wie eine Postkarte. Sie lassen sich mitnehmen. Zuhause stehen diese Fremden dann auf dem Schreibtisch und bereiten weiter Freude.

  • Kunstverein Tiergarten / Galerie Nord Turmstr. 75, Moabit, Di-Sa 12-19 Uhr, Eintritt frei, bis 7.8.

Surreale Ökologie: „Sun Rise/ Sun Set“

Sun Rise | Sun Set, exhibition view Schinkel Pavillon Von links nach rechts: Henri Rousseau, La Belle et la bête, c. 1908, 32 x 41,5 cm, Öl auf Leinwand. Pamela Rosenkranz, Infection (Calvin Klein Obsessi­on for Men), 2021, Terra Preta, Duft, LED light Foto: © Andrea Rossetti / Schinkel Pavillon and Henri Rousseau/Courtesy of bpk / Nationalgalerie, SMB, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Pamela Rosenkranz/Courtesy of the artist and Sprüth Magers, Berlin

Ökologie trendet in diesem Sommer in den Ausstellungshallen. Auch im Schinkel Pavillon sind 2021 Artensterben und Klimakrise ein Thema, vielleicht nicht das Spezialgebiet des Teams. Es hat die selbstgewählte Aufgabe auf seine Art gelöst: Die ausgestellten Arbeiten bringen Tiere, Dinge, Pflanzen, Menschen in ein stimmungsvolles Zusammenspiel. Im dunklen Untergeschoss setzen Gemälde von Max Ernst und Richard Oelze den entscheidenden surrealen Akzent, der auch wissenschaftlichere Arbeiten wie von Pierre Hughye einfärbt. Allein das politische Video des Karrabing Film Collective fordert Analyse und Taten ein: Es verwebt in seiner Filminstallation Kapitalismuskritik mit Überlieferungen der First Nation in Australien.

Ähnlich wie das dunkle Unter- funktioniert das tageslichthelle Obergeschoss. Hier verbreiten Rachel Roses filigrane Kleinplastiken aus Stein und Glas und Ryuichi Sakamotos Klanginstallation eine derart barocke Atmosphäre, dass auch Pamela Rosenkranz‘ duftender Kegel aus Terra Preta buchstäblich nicht dagegen anstinken kann. Die ökologische Krise ist im Schinkel Pavillon keine politische und humanitäre, sondern eine emotionale. Das muss einem nicht genügen, aber es ist sehr gut gemacht.

  • Schinkel Pavillon Oberwallstr. 32, Mitte, Mi-So 11-19 Uhr, 6/4 € (keine Kartenzahlung), verlängert bis 22.8.

Zum Mitmachen: „Re:formen auf dem Steinplatz“

Fotocollage Stephanie Hanna auf der Basis von Fotos von Stephanie Hanna und Jiska Morgenthal. Foto: Fotocollage Stephanie Hanna/VG Bild-Kunst, Bonn 2021, auf der Basis von Fotos von Stephanie Hanna/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 und Jiska Morgenthal

Warum heißt der Charlottenburger Steinplatz eigentlich Steinplatz? Eben. Auf der der rechteckigen Grünfläche gegenüber von Universität der Künste und Technischer Universität finden seit ihrer 2018 abgeschlossenen Umgestaltung Konzerte und andere Veranstaltungen statt. Bis Oktober kommt nun eine Reihe hinzu, die „Re:formen auf dem Steinplatz“ heißt. Einmal im Monat geht es um Wahrnehmung, Kognition und Bewegung – in Workshops unter freiem Himmel. Beiträge von Klangkünstler:innen und Musiker:innen sollen die Teilnehmenden anregen, ihre Sinnes- und Denkorgane zu lüften und das Beobachtete zu überdenken. Urheberinnen der Reihe sind die Berliner Performancekünstlerin Stephanie Hanna, bekannt unter anderem für ihre Interventionen in Neuköllner Schaufenstern, und die Tänzerin Jiska Morgenthal.

Mit diesem Konzept setzt „Re:fomen auf dem Steinplatz“ einen Trend fort, den die Hygieneauflagen in der Pandemie begünstigt haben: Künstler:innen finden wieder den Weg aus dem weiß gestrichenen Ausstellungsraum hinaus in den Alltag. Auch fordern Künstler:innen zum Mitmachen auf, geht es doch nach Monaten eingeschränkten sozialen Lebens auch darum, wieder gesellig zu werden. Und mit geschärften Sinnen das Leben zu wahrzunehmen, statt sich beispielsweise einen Steinplatz einfach als Platz mit Steinen vorzustellen. Der in Charlottenburg jedenfalls heißt nach Karl Reichfreiherr vom und zum Stein (1757-1831), einem preußischen Reformer und Gegner Napoleons.

  • Steinplatz Charlottenburg, nächste Folge: Di 17.8., 18 Uhr, „Sind wir die Sinnflut?“ mit DJ The Sorry Entertainer, Eintritt frei, Infos und Anmeldung: www.denken-in-bewegung.de

Ausflug: Richard Deacon meets Kurt Tucholsky

Richard Deacon Flat 27, 2016 glasierter Feuerbeton / Glazed refractory concrete 34,5 x 52,3 x 44 cm
Foto: Mareike Tocha / Richard Deacon

Der bekannte britische Künstler Richard Deacon (Turner-Preisträger, Teilnehmer von Documenta, Skulptur Projekte Münster und vielem mehr) stellt im kleinen Rheinsberg aus. Keine seiner monumentalen Großformen, sondern die wohnzimmertauglichen „Flats“, flache Keramikobjekte mit poetischen Farbglasuren. Das passt hervorragend, denn Rheinsberg war dank einer Fayence-Manufaktur lang Zentrum für Keramikhandwerk, wie das Keramik-Museum am Kirchplatz bezeugt. Deacons Schau, die auch Zeichnungen, Collagen und ein Filminterview umfasst, findet jedoch im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum statt.

Das gehört zur Akademie der Künste, zu deren Mitglieder Deacon seit über elf Jahren zählt. Das Literatur-Museum erinnert an Tucholskys kurzen Aufenthalt in Rheinsberg, von dem zwei Romane zeugen, der bekanntere ist „Schloss Gripsholm“ (1931). Und in der Remise des Museums stellt der Ostkreuz-Fotograf Harald Hauswald Bilder vom „Leben in der DDR“ aus. Alles in allem viele gute Gründe, Rheinsberg (wieder) einmal zu besuchen.

  • Kurt Tucholsky Literaturmuseum Schloß 1/ Marstall, 16831 Rheinsberg, Di-So 10-12.30, 13-17.30 Uhr, 4/3 €, www.tucholsky-museumhttp://www.tucholsky-museum.de.de, bis 28.8.

Stille Häuser: „Dark Whispers“ von Beatrice Minda

Beatrice Minda: „Dawei“, 2015, aus der Fotoserie „Dark Whispers“, Foto: Beatrice Minda

Myanmar ist hierzulande aktuell vor allem wegen seiner Militärregierung in den Schlagzeilen. Beatrice Minda hat weniger bekannte Seiten des Landes aufgenommen, das 1948 Unabhängigkeit von der britischen Krone erlangte: Die Berliner Fotografin hat alte Häuser aus der Kolonialzeit aufgesucht. Luftige Holzarchitektur, großzügige Räume und Terrassen zeugen von den Ansprüchen der ehemaligen Besitzer:innen. So viel Platz beansprucht kaum noch jemand: Die heutigen Bewohner:innen haben in den Häusern Zelte aufgeschlagen, im Salon ihre Wäsche aufgehängt, lassen unter dem Dach die Möbel des vorigen Jahrhunderts verstauben.

Minda hat in diffus schattigen Räumen fotografiert und das durch Fenster und Bambuslamellen schräg fallende Licht eingefangen, das Staub und die in der Feuchtigkeit der Monsunregen verblichenen Farben leuchten lässt. Die Serie „Dark Whispers“ war bereits in der Galerie Podbielski am Koppenplatz in Mitte zu sehen, kurz bevor die Mailänder Galerie ihre Berliner Dependance schloss. Nun ist die Fotoserie als Buch erschienen: ein Grund mehr, sie im kommunalen Haus am Kleistpark anzusehen, in dessen auf besondere Fotoarbeiten spezialisierten Projektraum.

  • Haus am Kleistpark Grunewaldstr. 6/7, Schöneberg, Di-So 11-18 Uhr, Eintritt frei, nicht barrierefrei, bis 8.8.

Tiere sehen dich an: Walton Ford

Walton Ford: „Detested“, 2020, Aquarell, Gouache und Tinte auf Papier. Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Walton Ford. Foto: Tom Powel Imaging / © Walton Ford / Courtesy Walton Ford and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London

Affen können bekanntlich malen, aber dieser Mandrill hat sein Porträt nicht selbst gefertigt. Bei dem Bild, dasder Affe schleppt, handelt es sich um eine Persiflage eines Gemäldes von Oskar Kokoschka („Der Mandrill“, 1926), das im niederländischen Museum Boijmans hängt. Solche Zusammenstöße zwischen Tier und Mensch machen Walton Fords Großaquarelle im ironisierten Stil wissenschaftlicher Naturzeichnungen der Kolonialzeit so einprägsam – und seine Soloschau 2010 im Hamburger Bahnhof von Berlin unvergesslich. Jetzt stellt Ford in der Galerie Max Hetzler neuere Arbeiten voller Anspielungen auf Geschichte und Kunstgeschichte aus: mit einem Gepard, der über einem umgestürzten, altmodischen Motorrad faucht, und einem Bären, der hoch in den Bergen ruht, während unten im Tal berittene Jäger ein anderes Raubtier hetzen.

  • Galerie Max Hetzler I Bleibtreustr. 45, Charlottenburg, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 14.8.

Die Wahrheit finden: Laura Poitras

Investigativ-Reporterin, Filmemacherin und Künstlerin Laura Poitras, Foto: Jan Stürmann

Nachdem sie wegen ihrer Kontakte zu Whistleblower Edward Snowden die Aufmerksamkeit US-amerikanischer Sicherheitsbehörden geweckt hatte, verbrachte die Investigativ-Reporterin und Filmemacherin Laura Poitras einige Jahre in Berlin. Inzwischen wieder in den USA, hält sie ihre guten Kontakte in die deutsche Hauptstadt: Im Neuen Berliner Kunstverein zeigt sie die Ausstellung „Circles“. Darin enthalten sind unter anderem Drucke aus ihrer Serie „Anarchist“, die von den USA gehackte Drohnen- und Satellitenbilder thematisiert, und das Recherchevorhaben „Terror Contagion“ zu einer Malware, die der Verfolgung von Journalist:innen und Menschenrechtsaktivist:innen dient.

Im Juli nahm Poitras im Haus der Kulturen der Welt an einer Diskussion über Strategien der Veröffentlichung von Beweisen teil. Auf die Frage, warum sie ihre Rechercheergebnisse in der Kunst statt in journalistischen Medien enthüllt, hat Poitras tipBerlin-Redakteur Bert Rebhandl geantwortet: „Die Kunstwelt ist eigentlich abzulehnen, wenn man überlegt, welches Geld da im Spiel ist, vor allem in den USA. Kunst ist allerdings eine gute Weise, die Welt sichtbar zu machen. Wir zeigen im n.b.k. zum Beispiel Aufnahmen von einem Gefängnisschiff, auf dem in New York während der Pandemie Inhaftierte unter extremen Bedingungen gehalten werden. So etwas gehört eigentlich auf die Titelseite der „New York Times““.

  • n.b.k. Chausseestr. 128/129, Mitte, Di-Mi, Fr-So 12-18, Do 12-20 Uhr, Eintritt frei, bis 8.8.

Bodenhaftung: Reconnecting Earth

„Reconnecting Earth“ mit Plakaten von Julian Charrière, Valérie Favre, Andreas Greiner & Takafumi Tsukamoto, Eli Cortiñas, Luzie Meyer, Caroline Bachmann  (von links nach rechts). Foto: Simone Zaugg 2021

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Klimawandel und Artensterben auf ein anschauliches Maß vor Ort herunter zu brechen, ist das Ziel der Ausstellung „Reconnecting Earth“ bei Kurt Kurt. Die Künstler:innen Pfelder und Simone Zaugg haben den Kurator Bernard Vienat eingeladen, eine Ausstellung zu organisieren, die die Aufmerksamkeit Natur entwöhnter Städter:innen für Ökologie weckt. Zusammen gekommen sind Beiträge von 16 Künstler:innen im Projektraum, in Kleingärten und auf der Straße. Dazu gehören neben den Objekten in der Ausstellung auch Werkstatt-Spaziergänge, Fotos, die Mitwirkende auf Social Media hochladen können, sowie Plakate wie von Zaugg und Pfelder (Abb.).

Zu den Teilnehmenden zählen Eli Cortinas, Andreas Greiner und Takafumi Tsukamato, Valérie Favre und Zheng Bo, der seit 21. Juni im Gropiusbau ausstellt. Parallele Aktionen und Ausstellungen finden in Genf statt. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Weltklimarat soeben in seinem diesjährigen Vorbericht Hunger, extremer Hitze und „irreversiblen Auswirkungen auf Menschen und ökologische Systeme“ prognostiziert, sollten wir das 1,5 Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens verfehlen.

  • Kurt Kurt Lübecker Str. 13, Do-Sa 15-20 Uhr, Eintritt frei, bis 31.7., Terminbuchungen für den Spaziergang mit Simone Zaugg am So, 27.6.: www.reconnecting.earth

Lockruf Wildnis: 26. Rohkunstbau in Lieberose


Luzia Simons: „Stockage 76“, 2009, Lightjet print Diasec, Foto: Luzia Simons / VG Bild-Kunst Bonn 2021

Und noch einmal das Thema Natur, das in diesem Sommer Konjunktur in der Kunst hat: „Von der Verletzlichkeit, Überleben in der Risikogesellschaft“, lautet das Motto der 26. Ausstellung der Rohkunstbau-Reihe, 2021 erneut im unsanierten Schloss Lieberose stationiert, um das sich Efeu und andere Ranken winden. Hier müssen sich die Arbeiten, die Kuratorin Heike Fuhlbrügge versammelt hat, gegen die Ruinenromantik eines Schlosses am Rand des Spreewaldes behaupten: Claudia Chaselings kräftige Wandmalerei genauso wie David Claerbouts Tuschbilder von Buschbränden, Jochen Dehns ausladende Baumskulptur genauso wie Gilbert & Georges Fotomontagen oder Nadia Lichtigs Klanginstallation, in der ein Dattelbaum seine Kulturgeschichte erzählt. Der Text dieses sprechenden Ziziphus-Strauchs lässt sich mit nach Hause nehmen: auf einer Postkarte mit QR-Code.

Die Lieberrose Heide nebenan zählt übrigens zu den bedeutenden Naturlandschaften Ostdeutschlands: Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz haben sich Wölfe angesiedelt, auch eine Elchkuh soll hier schon gesichtet worden sein. Ein Wildnispfad führt vom Besucherparkplatz an der L44 zwischen Butzen und Lamsfeld über das Gelände. Bitte auf den Wegen bleiben: nicht nur wegen der empfindlichen Pflanzen, die hier ungezähmt wachsen dürfen, sondern auch, weil im sensiblen Boden noch Munition steckt. Und die hohe Waldbrandgefahr bitte beachten – in der Lieberrose Heide brennt es in trockenen Sommern immer wieder.

  • Schloss Lieberose Schlosshof 3, 15868 Lieberose, Sa/So 12-18 Uhr, 12/ 7 €, bis 12 J. frei, bis 3.10.
  • Zeittickets und Anfahrt auf: www.rohkunstbau.net/

Geburtstag: Haus am Waldsee

Haus am Waldsee, eine Ansicht nach dem Umbau 2019. Foto: Bernd Borchardt

Auch das Zehlendorfer Haus am Waldsee feiert einen Geburtstag: Zarte 75 Jahre alt wird es. Bis zum Fest dauert es zwar noch ein bisschen, doch die Sommerausstellung beginnt bereits jetzt. Christiane Löhr zeigt seit Sonntag, den 20. Juni, ihre erste institutionelle Einzelschau in Berlin, mit Skulpturen und Zeichnungen aus 20 Jahren. Die Künstlerin aus Köln ist bekannt für ihre feinen Arbeiten aus Pflanzenteilen wie Grasstängeln, Kletten, Efeusamen und Baumblüten. Da beschleunigt sich der Puls von Restaurator:innen doch sofort. Im Skulpturenpark hinter dem Haus aber, am Ufer des schattigen Waldsees, lässt sich vor Ort beobachten, was die Natur an Material bereitstellt.

  • Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di-So 11-18 Uhr, 7/ 5 €, bis 18 J. und Beziehende von Transferleistungen frei, Zeittickets: hausamwaldsee.de, Ausstellung: bis 5.9.

Ein halbes Jahrhundert: „Politik und Kunst“ der Documenta

Auf der Documenta 7, 1982: Ausstellungsansicht mit Jörg Immendorffs „Naht (Brandenburger Tor-Weltfrage)“ © documenta archiv, Foto Dieter Schwerdtle © The Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch, Wilmersdorf, Köln & New York

In seiner neuen Ausstellung „Politik und Kunst“ zeigt das Deutsche Historische Museum seit 18. Juni Ergebnisse von Untersuchungen zu den politischen Verflechtungen der „Documenta“ zwischen 1955 und 1997. Um es vorweg zu nehmen: Die „Documenta“, die Kasseler Großschau mit internationaler zeitgenössischer Kunst und vermeintlich Hort der Avantgarde, war nicht viel besser als die Bundesrepublik, in der sie stattfand. Die nationalsozialistische Vergangenheit eines Mitbegründers blieb lang unbekannt. Ideologisch spiegelte sich in ihr die Idee von abstrakter Freiheit als Gegenpol zum sozialistischen Realismus. Und später, vor allem unter Chefkurator Jan Hoet 1992, ein markenbewusstes Marketing als Ausdruck einer globalisierten Kulturindustrie. Spannend.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden, 2, Mitte, Mo-Mi, Fr 10-18, Do 10-20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.dhm.de, bis 9.1.2022

Wiedersehen macht Freude: Joseph Beuys

Joseph Beuys, Unschlitt/Tallow, 1977 (Detail), Talg (Stearin, Paraffin), ungesättigtes Tierfett, Gips, Chromel-Alumel-Thermo- Elemente mit Ausgleichselementen, Digitalmillivoltmeter, Wechselstromtransformator (elektrische Schneidevorrichtung), elektronische Temperaturmessgeräte, Temperatur-Messskalen, metallische Elemente, Holzpodeste, 6-teilig, variabel Foto: Jan Windszus / 1995 erworben durch das Land Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Joseph Beuys/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

In Düsseldorf, wo Joseph Beuys lebte, lehrte und 1986 starb, haben die Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag (am 12. Mai) bereits begonnen. Nordrhein-Westfalen lässt den Künstler mit der Ausstellungreihe „Beuys 2021“ hochleben. Museen in 14 Städten von NRW machen mit: Krefeld, seine Geburtsstadt, widmet sich dem Ready Made bei Beuys und Duchamp, Wuppertal der Aktionskunst und Bonn seiner Idee von „Sozialer Plastik“. Zu den Koordinatoren des Museumsreigens gehört der Berliner Kurator Eugen Blume, der in Berlin bis 2016 das Museum Hamburger Bahnhof leitete.

Nun zieht die Hauptstadt nach: Am 13. Juni begann an Blumes ehemaligen Stammhaus die Berliner Geburtstagsschau. „Von der Sprache aus“ heißt sie, und tatsächlich geht es um Reden, Sprechen, Vortragen, Stammeln, Schweigen und Schreiben in Beuys Werk – in sieben Kapitel, mit 25 Werken und Großwerken sowie zahlreichen Fotos, Plakaten, Postkarten und Filmen. Die meisten Exponate stammen aus den Staatlichen Museen. Vor allem Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek hüten Beuys-Dokumente und Arbeiten auf Papier. Kuratiert hat die Ausstellung Nina Schallenberg, seit 2017 am Hamburger Bahnhof und dort auch für die Sammlung Marx mit deren Beuys-Werken zuständig. Man darf sich freuen auf ein Wiedersehen mit dem Künst, der in René Blocks New Yorker Galerie einen lebenden Koyoten traf, und auf die Aufnahme, in der Beuys gemeinsam mit Kollegen 1968 endlos lang „Ja, Ja, Ja, Nee, Nee, Nee“ sagt, selbstredend in tiefstem Rheinisch, was klingt wie „Näh, näh, näh“.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. frei, Buchung www.smb.museum/tickets, bis 19.9.

Noch ein Comeback: Das Studio Berlin im Berghain öffnet wieder

Die Boros Foundation zeigt Kunst im Berghain. Das Banner stammt von Rirkrit Tiravanija. Foto: Noshe

Nach Monaten hatte sich im September 2020 endlich mal wieder die Berghain-Tür geöffnet, für eine Kooperation mit der Sammlung Boros: Vor allem lokale Künstler:innen zeigten hier einige Wochen Arbeiten. Teils neu, teils ungenutzt, weil Ausstellungen ausgefallen waren. Eine größer Bogen fehlte, gleichzeitig war eben dieser willkürliche Ansatz das bindende Glied. Gepaart mit dem Club entstand eine Auseinandersetzung mit der von Corona ausgelösten Erschütterung verschiedener, doch zusammenhängender Szenen. Nun öffnete Studio Berlin am 18. Juni wieder. Ein paar Kunstwerke wurden schon wieder weiter verschifft, es bleibt trotzdem eine hochspannende Ausstellung in Räumen, die viele sonst gar nicht zu Gesicht bekommen – und die gleichermaßen sehens- und erfahrenswert sind. Unsere ausführliche Kritik zu Studio Berlin findet ihr hier.

  • Berghain Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Führungen Mi+Do 11.45 bis 20 Uhr Open House Fr-So 11.45-20 Uhr, Führungen 20 (erm. 10) Euro, Open House 18 (erm. 9) Euro, Eintritt ab 16, Tickets und Infos online

Design und Kunst: Hella Jongerius

Hella Jongerius: „Kosmos weben“, Ausstellungsansicht mit der Installation „Dancing a Yarn“, 2021.
Foto: Laura Fiorio / Gropius Bau / Hella Jongerius/VG Bild-Kunst 2021

Der Gropiusbau übertrifft sich selbst: Neben der Ausstellung der japanischen Küsntlerin Yayoi Kusama, für die es nur ganz schwer Karten gibt, zeigt das Team eine Werkschau der niederländischen Konzeptdesignerin Hella Jongerius, der Pionierin der Sofa-Landschaft. Die großzügig gestaltete Werkschau lenkt den Blick auf abstrakte Bilder aus Textil, denen Fadenlauf und Aussparungen dreidimensionale Struktur geben, und auf die soziale Qualität des Arbeitens mit Textil, die in Industrieländern verloren zu gehen droht, nun jedoch wieder entdeckt wird. Beispielhaft dafür ist die Installation „Dancing A Yarn“ (Foto) aus diesem Jahr, mit der Jongerius Ausstellungsbesuchende einlädt, ein Stück gemeinsam zu weben.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-21 Uhr, 15/ 10 €, bis 16 J. frei, Tickets: gropiusbau.de, bis 15.8.

Yael Bartana: Redemption Now

Yael Bartana: Standbild aus „Malka Germania“, 2021, Auftragsarbeit für das Jüdische Museum Berlin

Die Heilsbringerin, gekleidet in einen weißen, langen, weiten Mantel, reitet auf einem Esel in Berlin ein. Ein Schelm, wer da an Jesus denkt. Doch das Berliner Regierungsviertel ist nicht Jerusalem. Auf ihrem Weg Richtung Südwesten, zum Strandbad Wannsee, erlebt die geheimnisvolle Lichtgestalt eine Stadt, die nach wie vor von der nationalsozialistischen Diktatur geprägt ist – vor allem im kollektiven Gedächtnis ihrer Bewohner:innen.

Yael Bartanas aufwändige, dreikanalige Filminstallation „Malka Germania“ („Königin Germania“) ist eine Auftragsarbeit für das Jüdische Museum, die überlieferte und vielfach gebrauchte Motive aus Film und Fotografie zerlegt und neu verwendet – von Menschen Menschen mit Koffern, die auf Gleisen in den Wald gehen, von Soldaten, die mit israelischer Flagge um den Schultern aus der U-Bahn stürmen. Die provokative Installation bildet den Mittelpunkt einer großen Werkschau der in Amsterdam und Berlin lebenden Künstlerin aus Israel, die schon Polen auf der Venedig-Biennale vertrat. „Redemption“ heißt die Ausstellung. Bartana will wissen, ob es eine „Erlösung“ von der Geschichte geben kann. Ihre Fotografien, Filme, Neonarbeiten und Installationen aus zwei Jahrzehnten thematisieren weltliche und religiöse Versuche, einem besseren Leben näher zu kommen – noch hier auf Erden oder auch jenseits von ihr.

  • Jüdisches Museum Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo-So 10-19 Uhr, 8/3 €, bis 18 J. frei, Buchung: www.jmberlin.de, bis 10.10.

Diversity United: Ein wackeliger Kontinent

Kris Lemsalu: „Sally, Go Around the Roses“, 2018 Gusskeramik, Textilien und Klettergriffe ca. 160 x 160 x 50 cm
Foto: Mark Blower / Kris Lemsalu / Courtesy Temnikova & Kasela Gallery und Koppe / Astner Gallery

Zum Thema Europa haben die Kurator:innen der Großausstellung „Diversity United” Arbeiten von 90 Künstler:innen aus drei Jahrzehnten und 34 Ländern in den Flughafen Tempelhof zusammengebracht. Ost und West, Arm und Reich, Staaten und Subjekte, Weltliches und Religiöses prallen hier aufeinander. Viele neue Auftragsarbeiten sowie bekannte Werke beispielsweise von Luc Tuymans, Yinka Shonibare CBE, Kris Lemsalu (Foto) und Katharina Sieverding zeichnen das widersprüchliche Bild eines Kontinents, der an seinem Zusammenwachsen nach 1990 noch deutlich nachbessern muss. Mehr zu Diversity United lest ihr auch hier.


Ausflug: Zitadelle Spandau

Zitadelle Spandau: Militärbau mit Renaissanceelementen, heute historisches Museum und Zentrum für Aktuelle Kunst .
Foto: Imago/Jürgen Ritter

Spandau, im Ernst? Im Ernst. Auf der Zitadelle Spandau, ohnehin Ausstellungsort und Dach für Ateliers, macht sich neben den historischen Ausstellungen inzwischen auch zeitgenössische Kunst breit. Verantwortlich dafür sind das Zentrum für Aktuelle Kunst, das Kunstamt Spandau – und Ralf Hartmann, der zuvor in der Galerie Nord/ Kunstverein Tiergarten gearbeitet hat. Bestens vernetzt in Berlin, holt er Künstler und Künstlerinnen auf das Gelände, auf das man sicher nicht zweimal bitten muss: Teile von Hof und Mauern, die im Stil italienischer Renaissance gebaut wurden, erinnern an das Arsenale der Venedig-Biennale.

Biennale-reif ist Spandau zwar noch nicht, aber auf einem guten Weg, das Kunstpublikum von den ausgetretenen Pfaden der Berliner Innenstadt abzuholen. Am Wochenende beginnen hier Ausstellung mit Neuerwerbungen der Kommunalen Sammlung, eine Gruppenausstellung zum Thema „Zusammentun und Auseinandersetzen“, sowie je eine Einzelausstellung des Malers und Performancekünstlers Martin von Ostrowksi und der Bildhauerin Monika Brandmeier. Und Michael Hischer stellt seine kinetischen Skulpturen auf den Wällen auf. Übrigens: Die Zitadelle blickt über die Havel, die weiter südlich, etwa bei Gatow und Schildhorn, etliche Badestellen passiert.

  • Zitadelle Spandau Am Juliusturm 64, Spandau, Fr-Mi 10-17 Uhr, Do 13-20 Uhr, 4,50/ 2,50 Euro, bis 6 J. frei, ohne Anmeldung und Nachweis, mit Möglichkeit zu einem Schnelltest (Gotischer Saal), Ausstellungen bis 19.9., bzw. bis 17.10.

Berliner Herbstsalon: Kunst und Szenografie am Theater

„Eyewitness Painting“ von Timur Çelik, Foto: Lutz Knospe/Timur Çelik

Jetzt noch einmal besser präsentiert: Zehra Dogans Zeichnungen aus ihrer Haft in der Türkei, die auf der 11. Berlin Biennale zu sehen waren, sind nun im Kiosk des Gorki ausgestellt, gut ausgeleuchtet und übersetzt. Sie eröffnen den diesjährigen, über Monate gestreckten Herbstsalon des Theaters unter dem Motto „stronger still“ Zu diesem Eröffnungsteil gehören ebenfalls Tarik Celiks Porträts von Verfolgten, Augenzeugen und Infhaftierten sowie Fakten über türkische Gefängnisse, die der ehemals inhaftierte Journalist Can Dündar mit dem Theater-Team im Hof und Verwaltungsgebäude eindrucksvoll in Szene gesetzt hat.

  • Gorki Eingang Dorotheenstr. 9, Mitte, Di-Do 12-21, Fr-So 14-22 Uhr, Eintritt frei, Zeittickets: gorki.de, bis 23.9

Island: Hidden People & From Magna to Mankind

Standbild aus Egill Saebjornssons Film „From Magna to Mankind“, Foto: Egill Saebjornsson/ Galerie im Körnerpark

Niemand muss Island-Fan sein, um sich in dieser Ausstellung wohl zu fühlen. Maria und Natalia Petschatnikov haben fast die ganze Galerie im Körnerpark zu einer Landschaft umgestaltet, in der Schafe grasen, Hänge rutschen, Eis splittert. Aus ganz einfachen Materialien wie Packpapier. In diese künstliche Wildnis haben die Schwestern zarte Aquarelle von Island und seinen menschlichen, tierischen wie pflanzlichen Bewohner:innen gehängt. Es ist eine Einladung, den Menschen nicht mehr als Krönung der Schöpfung zu sehen. Im hinteren Videoraum läuft Egill Saebjornssons humorvoller Projektfilm „From Magna to Mankind“ mit ernstem Inhalt.

Der in Berlin lebende Konzeptkünstler sieht den Ursprung allen Lebens in Vulkanen, er denkt Lebewesen, Metalle, Mineralien und Magna zusammen. Wissenschaftlich betrachtet, hat er sogar Recht, man muss nur an die Schwarzen Raucher in der Tiefsee denken, an denen sich Bakterien bilden und den Anfang einer Kette des Lebens begründen. Galerieleiterin Dorothee Bienert führt am Freitag, den 4. Juni, 18 Uhr, gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Yolanda Kaddu-Mulindwa auf der Terrasse der Galerie in die Kunst ein. Danach spielt die Musikerin Dorit Chrysler auf dem Theremin.

  • Galerie im Körnerpark Schierker Str. 8, Neukölln, Mo-So 10-20 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung Tel: 030/56 82 39 39, bis 22.8.

Geumhyung Jeong: Under Maintenance

Geumhyung Jeong, Under Maintenance, 2021, installation view, Klemm’s, Berlin

Nein, das hier ist weder Heimwerkermarkt noch Bastelkeller. Eher eine Bühne für den Versuch, mit Laienwissen Roboter zusammenzubauen, die auch wirklich tun, was ihre Erfinderin von ihnen will. Der Performance-Star Geumhyung Jeong hat sich zunehmend der Form der Installation zugewendet. Sie tritt noch immer auf, sie arbeitet noch immer ganz körperlich mit den Maschinenteilen, wovon die Filme an den Gerüsten zeugen. Und sie erforscht dabei noch immer die Grenzen zwischen weiblichem Körper und (vermutlich) von Männern erdachten Maschinenteilen. Doch im Mittelpunkt stehen nun Funktion und Form der Bauteile. Beklemmend präzise aufgebaut, oder besser: geradezu angerichtet auf den Tischen in der Kreuzberger Galerie Klemm’s.

  • Galerie Klemm’s Prinzessinnenstraße 29, Kreuzberg, Di-Sa 11-18 Uhr, nur mit Anmeldung, Termine bis Ende Juli

Skulpturenpark: Ausflug aufs Schlossgut Schwante

Toshihilo Mitsuya: „The Aluminum Garden-Structural Study of Plants“, 2020, im Park von Schlossgut Schwante.
Foto: Schlossgut Schwante

Westlich von Oranienburg, gut zu erreichen über die Autobahn, liegt das Gutshaus Schwante bei Oberkrämer. Neben einem Restaurant und einem Hofladen erstreckt sich hier ein großer Garten für zeitgenössische Skulptur. In diesem Park stehen beispielsweise eine Art Mediationsraum von Carsten Nicolai, eine Treppe von Monika Sosnowska und eine Neonarbeit von Martin Creed. Zur neuen Saison sind weitere Arbeiten hinzugekommen, unter anderem die Hasenfigur „Usagi Greeting“ der Berliner Kunstprofessorin Leiko Ikemura und „The Wind Rose“ von der Berliner Installationskünstlerin Susan Philipsz. Willkommen im Grünen.

  • Schlossgut Schwante Schloßplatz 1-3, 16727 Oberkrämer, Fr-So ab 11 Uhr, bis in den Herbst

Pablo Picasso: „Les Femmes d’Alger“

Pablo Picasso,: Les Femmes d’Alger (Version A), 13.12.1954, Öl auf Leinwand, 61,5 × 72,2 cm, Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, CT. Gift of the Carey Walker Foundation © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Allen Phillips / Wadsworth Atheneum

Im Museum Berggruen sind erstmals seit mehr als 60 Jahren in Deutschland Variationen von Pablos Picassos „Les Femmes d’Alger“ als Serie zu sehen, zusammen mit dem Vorbild, Eugène Delacroix „Femmes d’Alger dans leur intérieur“ (1849). Chronologisch gehängt von Sammlungskurator Gabriel Montua, machen all die Leihgaben den Zusammenhang transparent, in dem das einzige Gemälde der Serie entstand, das sich dauerhaft unter dem Dach des Museums befindet: die Version L vom 9. Februar 1955.

So wird erfahrbar, wie Picasso in Gemälden, Zeichnungen und Drucken Formen ausprobierte. Mit Zwei- und Dreidimensionalität experimentiert, mit Farben und Nichtfarbe, wie er sich an Matisse abarbeitete, die Frauen entkleidete und ihre Körper verdrehte und fragmentierte. Nicht zuletzt aber erhellt eine ganzen Etage Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der Serie. Denn Picasso begann sie, als in Algerien der Unabhängigkeitskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich begann. (cwa)

  • Museum Berggruen Schloßstr. 1, Charlottenburg, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, 12/ 6 € (inkl. Sammlung Scharf-Gerstenberg), bis 18 J. frei, Ticketbuchung: www.smb.museum/tickets, bis 8.8.

Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit

Gemälde / Öl auf Eichenholz (vor 1437) von Konrad Witz [um 1400 – um 1445], 85,80 x 80,30 cm,
Foto: bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders

Die Spätgotik gilt als das Schwarzbrot der Kunstgeschichte, immens wichtig, aber anstrengend. Deshalb zeigt die Gemäldegalerie mit dem Zusatz „Aufbruch in die Neuzeit“ gleich die Richtung an, auch wenn sich die Schau nicht wirklich vom kunsthistorischen Ansatz löst. Muss sie auch nicht, denn Meisterwerke von Nicolaus Gerhaert, Martin Schongauer und Tilman Riemenschneider zeigen in ihrer realistischen Menschendarstellung sehr eindrücklich, wie die Entdeckung des Individuums im 15. Jahrhundert auch die Kunst prägte.

Die Künstler begannen, ihre Werke zu signieren. Auch die Medienentwicklung – in der Zeit wurden der Buchdruck, Holzschnitt und Kupferstich erfunden – ist ein wichtiges Thema. Dass in Berlin so viele hochkarätige Stücke der Spätgotik in den Museumsbeständen sind, ist übrigens das Verdienst mit von Karl Friedrich Schinkel. Er hat der Epoche wiederentdeckt und für den Ankauf vieler, damals billig zu habender Spitzenwerke gesorgt.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz am Kulturforum, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/ So 11–18 Uhr, Zeitfenstertickets über www.smb.museum/tickets, bis 5.9.

Marc Brandenburg: „Hirnsturm II“

Marc Brandenburg: „Camouflage Pullover „(Stills), 2018, Videoinstallation, Wolle, Foto: Marc Brandenburg/ Palais Populaire

„Brainstorm“ hieß der erste Teil dieser Ausstellung, sie fand in New York statt. Das Kunstwort „Hirnsturm“ ist kantiger, fast schmerzhaft, passt aber genau zur aktuellen Ausstellung des Berliner Künstlers. Müll, Graffiti, Schmuckstücke, Werbung, Filme, die Schlafplätze von Obdachlosen – solche Motive finden sich in Marc Brandenburgs neuer Schau im Palais Populaire, wie immer bei ihm schwarzweiß gezeichnet, meist inversiv, also Schwarz und Weiß vertauscht, und mit Schwarzlicht beleuchtet. All diese Versatzstücke der Großstadt und der Popkultur hämmern heftig ins Hirn.

Den zweiten Teil der Schau bildet die dreikanalige Videoinstallation „Camouflage Pullover“ von 2018. Sie geht zurück auf die Strickarbeit „Tarnpullover für Ausländer“, die unter dem Eindruck der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 entstanden sind. An die Pullover sind auch gleich noch Hälse, Gesichter und Haare drangestrickt, in verschiedenen Hautfarben, ganz stereotyp. Diese Strickgesichter-Männer gehen durch Berlin, nur wenige Passanten sind irritiert. Eine eindrückliche Ausstellung mit Themen, die für Berlin aktuell super wichtig sind. (SD)


Anja Ehrenstein: Gewinnerin des C/O-Talent-Wettbewerbs

CO Berlin Talent Award 2021 Gewinnerin Anna Ehrenstein: „Franceline II“, 2019
Foto: Anna Ehrenstein / Courtesy Office Impart and KOW Berlin

Bilder spiegeln Macht und verfestigen sie: Davon ist Anja Ehrenstein, 28, überzeugt. Sie macht nicht nur Fotos, sie klaubt Bilder zusammen, aus dem Netz vor allem und sie gibt die Kamera ab an Menschen in Dakar, in Deutschland, in Albanien. Um die Macht über die Bilder zu teilen und alternative Motive den Weg an die Öffentlichkeit zu ebnen. Mit dieser Methode hat sie die Jury des Talent-Wettbewerbs am Fotohaus C/O Berlin überzeugt. Und nun findet endlich die verschobene Ausstellung dazu statt – zeitgleich zu einer Soloschau der britischen Modefotografin Nadine Ijewere und einer Themenausstellung zu Social-Media-Bildern, die die gute alte Ansichtskarte oft ersetzen. (cwa)

Vor dem C/O Berlin stehen drei Enten – die Installation „What The Duck“. Foto: David von Becker
  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22-24, Charlottenburg, 10/6 Euro, bis 18 J. frei, aktualisierte Öffnungszeiten und Zeittickets auf: https://co-berlin.org, bis 2.9.

Joseph Beuys: Der Erfinder der Elektrizität

Joseph Beuys in seiner Wohnung in Düsseldorf, 1981
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Marzona / Winfried Göllner / Reprofotograf: Dietmar Katz

Bevor der Hamburger Bahnhof Mitte Juni seine große Ausstellung zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys beginnt, kann das Publikum sein Wissen über Beuys´ Schaffen und Wirken auffrischen: In der Kirche St. Matthäus hat Kurator Eugen Blume, ehemals Leiter des Museums Hamburger Bahnhofs, eine Ausstellung zum religiösen Strang in Beuys Werk zusammengestellt.

In kleineren plastischen Arbeiten, Filmen von Performances sowie Plakaten wird deutlich, wie der Düsseldorfer Künstler unter anderem christliche Symbolik variierte. Zugleich erinnert die Schau an die ungeheure Wirkung von Beuys in der alten Bundesrepublik, nicht zuletzt, weil er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen-Partei zählte. Nicht verpassen: Lothar Wollehs Fotografien auf der Galerie über den Kirchenbänken, die Beuys beim Aufbau einer Ausstellung in Schweden zeigen. Übrigens: Einen exklusiven Siebdruck zum 100. Geburtstag von Beuys gibt es hier. (cwa)

  • St. Matthäus-Kirche Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 12-16, Sa/ So 12-18 Uhr sowie zu Andachten und Gottesdiensten, Eintritt frei, kein Covid-Test und keine Anmeldung notwendig, bis 12.9.

Hans Haacke: „Wir (alle) sind das Volk“

Plakataktion zum Statement von Hans Haacke: ‚Wir (alle) sind das Volk‘ am Bauzaun des Museum des 20. Jahrhunderts. 03.05.2021, Copyright: SPK/photothek/Thomas Koehler

Wer aus der Beuys-Ausstellung in der St.-Matthäus-Kirche kommt, steht unmittelbar vor einer Arbeit Hans Haackes. Sie klebt am Zaun, der die Baustelle des umstrittenen Museums des 20. Jahrhunderts umgibt. Auf ihn hat der in New York lebende deutsche Konzeptkünstler eine weiter Variation seiner Posterserie anbringen lassen, die in einer anderen Fassung zur Berlin Art Week 2020 in Berlin zu sehen war. „Wir (alle) sind das Volk“ heißt es in verschiedenen Schriften und Sprachen auf den leuchtenden Plakaten. Die auf den ersten Blick aussehen, als trügen sie die Farben des Regenbogens, doch auf den zweiten irritieren. Denn verschiedene Töne des Farbspektrums fehlen. (cwa)

  • Bauzaun am Matthäikirchplatz rund um die Uhr, bis auf Weiteres

Yayoi Kusama: „A Bouquet of Love I Saw in the Universe”

Yayoi Kusama im Gropius Bau: Bis 15. August sind die pinken Tentakel im Lichthof zu sehen. Foto: Imago/Pacific Press Agency

Kürbisse, Punkte und leuchtende Farben: Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama hat eine große Soloschau im Gropius Bau. Kusamas revolutionäre Interventionen, ihre fantastischen Installationen und ihre Neudefinition ihrer Rolle als Frau in der Kunst – immer wieder wurde sie selber Teil ihrer Ausstellungen in einem performativen Akt – machen sie sie zu einer der einflussreichsten Künster:innen weltweit. Die Retrospektive, derzeit wohl Berlins begehrtestes Tickets, beleuchten wir ausführlich hier: Yayoi Kusama im Gropius Bau – so spektakulär ist die Retrospektive.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi bis Mo 10:00–21:00, Di geschlossen, 9-21 Uhr, Infos + Tickets hier, bis 15.8.

Neo Rauch: Der Beifang

Neo Rauch: „Ausbruch 2010“, Filzstift, Öl auf Papier 29,5 × 42 cm Foto: Uwe Walter, Berlin / © Neo Rauch und VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin und Galerie David Zwirner, New York/London/Hong Kong/Paris

Nachdem der erste Ansturm vorüber ist und sich die Website für die Besucheranmeldung erholt zu haben scheint, sind vor allem werktags wieder Tickets für Neo Rauchs Ausstellung im Gutshaus Steglitz zu haben. Der Maler, der das klassizistische Gebäude kennenlernte, als hier seine Frau Rosa Loy ausstellte, zeigt unverkäufliche Arbeiten auf Papier, vor allem aus dem Besitz des Paares. Sie sind gemalt, getuscht, gezeichnet, manchmal gar mit Kugelschreiber. Es handelt sich um „Beifang“, aber nebensächlich sind die guten Stücke nicht: Der ganze Kosmos des Leipziger Malers entfaltet sich hier im Kleinformat (cwa)


Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Sie war mit David Bowie und Iggy Pop befreundet, der junge Martin Kippenberger wohnte in ihrer Kreativzentrale, der Kreuzberger Fabrikneu. Im Interview erzählt Claudia Skoda aus ihrem aufregenden Leben. Im Sommer soll es wieder so weit sein: Die Halle am Berghain plant eine neue immersive Kunstausstellung.

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