Sexarbeit

Corona und Prostitution: Es geht um die Existenz

Die Bordelle sind geschlossen. Die Kundschaft wird weniger. Für Menschen, die mit Prostitution ihr Geld verdienen, geht es teilweise bereits jetzt ums Überleben.

Wohnungsbordell Berlin Wedding. Foto: imago images / Jürgen Ritter
Wohnungsbordell im Wedding. Foto: imago images / Jürgen Ritter

„Ich habe das Glück, dass ich einen recht festen Kundenstamm habe, mit Hausbesuchen. Aber gerade brechen mir auch Tourist*innen und einige Geschäftskunden weg, die teilweise jede Woche kamen“, erzählt Martha am Telefon. Sie ist Transfrau und Sexarbeiterin. Der 26-Jährigen ist bewusst, dass sie sich einem Risiko aussetzt und andere gefährden könnte. Dennoch müsse sie Geld verdienen: „Ich bin eben auch Freiberuflerin, egal, was manche denken. Und meine Rücklagen sind … überschaubar.“

Sie arbeiten, weil es nicht anders geht

Ein Großteil von Marthas Kolleg*innen kann nicht einmal das von sich behaupten. Sie leben „von der Hand in den Mund“, wie es Johanna Weber vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) ausdrückt. Kredite könnten sie niemals zurückzahlen. Auf Sozialleistungen hätten viele keinen Anspruch. Seitdem die Bordelle geschlossen sind, verlagert sich die Prostitution in den privaten Bereich. „Wir rufen aktuell dazu auf, keine Kunden zu machen. Auf Haus- und Hotelbesuche zu verzichten“, sagt sie. Dennoch sei es verständlich, dass einige Kolleg*innen sich dazu dennoch genötigt sehen.

Das betrifft insbesondere Sexarbeitende, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können, die obdachlos oder drogenabhängig sind. „Die Frauen, die jetzt noch übriggeblieben sind, sind in schwierigen Situationen und haben keine Wahl“, erzählt Lonneke Schmidt-Bink vom Frauentreff Olga an der Kurfürstenstraße. Die Beratungsstelle für drogenkonsumierende Frauen, Trans*frauen und Sexarbeiterinnen arbeitet im eingeschränkten Betrieb. Frauen dürfen einzeln rein, um das Nötigste zu erledigen: duschen, sich ein warmes Essen mitnehmen, oder Spritzen und Kondome abholen. Die Beratung läuft nur noch per Telefon oder E-Mail.

Frauen, die zu der Beratungsstelle kommen, wissen nicht, wie sie ihre Zimmer bezahlen oder wo sie überhaupt hingehen sollen. „Niemand will sich oder andere unnötig in Gefahr bringen, aber die Frauen werden das tun, was sie tun müssen, um an Essen bzw. Drogen zu kommen“, so Schmidt-Bink. Sollte es zu einer Ausgangssperre kommen, werden die Kontrollen stärker. Das könne dazu führen, dass die Prostitution verstärkt in private Wohnungen verlagert werde und da hätten Schmidt-Bink und ihr Team kaum Einsicht und Unterstützungsmöglichkeiten.

Politiker müssen schnell handeln

Ein weiteres Problem: Die schwindende Kundschaft erhöht den Wettbewerb. Das gilt für Sexarbeitende auf der Straße genauso wie für diejenigen, die jetzt online neue Kunden akquirieren. Die Folgen davon können sein, dass Sexarbeiterinnen günstigere Preise anbieten oder zu Diensten bereit sind, die sie sonst nicht machen.

Deshalb fordert der BesD schnelle und unbürokratische finanzielle Hilfe, die nicht zurückgezahlt werden muss. „Das ist die effektivste Maßnahme, um gerade Sexarbeitende in höchst prekären Situationen vom Weiterarbeiten abzuhalten“, sagt Weber. Sie steht in direktem Kontakt mit Senatsmitarbeiter*innen vom „Runden Tisch der Sexarbeit“.  In diesem Gremium erarbeiteten Vertreter aus Senat, Bezirk, sozialen Organisationen, von Sexarbeitenden sowie Bordellbetreibern Konzepte, um die Bedingungen für Sexarbeit zu verbessern. Gelder, die zur Umsetzung der Ziele des Runden Tisches zur Verfügung stehen, sollen jetzt den Sexarbeitenden zugutekommen, berichtet sie.

Weber gibt sich zuversichtlich: „Die zuständigen Politiker*innen in Berlin sind sich der schwierigen Situation bewusst und arbeiten gerade unter Hochdruck daran, geeignete Lösungsstrategien zu entwickeln.“ Berlin gehe da sehr vorbildlich vor und sogar besser als die meisten anderen Städte und Bundesländer, ergänzt sie.

Die Zeit drängt

Sobald Maßnahmen getroffen werden, kommt es darauf an, möglichst alle Betroffene zu erreichen. Für die Berufsverbände und Organisationen wird das eine große Herausforderung sein. Umso wichtiger ist die Vernetzung der Sexarbeitenden untereinander.

Sexarbeiterin Martha ist mit Freundinnen aus der Branche im steten Kontakt. „Wir halten zusammen. Aber wenn das länger dauert, dann geht es um die Existenz.“


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