Architektur

Das Hansaviertel: Als Berlin dem Altbau eine Absage erteilte

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Berlin in Schutt und Asche. Vom alten Hansaviertel war wenig übrig, westlich des Großen Tiergartens befanden sich Brachen und Ruinen. das alte Hansaviertel in Schutt und Asche. Um die Wohnungsnot zu lindern, konzipierte der West-Berliner Senat ab 1951 eine Architektur-Schau der Superlative. Für die Internationale Bauausstellung 1957 (Interbau 57) wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich internationale Größen der Architektur beteiligten. Ein Ergebnis ist eines der umfassendsten Bauprojekte Berlins: die Mustersiedlung Südliches Hansaviertel.

Ein Modell des Hansaviertels, dessen Hochhäuser von viel Grün umgeben sind. Foto: Imago Images/Jürgen Hanel
Ein Modell des Hansaviertels, dessen Hochhäuser von viel Grün umgeben sind. Foto: Imago Images/Jürgen Hanel

Zwischen Stadtbahnstrecke und Großem Tiergarten entstand ein visionäres Quartier, das Bezug nimmt auf die größten Visionen der klassischen Moderne. West-Berlins Absage an den Altbau war aber auch eine Machtdemonstration gegenüber der DDR: Zur selben Zeit entstand in Friedrichshain mit dem Großprojekt „Stalinallee“ das architektonische Gegenteil der modernen Mustersiedlung.

Die stellen wir euch hier entlang von 12 Stationen vor: Türme, Häuser und Gebäude im Hansaviertel.


Hansaplatz

Guter Grund, das Hansaviertel zu besuchen: das Grips Theater. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter
Ein guter Grund, den Hansaplatz zu besuchen: das Grips Theater. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Das Zentrum des Lebens im Hansaviertel ist der Hansaplatz. Im Zuge der Interbau 57 wurden die Spuren der historistischen Blockrandbebauung getilgt. Auf dem zerstörten Gelände entstand ein Ensemble der klassischen Moderne, das so locker angeordnet ist, dass die Grenzen des Platzes nicht klar zu erkennen sind. Von hier blickt man auf die Bäume im Großen Tiergarten und hat freie Sicht auf die Siegessäule. Der Platz selbst bietet eine Einkaufspassage, Zugänge zur U9 und Kultur: Im ehemaligen Kino Bellevue befindet sich seit 1974 das Kinder- und Jugendtheater Grips, das mit Inszenierungen wie „Linie 1“ das West-Berliner Lebensgefühl einfing. Der Umbau von Kinos zu Theatern ist in der Stadt nicht ungewöhnlich: Auch die Räumlichkeiten der Schaubühne waren früher ein Kino.


Giraffe-Hochhaus

Das Giraffe-Hochhaus im Hansaviertel. Foto: Imago Images/Joko
Das Giraffe-Hochhaus im Hansaviertel. Foto: Imago Images/Joko

Sechs Wohntürme säumen die Stadtbahnstrecke – der Blickfang des Hansaviertels. Die für die Interbau 1957 erbauten Punkthochhäuser verfolgen jeweils sehr individuelle Ansätze, um das Leben in der Großstadt zu revolutionieren. Das sogenannte Giraffe-Hochhaus der Architekten Klaus Müller-Rehm und Gerhard Siegmann war das erste Bauprojekt in der Mustersiedlung Südliches Hansaviertel. 1955 begannen die Arbeiten, zur Internationalen Bauausstellung 1957 war es fertig. Auf 17 Geschossen befinden sich im 53 Meter hohen Gebäude 161 Wohnungen – eine ziemliche Menge. Denn die Architekten verabschiedeten sich vom Bauen für große Familien. Alle Wohnungen haben einen Balkon und bloß ein Zimmer, sie sind für Singles gedacht.


Akademie der Künste

"Klare, unpathetische Kiste": die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Foto: Imago Images/Reiner Zensen
„Klare, unpathetische Kiste“: die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Foto: Imago Images/Reiner Zensen

Weil der Bundesrepublik im Zuge der Teilung der Pariser Platz abhanden gekommen war, brauchte es einen neuen Standort für die wiedergegründete Akademie der Künste. Im Hansaviertel entstand unter Federführung von Werner Düttmann ein Ensemble, das sich kaum klarer von Eduard Knoblochs Palais Arnim am Pariser Platz abgrenzen könnte: Eine „klare, unpathetische Kiste“ nannte Düttmann seinen größten Beitrag zur Interbau 57. Am markantesten ist das Ausstellungsgebäude aus Waschbeton, im Innern dominieren Schieferplatten und Kiefernholz.

Neben Räumen für Ausstellungen und Veranstaltungen zählen zum Komplex noch ein Studiogebäude – mit Backsteinfassade und Kupferdach ein ungewohnter Farbtupfer im Hansaviertel – sowie Gärten und ein fünfgeschossiges Gebäude mit Ateliers und Wohnungen. Die Akademie der Künste am Hanseatenweg nimmt sich bescheiden aus: keine intellektuelle Machtdemonstration, sondern ein Rückzugsraum für den Geist.


Walter-Gropius-Haus im Hansaviertel

Mit der konkaven Form hat sich Walter Gropius für seine Verhältnisse weit aus dem Fenster gelehnt. Foto: Imago Images/imagebroker
Mit der konkaven Form hat sich Walter Gropius für seine Verhältnisse weit aus dem Fenster gelehnt. Foto: Imago Images/imagebroker

Es ist der vielleicht größte Name im langen Architekt*innen-Verzeichnis der Interbau 57: Walter Gropius. Der Bauhaus-Altmeister wurde eingeladen, um einen Publikumsmagneten für die Bauausstellung zu schaffen. Sein Beitrag, das Haus an der Händelallee 1–9, ist konkav gekrümmt, die vorspringenden Balkone mit ihren bunten Brüstungen strukturieren die Frontalansicht des Gropius-Hauses: ein Schachbrettmuster, wenn man so will.

Während der Meister der Bauhaus-Architektur sich vor dem Zweiten Weltkrieg noch an strenge Formvorgaben hielt, zeigte er sich 1957 – zumindest für seine Verhältnisse – geradezu verspielt. Trotz aller Rundungen habe er die Kurve nicht gekriegt, besonders kreativ sei er nicht gewesen, so lautete damals die Kritik an Gropius. Denn die Grundrisse der Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen sind weitestgehend identisch mit jenen in Gropius’ Siemensstadt, die noch vor dem Krieg im Norden Berlins entstanden war.


Hochhaus von van den Broek und Bakema

Rot, gelb, blau: Die Fassade des Hochhauses ist schlicht, aber wirkungsvoll. Foto: Imago Images/Joko
Rot, gelb, blau: Die Fassade des Hochhauses ist schlicht, aber wirkungsvoll. Foto: Imago Images/Joko

Während Gropius sich Kritik gefallen lassen musste, zeigen die niederländischen Architekten Jacob Berend Bakema und Johannes Hendrik van den Broek mit ihrem Hochhaus im Hansaviertel, wie geschickte Raumaufteilung funktionieren kann. Ihr Hochhaus, das mit seiner Fassadengestaltung in den Grundfarben Erinnerungen an Piet Mondrian weckt, verfügt über 16 Stockwerke. Flure gibt es allerdings bloß auf sechs Etagen, die Wohnungen erstrecken sich teils über ganze und halbe Geschosse. Hoch hinaus bauen die Niederländer also, und sparen zugleich mit der Raumaufteilung jede Menge Platz.


Eternithaus im Hansaviertel

Das Eternithaus an der Altonaer Straße. Foto: Wikimedia/Coenen/CC BY-SA 3.0
Das Eternithaus an der Altonaer Straße. Foto: Wikimedia/Coenen/CC BY-SA 3.0

Interbau Objekt 25 A heißt das Gebäude offiziell, aber viel bekannter ist es unter dem Namen Eternithaus – benannt nach Faserzement der österreichischen Eternit-Werke. Das Gebäude stammt von Paul Baumgarten, dem ein „Wohnschiff“ mit Reling und Kajüten vorschwebte. Mit besonderer Leichtigkeit vermischt das Haus hinter den roten Verkleidungen öffentliches und privates Leben. Das Erdgeschoss ist für Ausstellungen und Veranstaltungen konzipiert, darüber befinden sich Maisonettewohnungen mit Dachterrassen.


Oscar-Niemeyer-Haus

Leichtfüßig: Oscar Niemeyers einziges Haus in Deutschland. Foto: Imago Images/imagebroker
Leichtfüßig: Oscar Niemeyers einziges Haus in Deutschland. Foto: Imago Images/imagebroker

Während drüben in Friedrichshain DDR-Architekten das preußische Erbe konservierten, heuerte West-Berlin mit dem Brasilianer Oscar Niemeyer einen der gefragtesten Erneuerer moderner Architektur an – und einen überzeugten Kommunisten. Dessen Beitrag zum Hansaviertel scheint auf Betonpfeilern zu schweben, die Wohnungen ziehen sich durchs ganze Haus von der West- zur Ostfassade, und im fünften Stock befindet sich die sogenannten Kommunikationsetage für alle Bewohner*innen.

Das Hochhaus mit sieben Etagen und 78 Wohnungen ist allerdings nur eine reduzierte Version der ursprünglichen Pläne Niemeyers. Als Projekt des sozialen Wohnungsbaus wäre der Bau schlicht nicht zu finanzieren gewesen. So fährt der Aufzug nicht alle Stockwerke an – und einen Swimmingpool auf dem Dach gibt es auch nicht. Der Bau im Hansaviertel ist Oscar Niemeyers einziges Gebäude in Deutschland. Wer mehr von ihm sehen sollte, muss nach New York, wo er mit Le Corbusier das UN-Hauptquartier entwarf, oder nach Brasilien, dessen Hauptstadt Brasilia Niemeyer am Reißbrett konzipiert hat.


Punkthochhaus Bartningallee 16

Punkthochhaus im Hansaviertel: 26 der 61 Appartements sind Maisonettewohnungen. Foto: Imago Images/Schöning

Berlins Skyline ist wahrlich minimalistisch. Die Menschen in der Stadt lieben ihre Altbauten, den Stuck und die hohen Decken. Dem Hochhaus an sich begegnet man in Berlin daher mit Skepsis: billige, düstere, dreckige Bauten, die in Dystopien gehören und nicht in die Innenstadt. Der Architekt Hans Schwippert setzt dieser Auffassung einiges entgegen. Sein gelb gemustertes Punkthochhaus im Hansaviertel, das letzte in der Reihe an der Stadtbahnstrecke, gönnt jeder Wohnung eine Loggia – und manchen Wohnungen gleich zwei Stockwerke. „Kleinhäuser mit Gartenterrasse“ stellte er sich vor, im Hansaviertel schuf er ein vertikales Dorf.


Schwedenhaus

Spart Platz: Treppenturm am sogenannten Schwedenhaus im Hansaviertel. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter
Spart Platz: Treppenturm am sogenannten Schwedenhaus im Hansaviertel. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Die schwedischen Architekten Sten Samuelson und Fritz Jaenecke bauten an der Altonaer Straße 3–9 ein streng geometrisches Wohngebäude, das den Platz perfekt nutzt: Die Treppenhäuser sind als Türme vor das Gebäude gestellt. Die Betonbestandteile ihres „Schwedenhauses“ wurden vor Ort gegossen, der Wohnungsbau wurde so deutlich rationalisiert. Nach Norden hin sind die Balkonbrüstungen rot, nach Süden hin blau gestaltet. Das markante Haus steht im rechen Winkel zum Niemeyer-Haus – und ist für Berliner Verhältnisse ziemlich luxuriös. Die Fußbodenheizungen in den Wohnungen sind noch immer funktionsfähig.


Bartningallee 2–4

Hausfassade an der Bartningallee: Egon Eiermanns Beitrag zum Hansaviertel ist überraschend filigran. Foto: Imago Images / Hoch Zwei Stock/Angerer
Hausfassade an der Bartningallee: Egon Eiermanns Beitrag zum Hansaviertel ist überraschend filigran. Foto: Imago Images / Hoch Zwei Stock/Angerer

Egon Eiermann, dessen in Serie produzierten Möbel heute als Designklassiker gelten, war ein Verfechter rationaler, streng geometrischer Architektur. Wuchtige Kästen sind seine Gebäude allerdings nicht: Für die Interbau 57 schuf er ein Scheibenhochhaus, an dem Eiermanns Hang zum Filigranen erkennbar ist. Die Gitter und Rankstäbe an den Loggien lockern die Front deutlich auf. Von der Einbettung in historische Stadtensembles hielt Eiermann wenig. Besonders deutlich zeigt sich das an seinem größten Werk in Berlin: Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche neben seinem Neubau wollte Eiermann zunächst abreißen.


Kirchen im Hansaviertel

Die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche von innen. Foto: HJ Graiche/Wikimedia/CC BY-SA 3.0

Das neue Hansaviertel brauchte auch neue Kirchen. Auf dem Fundament der ersten Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, ein Gotteshaus im Andenken an Friedrich III., der 1888 genau 99 Tage lang das Deutsche Reich regierte, entstand ein kühner Neubau. Der Glockenturm mit offener Gerüstkonstruktion ragt über einem schlichten Gebäude aus Sichtbeton, das im Innern umso mehr beeindruckt.

Das markante Mosaik hinter dem Altar stammt von Hans Wagner und Ludwig Lemmer, dem Architekten des Neubaus. Die Glocken der evangelischen Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche sind abgestimmt auf das Geläut des Nachbarn: die katholische Kirche St. Ansgar, ein Stahlbetonskelettbau auf einem sägezahnförmigen Grundriss. Willy Kreuer, Architekt jener Kirche, schuf in Kreuzberg auch eine unserer Berliner Lieblingsbüchereien: die Amerika-Gedenkbibliothek.


Bungalows im Hansaviertel

Schräger wird es nicht im Hansaviertel: Der Bungalow von Sergius Ruegenberg und Wolf von Möllendorff vermeidet rechte Winkel. Foto: Imago Images/Rainer Zensen
Schräger wird es nicht im Hansaviertel: Der Bungalow von Sergius Ruegenberg und Wolf von Möllendorff vermeidet rechte Winkel. Foto: Imago Images/Rainer Zensen

Während die markantesten Gebäude im Hansaviertel hoch hinaus wollten, wurde nahe dem Großen Tiergarten auch erprobt, wie Einfamilienhäuser modern und großstadttauglich gestaltet werden können. Entlang der Händelallee entstanden so eine ganze Reihe von Bungalows und kleinen Häusern. So trug der dänische Architekt und Gestalter Arne Jacobsen (Schöpfer des meistverkauften Stuhls der Welt) dazu bei, ebenfalls beteiligten sich Sep Kirsten und Eduard Ludwig. Zwischen all den Gärten, Garagen und geometrischen Lauben nimmt der Bungalow von Sergius Ruegenberg und Wolf von Möllendorff eine Sonderstellung ein: Er verzichtet, ganz im Gegensatz zur übrigen Gestaltung des Hansaviertels, fast ganz auf rechte Winkel, wirkt so eigentümlich schräg und nimmt in den 1950er-Jahren bereits Formsprachen der 1980er-Jahre vorweg.


Mehr Architektur in Berlin

Von Moabit über die Spree ins Hansaviertel: Dafür überquert ihr den Gerickesteg, eine von Berlins schönsten Brücken. Für die Interbau 57 entstanden jenseits des Hansaviertels Gebäude wie Le Corbusiers „Wohnmaschine“ und das heutige Haus der Kulturen der Welt, die wir in unserem Artikel über die Architektur West-Berlins würdigen. Das Hansaviertel ist eine der 12 Berliner Großwohnsiedlungen, über die ihr hier mehr erfahrt. Und wenn euch die Schlichtheit ohne Schnörkel und Stuck reizt: Die wichtigsten Architekten der Moderne in Berlin stellen wir hier vor. Alles, was ihr über die Bauten der Stadt wissen müsst, lest ihr in unserem Architektur-Guide von Bauhaus bis Baller, von Top bis Flop.