Filmkritik

„Oppenheimer“: Cillian Murphy blickt dem Nichts ins Auge

Holt schon mal den Popcorneimer, im Kino läuft jetzt „Oppenheimer“. Cillian Murphy spielt den „Vater der Atombombe“. Regisseur Christopher Nolan bringt das Kino an seine Grenzen, seine Hauptfigur wird von einem riesigen Starensemble umkreist. tipBerlin-kritiker Bert Rebhandl hat den Film gesehen, der mit heiligem Ernst und erzählerischem Donnerkeil auf die vergleichsweise naiven Heldengeschichten des Blockbusterkinos reagiert.

Cillian Murphy spielt Robert Oppenheimer, den „Vater der Atombombe“. Foto: Universal Studios. All Rights Reserved.

„Oppenheimer“: Christopher Nolans Film stellt die Trinity-Tests ins Zentrum

Die Explosion der ersten amerikanischen Atombombe am 16. Juli 1945 war ein Urknall, ein neuer Schöpfungsakt, in diesem Fall ein negativer. Man muss schon mit den ganz großen Kategorien hantieren, wenn man einigermaßen einzuordnen versucht, was Christopher Nolan mit seinem Film „Oppenheimer“ vorhat. Dass die Militärs den Test unter dem Stichwort Trinity führten, also Dreifaltigkeit, ist nur ein weiterer Aspekt der geradezu religiösen Dimensionen der Nuklearwaffen. Die Menschheit griff damals in das Innerste der physikalischen Ordnung ein und machte daraus eine Technologie, die potentiell das Leben auf dem Planeten auslöschen könnte.

Im Vorfeld des Trinity-Tests, der bei Nolan an zentraler Stelle in seinem dreistündigen Film steht, erkundigt sich ein General (gespielt von Matt Damon) nach der Möglichkeit, dass die Kettenreaktion in der Bombe so gravierend sein könnte, dass sich daraus mehr als nur ein eingegrenztes Ereignis ergeben könnte. Diese Möglichkeit einer vollständigen Vernichtung der Erde wird mit einem eher theoretischen Restrisiko beziffert. „Mir wäre Nullkommanull lieber“, antwortet der General, der offensichtlich ein wenig Muffensausen hat.

Cillian Murphy als Robert Oppenheimer, Matt Damon als General Leslie Groves: „Mir wäre Nullkommanull lieber“. Foto: Universal Studios. All Rights Reserved.

Nullkommanull hätte bedeutet, auf die Bombe zu verzichten. Aber das war nicht möglich, wegen der Nazis und dann wegen der Sowjetunion. Mit dem Projekt unter der Leitung des Physikers J. Robert Oppenheimer begann ein Rüstungswettlauf, zu dessen Folgen auch gehört, dass Wladimir Putin heute die Welt erpressen kann. Nolan verzichtet auf eine diesbezügliche Anspielung, aber auch so macht er klar, dass er mehr als nur einen historischen Film im Sinn hat.

Cillian Murphy spielt einen Mann mit tausend Gesichtern

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Die Figur Oppenheimer wird für ihn zu einem Archetyp: ein Wissenschaftler, der mit den Folgen seines Tuns hadert. Cillian Murphy spielt den „Vater der Atombombe“ als einen Mann mit tausend Gesichtern, schließlich aber als einen Entgeisterten, der dem Nichts in Auge geschaut hat. Sein flackernder Blick ist anfangs noch Ausdruck einer Euphorie, ins Innerste der Materie zu blicken; später spiegelt sich darin die Entfesselung der Elemente.

Anfang und Ende werden selbst relativ, denn Nolan erzählt alles andere als linear, er umkreist seine Hauptfigur und umstellt sie mit einem riesigen Ensemble. Robert Downey Jr. spielt den von Ehrgeiz zerfressenen Politiker Lewis Strauss als Spiegel-Figur zu Oppenheimer, Emily Blunt hat in der Rolle der Kitty Oppenheimer leider nur einen großen Moment, ansonsten bleibt diese Figur blass.

In „Oppenheimer“ tauchen ständig neue Stars auf

Das Kaleidoskopische an Nolans Dramaturgie führt dazu, dass ständig neue Stars auftauchen, die Erzählebenen kommentieren einander wechselseitig. So entsteht allmählich ein faszinierender Sog, der ganze Film scheint mit sich selbst zu sprechen, im Zentrum des niemals verstummenden Chors aus vielen Einzelstimmen stehen die großen Physiker der Epoche: Kenneth Branagh als Niels Bohr, Matthias Schweighöfer als Werner Heisenberg, und Tom Conti als Obi-Wan Kenobi, pardon: als Albert Einstein.

Tom Conti spielt in „Oppenheimer“ Albert Einstein. Foto: Universal Studios. All Rights Reserved.

Das Kino kann hier nur an seine Grenzen gehen

Dass Nolan für einen extrem dialoglastigen Film das Optimum an Filmtechnik aufbietet, hat gleichwohl aus der Sache heraus Sinn: die Explosion der Bombe stellt ein Moment der Erhabenheit dar, zu dem sich das Kino nur verhalten kann, indem es an seine Grenzen geht. Mit Bildern eines potenzierten Analogen findet Nolan sowohl eine Form für das Innerste der Katastrophe, wie für die vielen Köpfe, auf die das Schlüsselereignis abstrahlt.

Als „Philosoph“ im Blockbusterkino ging Nolan immer schon auf das erkenntnistheoretische Ganze (am stärksten wohl in „Inception“). Mit „Oppenheimer“ betreibt er nun eher Geschichtsphilsophie. Die Mitte des 20. Jahrhunderts, die man nicht selten mit den Ortsnamen Auschwitz und Hiroshima benannt hat, findet er in einer Gegend in New Mexico, die ursprünglich den Ureinwohnern gehörte, und an die Los Alamos auch wieder zurückgegeben werden sollte. Das wird in einem Nebensatz so gesagt, und es ist wichtig, denn es deutet eine weitere Kreisbewegung an: eine denkbare Rückkehr zu einem Zustand vermeintlicher Unschuld. Dem Sünder Oppenheimer bleibt das verwehrt.

Mit heiligem Ernst und erzählerischem Donnerkeil

Mit seiner Detailversessenheit macht es Nolan dem Publikum nicht leicht. Die Musik von Ludwig Göransson treibt das komplexe Geschehen regelrecht vor sich her. Ein bisschen Überwältigungästhetik muss aber wohl sein in einem Film, der mit heiligem Ernst und mit dem erzählerischen Donnerkeil auf die vergleichsweise naiven Heldengeschichten des Blockbusterkinos reagiert.

  • Oppenheimer USA 2023; 180 Minuten, Regie: Christopher Nolan, mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Robert Downey Jr., Matt Damon, Florence Pugh, Kinostart: 20.7.2023

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