Zwischennutzung

Berghain wird „Studio Berlin“: Alle Infos zur Boros-Ausstellung im Club

Ein riesige Boje, die sich im Eingangsbereich zwischen Säule und der Stahltreppe hinauf- und hinunterbewegt. Eine riesige Blume in der Panorama-Bar. Ein kleiner Dschungel aus Alltagsgegenständen im Gang dorthin: Dort, wo sonst im Berghain getanzt wird, ist nun (noch mehr) Kunst zu sehen. Am Mittwoch, 9. September, öffnet die Ausstellung „Studio Berlin“. Eine Zusammenarbeit von Berghain und Boros Foundation, die die Privatsammlung Boros verwaltet. Neben dem Bunker in Mitte gibt es nun einen zweiten, temporären Ausstellungsort.

Das ist keine freiwillige Entscheidung gewesen, sondern eine klassische Situation: „Aus der Not eine Tugend machen“. Wegen des Tanzverbots und den Restriktionen im Club-Betrieb steht der weltberühmte Bau in Friedrichshain leer. Um ihn mit Leben zu füllen, wurde die Ausstellung erarbeitet.

Ausgetanzt: Im Berghain ist Pause, nur der Garten hat auf. Nun zeigt die Boros Foundation bald Kunst im Techno-Club – das Banner von Rirkrit Tiravanija ist neu aufgehängt worden. Foto: Nosche

Drei Monate Vorbereitungszeit, nun wird in dem ehemaligen Fernheizwerk Kunst gezeigt – neben den dauerhaften, auch im Club-Betrieb zu sehenden Kunstwerken. Die Show ist vorerst auf unbestimmte Zeit ausgelegt – es weiß ja keiner, wie lange keine Partys gefeiert werden können. Der Name des Projekts: „Studio Berlin“.

Gezeigt werden Kunstwerke von rund 80 Kunstschaffenden aus Berlin. Eigentlich sollten es weniger werden. In der Vorbereitung der Ausstellung, die die Diversität Berlins widerspiegeln soll, fanden sich aber viel mehr Künstler*innen, die passen.

Boros: „Berghain steht Ort weltweit für Freiheit“

Für Christian Boros ist die Zusammenarbeit in Zeiten von Corona eine logische: „Das Berghain steht als Ort weltweit für Freiheit.“ Dass diese derzeit eingeschränkt ist, inspiriert Künstler*innen auf eine neue Weise.

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) kam zur ersten Besichtigung am Montag vor der Eröffnung. Nachdem Anfang des Jahres ein paar private Sammlungen ihren Rückzug aus Berlin angekündigt hatten, sei er erfreut über diese starke Zusammenarbeit eines Sammlers mit einem Berliner Club. Es werde zudem ein Raum gefüllt, der seiner Aufgabe – „Tanz, Bewegung, Kontrollverlust“ – derzeit nicht gerecht werden kann, so Lederer. Boros zeigte sich erfreut, dass die Künstler*innen sofort bereit waren, sich den besonderen Umständen anzupassen. Man nutze im Berghain keine Ausstellungsbeleuchtung, „wir haben das Putzlicht an“, sagte er. Probleme hatte damit keiner der Ausstellenden. Beachtlich gewesen sei, wie in der Zeit der Krise viele angefragte Künstler*innen direkt Kolleg*innen mit ins Boot holen wollten – der Zusammenhalt in der krisengebeutelten Szene sei gut.

Wobei für viele Besucher*innen sicher auch das spannend sein dürfte: das Berghain leer und mit eingeschaltetem Licht erfahren. Denn, auch das ist unbestreitbar, die Räumlichkeit selbst ist in ihrer Architektur und Wuchtigkeit schon beeindruckend.

„Studio Berlin“ im Berghain: Ticketverkauf online – viel bereits ausgebucht

Erfreulich für alle, die gern planen: Anders als bei der Klanginstallation „tamtam“, die in der Halle des Berghains vor wenigen Wochen zu sehen war, können für „Studio Berlin“ im Vorfeld Tickets online gebucht werden. Mit Führung kostet der Eintritt 20 Euro, ohne 18 Uhr – am Wochenende lässt sich die Ausstellung auf eigene Faust erkunden. Genutzt werden dafür neben der Außenfassade das Berghain, die Panorama Bar, die Toiletten, der Aufgang zum Raucherbereich, die Säule und sogar ein kleiner Gang im lab – allerdings fällt das gar nicht weiter auf.

Geführte Touren werden dienstags bis freitags von 12 bis 18.15 Uhr angeboten – teils werden Boros-, teils Berghain-Mitarbeiter die Leitung übernehmen. Einlass am Samstag und Sonntag ist ab 12 Uhr, das letzte Mal um 20.15 Uhr. Die Führungen – es gibt sie in deutscher und englischer Sprache – im September sind weitestgehend ausgebucht, die freie Erkundung am Wochenende ist noch teilweise verfügbar.

Tanz im Berghain unmöglich – dann eben Kunst: „Studio Berlin“ mit Sammlung Boros

Für das Berghain dürfte die auf unbestimmte Zeit geplante Neunutzung eine logische Konsequenz aus der gegenwärtigen Situation sein. Zwar ist es nett, dass an Wochenenden nun bei gutem Wetter ein paar hundert Menschen – angeblich sind 400 erlaubt – im Garten unter Einhaltung einiger Regeln (die die Polizei zuletzt auch durchaus kontrolliert hatte) feiern dürfen. Wahnsinnig viel Geld kommt dadurch aber nicht in die Kasse.

Und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben: Für Tanzveranstaltungen sieht es in der Krise weiterhin besonders finster aus. Gerade die Berliner Clubs sind für exzessive Partys bekannt. Engtanz und intensiver Austausch auf diversen Wegen sind nun aber einmal nicht ideal bei der Bekämpfung (oder zumindest versuchten Kontrolle) eines Virus der Corona-Art.

Auch andere Clubs haben zuletzt entsprechende Alternativ-Wege gesucht. Die Wilde Renate hat ihre Räume für die Ausstellung „Overmorrow“ geöffnet, im About Blank gab es eine künstlerische Kooperation der Partyreihen Buttons und Pornceptual. Überall wird nach Wegen gesucht, nicht nur die Clubs, sondern auch die Kulturszene der Hauptstadt zu fördern – zumal der Party-Betrieb nun einmal zwischenzeitliche ins mehr oder wenige Geheime verlegt wurde und zum Beispiel Tausende in der Hasenheide oder Dutzende in abgelegenen Bunkern feierten.

Der Bunker an der Reinhardtstraße, in der die Boros-Sammlung zu sehen ist. Die Foundation arbeitet nun für eine Ausstellung mit dem Berghain zusammen. Foto: Imago Images/Schöning
Der Bunker an der Reinhardtstraße, in der die Boros-Sammlung zu sehen ist. Die Foundation arbeitet nun mit dem Berghain zusammen. Foto: Imago Images/Schöning

Schon immer Kunst im Berghain: Von Arschlöchern bis zu Ballettaufführungen

Gerade das Berghain ist nicht nur für harte Partys, sondern eben auch als Raum für Kunst bekannt. Von den Zuckerskulpturen von Joseph Marr in der Klobar bis hin zu den verschiedenen Fotos von Wolfgang Tillmans, die wechselnd die Panorama Bar zieren (legendär: das nackte Arschloch), war der Club schon immer auch Ausstellungsraum für die Gäste. Zuletzt eben auch mit „tamtam“ in der Halle. Und als Partner des jährlichen Festivals CTM.

Höhepunkt der Vereinigung von Techno und Kunst waren sicher die Ausstellung „10 Jahre Berghain“ 2014 mit passendem Buch sowie die Kooperation „Masse“ – ein Stück des Staatsballett Berlins mit Berghain-DJs, dessen Art Direction Nobert Bisky übernahm.

Masse: Ballett in der Halle am Berghain. Schon vor der neuen Ausstellung gab es also Kunstprojekte im Club-Umfeld.
Masse: Ballett in der Halle am Berghain. Foto: Pop-Eye

Für die neue Ausstellung hat sich das Berghain Hilfe bei Leuten geholt, die sich mit Kunst im Bunker auskennen: Die Boros Foundation ist verantwortlich, „Studio Berlin“ heißt das Projekt, das das Sammlerpaar Boros mit Werken befüllt. Die Bandbreite soll von Fotos über Skulpturen bis Performance reichen. Und beim Thema Fotografie knüpft das „Studio Berlin“ an eine Tradition der Stadt an. „No Photos On The Dance Floor!“, hieß 2019 eine Ausstellung bei C/O Berlin. Gezeigt wurden unter anderem Werke von Wolfgang Tillmans, der nun auch im „Studio Berlin“ vertreten ist. Und wie üblich gilt im Berghain auch bei der Ausstellung ein Fotoverbot für Gäste. Die Einnahmen sollen den Betrieb des Berghains sichern – damit wir irgendwann auch wieder richtig feiern können im Club.

Bis dahin lest ihr hier, wie gut die Berghain-Ausstellung mit Boros wirklich geworden ist.

Ausgestellt werden Kunstwerke von

  • Yero Adugna Eticha
  • Nevin Aladağ
  • Ketuta Alexi-Meskhishvili
  • Tamina Amadyar
  • Katja Aufleger
  • Khaled Barakeh
  • Sam Barker
  • Jagoda Bednarsky
  • Dirk Bell
  • Julius von Bismarck
  • Kévin Blinderman
  • John Bock
  • Monica Bonvicini
  • Leda Bourgogne
  • Armin Boehm
  • Marc Brandenburg
  • Jonas Brinker
  • AA Bronson
  • Angela Bulloch
  • Nina Canell
  • Julian Charrière
  • Zuzanna Czebatul
  • Mariechen Danz
  • Jesse Darling
  • Tacita Dean
  • Simon Denny
  • Thea Djordjadze
  • Aleksandra Domanović
  • Eliza Douglas
  • Hannah Sophie Dunkelberg
  • Sam Durant
  • Jimmie Durham
  • Marte Eknæs
  • Jessica Ekomane
  • Olafur Eliasson
  • Elmgreen & Dragset
  • Simon Fujiwara
  • Cyprien Gaillard
  • Isa Genzken
  • Lukas Glinkowski
  • Katharina Grosse
  • Stephanie Gudra
  • Petrit Halilaj & Alvaro Urbano
  • He Xiangyu
  • Stefanie Heinze
  • Leila Hekmat
  • Lothar Hempel
  • Calla Henkel & Max Pitegoff
  • Gregor Hildebrandt
  • Yngve Holen
  • Karl Holmqvist
  • Klára Hosnedlová
  • Nadira Husain
  • Anne Imhof
  • Iman Issa
  • Verena Issel
  • Sergej Jensen
  • Šejla Kamerić
  • Richard Kennedy
  • Cosima zu Knyphausen
  • Caroline Kryzecki
  • Tegene Kunbi
  • Alicja Kwade
  • Oliver Laric
  • Lindsay Lawson
  • Jeewi Lee
  • Klara Lidén
  • Keto Logua
  • Sven Marquardt
  • Jonathan Monk
  • Sandra Mujinga
  • Carsten Nicolai
  • Katja Novitskova
  • Henrik Olesen
  • Aude Pariset
  • Max Paul
  • Peles Empire
  • Manfred Pernice
  • Nathan Peter
  • Adrian Piper
  • Bettina Pousttchi
  • Josephine Pryde
  • Puppies Puppies
  • Robin Rhode
  • Jimmy Robert
  • Willem de Rooij
  • Shirin Sabahi
  • Cemile Sahin
  • Michael Sailstorfer
  • Thomas Scheibitz
  • Sarah Ancelle Schönfeld
  • Jeremy Shaw
  • Timur Si-Qin
  • Andreas Slominski
  • Tobias Spichtig
  • Marie Steinmann
  • Christine Sun Kim
  • Wolfgang Tillmans
  • Rirkrit Tiravanija
  • Rosemarie Trockel
  • Nasan Tur
  • Anna Uddenberg
  • Viron Erol Vert
  • Raphaela Vogel
  • Peter Wächtler
  • Andro Wekua
  • Peter Welz
  • Thomas Zipp

Laut Website ist die Liste „to be con tinued“ – es dürften also weitere Künstler*innen folgen.

Berghain und Feiern in Berlin:

Endlich rein! Wer lieber den Club-Betrieb erleben will und zumindest in den Garten will, sollte unsere natürlich absolut richtigen Berghain-Reinkomm-Tipps lesen. Generell ist der Club wie die meisten anderen nicht nur zum Tanzen da: Clubkultur ist deutlich mehr als Ballern, Bumsen, Berghain.

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