• Stadtleben
  • 12 Dinge, die jeder kennt, der im Ost-Berlin der 1980er gelebt hat

Berlin verstehen

12 Dinge, die jeder kennt, der im Ost-Berlin der 1980er gelebt hat

Das Ost-Berlin der 1980er Jahre spielte in einem Jahrzehnt, in dem sich Freiräume öffneten, Träume geträumt wurden, das Land gleichzeitig immer mehr nach innen erstarrte. Aber die Ost-Berliner wussten, wie sie sich das Leben einrichten konnten.

Manche knutschten in den Ledersesseln des Palast der Republik oder sahen vom Riesenrad des Plänterwald-Kulturparkes sehnsüchtig in die Ferne. Andere gingen zum Fußball oder in die Disko der Mehrzweckgaststätten. Hier sind 12 Dinge, die jeder kennt, der im Ost-Berlin der 1980er gelebt hat.

Ost-Berlin der 1980er Jahre: Palast der Republik, Fernsehturm, Ikarus-Busse: So fühlte sich Ostberlin damals an. Und manchmal gab es mittendrin ein Model-Shooting. Foto: Imago Images/Gueffroy

Im Palast der Republik konnte man in Ledersesseln knutschen

Palast der Republik: Erichs Lampenladen mit Ledersofas und Glasblume. Foto: Imago Images/SMID

Der Palast der Republik war das Zentrum der DDR-Macht. Hier tagte die Volkskammer. Im großen, hochmodernen Veranstaltungssaal fand die ganze Bandbreite von sozialistischen Festivitäten statt: SED-Parteitage, die Samstagabend-Fernsehshow „Ein Kessel Buntes“, das „Festival des politischen Liedes“. Als Udo Lindenberg tatsächlich 1983 hier spielen durfte, bestand das Publikum vor allem aus handverlesenen FDJ-Funktionären.

Es war aber auch sonst ein Freizeitort für die Arbeiter- und Bauern, mit Restaurants, Eisbar, Bierstube, Weinstube, Bowlingbahn, einer Galerie mit Staatskünstlerkunst, einem Theater. Im Volksmund hieß das Gebäude „Palazzo Prozzo“ oder auch, wegen der 10.000 Kugelleuchten, die von der Decke des großzügigen Foyers hingen, „Erichs Lampenladen“.

Und in den roten Ledersesseln im Foyer sah man so manches junge Pärchen miteinander kuscheln und knutschen, wobei sie hin und wieder den Blick durch die braun getönten Scheiben nach draußen schweifen ließen, oder zur großen Glasblume hochschauten, versonnen, verliebt.


Die erste große Welle machten viele DDR-Bürger im SEZ

Im ersten Indoor-Wellenbad der DDR war Mindestabstand noch egal. Foto: Wikipedia Commons/Gerd Danigel/CC BY-SA 4.0

Noch so ein sündhaft teurer DDR-Freizeitmagnet: Das Sport- und Erholungszentrum, SEZ, an der Leninallee (heute heißt sie Landsberger Allee), 1981 eröffnet, bot – hier ergibt diese abgedroschene Formulierung mal Sinn–, so ziemlich für jeden Geschmack eine sportliche Ertüchtigungsmöglichkeit.

Im Schwimmbad trug sich eine große Welle der DDR zu, als die Bürger ein wahrhaft erhebendes Wellenbad erlebten, wie sie es ansonsten fast nur vom Sommerurlaub an der Oststee kannten (das Bad war jedoch, anders als in einer früheren Version dieses Textes behauptet, nicht das einzige Wellenbad der DDR, in Warnemünde beispielsweise gab es auch eines – wir bitten den Fehler zu entschuldigen). Die winterliche Eisbahn war in der warmen Jahreshälfte eine Rollschuhbahn. Man konnte bowlen oder auch an Fitnessgeräten pumpen, statt dem bösen kapitalistischen Bodybuildern waren hier übrigens die „Körperkulturisten“ am Schwitzwerk.

Als multifunktionales Spaßbad war es das Ost-Pendant zum Blub. Beide teilten nach der Wende ein trauriges Schicksal des Verfalls und Leeerstands. Im Falle des SEZ war es der Verkauf des Komplexes für einen Euro an einen Bauunternehmer im Jahr 2003, eigentlich mit der Absicht des Senats, das Bad wieder in Betrieb zu nehmen. Der Vertrag war aber gelinde gesagt von der damaligen SPD-Linkspartei-Koalition eher dürftig ausgehandelt worden, der Streit um das Areal ist noch immer nicht final entschieden. Der Senat möchte dort jetzt Wohnungen, eine Schule und eine Kita bauen. Das kann alles noch dauern. Wie das eben so ist in Berlin.

Badmintonhalle und Bowlingbahn haben die zahlreichen Nachwende-Wirren bislang jedenfalls überlebt. Wer in letzterer eine ruhige Kugel schiebt, kommt dabei dem 1980er Gefühl so nahe wie kaum irgendwo sonst in der Stadt. Pro-Tipp für Ostalgiker!


Am 1. Mai wurde an alten Männern vorbeimarschiert

„Zu lange den alten Männern vertraut“: 1.-Mai-Demonstation 1982 mit dem DDR-Ministerrats-Chef Willy Stoph (1. Reihe links) und dem Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker (rechts daneben).

Jede Diktatur liebt ihre Massenaufmärsche. Die Ergebenheit des Volkes, perfekt portionierbar in fernsehgerechte Proaganda-Formate. Das Ritual wiederholte sich jedes Jahr zum Kampf und Feiertag der Werktätigen am 1. Mai (und auch zum DDR-Republik-Geburtstag am 7. Oktober): Das Volk marschierte an seinen Führungskräften vorbei. Winke, winke, Nelke. Im Westen waren die Traditionen des 1. Mais ja ein bisschen anders gelagert.

Und wer nicht auf der Demonstration erschien, bekam hinterher Ärger in der Schulklasse oder im Betrieb, das war auch nicht gut für die Kaderakte. Vorab druckte das SED-Parteiorgan „Neues Deutschland“ eine Liste mit unbedingt brüllbaren Losungen, die das Volk dabei zu skandieren hatte, die jeweilige Jubelzeile gab ein Einpeitscher dem Demozug auf der Karl-Marx-Allee per Lautsprecher vor: „Mein Arbeitsplatz – Mein Kampfplatz für den Frieden!“, „Unser Gruß den Bruderparteien, den Werktätigen aller sozialistischen Länder!“ oder „Arbeite mit, plane mit, regiere mit“.

Und am Ende, bevor man sich endlich zum Saufen im Scheunenviertel zerstreuen durfte, führte der Weg an der Tribüne mit den Staats- und Regierungsoberhäupten vorbei, Jahr für Jahr fast dieselben Gesichter, Honecker, Stoph, Mielke, Tisch, und von Jahr zu Jahr wurden ihre Gesichter wächserner und das Winken steifer. Nur Margot Honeckers Haarfarbe sah manchmal anders aus.

Und die Band Pankow schrieb in ihrer Hymne „Langeweile“ 1988 den ultimativen Abgesang auf diese Gesichter, noch bevor es soweit war:

„Das selbe Land zu lange geseh’n
Die selbe Sprache zu lange gehört
Zu lange gewartet, zu lange gehofft
Zu lange die alten Männer verehrt“.


Im Intershop gab es den Westen für Glückliche mit Westgeld

Keine Zeit, Papa kauft Duplo! Kinderwagen vor einem Intershop. Foto: Imago Images/Frank Sorge

In der DDR waren angeblich alle gleich. Aber Glückliche mit West-Geld waren gleicher. In den Intershops war der Westen zwar immer noch der Klassenfeind, aber geiler als in der Kaufhalle war das Angebot schon. In den Intershops konnte man seine Alu-Chips, wie die leichtgewichtigen DDR-Mark-Münzen gern genannt wurden, getrost in der Wisent-Jeanstasche stecken lassen. Hier gab es das Duplo oder die „Krönung“ von Jacobs nur gegen Westgeld oder Valuta-Währung.

Und wer keine Westverwandten hatte, keine Opa mit Westreise-Recht oder nicht zu einem horrenden Schwarzmarktkurs D-Mark eintauschen wollte, konnte höchstens einen flüchtigen Blick auf die Verheißungen des Westens verwerfen. Bis die Mauer fiel.


Man war es gewohnt, überall Schlange zu stehen

Schlange vor einer Kaufhalle: Was gibt’s denn heute (wieder nicht)? Foto: Imago Images/Frank Sorge

Wenn man in der DDR irgendetwas gewohnt war, dann: Warten, Schlange stehen. Schlange stehen vor der Kaufhalle, und dann waren das Ketchup und die Bananen trotzdem schon wieder alle. Schlange stehen vor den Gaststätten, schließlich stand dort auf dem Schild „Sie werden platziert“, und die Kellner waren die Könige. Schlange stehen vor dem Plattenladen, weil die Schlange dort ja irgendwas zu sagen haben musste, vielleicht gab es ja eine Westplatte in Amiga-Lizenz, Madonnas „True Blue“ oder Springsteens „Born In The U.S.A.“. Schlange stehen um der Schlange willen: Was gibt’s denn heute (wieder nicht)?

In Zeiten von Corona mussten wir wieder lernen, wie sich das anfühlt, wenn man ans Ende einer Menschenkette kommt und weiß: Da liegen jetzt meine nächsten Stunden begraben wie ein Hund. Schließlich gab es nicht nur in der DDR viele mal mehr, mal weniger legendäre Warteschlangen. Und irgendwann kam man ja doch noch dran.


Im Kulturpark Plänterwald war man im engen Land dem weiten Himmel näher

Griff zum Himmel in einem engen Land: das legendäre Riesenrad im Kulturpark. Foto: Imago Images/Gerhard Leber

Viele Kindheitserinnerungen sind mit diesen knapp 30 Hektar Fläche verbunden. Und sie schmecken nach Zuckerwatte.

Es war der einzige feste Vergnügnungspark, den die DDR hatte. Entsprechend beliebt waren Ausflüge in den 1969 eröffneten Kulturpark Plänterwald in Treptow, das große Riesenrad grüßte schon von weitem wie eine Verheißung auf ein bisschen Weite im engen Land. Es gab viel Rummel mit Fahrgestellen, zum Beispiel eine Bob-Bahn. Jährlich kamen bis zu 1,7 Millionen Besucher, und die beliebte DDR-Serie „Spuk unterm Riesenrad“ wurde hier gedreht. Das Riesenrad wurde noch kurz vor dem Mauerfall 1989 zum 40. Jahrestag der DDR von 36 auf 40 Gondeln erweitert, dabei rot lackiert.

Mit der Wende übernahm die Spreepark-GmbH des Schaustellers Norbert Witte, aber das ist dann schon wieder eine andere, verdammt irre Geschichte, eine wahre Achterbahn für sich.


Viele hatten kein Telefon, und wenn doch, besprach man manche Sachen damit lieber nicht

Von wegen, man hatte in der DDR keine Wahl – Telefon-Wählscheibe mit hilfreichen Nummern. Foto: Imago Images/Rüdiger Wölk

Liebe Nach-1990-Geborene, versucht euch kurz, Folgendes vorzustellen: Es gibt noch kein Internet, keine Messenger-Dienste. Keine Handys. Mehr noch: Viele haben noch nicht einmal ein Telefon! Schwer vorstellbar, klar. War aber so. Alltag im Osten.

In der DDR war vieles Mangelware, auch wenn die Haupstadt der DDR bei der Versorgung mit Konsumgütern noch besser dran war als die restlichen DDR-Bezirke. Entsprechend gab es bei Klassenfahrten von Berliner Schülern in die Peripherie des Landes in den Jugendherbergen gern mal richtig derb auf die Fresse.

Eine besondere Art von Mangelware waren aber eben Telefonanschlüssen. Oft musste man jahrelang darauf warten. Leichter bekam man eine Leitung in die eigene Wohnung, wenn Papa oder Mama oder (am besten!) beide in der SED waren oder auch beispielsweise bei der Deutschen Reichsbahn. Die hatte sogar ein eigenes Telefonnetz, das BASA-Netz hieß, die Abkürzung stand für „Bahnselbstanschlussanlagen“. Weil aber Leitungen eben rar waren, konnte es im Falle des Ablebens eines verdienten Genossen passieren, dass so ziemlich als erstes ein Telefontechniker zur Tür hereinkam und den Anschluss abklemmte. Der nächste Interessent stand schon bereit.

Und dann war, gerade auch bei Gesprächen nach West-Berlin, dieses Knacken in der Leitung, dass einen möglichen hauptamtlichen Zuhörer aus dem Hause Mielke avisierte. Denn die Stasi hatte keine Probleme, Anschluss zu finden. Deswegen gab es den berühmten Satz: „Das besprechen wir mal lieber nicht am Telefon.“

Gilt eigentlich heute immer noch.


In Prenzlauer Berg, Mitte oder Friedrichshain gab es noch Brachen, Punks und wilde Konzerte

Mitte der 80er Jahre im Hirschhof in der Oderberger Straße: ein privat organisiertes Punk-Konzert. Foto: Imago Images/Frank Sorge

Die DDR war ja nicht so Glitzer-Disko. Tanzveranstaltungen hatten sich an die 60/40-Regel bei der Musikauswahl zu halten (60 Prozent Ost-, 40 Prozent Westmusik). Und zum wochenendlichen Tanzen ging man in Mehrzweckgaststätten wie in der Leipziger Straße in Mitte (mit Blick rüber zum Springer-Haus) oder zur Schillerglocke nach Lichtenberg: Gaststätten, wo abends die Tische zur Seite geschoben wurden und es Bier, Wein oder Martini nach Ost-Rezept (mit Kirsche statt Olive) gab, das aber billig, bis der Arzt kam. Oder in Jugendklubs. In der Greifswalder Straße gab es noch den Knaack-Club. An der HU den Uni-Club.

In den Bezirken der Unangepassten, der Punks, der Bohéme-Literaten, der Andersdenkenden, Anderslebenden, in Prenzlauer Berg, in Friedrichshain oder den abgerockten Teilen von Mitte, traf man sich dagegen zu Wohnungs-Szenelesungen und -performances oder auch zu Hinterhof-Konzerten. Auch die Kirchen spielten eine wichtige Rolle als Auftrittsort.

Da wurde wilde, ungeschliffene, akkord-übersichtliche Gitarrenmusik geschrammelt. Manchmal vielleicht sogar auf Kassette aufgenommen, weitergereicht, überspielt. Und rundherum standen die sozialistischen Ruinen der verfallenen Innenstadt.


Auf den Straßen fuhren fast immer dieselben Autos

Automarken-Viefalt Made in GDR. Foto: Imago Images/teutopress

Ein Trabant. Ein Trabant. Noch ein Trabant. Guck mal, ein Wartburg. Wieder ein Trabant. Noch einer. Und huch: War das gerade wirklich ein Golf-2? Kinder der DDR konnten sich noch problemlos die wesentlichen Automarken merken, die ihnen bei der wochenendlichen Fahrt zur Datsche entgegenkamen. Es war vor allem der Trabant, jener legendäre Zwickauer Zweitakter, auf denen einen die Eltern besser schon mit der Geburt anmeldeten, damit die Rennpappe zum 18. Geburtstag auch sicher geliefert wurde. Eine Viertakt-Variante kam noch kurz vor dem Ende der DDR auf den Markt. Dann war es aber auch schon egal.


Erich Mielkes Lieblingsclub BFC Dynamo stellte einen bis heute gültigen deutschen Rekord auf

1986/87 wird der BFC zum achten Mal in Folge DDR-Meister. Der oberste Fan Erich Mielke liebt die Spieler doch alle. Foto: Imago Images/Camera 4

Wir haben uns ja alle daran gewöhnt, dass Fußball ein Spiel mit 22 Spielern und einem Ball ist, und am Ende sind die Bayern wieder Meister. Die Bayern der DDR-Oberliga, BFC Dynamo, spielten in den 1980er Jahren im Jahnsportpark oder im Sportforum – und halten bis heute den deutschen Rekord für die meisten Fußballmeisterschaften in Folge. Zehnmal gewann der Club zwischen 1979 und 1988 dem Titel der Oberliga.

Dabei war die Mannschaft um Bodo Rudwaleit, Frank Terletzki, Rainer Ernst und Norbert Trieloff sogar noch unbeliebter als der FC Bayern. Was nicht zuletzt daran lag, dass Ehrenpräsident Erich Mielke hauptamtlich das Ministerium für Staatssicherheit leitete, die Schiedsrichter sich im Zweifel gern für einen Elfmeter für den BFC entschieden (ein Fanclub trug sogar den Namen des Referees Adolf Prokop) und die Sprechchöre der gegnerischen Fans sehr viel Spaß am Ausruf „Schiebermeister BFC!“ hatten. Ab Mitte der 80er Jahre sammelten sich im Fanblock auch ziemlich viele Fans mit besonders kurzen Haaren. Jahrelang galt der Verein als Hooligan-Problemclub.

Heute kickt der BFC, zwischenzeitlich in FC Berlin umbenannt, in der Regionalliga Nordost, der Konkurrent 1. FC Union dagegen in der ersten Bundesliga. Das hätte sich in den 80ern in Ost-Berlin auch keiner träumen lassen.


Im Ostkino liefen die Westfilme bestens – und Sergio Leone kam sogar selbst zur Premiere seines letzten Films

Ein Mann, ein Film, ein Trabi: Sergio Leone 1986 in Ost-Berlin. Foto: Imago Images/teutopress

Wer es nicht in den Intershop schaffte, fand im Kino ein bisschen weiten Westen. Das konnte der ostfriesische Kassenschlagergarant Otto Waalkes sein, dessen erster Otto-Film auch dank der DDR-Besucherzahlen zu den erfolgreichsten deutschen Filmen überhaupt zählt (auch wenn Ottos Humor uns heute nun wirklich nicht mehr so ganz zeitgemäß vorkommt). Oder Ingmar Bergmanns „Fanny und Alexander.“ Oder die italienisch-japanische Erotik-Schmonzette „Der Garten Eden“, in die das pornotechnisch eher unterversorgte Werktätigenvolk gern auch zwei- oder dreimal hineinstiefelte.

Und dann war da Serio Leones letzter Film „Es war einmal in Amerika“ von 1984, eine auf dem autobiografischen Roman „The Hoods“ von Harry Grey basierende epische, die Jahrzehnte überspannende Gangster-Studie mit einem grandiosen Robert de Niro in der Hauptrolle. Als der Film 1986 in die DDR-Kinos kam, ließ es sich Leone nicht nehmen, selbst zum Filmstart nach Ost-Berlin zu kommen. Es war einmal in Ost-Berlin.


Immer mehr Menschen verschwanden in den Westen, ihre Wohnungen wurden besetzt

Punks besetzen 1982 eine Wohnung in Prenzlauer Berg. Foto: Imago Images/Photo12

Seit den 1970er Jahren konzentrierte sich der staatliche Wohnungsbau auf Plattenbau-Großsiedlungen im Osten der Stadt, im Zentrum verfielen zusehends die Altbauten. Kachelöfen, kaltes Wasser, Klo auf halber Treppe. Und kein Putz an den Wänden mehr. Man sah noch viele Einschusslöcher des letzten Krieges in den Wänden.

Weil viele heruntergekommene Wohnungen leerstanden, besetzten vor allem Jugendliche die Bruchbuden, wohnten eine Weile schwarz, richteten sie sich her, meldeten sich dann bei der Polizei an und umgingen damit die Zentrale staatliche Wohnungsvergabe. Das Besetzen ganzer Häuser sollte in großer Breite erst nach dem Mauerfall beginnen, es kulminierte in der Besetzung und dann Räumung der Mainzer Straße, die wir hier zum 30. Jubiläum noch einmal erzählen. Zunächst wurden nicht Häuser, sondern einzelne Wohnungen besetzt.

Und als in den späten 80er Jahren immer mehr Menschen über die sich öffnenden Wege in den Westen flüchteten, über Ungarn, die Tschechoslowakei, Polen, als die DDR viele Unbequeme ausreisen ließ, manche auch einfach rausschmiss und trotzdem nicht mehr den Druck vom Kessel bekam – in diesem Sommer 1989 standen noch mehr Wohnungen leer.

Die DDR-Bürger, die fortgingen, hinterließen immer mehr Leerstellen, die sich nicht wieder füllten. Und dann ging das ganze Land.


Mehr Berlin verstehen:

Die andere Seite der Geschichte: 12 Dinge, die jeder kennt, der in West-Berlin der 1980er gelebt hat. Auch in unserer Geschichte gibt es Orte, die legendär sind und nicht mehr existieren. Eine Auswahl findet ihr hier. Neu in Berlin? Dann herzlich Willkommen. Damit dieses Willkommen auch herzlich bleibt, hätten wir hier ein paar gute Tipps für Zugezogene.