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Berliner Plätze

Das Kottbusser Tor: Zwischen Leben am Kotti und Leben am Limit

Das Kottbusser Tor ist ein zentraler Hotspot in Kreuzberg. Ein teilweise sehr übel riechender Platz, an dem man sich als Berliner*in trotzdem super wohl fühlt. Auf den ersten Blick scheint dieser Ort wenig attraktiv. Doch schaut man genauer hin, sieht man noch viel mehr, als einen lärmenden Kreisverkehr und obdachlose, arme Menschen. Charakteristisch für den Kotti ist seine Vielseitigkeit. Die vielen abgefuckten, vom Leben gezeichneten Gesichter bilden einen Gegensatz zu lächelnden, schick gekleideten Menschen, die hier in hübschen Altbau-Wohnungen zuhause sind.

Foto: imago images/Müller-Stauffenberg

Vier verschiedene Straßen münden vom Kottbusser Tor aus in vier verschiedene Viertel, in denen sich das Kiezleben abspielt. Die Adalbertstraße im Norden, die Skalitzer Straße, die Reichenberger Straße und die Kottbusser Straße, die Richtung Süden nach Neukölln führt. Wenn man Berlin wirklich verstehen möchte, gehört es definitiv dazu, hier einmal mit dem Fahrrad im Kreisverkehr zu fahren.

Eine kurze Geschichte über die Entstehung des Kottbusser Tors

Geschichte: Benannt wurde das Kottbusser Tor nach der Stadt Cottbus in der Niederlausitz. Früher stand hier wirklich mal das Kottbusser Tor, es war eines von vielen im 16. Jahrhundert entstandenen Zolltoren in der Berliner Stadtmauer. Der Platz, der nicht einmal ein richtiger Platz ist, liegt unter dem 1902 erbauten Hochbahnhof der U-Bahn-Linie 1. Sie wurde 1929 zum Umsteiger erweitert. Seitdem fährt hier auch die Linie 8 im Untergrund.

Das Kottbusser Tor 1982
Das Kottbusser Tor, eine Eisdiele und ein Berliner Späti im Jahr 1982. Foto: Peter Hebler

Wohnungslosigkeit ist in der Gegend nicht neu, schon im 19. Jahrhundert lebten hier viele arme Menschen. Von 1979 bis 1984 war der Kotti auch Zentrum der Hausbesetzerbewegung, die gegen Immobilienspekulation und die Senatspolitik der Kahlschlagsanierung aufstand. In den 70ern kamen die Junkies an den Kotti und gehören seither zum Straßenbild dazu.

So sieht es heute aus: Zwischen Leben am Kotti und Leben am Limit

Diverse Spätis und Straßencafés, ein Saftstand, ein gemütlicher Club namens Monarch, in dem sympathische DJs wie Suff Daddy auflegen und gute Laune und Musik an die Club-Gäste weitergeben. Ein von außen versiffter Rewe auf zwei Etagen, der sich nach dem 20. Besuch wie die eigenen vier Wände anfühlt. Denn dann weiß man genau: Getränke, Bio-Ecke, Gemüse und Backstand oben, Tiefkühlwaren, verpacktes Brot und gekühlte Belegwaren unten. Und ein Gemüsestand, der an manchen Tagen länger geöffnet hat als Supermärkte in Berlin. Und dahinter noch das Möbel Olfe, vor allem donnerstags und am Wochenende ein Dreh- und Angelpunkt des queeren Lebens in Berlin. Genau wie der Südblock an einer anderen Ecke des Areals.

Betonarchitektur, Hochhausansiedlung und gemütliche Straßencafés. Das Kottbusser Tor Deluxe. Foto: imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer

Eigentlich findet man hier alles, was lebt und was nicht lebt. Zum Beispiel tote Tiere am Gehweg, dicke Tauben, die sich an Überresten von Essen und anderen toten Federtieren satt fressen. Die Ratten der Lüfte und die dicken, Berliner Straßenratten sind hier heutzutage genau so zuhause wie verschiedenste Nationalitäten, denen wir leckere Gerichte und Speisen in internationalen Restaurantbetrieben zu verdanken haben. Genau das macht den den Kotti-Flair aus. 

Altbauten und teure Mietwohnungen grenzen an billige Sozialwohnungen, oder günstige Wohnungen in Genossenschaften, weil hier Häuser auch teilweise noch nicht privatisiert sind. Doch auch hier hängen überall weiße, beschriebene Tücher an den Wänden besetzter Häuser hinunter. „Ada 6 bleibt!“ oder „Ada 83 bleibt!“ steht dort in großen, roten Buchstaben geschrieben. Eines der wenigen Beispiele für eine erfolgreiche Hausbesetzung in den 2000ern ist der 2005 besetzte Wagenplatz „New Yorck Bethanien“ am Mariannenplatz, der 2009 einen Vertrag abschließen konnte.

Grafitti mit der Aussage: „Löhne rauf, Mieten runter“ und an der linken Hauswand mit spitzen Balkonen Grafitti von Berlin Kidz. Foto: imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer

Spätis, die schließen. Spätis, die neu eröffnen. Und das seit 2018 geschlossene Restaurant von Attila Hildman in der Adalbertstraße, dessen ehemalige Räumlichkeiten immer noch nicht an andere Gewerbetreibende weiter vermietet werden. Erst mal sollte man den unsympathischen Namen von Attila Hildmann durchstreichen. Dann kann es auch dort weiter gehen.

Endlose Eindrücke am Kottbusser Tor: Kunst, Kultur und sonderbare Gerüche

Der Kotti ist so schön, weil sich hier irgendwie das echte Leben abspielt. Hier muss man sich mit Armut, mit Elend und mit Traurigkeit konfrontieren. Und selbst dann, wenn man wegschaut, steigen einem spannende Geruchskombinationen aus Bratfett und Urin in die Nase. Ja, auch in so manch einem Späti muss man die Luft anhalten. In dem einen, weil einem der Geruch von Axe Deodorant oder Bruno Banani Parfüm in die Nase steigt, wie nach einem zu großen Tupfer Wasabi auf einer Sushi-Rolle. Bei den anderen, weil einem dort verrauchte und stickige warme Luft in die Nase steigt. Und dann gibt es solche Spätis, in denen riecht es nach einer unangenehmen Killer-Kombination aus all diesen Düften. In keinem anderen Moment ziehe ich mir freudiger einen Schutz über meinen Mund und meine Nase, als in diesem. Seit Monaten gilt bereits die Maskenpflicht und das ist gut so. Nur wenige Idioten in Berlin haben nicht verstanden, dieser auch ordentlich nachzugehen. Ab an‘ Kotti mit euch.

Die Hauswände rund um das Kottbusser Tor sind ein Spielplatz für Graffiti-Künstler. Zum Beispiel für die Berlin Kidz. Oder die große, mit zwei aus einer Berliner Serie bekannten Gesichtern verzierte Hauswand: Kida Khoda Ramadan und Veysel aus “4 Blocks”. Grundsätzlich sind Wände hier bunt bemalt und besprüht. Und dann wäre da noch das Friedrichshain-Kreuzberg Museum, kurz FHXB-Museum, in der Adalbertstraße 95a. Hier kann man spannende Ausstellungen besuchen, die über die Geschichte, Stadt­sanierung und Protestbewegung in Kreuzberg und Friedrichshain informieren.

„We Love Kotti“ Graffiti in Kreuzberg in der Nähe des Kottbusser Tors vom 29.08.2020. Foto: imago images/Steinach

Kotti Spezial: Armut, Dealer, Obdachlosigkeit und Konsum

Außerdem ist das Kottbusser Tor durch seine vielen Cafés, kleinen Gassen und dunklen Ecken auch eine Oase des Drogendeals. Und ein Ort, an dem Drogenkonsum offen gelebt wird. Obdachlose, die sich mit Spenden und Fundsachen über Wasser halten und einen am Abend auch mal einfach anpöbeln, wenn man zu langsam an ihnen vorbeiläuft. Ich würde auch pöbeln, wenn ich nichts zu Essen hätte. Zweimal wöchentlich hilft hier die Berliner Obdachlosenhilfe hinter den Eingängen zur Hochbahn und teilt Essen, Wasser und Kleidung an Hilfebedürftige aus. Bestimmte Organisationen verteilen hier auch saubere Spritzen.

Rechts neben dem Rewe Supermarkt liegen mehrere Schlafsäcke auf Pappkartons und obdachlose Menschen, die das Straßengeschehen und vorbeilaufende Menschen durch schläfrige Augen genau so beobachten, wie andere Menschen mit wachen Augen, die in gemütlichen Stühlen auf dem Bürgersteig vor einem Café sitzen.

Kotti Deluxe: Ein Museum unter freiem Himmel

Doch es gibt auch gute, bereichernde Augenblicke. Zum Beispiel an einem Morgen, an dem ein Mensch ohne Obdach einen Kaffee von einer Fremden in die Hand gedrückt bekommt. Wenn man auf dem Weg zur Arbeit an diesem für den Moment einfach dankbaren Menschen vorbeiläuft und sich die eigenen Blicke mit den seinen treffen, weil man selbst einen Kaffee in der Hand hält. Dann tut es gut, wenn man angelächelt wird, einfach zurück lächelt und sich mit dem Kaffee symbolisch zuprostet, weil jetzt der Tag beginnt.

Hier am Kottbusser Tor begegnen sich die unterschiedlichsten Lebensentwürfe, Aussichten, Vorstellungen und Wünsche. Aber wenn man sich einfach mal in die Augen schaut, nicht wegschaut, nicht aufdringlich schaut, nicht wertend schaut. Sondern einfach nur hinschaut, dann spürt man, dass man mit allem, was man auch mehr oder weniger hat als jemand anderes, einfach nur Mensch ist. Die Vielfalt des Stadtgeschehens an diesem Ort ist wahrhaftig endlos. Und der Kotti, wenn man sich einmal auf ihn einlässt, ist ein Museum für sich unter freiem Himmel. 

Das Kottbusser Tor
Das Kottbusser Tor aus der Vogelperspektive. Foto: imago images/Westend 61

Anbindung: U-Bahn: U1, U3, U8 | Bus: 140er


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