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Corona-Spaziergänge: Durch den Bergmannstraßen-Kiez in Kreuzberg

Im sechsten Kapitel unserer Corona-Spaziergänge wandert unsere Autorin Claudia Wahjudi durch den eher bürgerlich geprägten Teil von Kreuzberg, den Bergmannstraßen-Kiez. Wo sonst gepflegt gebummelt, gegessen und getrunken wird und ein buntes Treiben herrscht, fehlt das Summen der Großstadt. Vor Mustafas Gemüsekebap steht ein einsamer Mann und findige Händler verkaufen polnisches Klopapier auf dem Bürgersteig.

Der Bergmannkiez in Kreuzberg ist in der Zeit von Corona leer.
Die Straßen sind leer, auch im Kreuzberger Bergmannstraßenkiez ist in Corona-Zeiten nichts los. Foto: Claudia Wahjudi

Erst als ich die Polizist*innen sehe, merke ich, dass ich mir noch nicht wieder angewöhnt habe, immer einen Ausweis mitzunehmen wie damals in West-Berlin, als die Pappe Pflicht war. Die Wachleute haben sich am Rand der Kreuzbergstraße aufgestellt und stoppen Radfahrer*innen, die Richtung Bergmannstraße wollen. Niemand weiß so recht, welche Regeln jetzt gelten. Was sie von den Radler*innen wollen, weiß ich nicht, und ich bin zu feige, mich zu erkundigen, weil ich nicht nach meinem fehlenden Ausweis gefragt werden will. Stattdessen trolle ich mich auf dem Weg zurück, auf dem ich den Morgenspaziergang begonnen habe.  

Seit den coronabedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens herrscht auf dem Mehringdamm kein Stau mehr, auf den Bürgersteigen kein Gesumms. So sehe ich die Pressesprecherin eines Berliner Kulturhauses schon von weitem, wir plaudern kurz mit dem gebotenen Abstand. Auch sie drehe morgens erst eine Runde, um den Kopf frei zu bekommen, sagt sie, bevor sie sich zuhause an den Schreibtisch setze. Später ist da eine junge Frau auf irrsinnig hohen Plateausohlen, die mich auf Englisch um Feuer bittet. Wir eiern eine Weile herum, bis ich ihr meine brennende Zigarette auf Armeslänge hinhalte und sie ihre auf Armeslänge entgegenstreckt. Der Funke springt über. 

Corona in Kreuzberg. Ein Schild im Imbiss warnt: Bitte Abstand halten.
Das muss man eigentlich nicht mehr sagen, doch die Schilder sind allgegenwärtig. Foto: Claudia Wahjudi

Geschlossene Läden, liebevoll handgeschriebene oder sachlich ausgedruckte Zettel kleben auf den Türen und zeugen noch von Hoffnung auf rasche Wiederöffnung. Wie überall also, aber zwei Besonderheiten gibt es hier: erstens, das Videodrom in der Friesenstraße. Kund*innen dürfen den Laden einzeln betreten und Filme ausleihen, die Rückgabe erfolgt draußen per Briefkasten. Und zweitens natürlich die vielen Buchhandlungen im Kiez, die laut Berliner Verordnungen bis auf Weiteres öffnen dürfen. Manche haben zu eingeschränkten Zeiten auf, manche verkaufen auch aus dem Fenster heraus oder beliefern.  

Vor der Drogerie stehe ich 24 Minuten in der Schlange. Die Security will ein Paar mit Baby vorlassen, aber das verzichtet. Nebenan nutzen die Betreiber des geschlossenen vietnamesischen Restaurants die Zwangspause, um das Holz der Außenterrasse frisch zu beizen. Zwischen den Drogerieregalen dann gepflegte Leere. Nur noch zwei statt höchstens drei Stück Seife dürfen Kund*innen erwerben. Klo- und Küchenpapier sind ebenso alle wie preiswerte Spülmaschinentabs.

Aber gegenüber wissen die improvisationsgeschulten Händler mit türkischem Familienhintergrund Abhilfe: Auf dem Fußweg am Mehringdamm türmen sich Packungen mit Toilettenpapier. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich seine Herkunft als polnisch: „Twój dostawca papieru“ kommt aus Pilica nördlich von Krakau. Drinnen im Laden gibt es große Weihnachtsmänner aus Schokolade, Mindesthaltbarkeitsdatum 31. März, Kosten: ein Euro. Da kann man doch nicht Nein sagen.  

Am Mehringdamm verkaufen findige Händler polnisches Toilettenpapier.
Am Mehringdamm verkaufen findige Unternehmer polnisches Toilettenpapier. Foto: Claudia Wahjudi

Nachts erneut kurz draußen. Die Luft wirkt klar, und es ist so leise, dass man, wäre es nicht so kalt, endlich einmal bei offenem Fenster schlafen könnte.  Das Yorck-Kino meldet über seinen verrammelten Türen: erstmals geschlossen seit 1977. Vor Curry 36 holt nur eine Frau mit Mundschutzmaske Essen ab, vor Mustafas berühmt-berüchtigtem Gemüse-Kebab, nach dem Brand Ende 2019 jetzt neben dem Finanzamt neu aufgebaut, steht ein einsamer Mann. 

Das BKA zu, natürlich, bietet aber Livestreams an, und selbstverständlich auch kein Spielbetrieb im Thikwa Theater und im Mehringhof. An der Wand des ebenfalls geschlossenen Mehrgenerationenhaus in der Gneisenaustraße flattern im kalten Ostwind wild plakatierte Kopien, die sich schon halb abgelöst haben: Sie erinnern an die Opfer des Anschlags in Hanau am 19. Februar.  

Corona in Kreuzberg: Der Imbiss Curry 36 und Mustafas Gemüsekebap sind einsam und verlassen.
Nachts vor dem Kultimbiss Curry 36. So leer ist es hier sonst nie. Foto: Claudia Wahjudi

Vor der Markthalle türmen sich Decken und Tüten. Die freundliche, klare Stimme klingt daraus hervor, offenbar einer deutschen Muttersprachlerin: Ob ich eine Zigarette hätte? Ich schüttele eine aus meiner Packung, die Frau greift trotz dicker fingerfreier Handschuhe ganz vorsichtig zu. Sie bedankt sich und wünscht mir einen guten Heimweg. Nach ein paar Metern kehre ich um und sage der Dame, dass es heute Nacht arge Frosttemperaturen geben werde. Das wisse sie, antwortet sie, sie sei warm eingepackt.  

In der folgenden Nacht drehe ich erneut meine Nachtrunde, dieses Mal mit einem Beutel Obst über dem Arm. Die Dame campt noch immer vor der Markthalle, heute steht eine Dose mit Desinfektionstüchern an ihrem Platz. Ich frage sie, ob ich ihr etwas Obst geben dürfe, und sie bittet mich, den Beutel in anderthalb Metern Abstand von ihr abzulegen. Dann sagen wir uns höflich Gute Nacht. Claudia Wahjudi 


Mehr Corona Spaziergänge

Hier geht es zum ersten Corona-Spaziergang quer durch Friedrichshain und zum zweiten durch Kreuzberg, der dritte Spaziergang führte durch die leere Mitte zwischen Rosenthaler Platz und Unter den Linden. Der vierte Spaziergang führte von Kreuzberg zum Treptower Park.


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