Trinken

Immer da: Berlins Kneipen-Charaktere von nervig bis liebenswert

Eine gute Kneipe ist wie ein zweites Wohnzimmer, die Menschen an Tischen und Theken wie eine seltsame, aber liebenswerte Familie. Wie in jeder Familie gibt es natürlich auch in der Kneipe des Vertrauens verschrobene Figuren, die zwar mal auf die Nerven gehen können, aber im Endeffekt nun mal irgendwie dazugehören. Wir stellen euch daher 12 Kneipen-Charaktere vor, denen man in Berlin regelmäßig begegnet.


Die Wilmersdorfer Witwe

Die Wilmersdorfer Witwe entspringt einer verlorenen Zeit und verkörpert diese noch immer. Foto: Imago/xCreatistax Panthermedia

Elegant gekleidet, adrett frisiert und charmant perfümiert schlendert die Wilmersdorfer Witwe nach dem Bummel durchs KaDeWe und einer Sahne-Walnuss-Torte im Kranzler Eck in eine Jahrhundertkneipe. Auf dem Eichentisch präsentiert sie ihr goldenes Zigarettenetuit, ein verziertes Benzinfeuerzeug und ein schmackhaftes Likörchen.

Im Akzent einer ausgestorbenen West-Berliner Hochkultur erzählt die Witwe eines Notaren, Chefarztes, Architekten oder Publizisten vom Tanzen in der Eierschale, Bootfahren am Wannsee und den geliebten Enkelkindern. Sie ist etwas verbittert, schimpft manchmal auf die ungehobelten Nachbarn, den Lärm oder die Politik, ist dabei aber immer galant. Nach drei Gläsern Chardonnay und dem süßen Likörchen stolziert sie in ihre 500-Quadratmeter-Wohnung in der Pariser Straße zurück.


Die Kneipensportler:innen

Kneipensport macht Spaß, einige Leute nehmen Kicker, Billard und Darts aber echt zu ernst. Foto: Imago/Steinach

Billard, Dart und Kicker können besonders in heimeliger Kneipenatmosphäre unglaublich viel Spaß machen. Alle kommen mal an die Reihe, es wird gefordert, gewonnen und verloren. Es könnte so einfach sein, wären da nicht die ehrgeizigen Kneipensportler:innen. Gnadenlos knallen sie den Ball ins Kickertor, treffen beim Dart jedes mal ins Triple und vor einer Billardpartie hat man eh zu viel Angst. Natürlich dürfen sie stolz auf ihre Virtuosität sein, aber es wäre schön, wenn sie auch mal andere spielen lassen würden, ohne sie direkt unbarmherzig zu zerstören. Das sind die besten Billard-Kneipen in Berlin und hier gehts rund beim Kickern.


12 Kneipen-Charaktere: Die Unzerstörbare

Selbst nach dem zehnten Bier hat die Unzerstörbare in der Kneipe noch gut lachen. Foto: Imago/Westend61

Männer können mehr trinken? Von wegen. Die Unzerstörbare zeigt allen Machos, wo der Hammer hängt. Problemlos trinkt sie selbst die größten Kampftrinker unter den Tisch. Wenn ein verletztes Ego aggressiv wird, beweist sie mit einer gepfefferten Ohrfeige, dass man sich nicht nur im Wetttrinken nicht mit ihr anlegen sollte.


Die Sanis

Ein Fall für die Kneipensanitäter:innen. Man sollte immer aufeinander acht geben und helfen, wenn es jemandem nicht gut geht. Foto: Imago/agefotostock

Wenn mal jemand einen über den Durst getrunken hat, was ja nicht selten vorkommt, helfen die Sanis, also Sanitäter:innen, mit einem Glas Wasser oder ein paar rettenden Salzsstangen. Heldenhaft und selbstlos stützen sie die Torkelnden auf ihrem Weg nach draußen oder auf die Toilette. An ihren weichen Schultern kann man sich ausheulen oder bis zum Ausgang schleppen lassen.


Der Hoffmann

Der Hoffmann nutzt die Atmosphäre und die Kneipengestalten als Inspiration. Foto: Imago/MartinxFejer/estost.net

Der Hoffmann sitzt wie der namensgebende Romantiker alleine am Eckfenster, trinkt schweren Rotwein, raucht Pfeife und schreibt. Hin und wieder erhascht er einen flüchtigen Blick auf die anderen Leute, die als tiefgründige Charaktere in seine Kurzgeschichten einfließen. Gelegentlicht unterhält sich der Hoffmann zaghaft mit der Wilmersdorfer Witwe (siehe oben). Meistens bevorzugt er jedoch die Einsamkeit und den freien Raum zur kreativen und stets angeschwipsten Entfaltung.


Die Jugendlichen

Jugendliche im Vollrausch sind echt kein schöner Anblick. Foto: Imago/xBriganiArt/ArtistxAtxWork/Heinrix 00047413_00047413

Frisch 16 geworden stolzierern die Jugendlichen in eine Kneipe. Auf dem Weg haben sie schon eine Flasche Berliner Luft inhaliert und von ihren Malboro Golds wird ihnen schummrig. Aber heute gehts ab. Wodka, Mexi, Jägermeister und Tequila… Die Ausweise mussten sie zum Glück nicht zeigen, also nutzen sie ihre Chance zum Komatrinken. Oh je. Irgendwann wird es unangenehm. Drei von ihnen prügeln sich, zwei von ihnen machen wild rum und einer wird schlafend auf der Toilette vergessen.


Die Fußballfans

Hertha Fans in einer Berliner Kneipe. Beim Fußballschauen trifft man immer lustige Menschen. Foto: Imago/Olaf Wagner

Sonntag 15.30: Während sich die anderen noch von der vergangenen Nacht erholen, sitzen die Hertha- und Union-Fans in den besten Fußballkneipen und fiebern mit ihren Vereinen mit. Gemeinsam wird gejubelt, geweint und gemeckert. Die Stimmung ist großartig. Selbst wenn das Lieblingsteam mal wieder verliert, fasst sich der Fußballfan ein Herz und gibt noch eine Trost-Runde aus. Nächste Woche wird ja wieder gespielt oder man bleibt gleich für den ganzen Spieltag.


Die Hobby-DJs

Hobby-DJs sind eine besonders gefährliche Spezies und können gemütliche Abende schnell zur unangenehmen Schlagerparty werden lassen. Foto: Imago/Claus Bergmann

„Ey, mach mal AC/DC an oder was von Helene!“ Oh Gott. Die Musikauswahl in härteren Kneipen ist ja eh immer so eine Sache. Aber wenn die Betrunkenen am Tresen plötzlich anfangen, Musikwünsche abzugeben, ist alles verloren. In seltenen Fällen wird die Musik auf Nachfrage sogar besser, meistens ist aber eher das Gegenteil der Fall. Bestimmte Wünsche sollten einfach grundsätzlich nicht angenommen werden. Dann doch lieber einfach Radio Paradiso.


Der „Kristall-Rainer“

Herr Lehmann gerät im gleichnamigen Film nicht nur mit einem Hund aneinander, sondern auch mit einem typischen „Kristall-Rainer“, der ihn zu verfolgen scheint. Foto: Imago/MaryxEvansxAFxArchivexBojexBuckxProduktion 12593877

Spätestens nach Sven Regeners wunderbarem Berlin-Buch „Herr Lehmann“ ist das Phänomen des „Kristall-Rainers“ nicht mehr zu übersehen. Einsam streift er durch die Nacht, immer auf der Suche nach einem neuen Kristall-Weizen. Er trinkt allein, aber immer viel. Pils, Helles, Dunkles, IPA: Das ist alles nichts für ihn. Mit einem flüchtigen Blick winkt er den Kellner zu sich, beugt sich nach vorne und fragt flüsternd und voller Vorfreude: „Machst du mir noch ein Klares?“ Dann geht es in die nächste Kneipe. Jede kommt irgendwann mal ran auf der einsamen Mission des „Kristall-Rainers“.

Der „Kristall-Rainer“ hat Ähnlichkeiten zu dem Professor und dem Hoffmann (siehe oben), allerdings schreibt oder liest er nicht, sondern konzentriert sich voll und ganz auf sein Kristall-Weizen.


Die Touris

Wenn die Touris genug vom Bier-Bike haben, ziehen sie weiter in eine Kneipe. Hier erleben sie entweder einen Schock oder die Nacht ihres Lebens. Foto: Imago/Dirk Sattler

Nicht alle Touris gehen zu den indischen Cocktailbars in der Simon-Dach-Straße oder zum Sausalitos in der Oranienburger. Es gibt auch neugierige Reisende, die sich in eine verruchte Alt-Berliner Kaschemme trauen. Hier eröffnet sich eine neue Welt. Es darf drinnen geraucht werden, niemand spricht Englisch, alle besagten Charaktere sitzen, stehen, spielen, jubeln, schreiben, lesen und trinken in der Kneipe. Wow, was für ein Erlebnis. Entweder die Touris haben hier die Nacht ihres Lebens oder sie hauen doch lieber schnell ab und fahren Richtung Alexanderplatz.


12 Kneipen-Charaktere: Die Spielsüchtigen

Das Geld landet im Spielautomaten. Gewonnen wird aber so gut wie nie. Foto: imago/Gustavo Alabiso

Glücksspiel und Kneipen sind fest miteinander verbunden. Die Süchtigen warten schon vor der Tür, bevor die Kneipe aufmacht und gehen erst wieder, wenn Schluss ist. Das meiste Geld wird im Spielautomaten gelassen, gewonnen wird jedoch so gut wie nie. Rauchen, trinken, daddeln, Tag ein, Tag aus. Das kann schon echt ein trauriger Anblick sein.


Die Schlusslichter

Eigentlich sieht man nichts mehr und sollte lieber endlich nach Hause gehen. Foto: Imago/xThomasxImox

Entweder sie haben schon die ganze Nacht in der Kneipe verbracht oder sie fühlen sich noch nicht bereit, nach einer ungehemmten Clubnacht wieder ins normale Leben zurückzukehren. Also mit letzter Kraft noch bis in die Morgenstunden in der 24-Stunden-Kneipe rumhängen. Hauptsache nicht nach Hause gehen. Das Bier schmeckt schon lange nicht mehr, die Lunge ist verschleimt, aber immerhin muss man noch nicht alleine ins Bett.


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