Von allen Seiten: Content-Messe Frankfurt

ERIK HEIER
beschleicht das Gefühl, dass die Frankfurter Buchmesse nicht mehr viel Vertrauen in die Zukunft des Buches hat

 

Wenn der Leser das hier bitte mal kurz scannen würde: Auf der Frankfurter Buchmesse (12.–16. Oktober) stellt ein hoffnungsvoller Jungautor seinen neuen Content vor, „Mut zur Integration: Für ein neues Miteinander“. 14. Oktober, 20 Uhr, Haus am Dom, Giebelsaal. Sein Username ist Klaus Wowereit, normalerweise macht er in Bürgermeister-Networking, aber bei der Messe hat man es nicht so mit Koalitions-Brokern und der eher dürftig digitalen Option: Ratzmann oder Henkel. Wowereit glaubt wahrscheinlich noch, dass er mit seinem Follow-up seiner Bestseller „... und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik“ (2007) und „Ich wär’ gern einer von uns: Geschichten übers Ein- und Aufsteigen“ (2011) ein schnödes Buch präsentiert, das man zur Not auch nur querlesen kann, wenn man in der CDU ist. Aber in Frankfurt ist jetzt alles zunehmend nicht nur Buch, sondern Content. Und Content scannt man. Oder speist ihn irgendwo ein. Bald denkt man an das Buch wie an einen Kassettenrekorder: ein drolliges Retro-Relikt mit schwindendem Verbrauchernutzen. Die weltgrößte Buch- und Medienmesse wird deshalb nun vorsorglich zur Content-Messe umdekoriert, damit man später mal die Bücher ganz weglassen kann, wenn die Kreativbranche ein einziger Film-Games-bisschen-Buch-Informationstechnologie-Multivermarktungsbrei ist. Messechef Jürgen Boos spricht schon vom Treffen der „Veredler und Verwerter des Rohstoffs Inhalt“. Und dass sich die bislang linearen Verwertungsketten im digitalen Zeitalter vernetzen. Das klingt irgendwie nach den Piraten. Vielleicht stellen die ja in fünf Jahren dort ihren neuen USB-Stick vor: „Best of open Koalitionsdings-Twitter.“

(erschienen im tip 21/2011)

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 04.10.2011 , Zuletzt aktualisiert: 04.10.2011
1 Kommentar

Von allen Seiten: Da haut man eben drauf

ERIK HEIER
fragt sich, ob die scheinbare Verrohung der Jugend eines Tages auch wieder mal mit Büchern in Verbindung gebracht wird

Derzeit ist sehr viel von der Verrohung der Jugend die Rede. Was Gewaltfantasien und Beleidigungen alles mit ihr machen. Es gibt da ja diese Internetseite, auf der Schüler angeblich Klatsch verbreiten, in der Realität aber vor allem andere Schüler fertigmachen. Das weiß die breite Öffentlichkeit aber erst, seit ein 17-Jähriger von 20 Jugendlichen brutal zusammengeschlagen wurde, weil er einen Streit um seine Freundin schlichten wollte, die war auf der Seite niedergetextet worden. Es ist ja nicht falsch, dass diese jetzt auf den Index gesetzt wurde. Andererseits hat man in meiner Jugend auch nicht alle Klotüren vernagelt, damals das bevorzugte Medium für übelste Beschimpfungen. Beunruhigender finde ich aber, dass die reale Brutalität beinahe hinter dem Radau um das virtuelle Gepöble verschwindet. Ich meine: Hallo? 20 gegen einen??? Es ist natürlich Zufall, dass kurz davor der junge Grazer Schrifsteller Clemens J. Setz den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat, in dessen Werk „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ eine Frau sich in einem Menschenkäfig halten lässt, ein Schriftsteller eine Leiche unter seinem Schreibtisch arrangiert und auch sonst reichlich befremdliche Haudrauf-Effekte vorkommen. Setz’ Protagonisten entstammen dem akademischen Mittelstand. Die Klatsch-Internetseite wird gern von Gymnasiasten frequentiert. Hoffentlich liegt Setz’ Buch nicht irgendwann auf dem Nachttisch eines Brutaldeppen. Die Älteren erinnern sich vielleicht an die Hysterie um „American Psycho“. Weil es so leicht, so verdammt billig ist, einfache Gründe zu finden, wo man sich um komplexe soziale Ursachen sorgen müsste. Solche, die mehr kosten als ein Index.

(erschienen im tip 8/2011)

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 30.03.2011 , Zuletzt aktualisiert: 30.03.2011

Kommentare

begreifen

Diese ewige Hexenjagd die entsteht nachdem ein Amokläufer (oder Gewalttäter) seine Tat vollzogen hat ist ja irgendwo zu begreifen. Da werden Bücher, Videospiele und andere Dinge zum Sündenbock…Lesen »

Von allen Seiten: Panik ist für alle da

ERIK HEIER
verfolgt mit gewissem Amüsement die Debatte um Patrick Bahners Streitschrift gegen Islamkritiker

Hier ist ein interessanter Satz. Panikmache sei es, wenn man die Panikmacher Panikmacher nenne. Die Aussage hat die „Süddeutsche Zeitung“ dem Historiker Hans-Ulrich Wehler zugeschrieben. Das geht natürlich noch besser. Etwa: Panikmache ist, wenn Panikmacher Panikmacher Panikmacher nennen. Wenn ein Leser in diesem Satz noch Platz für einen weiteren Panikmacher findet, möge er mir bitte schreiben. Wehlers Satz ist der SZ zufolge bei einer Diskussion über Patrick Bahners lesenswerte, aber nicht unbedingt vollends überzeugende Streitschrift mit dem Titel, richtig: „Die Panikmacher“ gefallen, Untertitel „Die deutsche Angst vor dem Islam“. Bahners muss einen ziemlichen Brass auf die ganze Islamfeindbild-Debatte haben, die allerdings auch in seinem FAZ-Feuilleton stattfindet, das leitet er nämlich. Das Werk ist übrigens für den Leipziger Buchpreis 2011 nominiert. Originellerweise rezensierte es just in der FAZ ausgerechnet Thilo Sarrazin, mit erwartbar vernichtendem Ergebnis. Auch Necla Kelek, deren Islamkritik Bahners in einem kompletten Kapitel zerpflückt, ist Autorin in seinem Feuilleton und wunderte sich nicht ganz zu Unrecht, wieso sie Bahners zuvor nicht mal angerufen hat. Henryk M. Broder, laut Bahners „Berserker der reinen, inkorrekten, hässlichen Wahrheit“, dankte ihm in der „Welt“ mit seinem Bahners-Bild von der „Kaltschnäuzigkeit eines Dobermanns, gepaart mit intellektueller Anmaßung“. Da verspricht der 23. März im Türkischen Kulturzentrum, An der Urania 15, ab 19.00 Uhr einiges. Bahners diskutiert unter anderem mit Hatice Akyün und Jan Fleischhauer. Vielleicht kriegt dann ja jemand noch mehr Panikmache in einem Satz unter. 

(erschienen im tip 7/2011)

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 15.03.2011 , Zuletzt aktualisiert: 15.03.2011

Von allen Seiten: Doktor, es tut so weh

ERIK HEIER
gratuliert dem Verteidigungsminister zu seinem Buchdebüt, um genauso irre zu wirken wie alle anderen

 

Das Buch des Monats heißt natürlich „Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“. An dieser Stelle also Glückwunsch an Karl-Theodor zu Guttenberg. Sein Debüt: ausverkauft, vergriffen. Und das bei einem Preis von 596 Euro für 475 Seiten, das macht 2,08 Euro pro Seite mit mindestens einem Plagiat (Stand: 25.2., 17.17 Uhr, laut GuttenPlag Wiki). Falls jemand jetzt fragt, ob ich hier auch schon irrsinnig werde: Ja, natürlich. Guttenberg macht irre. Es hört ja nicht auf. Vorher, nachher, jetzt. Beim „Spiegel“ zum Beispiel, wo sie noch im letzten Oktober diesen unfassbaren Titel „Die fabelhaften Guttenbergs“ verbrachen, der teilweise ins Quasireligiöse driftete („Lichtgestalt“) und in dem Satz gipfelte: „Erst Stephanie (seine Gattin, aber das wissen Sie vermutlich – d.Red.) macht Guttenberg ... zum Mann, dem in der deutschen Politik alles zuzutrauen ist.“ Laut „Stern“-Jörges konnte er mal Kanzler, an seiner überschaubaren politischen Bilanz konnte das schon da nicht liegen, jetzt kann er gehen. Oder die Kanzlerin, der man bisher viel nachsagen mochte, aber nicht Logik-Legasthenie. Nun aber gab selbst Merkel, nachdem Guttenberg von Leugnung (Vorwürfe „abstrus“) auf Läuterung (Rückgabe des Doktortitels) umtopfte, jede Gleichung von Ursache und Wirkung dran: „Die Entscheidung der Uni Bayreuth liegt auf der Linie dessen, was der Verteidigungsminister vorgegeben hat.“ Von mir aus kann er seinen Google-Titel wiederhaben, wenn er dafür künftig nur noch in Franken übers Wasser geht. Damit alle anderen wieder mal normal werden. Herr Doktor, es tut weh. So weh. Bitte machen Sie, dass es endlich aufhört.

(erschienen im tip 6/2011)

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 01.03.2011 , Zuletzt aktualisiert: 01.03.2011

Von allen Seiten: Eine eigene Disziplin

ERIK HEIER
empfiehlt den genialen Beschimpfer Thomas Bernhard als Alternative zur ewigen Sarrazin-Daily-Soap

Die komische Daily Soap „Diese ­Sarrazins“ geht mir langsam auf den Wecker. Aber es hilft ja nichts, da kommt dauernd was nach. Klaus ­Wowereit schreibt jetzt zum Beispiel ein Gegen-Sarrazin-Buch über die neue Kernkompetenz seines ehemaligen ­Finanzsenators, „Mut zur Integration: Für ein neues Miteinander“. ­Wobei allein vom Titel her „Deutschland schafft sich ab“ mehr reinknallt, wenn man mich fragt. Bis auf weiteres ­behalte ich mir auch Zweifel vor, ob Herrn Sarrazins Gattin Ursula ihre neue Freizeit nicht doch noch zu ­einem eigenen Buchprojekt nutzt, dann vermutlich zur Bildungsmisere, auch wenn sie derlei mal dementiert hat. Es gibt aber dieses Zitat von ihr, „Ich führe schon lange Tagebuch“, das klingt irgendwie bedrohlich. Soweit ich verstanden habe, liegt Frau ­Sarrazin Disziplin sehr am Herzen, was prinzipiell nichts Schlechtes ist. Jemand, der bevorzugt die Leute wüst beschimpft und zudem mit Geld nicht gut umgehen kann, hätte in ihrem Klassenzimmer wahrscheinlich schon mehrfach Gesprächsregeln abschreiben dürfen („Wir hören einander zu. Wir warten, bis wir dran sind“). Wobei damit keineswegs ausgemacht ist, dass selbst aus solchen ungehobelten Kerlen, obendrein mit ­Migrationshintergrund, nicht doch noch was werden kann. Das sieht man unter anderem an einem in Holland geborenen Österreicher, der am 9. Februar 80 Jahre alt geworden wäre: dem begna­deten Polemiker Thomas Bernhard. ­Aus seinen „Autobiografischen Schriften“, gerade als ­15-CD-Hörbuch erschienen, lesen übrigens am 8. Februar, 20 Uhr, Ulrich Matthes und Burghart Klaußner im Deutschen Theater. Da lernt man ­sicherlich mehr als bei diesen Sarrazins.

(erschienen im tip 4/2011)

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 04.02.2011 , Zuletzt aktualisiert: 04.02.2011

Von allen Seiten: Klappe halten

ERIK HEIER
versucht, das dahinsie­chende Fernseh-Genre der Literatursendungen zeitgemäß wiederzubeleben

 

Braucht ein Land, in dem in den Bestsellerlisten zu den Plätzen an der Sonne merkwürdig oft Vampire Zugang erhalten, eine hochgeistige Fernseh-Literatursendung? Natürlich nicht. Konsequent hat zuletzt das ZDF „Die Vorleser“ ins Senderarchiv entsorgt, im Sommer soll was Neues her. Auf den großen Kanälen irrlichtert nur noch Denis Scheck mit „Druckfrisch“ in der ARD herum. Aber Lesen harmoniert so gut mit anspruchsvollem Fernsehen wie, sagen wir mal: Kochen. Deshalb sind die vielen Kochsendungen so, wie sie sind. Seicht, schlicht, aber mit Mörderquoten. Es braucht daher die Literatursendung neuen Typs: „Klappe halten“. Erstens: Besprochen werden ausschließlich Klappentexte, das entspricht auch genau der Aufmerksamkeitsspanne der meisten Zuschauer. Zweitens: Eingeladene Autoren müssen aussehen, als hätte sie der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf gecastet: blutjung, weiblich, Schmachtblick. Drittens: Moderator wird die erste Pappnase, die aus dem „Dschungelcamp“ fliegt, so kriegen wir auch BILD mit ins PR-Boot. Außer, es ist Rainer Langhans. Der sagt nämlich Sachen wie: „Das Private ist politisch. Aber das ist für die normalen Leute völlig unpolitisch. Das ist neue Politik. Wer heute noch in der normalen Politik arbeitet, der ist für mich unpolitisch“ (taz, 13.1.). Versteht ja kein Mensch. Und viertens: Mittendrin zischen Gesichter mit Einwortrezensionen durchs Bild: Matze Knop, Sarah Kuttner und diverse TV-Eintagsfliegen, deren genaue Namen man noch mal bei Oliver Geissen erfragen müsste. Es ist doch ganz einfach. Das Fernsehen wird immer schlechter? Machen wir eben mit. Jawollja! Mal sehen, wann sich das ZDF meldet.

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 18.01.2011 , Zuletzt aktualisiert: 27.01.2011

Von allen Seiten: Alternativlos

ERIK HEIER
versucht sich in einem fikti­ven Dramolett die Beratung der Jury für das „Unwort des Jahres“ vorzustellen, das im Januar wieder gekürt wird

 

8. Januar 2011, irgendwo in Frankfurt/Main, bei der Jury für das „Unwort des Jahres 2010“, einen Tag nach dem Vorschlags-Einsendeschluss. Im Raum: der Sprachwissenschaftler und Jury-Chef Horst Dieter Schlosser, drei Kollegen, zwei Gäste, darunter Hellmuth Karasek. Ein Berg von gut 1 000 Zetteln auf dem Tisch. Karasek seufzt.
– Schlosser: „Wie viele Lehrer haben wir denn diesmal wieder dabei?“
– Karasek (genervt): „Wie, Lehrer?“
– Schlosser (zieht eine leicht vergilbte, an drei Seiten angeknabberte Illus­triertenseite heraus): „Hier, das hat der Stern mal behauptet. ,Als idealtypischen Schlosser-Zuträger darf man sich einen Leserbriefverfasser aus dem Lehrermilieu von Freiburg im Breisgau vorstellen.‘ Frechheit! Ich will höchstens 200 Lehrervorschläge im Topf.“
Ruth Fühner, Gastjurorin, Journalistin (schaufelt gut die Hälfte der Zettel vom Tisch): „So, das sollte reichen.“
– Schlosser: „Ich erinnere daran, dass wir zum 20. Mal unser Unwort küren. Das muss endlich mal richtig krachen.“
– Karasek: „Alternativlos.“
– Schlosser: „Sage ich doch, Hellmuth. Ein Kracher ist einfach alternativlos.“
– Karasek (irritiert): „Äh, das war ein Vorschlag. Alternativlos. Hört man doch jetzt dauernd. Politikersprech.“
– Schlosser: „Alternativlos? Nicht übel...“
Lange Pause. Leises Stöhnen.
– Fühner: „Spätrömische Dekadenz?“
– Schlosser (wirft mit Kreide): „Nein!!! Westerwelle kann keiner mehr hören.“
– Karasek: „Wohlstandsverwahrlost? Das hat diese Hegemann geschrieben.“
– Ungenannter Juror: „Nie gehört, das. Nehmen wir also auf. Hat eigentlich Sarrazin 2010 irgendwas verzapft?“
Betretenes Schweigen in der Runde.
– Karasek (wutbürgerlich): „WAS MACHE ICH HIER BLOSS? WAS?? WAS???


(erschienen im tip 2/2011)

Nachtrag: Am 18.1. gab die Gesellschaft für Sprache das "Unwort des Jahres 2010" bekannt: "alternativlos".

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 05.01.2011 , Zuletzt aktualisiert: 27.01.2011

Von allen Seiten: Deckel drauf

ERIK HEIER
findet Jahresrückblicke hochgradig behämmert und freut sich lieber auf das nächste Jahr

 

Kerner wäre sowieso schneller als ich gewesen. Der hat neulich als erster das alte Jahr bei Sat.1 rückblickend abgeheftet, da liegt noch fast ein Zwölftel von 2010 vor uns. Johannes Baptist K. würde sicher dumm aus der Quotendelle gucken, wenn morgen rauskäme, dass, ich fantasiere mal, nicht nur dieser FDP-Büroleiter den Amis die CDU-FDP-Koalitionsverhandlungsinterna gesteckt hat, sondern auch Guttenberg. Ich meine, jetzt mal ganz unter uns. Im lustigen Wikileaks-Bootleg kommt genau ein deutscher Regierungspolitiker leidlich gut weg: der Verteidigungsfreiherr mit der unkaputtbarsten Frisur seit Gerhard Stoltenberg. Aber Kerner hin, her oder weg: Jahresrückblicke sind nicht nur quasi systemimmanent öde und unerträglich heulsusig, sondern auch noch, wenn es hart kommt, mit Veronica Ferres (bei Kerner über den Sat.1-Film "Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis", worin die Ferres, das wird jetzt viele überraschen, aber nicht den Marco spielt). So etwas kann man sich selbst gern wünschen, aber bitte niemand anderem. Deswegen verzichte ich jetzt auch darauf, Ihnen mein Buch des Jahres nachzuwerfen, die beklopptesten Literaturdebatten abzustauben oder mich und Sie damit zu peinigen, wieso ich auch 2010 nicht verstanden habe, was genau in Peter Handke vorgeht. Deckel drauf, und gut isses. Wenn 2010 vorbei ist, inte­ressiert mich persönlich mehr, was denn 2011 anliegt. Wie zum Beispiel Helmut Kraussers neues Buch wird, ob Markus Kavka in seinem Debütroman im Gegensatz zu manchen Ex-Musikfernsehkollegen seine Neurosen für sich behält oder was Heinz Strunk in Afrika anstellt. Vorfreuen ist besser als Nachheulen. Da bin ich gern Erster.


(erschienen im tip 26/2010)

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 10.12.2010 , Zuletzt aktualisiert: 15.12.2010

Von allen Seiten: Open Mike, später

Ja, ich bekenne: Ich war dabei. Ich habe mitgemacht. Ich auch. Wie so viele. Ich war doch jung.
"Leben und Schreiben nach dem Open Mike." So heißt eine Diskussion (12.11., 20 Uhr, Wabe) im Rahmen des Open-Mike-Literaturwettbewerbs 2010 für Autoren bis 35. Dabei ist Inger-Maria Mahlke, letztes Jahr Siegerin, nun Debüt "Silberfischchen". Oder Judith Zander, Lyrikpreis 2007, erster Roman "Dinge, die wir heute sagten", auch 2010. So lässt sich’s leben nach dem Open Mike.
Gier ist der Trieb, viel zu kriegen. Und Neid, wenn man es vergeigt hat. Nicht gut genug ist. Auch wenn Gier gerade nicht so angesagt ist: Im Zweifel bin ich lieber gierig.
Einmal saß ich in der Verleihung des Walter-Serner-Preises. Da waren alle Autoren eingeladen, die sich beworben hatten. Als David Wagner seinen Gewinnertext gelesen hatte, mühten sich die vielen missmutigen Nichtsieger, ein herzliches Händeklatschen zu simulieren. Das war kein schönes Bild. Deshalb gehe ich auch zum Open Mike oft mit gemischten Gefühlen. Ich will meinen Neid nicht.
Denn 1998 las ich selbst dort. Die Geschichte handelte von Masturbation, einer Kaffeemafia, einer Explosion. Von Leere. Und ich schwitzte, starrte in das schwarze Loch jenseits der Leselampe. Ich litt. Es war der schlechteste Text, den ich dort je eingereicht hatte. Aber der einzige, den sie nahmen.
Leben und Schreiben nach dem Open Mike. Es hört einfach nicht auf. Aber danke, mir geht es schon viel besser.

18. Open Mike
Wabe, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg, Sa 13.11., 14 Uhr, So 14.11., 12 Uhr; weitere Veranstaltungen am Fr 12.11. und Mi 17.11., www.literaturwerkstatt.org

Meinungen, Kommentare, Kritik: vonallenseiten@tip-berlin.de

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 11.11.2010 , Zuletzt aktualisiert: 11.11.2010

Von allen Seiten: Heute mal ein Goethe

Ich gehöre nicht zu den Journalisten, die glauben, ihre Texte hätten die Qualität wie die eines Franz Kafka, Ingo Schulze, Theodor Fontane oder Rainald Goetz. Zumindest würde ich das nie öffentlich behaupten, man kriegt da schnell so einen komischen Ruf. Aber eine von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eingerichtete Webseite bescheinigt mir das, "Ich schreibe wie..." (http://www.faz.net/f30/aktuell/WriteLike.aspx). Ich kann ja nichts dafür. Ein 27-jähriger Russe aus Montenegro hat einen Algorithmus programmiert und mit deutschsprachiger Literatur gefüttert. Text eintickern, Klick, Kafka.
Nun kenne ich mich mit Webseiten-Programmierung nicht so aus. Aber was da alles zusammenpasst: Ich weiß ja nicht. Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, "Die Welt des Juan Carlos Onetti": Goethe. Das geht noch. Aber dann. Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab": Nietzsche (sozusagen: "Wenn du zum Migranten gehst, vergiss die Peitsche nicht"). Stephanie zu Guttenberg, "Schaut nicht weg!": Fontane. "Gossen-Goethe" Franz-Josef Wagner, "Post von Wagner" ("Bild"): wieder Nietzsche, manchmal auch, das ist leider kein Witz: Goethe. Und jetzt müssen Sie ganz tapfer sein. Tommy Jaud, "Resturlaub": Max Frisch.
Man müsste trotzdem den Russen aus Montenegro mal anrufen. Ich würde nämlich eine Expansion in den nichtliterarischen Bereich anregen. Für Politiker und mehr. Das könnte so ausgehen. Buschkowsky: Sisyphos. Frank Steffel: Lothar Matthäus. Oder das Winterkonzept der S-Bahn, nach dem die Züge "auch unter schwierigsten Witterungsbedingungen zuverlässiger unterwegs sind als bisher": Karl Dall.


Meinungen, Kritik, Anregungen:
vonallenseiten@tip-berlin.de

(erschienen im tip 22/2010)

von  Erik Heier - Redaktion
Veröffentlicht: 11.10.2010 , Zuletzt aktualisiert: 11.10.2010
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