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Endlich mal eine viel versprechende Theatereinladung. Statt einfach nur mit freundlichen Grüßen höfliche Standardbriefe an die Kritiker zu schicken, hat ein nordfranzösisches Provinztheater im vergangenen Monat ganz neue Formen des Marketings erprobt. Die Kritiker fanden kleine schwarze Pappsärge mit einer Kugel darin in ihrer Post. Daneben lag ein Zettel mit einer mysteriösen Botschaft: „Bald haben Sie eine Verabredung mit Ben und Gus.“ Ben und Gus, muss man wissen, sind Auftragsmörder. Leider keine realen und auf Kritiker spezialisierte, sondern nur Figuren in einem Theaterstück von Harold Pinter, das die PR-Genies aus Frankreich auf die Bühne gebracht haben.


Eine Morddrohung als offensive Theatereinladung – das ist innovativ, das ist performativ und es ist wahrlich von einer im Kulturmilieu eher seltenen Ehrlichkeit. Wohl kaum ein Theaterkünstler dürfte sich noch nicht mit Mordphantasien gegenüber  den einen oder anderen Kritikern über Verrisse hinweggetröstet haben. Da ist die Offenherzigkeit, mit der sich die französischen Theaterleute dazu bekennen, dass sie keine Lust dazu haben,  aus ihrer Mördergrube ein Herz zu machen und nur einen toten Kritiker für einen guten Kritiker halten, von erfrischender Unverkrampftheit. Aber Pappsärge können erst der Anfang sein. Wie wäre es mit einem von einem Pfeil durchbohrten Apfel („Wilhelm Tell“), einer Gift-Phiole (wahlweise: „Hamlet“ oder „Romeo und Julia“ oder „Die Soldaten“), einer abgeschnittenen Zunge („Titus Andronicus“), einem vom Rest des Körpers entfernten männlichen Genital („Der Hofmeister“), rohen Erbsen („Woyzeck“), einem Fleischermesser („Hamletmaschine“),einer toten Katze im klassischen Mafiastil („Cats“) oder einfach ganz altmodisch: Drogen („Faust, der Tragödie erster Teil“).
Bedauerlicherweise reagierten die Franzosen dann relativ uncool, als Kritiker Anzeige erstatteten. Sie redete sich damit heraus, es handle sich um „eine originelle Werbung“. Der Intendant: „Wir sind keine Kriminellen, wir sind nicht gefährlich.“

Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 05.03.2010 , Zuletzt aktualisiert: 05.03.2010

Harte Zeiten für die Volksbühnen-Kantine


Die schlechte Nachricht zuerst: Auch hier geht es um Helene Hegemann, das Copy-and-Paste-Event der Saison. Wir machen ja prinzipiell jeden Quatsch mit. Die gute Nachricht: All die Plagiats-Debatten müssen Sie jetzt hier nicht noch mal nachlesen, also die Frage, ob es okay ist, abzuschreiben oder nicht, und wenn ja, inwiefern, und ist es nicht total modern und postpostmodern abzuschreiben undsoweiter. Obwohl, ist Abschreiben für das, was Helene Hegemann gemacht hat, eigentlich das richtige Wort? Vielleicht gilt für ihre Prosa eher das, was Capote über Kerouac gesagt hat: „Das ist nicht Schreiben, das ist Tippen.“
Hier geht es, in aller Bescheidenheit, um etwas ganz anderes. Gerne erzählt Helene Hegemann in ihren Promo-Interviews, wie sie die Tage und Nächte vor ihrer Künstlerwerdung in der Volksbühne und insbesondere in der Kantine derselben verbracht hat, und zwar „als Groupie“, na ja, in Wirklichkeit eher als Dramaturgentochter. Die Volksbühne ist neben dem Berghain der andere Ort, der in
Hegemanns Erzählung von sich selbst als Hipness-Belegstelle dient. Das gibt zu  den schlimmsten Befürchtungen Anlass. All die kleinen Mädchen aus der Provinz, die das jetzt kaufen, lesen, glauben, bedauerlicherweise mit irgendeiner Wirklichkeit verwechseln und sich dann in den Schulferien auf die Suche nach dem wilden Leben machen, das komischerweise immer noch in Berlin-Mitte bei Nacht vermutet wird, wo werden sie landen, in ihren Helena-Hegemann-Touristen-Touren? Ins Berghain kommen sie nicht rein, das White Trash kennen sie nicht, wo also werden sie große staunende Augen machen? Genau. In der Kantine der Volksbühne, die leider auch nicht anders aussieht als irgendeine muffige Absturzkneipe. Schöner Nebeneffekt: endlich wieder volles Haus in der Volksbühne.                         

Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 16.02.2010 , Zuletzt aktualisiert: 16.02.2010

Das Theater ist die Krätze

Theaterkritiker sind das letzte, zumindest wenn man dem Dramatiker Anton Tschechow glauben will. Und weshalb sollte man ihm ausgerechnet bei diesem Thema nicht glauben. „Alle diese Kritiker sind Speichellecker und Feiglinge; sie haben Angst, etwas zu loben, Angst, etwas zu tadeln und bewegen sich in einer erbärmlichen, grauen Mitte. Und vor allem, sie glauben nicht an sich selbst...“, stöhnt Tschechow in einem Brief an einem Freund. Überhaupt sind schwere Charakterdefizite offenbar typisch für diese Berufsgruppe. Tschechow: „Was für eine Dienerei vor großen Namen, und was für ein herablassendes Geschwätz, wenn es sich um Anfänger handelt!“ Kein Wunder, dass Tschechow nur Verachtung für diese traurigen Gestalten übrig hat. Von Kunst verstehen sie ohnehin nichts. „Wir haben keine Kritik“, stellt Tschechow knapp fest. „Der ständig Schablonen reitende Taticev, der Esel Michnevic und der gleichgültige Burenin – das ist doch schon die ganze kritische Potenz in Russland. Und für die zu schreiben lohnt sich nicht, so wie es sich nicht lohnt, jemanden an Blumen riechen zu lassen, der Schnupfen hat.“

 

Aber nicht nur die Kritiker sind eine Zumutung, eine einzige Peinlichkeit, eine Belästigung, die man am besten ignoriert. Auch das Theater selbst ist nicht viel besser. „Ich flehe Sie an, bitte hören Sie auf, das Theater zu lieben“, schreibt Tschechow an einen Bekannten, mit dem er es gut meint. „Wirklich, da ist so wenig gutes dran.  Das Gute wird maßlos übertrieben, das Ekelhafte maskiert. Das Theater heute ist die Krätze, eine üble Krankheit der Städte. Man muss diese Krankheit mit dem Besen austreiben, und sie zu lieben ist ungesund.“  Als ihm der Bekannte widerspricht, wird Tschechow prinzipiell: „Das moderne Theater ist eine Welt des Unsinns, des Stumpfsinns und des hohlen Geklingels.“ Das war 1888. In den folgenden fünfzehn Jahren hat Tschechow, dessen 150. Geburtstag die Theaterwelt dieses Jahr feiert,  einige der schönsten und klügsten Theaterstücke überhaupt geschrieben und vorgeführt, dass Theater mehr sein kann als Krätze. „There was never a smile like this“, sagt Samuel Beckett über Tschechows Kunst und besser kann man es nicht sagen.

 

Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 01.02.2010 , Zuletzt aktualisiert: 01.02.2010

Die 120 Tage von Khuon

 

Zu Beginn seiner Intendanz am Deutschen Theater Mitte September vergangenen Jahres sagte Ulrich Khuon, er hoffe, dass nach ein paar Monaten so etwa wie eine Physiognomie des Theaters erkennbar sei, zumindest ein Eindruck davon, was die Künstler am neuen DT wollen. Nun, dieses Profil ist inzwischen sichtbar, Zeit für eine Zwischenbilanz. Sie fällt, um es mal betont höflich zu sagen, durchaus gemischt aus. Franz Wille zum Beispiel konstatiert im Branchenblatt „theater heute“, Ulrich Khuon organisiere „das Hauptstadt-Kunstgewerbe“. Das ist nicht besonders charmant und angesichts einiger intelligenter Inszenierungen wie Nicolas Stemanns „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ oder Michael Thalheimers „Puntilla“, einer Übernahme aus Hamburg, auch nicht ganz fair. Aber die Kunstgewerbe-Diagnose beschreibt die Gesamtbilanz besser, als es Khuon recht sein kann. Nicht ganz unbeteiligt am Eindruck, es mit einem unangenehm saturierten, selbstzufriedenen und intellektuell nicht übertrieben ehrgeizigen Theater zu tun haben, sind die bildverliebten Wohlfühlveranstaltungen des Hausregisseurs Andreas Kriegenburg: Parfümierte Oberfläche, bestenfalls unverbindliches Interesse am verhandelten Stoff . Schroff gesagt: Zuckerbäckertheater. Dass Khuon so ungeschickt war, in vier Monaten inflationär ein halbes Dutzend Kriegenburg-Premieren und -Übernahmen anzusetzen, macht die Neugierde auf diese Nettigkeiten  nicht unbedingt größer. Daneben stehen Komplett-Konfusionen wie Bötschs „Das Goldene Vließ“, naives Kindertheater („Woyzeck“) oder der Boulevard-Absturz „Sein oder Nichtsein“. Bleibt zu hoffen, dass das einem klugen Mann wie Khuon auf Dauer nicht genügt.

Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 20.01.2010 , Zuletzt aktualisiert: 20.01.2010

Theater zu Parkhäusern!

Liebeserklärungen können kompliziert sein, vor allem wenn sie ehrlich gemeint sind. Das gilt erst recht für Liebeserklärungen an das Theater. Und besonders, wenn die Liebeserklärung von Christoph Schlingensief kommt. Auf seinem Blog www.schlingensief.com hat Schlingensief seinem Freund, dem HAU-Chef Matthias Lilienthal zum 50. Geburtstag gratuliert. Lilienthal ist an allem schuld: Er hat, damals noch als Chefdramaturg der Volksbühne, den jungen Avantgarde-Filmer Schlingensief 1993 ans Theater geholt. Der Rest ist Geschichte – eine Geschichte, die das Theater gründlich durchgerüttelt und verändert hat. Logisch, dass Schlingensief mit seinen Geburtstagsgrüßen an Lilienthal auch so etwas wie seine persönliche Theater-Biografie schreibt. Sein erster Besuch in der Volksbühne dauerte nicht lange, Schlingensief flieht nach 50 Minuten – „zumal ich Theater sowieso entsetzlich langweilig und bescheuert fand.“ Schlingensief: „Thomas Meinecke hatte damals immer gesagt: Theater zu Parkhäusern, und das war auch meine Meinung.“ Schlingensief weiter: „Theater ist einfach zu 90 Prozent extrem verblödet, weil es einem Naturalismus nachhängt, der den Kopf in keinster Weise fordert. Da schreiben dann tatsächlich irgendwelche simplen Gemüter wie ergreifend und sensibel manche Darsteller irgendwas dargestellt haben. Tut mir leid, aber mich interessiert ein Gedanke, eine philosophische Seite der Theatermedaille mehr als ein schwitzender Leidensbeauftragter. Matthias hat das immer verstanden. Meine völlig verunglückten Abende waren meist die, wo ich dann auch mal `richtiges` Theater machen wollte. Und das sah dann auch so aus wie das Kasperletheater von Peymann , bzw. der Schrott , der im BE läuft.“  Selbstverständlich ist das eine Liebeserklärung an das Theater: Wer das Theater liebt, erwartet etwas mehr von ihm als Kunstgewerbe und reagiert entsprechend allergisch auf die Weichspül- und Wohlfühl-Seifenblasen von BE bis DT. Schlusswort Schlingensief: „Matthias, ich freue mich auf viele weitere Arbeiten.“ Wir auch! Endlich mal Vorsätze zum neuen Jahr, die auch nach dem Silvesterkater noch stimmen. 


Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 04.01.2010 , Zuletzt aktualisiert: 04.01.2010

Berliner Theater 2020


Und wie sieht das Berliner Theater in einem Jahrzehnt aus? Die gute Nachricht: Es gibt noch Theater in der Stadt, es wird sogar noch subventioniert, wenn auch längst nicht mehr so üppig wie heute. Die schlechte Nachricht: Claus Peymann ist immer noch Intendant. Er leitet inzwischen sehr erfolgreich das kleine, private Schloßpark-Theater in Steglitz und erklärt regelmäßig, Steglitz sei ohnehin der einzige Bezirk in Berlin, in dem man leben könne, jenseits der Bezirksgrenze beginne die kulturelle Wüste. Auf Peymanns Spielplan stehen abwechselnd Boulevard-Reißer und Werke von Rolf Hochhuth (Peymann: „Hochhuth ist der größte Dichter des Jahrhunderts!“), dessen Erben das Theater zur Hälfte gehört. Dieter Hallervorden hat das Berliner Ensemble übernommen, langjährige BE-Besucher versichern glaubhaft, es sei kein Unterschied zu Peymanns BE-Zeiten  zu erkennen – nur das Programm sei jetzt ein wenig anspruchsvoller. Armin Petras ist immer noch Gorki-Intendant, sein einst jugendliches Publikum ist in Treue mit ihm gealtert. Sein einziges Problem ist, dass er nicht weiß, welchen Roman er als nächstes dramatisieren könnte – „ich habe doch schon alles gemacht.“  Matthias Lilienthal hat das Deutsche Theater (HAU 4), die DT-Kammerspiele (HAU 5) und das Haus der Berliner Festspiele (HAU 6) übernommen und bespielt nebenbei die inzwischen  von den Berghain-Betreibern zum Kunst-Club umfunktionierte Ruine der Klaus-Wowereit-Kunsthalle, die durch Baufehler schon vor der geplanten Eröffnung zur Hälfte einstürzte. Sämtliche HAU-Aufführungen werden zeitgleich als Livestream im Internet übertragen. Zahlreiche Kultur-Touristen vor allem aus den reichen Ländern (China, Brasilien, Japan, Korea) buchen ihren Wochenendausflug nach Berlin zusammen mit den HAU-Eintrittskarten über die HAU-Homepage. Inzwischen ist das die wichtigste Einnahmequelle des Theaters. Was aus der  Volksbühne und aus der Compagnie von Sasha Waltz wird, entnehmen Sie bitte dem vorderen Teil dieser Tip-Ausgabe. Den TIP gibt es übrigens in 10 Jahren auch noch. Er ist 2020 die einzige Zeitschrift Europas, die sich als schrulligen Luxus oder aus Gründen des Denkmalschutzes einen eigenen Theaterkritiker leistet. 

Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 05.12.2009 , Zuletzt aktualisiert: 05.12.2009

Berliner Theater 2020


Und wie sieht das Berliner Theater in einem Jahrzehnt aus? Die gute Nachricht: Es gibt noch Theater in der Stadt, es wird sogar noch subventioniert, wenn auch längst nicht mehr so üppig wie heute. Die schlechte Nachricht: Claus Peymann ist immer noch Intendant. Er leitet inzwischen sehr erfolgreich das kleine, private Schloßpark-Theater in Steglitz und erklärt regelmäßig, Steglitz sei ohnehin der einzige Bezirk in Berlin, in dem man leben könne, jenseits der Bezirksgrenze beginne die kulturelle Wüste. Auf Peymanns Spielplan stehen abwechselnd Boulevard-Reißer und Werke von Rolf Hochhuth (Peymann: „Hochhuth ist der größte Dichter des Jahrhunderts!“), dessen Erben das Theater zur Hälfte gehört. Dieter Hallervorden hat das Berliner Ensemble übernommen, langjährige BE-Besucher versichern glaubhaft, es sei kein Unterschied zu Peymanns BE-Zeiten  zu erkennen – nur das Programm sei jetzt ein wenig anspruchsvoller. Armin Petras ist immer noch Gorki-Intendant, sein einst jugendliches Publikum ist in Treue mit ihm gealtert. Sein einziges Problem ist, dass er nicht weiß, welchen Roman er als nächstes dramatisieren könnte – „ich habe doch schon alles gemacht.“  Matthias Lilienthal hat das Deutsche Theater (HAU 4), die DT-Kammerspiele (HAU 5) und das Haus der Berliner Festspiele (HAU 6) übernommen und bespielt nebenbei die inzwischen  von den Berghain-Betreibern zum Kunst-Club umfunktionierte Ruine der Klaus-Wowereit-Kunsthalle, die durch Baufehler schon vor der geplanten Eröffnung zur Hälfte einstürzte. Sämtliche HAU-Aufführungen werden zeitgleich als Livestream im Internet übertragen. Zahlreiche Kultur-Touristen vor allem aus den reichen Ländern (China, Brasilien, Japan, Korea) buchen ihren Wochenendausflug nach Berlin zusammen mit den HAU-Eintrittskarten über die HAU-Homepage. Inzwischen ist das die wichtigste Einnahmequelle des Theaters. Was aus der  Volksbühne und aus der Compagnie von Sasha Waltz wird, entnehmen Sie bitte dem vorderen Teil dieser Tip-Ausgabe. Den TIP gibt es übrigens in 10 Jahren auch noch. Er ist 2020 die einzige Zeitschrift Europas, die sich als schrulligen Luxus oder aus Gründen des Denkmalschutzes einen eigenen Theaterkritiker leistet. 

Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 05.12.2009 , Zuletzt aktualisiert: 05.12.2009

Provinz

Vor zehn, zwanzig Jahren waren freie Theater wie das TAT in Frankfurt, das Berliner Hebbeltheater oder Kampnagel in Hamburg aufregender als die Stadttheater. Jetzt managt Brigitte Fürle die Berliner «spielzeit.europa» bei den Berlinber Festspielen. Früher holten die Festival-Macher die Welt nach Berlin. «Heute ist Berlin die Welt», glaubt Brigitte Fürle. Das spart Geld. Und es spart der Festivalmacherin die Mühe, Entdeckungen zu machen. Fürle lädt die Berlinerin Sasha Waltz zur diesjährigen Spielzeit Europa gleich mit 2 Produktionen ein, die man beide schon andernorts in Berlin sehen konnte. So demonstriert das hoch subventionierte Festival seine eigene Überflüssigkeit. Die Spielzeit Europa Fürle produziert des weiteren das neue Stück der Ersten Solistin am Staatsballett, Nadja Saidakova. Saidakovas Kunst wird von ihrem Dienstherrn Vladimir Malakhov in ein kleines Format mit dem bösen Namen «Shut up and dance» versteckt.

Von Sasha Waltz weiß jeder, dass sie in Berlin zu wenig Geld bekommt. Dafür kennt sie jeder, das ist nicht schlecht für Brigitte Fürle. Namhafte Künstler machen volles Haus – und genau das ist offenbar Fürles Hauptintereresse und ihre einzige Strategie: Mit der Prominenz der Künstler Publikum ins große Haus der Berliner Festspiele locken. Kombiniert man die Heimischen mit den Weltläufigen, stellt etwa den chinesischen Choreografen Shen Wei aus New York an die Seite von Sasha Waltz, könnte es noch mehr Geld geben: aus guten deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen. So wird gedacht. «Jahrelang», sagt Brigitte Fürle, «haben wir die Amerikaner gepäppelt, Robert Lepage oder Robert Wilson, jetzt sind wir dran.» So klingt offensiver Provinzialismus.

 

Arnd Wesemann 

 

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 21.11.2009 , Zuletzt aktualisiert: 21.11.2009

Kein Mief mehr in der Volksbühne!

Die Volksbühne lüftet ordentlich durch und lässt die abgestandene Luft raus. Der Muff, an den man sich über all die Jahre langsam gewöhnt hatte, soll sich verziehen. Und damit ist jezt ausnahmsweise nicht der künstlerische Mief gemeint, der sich auch mal langsam verziehen könnte, sondern der in er Luft. Nach dem Umbau für 12,5 Millionen Euro hat das Toten-Schiff am Rosa Luxemburg Platz nicht nur eine neue Drehbühne und Unterbühnen-Maschinerie, sondern auch eine moderne Klimaanlage im Zuschauerraum. Demnächst kann man also in der Volksbühne so gesund schlafen wie seit Jahren schon im Deutschen Theater und der Schaubühne. Sauerstoffmangel im Schlafzimmer führt ja bekanntlich zu wilden Träumen. Das hat uns früher so manche lange Volksbühnen-Nacht versüßt, aber damit ist jetzt Schluss. Vor allem konnte man früher, wenn sich wieder mal eine Castorf-Inszenierung gnadenlos in die dritte, in die vierte, in die fünfte Stunde zog, den erholsamen Premieren-Schlaf auf den Sauerstoffmangel im Parkett schieben. Wer in Zukunft wegdöst, hat keine Ausreden mehr. Und vielleicht bleibt das Publikum ja jetzt auch einfach wach bis zum Schlussapplaus, mit all der frischen Luft. Ob das der Rezeption der Volksbühnen-Kunst eher gut tut oder eher schadet, ist im Augenblick eine durchaus offene Frage.
 
Weitere Neuigkeiten: Demnächst trägt das Volksbühnen-Personal im Foyer bürgerliche Kleidung. Wenn von Bielefeld bis München die trendbewussten Stadttheater jugendliche Kultur-Dienstleister in bunten T-Shirts zum Karten-Abreißen engagieren, steuert die Volksbühne, die mit der betonten Lässigkeit irgendwann im vergangenen Jahrhundert angefangen hat, erfreulicherweise in die Gegenrichtung. Das kann nur der Anfang sein! Wir plädieren für Siez-Zwang im gesamten Haus und im Foyer ausschließlich Personal ab sechzig mit spätbürgerlich gepolsterten Umgangsformen wie in der Lobby eines altmodischen Grandhotels – denn genau das war die Volksbühne in ihren besten Tagen: Ein Grandhotel Abgrund.

Peter Laudenbach

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 12.11.2009 , Zuletzt aktualisiert: 12.11.2009

Schweinegrippe!

Dass Theater krank machen kann, ist nicht neu, und das nicht nur wegen Proben­unfällen, depressiven Stücken und der Gefahr deutlich erhöhter Leber- und Laberwerte infolge ausgiebigen Kantinen-besuchs. Jetzt kommt zu den bekannten Risiken für Leib und Seele die Schweinegrippe hinzu. Besonders gefährlich sind große Menschenmengen! Und die lassen sich im Zuschauerraum, zumindest wenn das Theater halbwegs erfolgreich ist, nicht vermeiden. So wird jeder Theaterbesuch zum Russischen Roulette mit der Influenza, was ja zumindest die oft so schmerzlich vermisste existenzielle Dimension und eine echte Erfahrung ins Theater zurückbringt.

Das Einzige, was hilft: Händewaschen, Atemmasken und Medikamente, deren Nebenwirkungen noch nicht ganz klar sind. Vielleicht halten wir uns in drei Jahren ja alle für Napoleon, wenn wir das Zeug heute spritzen. Dann wäre das hier endlich mal ein lustiges Land, in dem die ganzen Normalgeisteskranken ihrem Wahn freien Auslauf lassen. Und damit wären wir dann beim Theater als Dauerzustand und überall. Auch die anderen Abwehrmaßnahmen eröffnen viel versprechende Aussichten auf die Spielzeit.

Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Zuschauer mit der Eintrittkarte eine Atemmaske überreicht bekommen: 800 Zuschauer mit Atemmasken – mit diesem Anblick zu konkurrieren, dürfte manchem Bühnenbild schwer fallen. Auch die Vorstellung, wie 800 Zuschauer vor Beginn der Vorstellung ihre Hände waschen, ist heiter. Wer einmal versucht hat, im Theater seinem Harndrang freien Lauf zu lassen, weiß: Das kann sich ziehen. Wenn dann kurz vor Mitternacht die Vorstellung beginnt, wird der erste Zuschauer, der nießen muss, von seinen Sitznachbarn vermutlich mit den frisch gewaschenen Händen erwürgt. Die Chancen stehen also gut, dass die Schweinegrippe dem Theaterbesuch ganz neuen Reiz verleiht.     

von  Peter Laudenbach
Veröffentlicht: 26.10.2009 , Zuletzt aktualisiert: 26.10.2009

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