Bötzowviertel

Sie waren wieder hier. Sind wieder durch die Straßen gestrichen, um zu schauen, ob denn die böse Gentrifizierung weiter zugeschlagen hat. Hier im Bötzowviertel in Prenzlauer Berg, wo der ehrliche Arbeiter im Blaumann längst von Bionade trinkenden Pärchen mit Kind und i-Phone abgelöst worden ist.
Zuletzt kam ein Reporter von GEO in die Hufelandstraße und stellte fest, dass viele Menschen, die vor 20 Jahren noch hier wohnten, nicht mehr da sind (Genauso geht’s mir, wenn ich meine Eltern in Paderborn besuche). Aus dieser in unzähligen Artikeln vorgetragenen Beobachtung eines vorgeblich falschen Lebens spricht aber allenfalls der Argwohn des Reporters dem eigenen saturierten Leben gegenüber, das Leiden an der verpassten Chance, irgendwann im Leben mal echte Solidarität gegenüber schlechter Gestellten geübt zu haben. So fallen sie stattdessen eben über das neue Bürgertum in Prenzlauer Berg her und lassen da­bei sämtliche soziologische Trennschärfe vermissen.

Damit eins klar ist: Natürlich ist es bedauernswert, wenn die Kinder für manche Eltern zum überbehüteten Lebensinhalt werden und Menschen auf Hartz-IV ihre alten Wohnungen verlassen müssen – nur ist das alles eben bei Weitem kein Phänomen des Prenzlauer Bergs, sondern auch von Hamburg-Eimsbüttel oder München-Schwabing, wenn nicht der ganzen Repu­blik. Es sind die Verwerfungen einer Gesellschaft, in der auf vier Erwachsene ein Kind kommt und die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.

Dass die Reporter diesen gesellschaftlichen Wandel aber stets nur am Berliner Osten festmachen, spricht für eine erstaunliche intellektuelle Faulheit, schließlich lässt sich schön voneinander abschreiben, ohne dass man noch genauer hinschauen müsste. Denn eigentlich eignet sich die Hufelandstraße im Bötzowviertel so gar nicht als abschreckendes Beispiel für den Wandel eines Sprengels. Es gibt hier auf einer Länge von 500 Metern tatsächlich ein wenig zu viele Stehcafés mit Latte-Ausschank, aber eben auch einen Gemüseladen, einen Bäcker, einen Fahrradladen, zwei Blumenläden, ein billiges portugiesisches Restaurant, zwei Vietnam-Imbisse, einen Laden für Reinigungsbedarf, einen Automatenwaschsalon, ein Reisebüro und eine Säuferkneipe, wo der Futschi 2,50 kostet. Eigentlich eine schöne Mischung, die aber so gar nicht in die vorgefertigten Stanzen der Gentrifizierungskritiker passt. Aber wenn es denn im Osten so schön war, fragt man sich, warum diese Reporter nicht nach Schwedt an der Oder ziehen. Da gibt’s ihn nämlich noch.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 18.10.2010 , Zuletzt aktualisiert: 18.10.2010

Bürgerwehr

Auf die Straße zu gehen – dazu gibt es in Berlin immer einen Grund. Am letzten Wochenende war es die Atompolitik der Regierung. Dass sie wie weiland im Führerbunker spät nachts mit den Vertretern eines industriellen Oligopols Verträge auskungelt, die weder Rücksicht auf parlamentarische Gepflogenheiten nehmen, noch auf die Sicherheit des Landes – das brachte deutlich mehr als 70 000 Menschen auf die Straße.

Die Polizei sprach von 30 000 – was arg an Ceaucescus Rumänien erinnert, wo ja in den besonders harten Wintern stets die Temperaturen nach oben korrigiert wurden, damit die Leute den Kohlemangel nicht so sehr spürten. Langsam merkt man Merkel an, in welchem Land sie politisch sozialisiert wurde und ihre FDJ-Lektionen in Sachen Agitation und Propaganda lernte.
Kürzungen bei Umweltschutz, Hartz-IV-Empfängern und Bildung, mangelnde Integration von Ausländern, die dann aber gern den Ausländern selbst zugeschrieben wird (waren es nicht die Konservativen, die jahrzehntelang krakeelt haben, wir seien kein Einwanderungsland und eine entsprechende Desintegrationspolitik betrieben?) – es gibt derzeit so viele Gründe wie nie, auf die Straße zu gehen, und die Berliner tun das nur allzu gern.
Einer der ersten Schulstreiks fand schon 1919 in Berlin statt, das erste Sit-In gegen die atomare Aufrüstung wurde am 12. April 1958 auf dem Neuköllner Hermannplatz veranstaltet. Über die Demonstrationen Ende der 60er-Jahre gegen den Springer-Verlag wollen wir hier gar nicht reden – außer, dass es für so was angesichts der Fremdenhetze und Verdummung in der Bild mal wieder Zeit wäre. Auch die Uni­streiks haben in Berlin seit jeher gigantische Ausmaße: 1988 gingen so viele Studenten wegen der erbärmlichen Bedingungen an den Hochschulen auf die Straße, dass sich der damalige Innensenator nicht anders zu helfen wusste, als die Polizei auf den Campus zu schicken. Und auf den Protest gegen Ronald Reagan darf jeder Berliner, der dabei war, stolz sein.

Heute sind es die Demonstrationen gegen den Überwachungsstaat, gegen den Ausverkauf des Spreeufers, gegen Neonazis und gegen die Atom- und Lobbygeilheit von Schwarz-Gelb, die stets für massenhafte Aktivierung sorgen.
Berlin ist bundesweit die demonstrationsfreudigste Stadt, auch wenn sie derzeit von Stuttgart Konkurrenz bekommt. Aber die zugezogenenen Schwaben, über die sonst immer gern die Nase gerümpft wird, haben schon durch ihr Wissen um die destruktiven Kräfte der Spießigkeit stets einen wertvollen Beitrag zur hiesigen Protestkultur beigetragen (von den Bayern kann man das leider nicht behaupten). Und das ist vielleicht das beste, was sich über Berlin sagen lässt: Dass hier viele hingezogen sind, die mit dem Protest gegen die alte BRD aufgewachsen sind. Die alte BRD, von der Angela Merkel bei ihrem Dienstantritt gesagt hat, dass es dort nie einen Grund zu demonstrieren gegegeben habe. Wer so denkt, hat in dieser Stadt eigentlich nichts zu suchen. In der Regierung allerdings auch nicht.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 27.09.2010 , Zuletzt aktualisiert: 27.09.2010

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Sonnenschein 1966

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Bürgerwehr
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Perser

Eben noch haben wir von unserer Fußballnationalmannschaft geschwärmt, dieser Truppe aus lauter Migrantenkindern, die zeigt, wie unsere Kultur vielfältiger, reicher geworden ist. Nur wenige Wochen danach liest man, dass laut Umfragen die Hälfte aller Deutschen der Meinung ist, wir hätten zu viele Ausländer im Land. Das fühlt sich an wie ein 4:5 nach einer 4:0-Führung.
Da haben wir uns also möglicherweise ein bisschen viel vorgemacht mit der Fähnchenschwenkerei und mit dem Glauben, wir seien bereit für ein neues National­gefühl, ganz ohne Ressentiments gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen und Andersaussehenden. Stattdessen sind wir ein Land auf der Reise in die Vergangenheit, in dem die Parolen von gestern durch die Nichtraucherlokale wabern: Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen.

Insofern dürfte auch der Zustand des Asylrechts auf breite Zustimmung in der Bevölkerung treffen – denn das gibt es ja de facto nicht mehr. Gerade sitzen 4 000 Iraner in der Türkei fest, die vor den Schergen Ahmadinedschads geflohen sind und von denen Deutschland nicht mehr als 50 aufnimmt. Und das, obwohl doch gerade die deutschen Politiker an­gesichts der getürkten Wahlen in Iran über die Ver­letzungen der Menschenrechte geklagt haben, für die diese Iraner auf die Straße und manche von ihnen in die Folterkeller gegangen sind. Und obwohl dieses Land angesichts seiner Vergangenheit eigentlich
eine besondere Ver­antwortung für politisch Verfolgte spüren sollte.

Vielleicht kommt es in Zeiten der Islamphobie nicht gut, Perser aufzunehmen, auch wenn es sich bei ihnen nicht um Terroristen, sondern um Bürgerrechtler handelt. Dabei verbindet gerade Berliner und Perser eine ganz besondere Geschichte. Noch immer sind viele von ihnen in der Stadt, die in den 1950er-Jahren nach Deutschland zum Studieren kamen. Eigentlich sollten sie wieder zurück, doch viele fanden deutsche Frauen und blieben – manche als Taxifahrer, viel mehr als Ärzte. Sie demonstrierten auch gemeinsam mit den Deutschen gegen den Schah – an dem Abend, als Benno Ohnesorg starb. In Berlin verfasste Ulrike Meinhof nach Gesprächen mit Exiliranern ihren Brief an Farah Diba, in dem sie die ärmlichen Lebensverhältnisse der meisten Iraner anprangerte. Nach der Revolution kamen ebenfalls viele Dissidenten nach Deutschland – darunter auch iranische Kurden. Vier von ihnen wurden 1992 vom iranischen Nachrichtendienst im griechischen Restaurant Mykonos in der Prager Straße umgebracht. Es war der Vollzug der Fatwa, die Khomeini gegen ihre Partei verhängt hatte.
Heute brauchen wir Khomeini dafür nicht mehr. Die Fatwa gegen Perser verhängen wir lieber selbst, indem wir die Grenze für sie dichtmachen.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 13.09.2010 , Zuletzt aktualisiert: 13.09.2010

Kommentare

Wow - Danke!

Diesem Artikel und seinem Autor gebührt 1000 mal mehr Aufmerksamkeit als Buchautor Sarrazin. Holt Oliver Gehrs zusammen mit persischen Menschenrechtler/innen in die Talkshows und zu Interviews! Lesen »

Kaffee

Als neulich für ein paar Wochen das trendige Galão am Weinbergsweg zumachte – da hing ganz schnell ein Zettel an der heruntergelassenen Jalousie. Wenn ich recht verstanden habe, war es eine Protestnote der bisherigen Stammgäste, die schrieben, dass es nun ein Loch in ihrem Leben gäbe, dass sie nicht mehr wüssten, wo sie morgens ihren Café Latte oder Cortado trinken und ihr überbackenes Croissant essen sollen. Dass ihnen – seitdem das Galão geschlossen sei – alles trister und öde vorkomme. Man hatte dazu sogar ein Blog gegründet, damit sich die Besitzer schneller entschließen würden, wieder zu öffnen. Ich glaube fast, das Galão wurde auf dem Zettel mit Du angesprochen. Der tip hat sogar eine Meldung gebracht, als das Café wieder aufmachte.

Man muss dazu sagen, dass das Galão nicht das einzige Café am Weinbergsweg ist, es gibt dort alle paar Meter eins, sogar welche, die besseren Kaffee kochen (sagt man noch Kaffee kochen, angesichts all der zischenden Vollautomaten?). Noch dazu liegt es die längste Zeit des Tages im Schatten.
Dennoch: Das Galão hat einfach genau den Geschmack getroffen, es erinnert innen an die gekachelten Stehcafés in Ländern mit richtigem Sommer, es hat loungige Plastik-Ikea-Sessel vor der Tür, es schreibt das An­gebot auf Kreidetafeln, es hat Kakao aus Portugal, sündhaft teuren Eistee im Kühlregal und sehr nette Bedienungen. Und dennoch macht es einen stutzig, wenn Menschen eine fast libidinöse Beziehung zu ­ihrem Stammcafé pflegen und in eine Sinnkrise kommen, wenn es dicht macht.

Man merkt dann immer erst, wie wichtig das Kaffeetrinken geworden ist, so wie ja manches immer wichtiger wird, was man früher mit mehr Normalität behandelt hat. Ich meine: Es ist doch nur Kaffee. Alles, was man sonst als kapitalistische Abzocke begreifen würden – nämlich mit einem Wareneinsatz von fünf Cent, ein Getränk für drei Euro zu zaubern – spielt hier keine Rolle. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach einem stilvollen Ort, den man früher nur aus Fellini-Filmen kannte – nur dass in Italien niemand auf die Idee kommen würde, den Espresso mit einem halben Liter heißer Milch zu strecken.
Vielleicht hat Kaffee aber eben doch eine stark berauschende Wirkung, die alles Rationale verdrängt. In meinem Lieblingsstehcafé arbeitet eine sehr charmante Brasilianerin, die „Amore“ ruft, wenn ich reinkomme und „Hier, Baby“, wenn sie mir den Kaffee bringt. Sie sagt das auch zu den anderen Gästen, aber es ist mir egal. Wenn sie dicht machte, würde ich vielleicht auch einen Zettel an die Tür hängen.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 30.08.2010 , Zuletzt aktualisiert: 30.08.2010

Anwälte

In letzter Zeit sieht das Bild des Berliner Anwalts ja so aus: Mit schütterem Haar und Boskoop-farbenem Tweed-Sakko sitzt er rauchend am Café-Tisch und schaut existenzialistisch ins Ungefähre. Man sieht ihm quasi an, wie es hinter seiner Stirn arbeitet – wie er die grausigen Mordfälle, zu denen seine Mandanten gezwungen waren, in karger Syntax zu Sachbüchern macht. Die Rede ist von ­Ferdinand von Schirach, dessen in kurzer Folge ausgestoßene Bestseller sehr großzügig mit dem Platz umgehen und zu einem gewissen Neid im Kollegenkreis geführt haben.  Jedenfalls trifft man ständig Anwälte, die ungefragt behaupten, Schirachs Examensnote sei nicht die Beste gewesen – wie auch sein Wirken als Anwalt. Ja, möchte man diesen Kritikern zurufen, deswegen schreibt er ja auch Bücher!

Und das wäre auch das Neuste, dass eine ge­wisse Halbseidenheit dem Dasein als Anwalt ab­träglich wäre – zumal in Berlin. Denn der Anwaltsberuf kommt der Gewitztheit des Berliners entgegen. ­Seiner Art, die Autoritäten nicht anzuerkennen, ­Gesetzeslücken auszunutzen, immer gleich kumpelhaft Augenhöhe herzustellen, sich für die armen Schweine ins Zeug zu legen, ohne den eigenen ­Vorteil zu vernachlässigen. Die Stadt, früher und heute schwer subventioniert, steht ja selbst ständig unter Anklage – wegen Vorteilsnahme und Steuerhinterziehung in großem Maßstab. Die Staats­anwälte in diesem Verfahren sitzen vor allem in Süddeutschland, wo die Advokaten aussehen wie Schily. ­Im Dreiteiler mit Uhrenkette.

Solche Ehrenleute können das Leben auf großem Fuß in der Hauptstadt schwer ertragen. Und auch nicht diesen Schlendrian, der sich selbst in der Ausstattung der Berliner Anwaltskanzleien widerspiegelt: Am ehesten noch sehen sie aus wie Detekteien in guten Krimis. Sie residieren in Nebenstraßen des Kudamms, in Altbauten, die Eingänge wie Schlösser haben, aber in den Kanzleien selbst liegt abgetretener Sisal. Sie sind vollgestopft mit verstaubten Hängeordnern, hässlichen Resopal-­Bürotischen, und dahinter sitzen schon mal Typen wie Chefredakteure von Boulevardblättern: mit schmierigen gegelten Haaren, dazu Hosenträger und polierte Budapester Schuhe. Wenn sie einen Job übernehmen, sagen sie nicht: „Das kriegen wir schon hin“, sondern: „Die ficken wir“.
Pi mal Daumen hauen dich Berliner Anwälte in 80 Prozent der Fälle raus, und bei den anderen 20 geben sie dir das Gefühl, dass dich die Verurteilung eigentlich adelt. Berliner Anwälte sind herrlich ­optimistisch und selbst noch selbstgewiss, wenn alles in die Hose ging. Dann wurde man eben selbst gefickt – ist doch auch ganz lustig.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 16.08.2010 , Zuletzt aktualisiert: 16.08.2010

Jugend

Die Berliner Jugend ist ja seit jeher verhaltens­auf­fällig. Es ging schon damit los, dass sie sich früh in der Hasenheide zusammenrottete, um mit Turnvater Jahn zur Wartburg zu marschieren. Schüler-Streiks gab es in Berlin schon in der Weimarer Republik, einige Jahre später warfen Teile der Jugend mit Eifer Bücher ins Feuer. Horst "Hotte" Buchholz lernte als Halbstarker in Berlin den Rest der Republik das Fürchten vorm kriminellen Nachwuchs, kurz danach riefen Gammler und Hippies in den Erwachsenen längst überwundene, faschistische Reflexe hervor: "Ab ins ­Arbeitslager!" hieß es, und später dann zu Zeiten der APO: "Geht doch nach ­drüben!" Selbst die eigentlich bewegungsarme Jugendkultur der Popper raffte sich in West-Berlin auf, um sich Anfang der Achtzigerjahre am Hermannplatz mit den Punkern eine Straßenkeilerei zu ­liefern. Und darf man derzeit noch in soziologischen Kontexten über die Loveparade sprechen? Wohl an ­keinem anderen Ort der Welt hat sich die Jugend mit schierer Lautstärke und Psychopharmaka so weg­geschossen wie in den Kellerclubs der Hauptstadt.

Heute wird die Jugend wie eh und je von einer konservativen Presse mit den Etiketten "gewalt­bereit", "sexsüchtig" und "wertelos" belegt – auch wenn es die Zahlen nicht hergeben. Selbst angeblich liberale Blätter wie die "Süddeutsche Zeitung" schwelgen zum Beispiel angesichts der Vorfälle in den Schlafsälen niederländischer Ferienheime in schaurig-wohligen Fantasien von in Kinderpos ­"gerammten" Besenstielen. Obwohl eine ärztliche ­Untersuchung noch aussteht. Womit nichts verharmlost werden soll, aber die Bereitschaft, Jugend zu verdammen und ihr alles zuzutrauen, ist offenbar gestiegen. Dabei spricht die Art einer solchen Berichterstattung einzig für die Verantwortungslosigkeit der Verfasser und womöglich auch für deren kranke Tagträume.

In diesen Zeiten möchte man nicht jung sein, besonders ungern in Berlin, wo zu den medialen Schnellschüssen noch die Vermengung der Sphären hinzukommt: Eltern, die notorisch Flip-Flops und ­iPhone tragen, möchte man nun wirklich nicht ­haben. Es spricht für die Berliner Teenager, dass sie nicht längst in Anzug und Krawatte herumrennen, um gegen diese Berufsjugendlichen, die ihre Mütter und Väter sind, zu rebellieren.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 04.08.2010 , Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010

Seen

"Pack die Badehose ein!" Diesen Imperativ, vor über einem halben Jahrhundert vom Kinderstar Conny Froboess gesungen, hatten die Berliner eigentlich nie nötig, so häufig frequentieren sie seit jeher ihre Seen – an deren Aufzählung man regelmäßig zu scheitern droht: Schlachtensee, Krumme Lanke, Wannsee, Müggel­see, Weißer See, Flughafensee, Teufelssee und und und. Berlin ist quasi das Finnland der deutschen Großstädte. Hinzugekommen sind noch die im Umland, in die man zu DDR-Zeiten die Abfälle aus der Landwirtschaft oder auch das Kerosin von nahe gelegenen Militärflughäfen fließen ließ, die sich aber 20 Jahre nach der Wende einigermaßen erholt haben.

Wobei ja auch die Frage ist, ob das, was sich in den Berliner Seen als Badewasser ausgibt, nicht auch gesundheitsgefährdend ist. So dürfte der tümpelhafte Orankesee zu einem Großteil aus Kinderpipi bestehen, und man mag sich gar nicht vorstellen, woran der 23-jährige Schwimmer, der neulich tot daraus geborgen wurde, wirklich gestorben ist.. Auch die anderen Seen neigen in einem warmen Sommer in kürzester Zeit zum Umkippen – spätestens dann, wenn sich das Sonnenöl von Tausenden tätowierter Leiber, die sich an den Ufern räkeln, abgewaschen hat.

Wobei es bei den Ausflüglern an den Seen feine Unterscheidungen gibt:  Am kleinen Teufelssee liegt nach wie vor die FKK-Fraktion und lässt ihre ergrauten Schamhaare von der Sonne weiter ausbleichen, am Schlachtensee sind eher die, die noch kaum Schamhaare haben, und im Strandbad Wannsee brutzeln die Familien aus dem Zille-Milieu.
Manche Berliner Seen sind auch Teil der deutschen Geschichte geworden, leider immer nur aus traurigem Anlass. In der Villa der Wannseekonferenz wurde die Vernichtung der Juden geplant, in Plötzensee erinnert heute noch eine Gedenkstätte an die gescheiterten Hitler-Attentäter, die dort am Fleischerhaken aufgehangen wurden.

Vielleicht sind es die Bilder aus alten Schwarz-Weiß-Filmen, in denen Jungs mit Knickerbockern und ein Lied pfeifend zum See radeln –, dass See und Berlin ein so passendes Paar sind. Der Berliner, dem man selbst die kurzen Hosen verzeiht, lebt ja in der Vergangenheit und also gern an jenen mythischen Orten, von denen es in Berlin am Wasser so viele gibt: kleine schattige Sommerfrischen, bestehend aus einem ungepflegten Biergarten, schlechtem kalorienreichen Essen, einem rotgesichtigen Alleinunterhalter an der Hammondorgel und einer Berliner Weiße mit Schuss. Wer diese Art Unaufgeregtheit nicht zu schätzen weiß, darf gern in das Spießerinferno am bayerischen Ammersee ziehen.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 26.07.2010 , Zuletzt aktualisiert: 26.07.2010

IQ

Es soll jetzt gar nicht verletzend klingen oder zu sehr nach einem Nachklapp zu den aktuellen Ergebnissen der Pisa-Studie, in der Berliner Schüler gewohnt mäßig abschnitten – aber die Berliner sind nun mal nicht die hellsten. Man muss nur mal länger als fünf Minuten einem eingeborenen Rentner lauschen, um einer Konstruktion absurdester Zusammenhänge beizuwohnen. Die Kausalkette geht meist vom schwulen Bürgermeister über den Hundekacke-Komplex und die Klimaerwärmungs-Lüge hin zum Glauben an externe Lenkungsmächte, die irgendwann für einen richtigen Knall sorgen, der Schluss macht mit Sodom und Gomorrha an der Spree.

Das leicht Depperte zieht sich hier durch viele Branchen: Die Berliner Bäcker sind zu blöd, um richtige Brötchen zu backen, die Bankräuber zu doof, ihre Beute an den Sicherheitsbeamten vorbeizubringen, und ein Großteil der Taxifahrer findet ohne Navigationsgerät nicht mal die Hauptverkehrsachsen. Von den Mittzwanzigern haben sich große Teile durch den Genuss von Psychopharmaka verabschiedet, das Stadtbauamt reißt zuverlässig die Straßen dort auf, wo der Verkehr anschließend völlig zum Erliegen kommt, um zum Beispiel sinnlose U-Bahnen zu bauen, und schließlich gibt es Tausende infantilisierter Eltern, die die Sphären von Kindern und Erwachsenen auf Spielplätzen und in Väterclubs mit großen Carrera-Bahnen verwischen. Es gibt mit dem »Ha-Ho-He – Hertha-Be-Es-Ce!« einen der bundesligaweit stupidesten Fangesänge, und mit großer Wahrscheinlichkeit die tölpelhaftesten CDU-Politiker der Welt.

Unvergessen ist, wie sich der einst fürs Bürgermeisteramt kandidierende Teppichhändler Frank Steffel hinter Edmund Stoiber wegduckte, um einem Eierwurf auf dem Alexanderplatz zu entgehen – und sich damit eine Pressefoto-Ikone schuf. Nun hat der Berliner CDU-Mann Peter Trapp, seines Zeichens Abgeordneter für Gatow, Kladow, Pichelsdorf und die südliche Wilhelmstadt, einen Intelligenztest für Migranten vorgeschlagen. Das war aber selbst vielen Parteifreunden zu doof. Dennoch kommt hier schon mal eine Frage zum Üben: Hatte die Berliner CDU bei den letzten Landtagswahlen 21,3 Prozent der Zweit-stimmen bekommen oder 31,2?

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 06.07.2010 , Zuletzt aktualisiert: 06.07.2010

Linke Gewalt

Man kann fast das Aufatmen hören, wenn die Zahlen verkündet werden. Endlich, endlich kann man statistisch nachweisen, dass Deutschland – und vor allem Berlin – kein Problem mit rechter, sondern mit linker Gewalt hat. „Linke Gewalt nimmt drastisch zu“ titelt die Welt, in der BILD warnt der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft vor einem „Comeback des linken Terrors“, die taz notiert immerhin treffend die „Entdeckung des Linksextremismus“ durch die CDU.

Wie immer macht sich niemand die Mühe, das Zahlenmaterial mal genauer zu betrachten und zu schauen, ob denn die festgestellte Steigerung der Zahl linker Straftaten mit der Art der Erhebung zu tun hat. Zum Beispiel damit, dass mittlerweile jedes brennende Auto dem linken Spektrum zugeordnet wird, obwohl es bei solchen Delikten eine Menge Trittbrettfahrer gibt – und auf der anderen Seite des politischen Spektrums selbst die politische Gesinnung in Abrede gestellt wird, wenn der Angeklagte ein Hakenkreuztattoo trägt.

Nicht unbedingt zu einer Beruhigung des Klimas trägt auch bei, wenn nach einem besinnungslosen Anschlag wie dem Werfen eines Sprengsatzes während einer Demo die Pressestelle der Polizei weiter Öl ins Feuer gießt und stets nur von zwei schwer verletzten Polizisten spricht, die aber Gott sei Dank zwei Tage später schon wieder entlassen werden – obwohl man schon angesichts dieser Wortwahl viel Schlimmeres befürchten musste. Vielleicht kann man hier auch mal einen grundsätzlichen Unterschied aufzeigen zwischen dem Ziel rechter Gewalt und den Absichten linker Gewalttäter. 85 Prozent der rechten
Gewalttaten waren im Jahr 2008 Körperverletzungen
, dazu kamen zwei Tötungsdelikte und vier versuchte Tötungsdelikte. Auf der linken Seite machen Brandstiftungen und auch Landfriedensbruch einen deutlich größeren Teil aus, 51 Prozent der Taten waren Körperverletzungen.

Der empörte Aufschrei von Innenminister de Maizière, 2009 habe es erstmals mehr Körperverletzungen durch Linke als durch Rechte gegeben, wirkt inszeniert. Schließlich wird dabei nicht einmal zwischen passivem Widerstand bei einer Festnahme (zum Beispiel bei Demonstrationen) und aktiver Körperverletzung unterschieden. Und in Berlin verhindert sogar die SPD die notwendige Trennschärfe. Anfang März ging in Neukölln die rot-grüne Bezirkskoalition zu Bruch, weil die Sozialdemokraten in einer Erklärung zu rechtsextremen Gewalttaten auch linke Gewalt verurteilen wollten.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 21.06.2010 , Zuletzt aktualisiert: 21.06.2010

Axel Cäsar Döpfner

Wenn man wie Mathias Döpfner jeden Tag aus großer Höhe auf diese Stadt schaut, kann einem schon mal schwindelig werden. Von der Aussicht natürlich, aber auch von messianischen Anwandlungen, die schon den Verlagsgründer Axel Cäsar Springer in regelmäßigen Abständen überkamen – etwa, als er glaubte, den Ostberlinern mit einem hässlichen Hochhaus auf dem Mauerstreifen Lust auf die Pressefreiheit machen zu müssen, die ja so frei bei ihm nie war. Jedenfalls sieht es momentan so aus, als sei beim aktuellen Springer-Chef, der ja auch rein körperlich in großer Höhe denkt, irgendetwas durcheinandergeraten – womöglich sind sogar Teile des Verlegermoduls beschädigt.

Wie anders kann man es sich erklären, dass Döpfner seine Verlegerkollegen unlängst aufforderte, jeden Tag vor Dankbarkeit auf die Knie zu fallen, um dem Apple-Chef Steve Jobs für die Erfindung des iPads zu danken. Nicht nur der wirren Haare wegen, mit denen Döpfner da am Rednerpult stand, fühlten sich langjährige Kenner des Springer-Kosmos an Axel Springer erinnert, der am Ende seines Lebens immer öfter in griechischen Höhlen saß, um auf die Erleuchtung zu warten und die Mediziner, die ihm helfen durften, von einer Wahrsagerin aussuchen ließ. Denn ausgerechnet im neuen Apple-Produkt den Quell betriebswirtschaftlicher Erlösung zu sehen – dazu kann einen eigentlich nur eine fast suizidale Stimmung treiben. Schließlich müssen die Verlage nicht nur 30 Prozent der Werbeeinnahmen an Apple abtreten, sie müssen zudem ihre Inhalte zensieren lassen: Nackte Frauen kommen schon mal nicht aufs iPad, was ja für den Herrn über Blut- und Busenpostillen wie „Bild“ und „B.Z.“ eigentlich ein Problem darstellen sollte. Würde sich Döpfner auch bei den Druckereien bedanken, die sich weigern, seine Sauereien zu drucken?

Arme Friede Springer: Dass sich ihr einstiger Mann nun so vollständig in Döpfner reinkarniert hat, war nicht abzusehen – und hoffentlich nimmt das kein schlimmes Ende. Vielleicht kann die „Merlin“-Application helfen: Das Blatt für „angewandten Okkultimus“ erschien 1948 im Springer-Verlag und könnte dringend eine Wiedergeburt auf dem iPad gebrauchen.

von  Oliver Gehrs
Veröffentlicht: 07.06.2010 , Zuletzt aktualisiert: 07.06.2010
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